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Mozart auch weiterhin

Von
Herta Piper-Ziethen
Erschienen in der Printausgabe im
Oktober 1972
Lesezeit ca.
…
Minuten

So Mitte der sechziger Jahre fing es in Fachkreisen leise an zu raunen, dass da in Bonn seit 1963 ein ganz junger „deutscher“ Tenor engagiert sei, den man im Auge behalten müsse. Als er 1967 ans Musiktheater im Revier nach Gelsenkirchen kam, waren schon einige kühnere Prognosen zu hören; dort sei eine tenorale Rakete am Steigen. Das große öffentliche Halali aber wurde geblasen, als seine erste Schallplatte mit Schumanns „Dichterliebe“ und Schubert-Heine-Liedern erschien. Natürlich fiel sofort auch der unvermeidliche „Fritz Wunderlich“-Hinweis. Obgleich es bei Stimmen ja überhaupt keine direkte Nachfolge, sondern immer wieder nur ein Neues, Eigenes gibt, stimmte die Sache zumindest in einem Punkt. Das war die an Wunderlich erinnernde Spontaneität, die unverkrampfte Musikalität, die temperamentvolle tenorale Attacke und eine ebenso ungekünstelt frische wie sensible Gestaltung. Inzwischen rein gesangstechnisch ein gutes Stück über diesen Plattenerstling hinausgewachsen, sagt Werner Hollweg noch heute: „Das ist für mich die gelungenste Platte, die ich bisher gemacht habe. Die ‚Dichterliebe‘ ist aus einem Guss, wir haben sie in einer Sitzung gemacht. Nur drei bis vier Fehler verbessert - und aus. Einmalig, so etwas kommt nie wieder“.

Anfangs nannte er sich übrigens noch Werner Fried-Hollweg. Mit Rücksicht auf seine nichtverwandte berühmte Kollegin Ilse Hollweg. Das Fried-Präfix ist inzwischen wieder herausoperiert, nachdem man selber zu einigen tenoralen Ehren gekommen ist. Genau gesagt: Zehn Jahre nach seinem Mozart-Start an der Wiener Kammeroper hat Hollweg es nun voll geschafft. Das Management hat ihn als „Top-Artist“ eingestuft. Mit Philips ist er eine Exklusiv-Ehe eingegangen, die ihm gelegentliche Seitensprünge erlaubt. So hat er gerade bei Karajans Aufnahme der „Lustigen Witwe“ (DG) mitgewerkelt. Und nach dem Klemperer-„Figaro“ wird er auch in der anstehenden Aufnahme der „Entführung aus dem Serail“ als Belmonte erneut bei Electrola fremd gehen. Er hat anscheinend einen großen Stein bei Klemperer im Brett. Obgleich überhaupt nicht im Figaro-Aufnahme-Plan vorgesehen, setzte der große Alte gegen sämtliche Argumente durch, dass Hollweg noch die „Eselshaut“-Arie sang. Erklärte: „Wer solche Stimme hat, muss die Arie singen. Ihr Konzert in Dingsda können Sie immer noch singen, aber wahrscheinlich nie wieder mit mir die Eselshaut-Arie“. Tatsächlich wurde diese Arie dann ein wirkliches kleines Kabinettstück. Hollweg erstklassig. Klemperer hatte die richtige Nase gehabt. Übrigens beruht die Liebe auf Gegenseitigkeit. Denn nichts anderes ist es (und nur Banausen können es missverstehen), wenn Hollweg seine pantomimisch glänzend illustrierten Klemