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Margaret Price

Von
Clemens Höslinger
Erschienen in der Printausgabe im
September 1972
Lesezeit ca.
…
Minuten

Die vergangenen drei oder vier Jahre brachten eine überraschend große Anzahl von sängerischen Neubegegnungen. Vor allem sind es die jungen Damen, die unseren musikalischen Lebensraum auf höchst angenehme Art bereichern. Die Namen Donath, Baker, Tourangeau, Price, Reynolds, Ligendza, Norman seien hier als Beispiele genannt - wobei man die Liste noch beträchtlich fortsetzen könnte. Die Ursache dieses speziellen „Fräuleinwunders“? Des Öfteren hört man die Hypothese, dass es ähnlich wie im Weinbau auch bei Sängern sogenannte „gute Jahrgänge“ gebe. Als Beweis wird der Jahrgang 29 angeführt, der uns immerhin Sänger wie Prey, Berry, Ghiaurov, Wächter, Kmentt und Leontyne Price geschenkt hat. Wenn diese Theorie stimmt, dann müsste sich irgendwann in den frühen Vierzigerjahren gleichfalls ein kräftiger Sängersegen vollzogen haben. Es ließe sich aber auch noch eine andere, weniger märchenhafte Erklärung finden: denn es ist wahrscheinlich, dass dieses schlagartige In-den-Gesichtskreis-Treten von Talenten auf einer Täuschung beruht, die durch verschiedene Praktiken unseres Musikbetriebs bewirkt werden. Das Festhalten der Bühnen, Konzertunternehmungen und vor allem der Schallplatte an gewinnbringenden „Stars“ und das damit verbundene Zurückdrängen der heranwachsenden Begabungen lässt den Eindruck von Stauungen entstehen. In letzter Zeit dürfte sich jedoch eine Art Wachablöse vollzogen haben, und es ist Platz geworden für die inzwischen herangereifte Sängergeneration.

Zu den bemerkenswertesten Erscheinungen innerhalb dieser Nachwuchsgruppe zählt die englische Sopranistin Margaret Price. Ihre Sängerlaufbahn währt schon fast ein Jahrzehnt, doch erst in den vergangenen Jahren ist ihr Name bei den musikalisch Interessierten hierzulande allmählich zum Begriff geworden. Es ist sicherlich für eine junge Sängerin nicht leicht, mit dem Namen Price Karriere zu machen, da jedermann zu unwillkürlichen Assoziationen mit der Primadonna Leontyne verleitet wird. Dass es der Sängerin ohne weiteres gelungen ist, dem abschätzigen Nimbus einer „anderen“ oder „zweiten“ Price zu entrinnen, spricht für die Kraft ihrer Individualität und die Entschiedenheit ihres Charakters. Obwohl sich über eine Künstlerin, die eben erst den großen Durchbruch ihrer Karriere erlebt hat, kaum ein gültiges Urteil fällen lässt, muss doch festgestellt werden, dass es sich bei ihr um eine Frau mit ganz ungewöhnlichen Eigenschaften handelt. Die Konzerte, in denen sie singt, zeichnen sich stets durch unkonventionelles Programm aus. Man bewundert ihre musikalische Vielseitigkeit, die es ihr ermöglicht, Kompositionen der Vorklassik mit ebensolcher Überzeugungskraft vorzutragen wie die Schöpfungen der Wiener Schule. In ihrem Repertoire befinden sich Gesänge in französischer, russischer, deutscher, spanischer, italienischer Sprache. Sie hat als Opernsängerin reüssiert, sie hat mit Plattenaufnahmen Aufsehen erregt. Das eigentlich Ungewöhnliche an ihr ist jedoch die Stimme, die sich durch einen selten reinen, exquisiten Klang auszeichnet. Das ist ein Organ, das gleich von der ersten Begegnung an überrascht und zur Aufmerksamkeit zwingt. In verschiedenen Urteilen und Kritiken wurden Vergleiche zwischen Margaret Price und der jungen Schwarzkopf gezogen - und tatsächlich besteht hier eine gewisse Ähnlichkeit; vor allem in der stimmlichen Führung, im lockeren „Schweben“ des Tones, im ganz spezifischen, ebenmäßigen Vibrato. Alle gesanglich-musikalischen Komponenten sind bei Margaret Price auf schlechthin vollendete Art durchgebildet. Der Stimmumfang ist gegen die Höhe zu expansiv, das dreigestrichene D wird ohne Mühe erreicht. Schwierigkeiten ergeben sich vorläufig noch in der tiefen Lage, hier verblasst der Klang zusehends. (Ein Mangel, den sie übrigens mit der Janowitz gemeinsam hat.) Hervorzuheben ist die ungemein reine Intonation der Sängerin, ihr ausgeprägter Instinkt für nuancierten Vortrag, ihr unpathetischer, unaffektierter, rein vom Musikalischen her bestimmter Darstellungsmodus.

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Margaret Price und Luigi Alva bei den Aufnahmen zu Mozarts „Così fan tutte“

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Margaret Price ist 1942 in Blackwood (Monmouthshire) geboren. Die Musikalität, den Walisern als Nationaleigenschaft zugesprochen, tat sich auch bei ihr frühzeitig kund. Sie wurde Mitglied eines Kinderchores, dem übrigens auch Gwyneth Jones, ihre berühmte Landsmännin, angehörte. Mit diesem Ensemble ging sie mehrmals auf Tournee und besuchte unter anderem auch deutsche Städte wie Bonn, Köln, Düsseldorf. Im Alter von fünfzehn Jahren begann sie mit ihrem Gesangsstudium am Trinity College in London, ihr Lehrer war Charles Kennedy Scott. Als Neunzehnjährige sang sie erstmals in einem öffentlichen Konzert (Schuberts „Hirt auf dem Felsen“), es folgte eine Serie von Liederabenden zusammen mit dem Pianisten James Lockhart. 1962 erschien Margaret Price erstmals auf der Opernbühne. Ihre Debütrolle war der Cherubin in „Figaros Hochzeit“ innerhalb der Wales Opera Company – 1963 sang sie dieselbe Rolle an der Covent Garden Opera London. Unter Otto Klemperers musikalischer Leitung erschien sie ebenfalls als Marzelline im „Fidelio“. Heute, nachdem sie inzwischen mit exorbitantem Erfolg im Kölner „Don Giovanni“ und im Münchener „Simone Boccanegra“ zu hören war, finden sich in ihrem Opernrepertoire weiterhin die Mozartrollen Ilia, Konstanze, Zerline, Pamina. Als ihre erfolgreichste und ihr persönlich nächststehende Partie bezeichnet sie die Donna Anna. Es zählt zu den besonderen Eigenheiten der Sängerin, dass sie es vermeidet, längere Bindungen oder Engagements an bestimmte Opernhäuser anzunehmen. Sie hat bisher stets nur gastweise gesungen und beabsichtigt, diese Praxis auch weiterhin beizubehalten. Außer an den bereits genannten Orten ist Margaret Price auch bei den Festspielen in Glyndebourne (als Konstanze, 1968) und in San Francisco (als Pamina) aufgetreten. In diesem Herbst wird sie erstmals an der Wiener Staatsoper gastieren.

Als Konzertsängerin wurde sie von Dirigenten wie Klemperer, Giulini, Boult, Szell, Haitink, Davis und Abbado für große Aufgaben herangezogen. Besonders Claudio Abbado setzt Margaret Price häufig in seinen Konzerten ein, er hat sie zuletzt an der Mailänder Scala mit einem reinen Mozart-Programm sowie mit Alban Bergs Altenberg-Liedern präsentiert. Zusammen mit Abbado kam sie auch im März 1972 nach Wien, wo sie im Rahmen der Philharmonischen Konzerte Mozarts „Laudate Dominum“ aus den „Vesperae solennes de confessore“ und die Konzertarie „Non temer, amato bene“ KV 490 sang und das Publikum enthusiasmierte. In der Tat habe ich das „Laudate Dominum“, einen Prüfstein für Atem- und Legatokunst, seit langem nicht mit solcher Vollendung und Reife vorgetragen gehört. Wenige Tage später gab sie im Konzerthaus einen Liederabend mit Schubert-Liedern. Mit ihrem intensiven, musikalisch kultivierten und ausgefeilten Vortrag erwarb sie sich den ungeteilten Beifall des musikkundigen Publikums. Auf dem Programm standen Lieder, denen man nur selten oder so gut wie niemals begegnet („Auf der Riesenkoppe“, „Waldesnacht“, „Herbst“). Mehr und mehr beginnt Margaret Price sich auch auf dem Medium der Schallplatte mit schönem Erfolg durchzusetzen. In Klemperers hochgeschätzter Figaro-Aufnahme sang sie die Barbarina - und wurde damit für ein einziges Mal ihrem Grundsatz untreu, nur große und wichtige Opernpartien zu singen. Von hohem Interesse ist ihre erste Liedplatte - mit Recht im fono forum als ein „erstaunliches Lied-Debüt“ apostrophiert (siehe Heft 1/72). Ihre vorzügliche Eignung für die Wiedergabe neuer Musik hat sie mit der Aufnahme von Schönbergs zweitem Streichquartett (mit dem LaSalle-Quartett) dokumentiert. Schon vorher wirkte sie in der Einspielung von Elgars Oratorium „The Kingdom“ unter der Leitung von Sir Adrian Boult mit, und in Klemperers neuer „Così fan tutte“-Version war sie bekanntlich die Fiordiligi. In Vorbereitung befinden sich ein Schubert-Recital sowie eine Aufnahme mit Konzertarien von Mozart.

Man kann sich von einer so außerordentlich begabten Sängerin noch viele Leistungen von Gewicht und Wichtigkeit erwarten. Man wird auch hoffen, dass die Aura übermäßiger Konzentration und Anstrengung, die zur Zeit noch an jeder ihrer Darbietungen wahrzunehmen ist, einer souveränen Gelöstheit weichen wird. Dieser Schritt zur Selbstbefreiung fehlt ihr noch zur höchsten Stufe des sängerischen Künstlertums; sie wird wohl auch diese Hürde bewältigen. Im privaten Gespräch ist Margaret Price von auffallender Bescheidenheit, sie zeigt sogar einen Anflug von Schüchternheit, den man bei einer so erfolgreichen Künstlerin kaum begreiflich finden kann. Ihr einziges Interessengebiet ist Musik und Gesang, alles übrige ist für sie von untergeordneter Bedeutung. Jedenfalls zählt diese junge Dame, aus deren klaren, offenen Gesichtszügen Tatkraft und Ernst sprechen, zu den sehr bemerkenswerten künstlerischen Entdeckungen dieser Jahre.

Die vergangenen drei oder vier Jahre brachten eine überraschend große Anzahl von sängerischen Neubegegnungen. Vor allem sind es die jungen Damen, die unseren musikalischen Lebensraum auf höchst angenehme Art bereichern. Die Namen Donath, Baker, Tourangeau, Price, Reynolds, Ligendza, Norman seien hier als Beispiele genannt - wobei man die Liste noch beträchtlich fortsetzen könnte. Die Ursache dieses speziellen „Fräuleinwunders“? Des Öfteren hört man die Hypothese, dass es ähnlich wie im Weinbau auch bei Sängern sogenannte „gute Jahrgänge“ gebe. Als Beweis wird der Jahrgang 29 angeführt, der uns immerhin Sänger wie Prey, Berry, Ghiaurov, Wächter, Kmentt und Leontyne Price geschenkt hat. Wenn diese Theorie stimmt, dann müsste sich irgendwann in den frühen Vierzigerjahren gleichfalls ein kräftiger Sängersegen vollzogen haben. Es ließe sich aber auch noch eine andere, weniger märchenhafte Erklärung finden: denn es ist wahrscheinlich, dass dieses schlagartige In-den-Gesichtskreis-Treten von Talenten auf einer Täuschung beruht, die durch verschiedene Praktiken unseres Musikbetriebs bewirkt werden. Das Festhalten der Bühnen, Konzertunternehmungen und vor allem der Schallplatte an gewinnbringenden „Stars“ und das damit verbundene Zurückdrängen der heranwachsenden Begabungen lässt den Eindruck von Stauungen entstehen. In letzter Zeit dürfte sich jedoch eine Art Wachablöse vollzogen haben, und es ist Platz geworden für die inzwischen herangereifte Sängergeneration.

Zu den bemerkenswertesten Erscheinungen innerhalb dieser Nachwuchsgruppe zählt die englische Sopranistin Margaret Price. Ihre Sängerlaufbahn währt schon fast ein Jahrzehnt, doch erst in den vergangenen Jahren ist ihr Name bei den musikalisch Interessierten hierzulande allmählich zum Begriff geworden. Es ist sicherlich für eine junge Sängerin nicht leicht, mit dem Namen Price Karriere zu machen, da jedermann zu unwillkürlichen Assoziationen mit der Primadonna Leontyne verleitet wird. Dass es der Sängerin ohne weiteres gelungen ist, dem abschätzigen Nimbus einer „anderen“ oder „zweiten“ Price zu entrinnen, spricht für die Kraft ihrer Individualität und die Entschiedenheit ihres Charakters. Obwohl sich über eine Künstlerin, die eben erst den großen Durchbruch ihrer Karriere erlebt hat, kaum ein gültiges Urteil fällen lässt, muss doch festgestellt werden, dass es sich bei ihr um eine Frau mit ganz ungewöhnlichen Eigenschaften handelt. Die Konzerte, in denen sie singt, zeichnen sich stets durch unkonventionelles Programm aus. Man bewundert ihre musikalische Vielseitigkeit, die es ihr ermöglicht, Kompositionen der Vorklassik mit ebensolcher Überzeugungskraft vorzutragen wie die Schöpfungen der Wiener Schule. In ihrem Repertoire befinden sich Gesänge in französischer, russischer, deutscher, spanischer, italienischer Sprache. Sie hat als Opernsängerin reüssiert, sie hat mit Plattenaufnahmen Aufsehen erregt. Das eigentlich Ungewöhnliche an ihr ist jedoch die Stimme, die sich durch einen selten reinen, exquisiten Klang auszeichnet. Das ist ein Organ, das gleich von der ersten Begegnung an überrascht und zur Aufmerksamkeit zwingt. In verschiedenen Urteilen und Kritiken wurden Vergleiche zwischen Margaret Price und der jungen Schwarzkopf gezogen - und tatsächlich besteht hier eine gewisse Ähnlichkeit; vor allem in der stimmlichen Führung, im lockeren „Schweben“ des Tones, im ganz spezifischen, ebenmäßigen Vibrato. Alle gesanglich-musikalischen Komponenten sind bei Margaret Price auf schlechthin vollendete Art durchgebildet. Der Stimmumfang ist gegen die Höhe zu expansiv, das dreigestrichene D wird ohne Mühe erreicht. Schwierigkeiten ergeben sich vorläufig noch in der tiefen Lage, hier verblasst der Klang zusehends. (Ein Mangel, den sie übrigens mit der Janowitz gemeinsam hat.) Hervorzuheben ist die ungemein reine Intonation der Sängerin, ihr ausgeprägter Instinkt für nuancierten Vortrag, ihr unpathetischer, unaffektierter, rein vom Musikalischen her bestimmter Darstellungsmodus.

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Margaret Price und Luigi Alva bei den Aufnahmen zu Mozarts „Così fan tutte“

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Margaret Price ist 1942 in Blackwood (Monmouthshire) geboren. Die Musikalität, den Walisern als Nationaleigenschaft zugesprochen, tat sich auch bei ihr frühzeitig kund. Sie wurde Mitglied eines Kinderchores, dem übrigens auch Gwyneth Jones, ihre berühmte Landsmännin, angehörte. Mit diesem Ensemble ging sie mehrmals auf Tournee und besuchte unter anderem auch deutsche Städte wie Bonn, Köln, Düsseldorf. Im Alter von fünfzehn Jahren begann sie mit ihrem Gesangsstudium am Trinity College in London, ihr Lehrer war Charles Kennedy Scott. Als Neunzehnjährige sang sie erstmals in einem öffentlichen Konzert (Schuberts „Hirt auf dem Felsen“), es folgte eine Serie von Liederabenden zusammen mit dem Pianisten James Lockhart. 1962 erschien Margaret Price erstmals auf der Opernbühne. Ihre Debütrolle war der Cherubin in „Figaros Hochzeit“ innerhalb der Wales Opera Company – 1963 sang sie dieselbe Rolle an der Covent Garden Opera London. Unter Otto Klemperers musikalischer Leitung erschien sie ebenfalls als Marzelline im „Fidelio“. Heute, nachdem sie inzwischen mit exorbitantem Erfolg im Kölner „Don Giovanni“ und im Münchener „Simone Boccanegra“ zu hören war, finden sich in ihrem Opernrepertoire weiterhin die Mozartrollen Ilia, Konstanze, Zerline, Pamina. Als ihre erfolgreichste und ihr persönlich nächststehende Partie bezeichnet sie die Donna Anna. Es zählt zu den besonderen Eigenheiten der Sängerin, dass sie es vermeidet, längere Bindungen oder Engagements an bestimmte Opernhäuser anzunehmen. Sie hat bisher stets nur gastweise gesungen und beabsichtigt, diese Praxis auch weiterhin beizubehalten. Außer an den bereits genannten Orten ist Margaret Price auch bei den Festspielen in Glyndebourne (als Konstanze, 1968) und in San Francisco (als Pamina) aufgetreten. In diesem Herbst wird sie erstmals an der Wiener Staatsoper gastieren.

Als Konzertsängerin wurde sie von Dirigenten wie Klemperer, Giulini, Boult, Szell, Haitink, Davis und Abbado für große Aufgaben herangezogen. Besonders Claudio Abbado setzt Margaret Price häufig in seinen Konzerten ein, er hat sie zuletzt an der Mailänder Scala mit einem reinen Mozart-Programm sowie mit Alban Bergs Altenberg-Liedern präsentiert. Zusammen mit Abbado kam sie auch im März 1972 nach Wien, wo sie im Rahmen der Philharmonischen Konzerte Mozarts „Laudate Dominum“ aus den „Vesperae solennes de confessore“ und die Konzertarie „Non temer, amato bene“ KV 490 sang und das Publikum enthusiasmierte. In der Tat habe ich das „Laudate Dominum“, einen Prüfstein für Atem- und Legatokunst, seit langem nicht mit solcher Vollendung und Reife vorgetragen gehört. Wenige Tage später gab sie im Konzerthaus einen Liederabend mit Schubert-Liedern. Mit ihrem intensiven, musikalisch kultivierten und ausgefeilten Vortrag erwarb sie sich den ungeteilten Beifall des musikkundigen Publikums. Auf dem Programm standen Lieder, denen man nur selten oder so gut wie niemals begegnet („Auf der Riesenkoppe“, „Waldesnacht“, „Herbst“). Mehr und mehr beginnt Margaret Price sich auch auf dem Medium der Schallplatte mit schönem Erfolg durchzusetzen. In Klemperers hochgeschätzter Figaro-Aufnahme sang sie die Barbarina - und wurde damit für ein einziges Mal ihrem Grundsatz untreu, nur große und wichtige Opernpartien zu singen. Von hohem Interesse ist ihre erste Liedplatte - mit Recht im fono forum als ein „erstaunliches Lied-Debüt“ apostrophiert (siehe Heft 1/72). Ihre vorzügliche Eignung für die Wiedergabe neuer Musik hat sie mit der Aufnahme von Schönbergs zweitem Streichquartett (mit dem LaSalle-Quartett) dokumentiert. Schon vorher wirkte sie in der Einspielung von Elgars Oratorium „The Kingdom“ unter der Leitung von Sir Adrian Boult mit, und in Klemperers neuer „Così fan tutte“-Version war sie bekanntlich die Fiordiligi. In Vorbereitung befinden sich ein Schubert-Recital sowie eine Aufnahme mit Konzertarien von Mozart.

Man kann sich von einer so außerordentlich begabten Sängerin noch viele Leistungen von Gewicht und Wichtigkeit erwarten. Man wird auch hoffen, dass die Aura übermäßiger Konzentration und Anstrengung, die zur Zeit noch an jeder ihrer Darbietungen wahrzunehmen ist, einer souveränen Gelöstheit weichen wird. Dieser Schritt zur Selbstbefreiung fehlt ihr noch zur höchsten Stufe des sängerischen Künstlertums; sie wird wohl auch diese Hürde bewältigen. Im privaten Gespräch ist Margaret Price von auffallender Bescheidenheit, sie zeigt sogar einen Anflug von Schüchternheit, den man bei einer so erfolgreichen Künstlerin kaum begreiflich finden kann. Ihr einziges Interessengebiet ist Musik und Gesang, alles übrige ist für sie von untergeordneter Bedeutung. Jedenfalls zählt diese junge Dame, aus deren klaren, offenen Gesichtszügen Tatkraft und Ernst sprechen, zu den sehr bemerkenswerten künstlerischen Entdeckungen dieser Jahre.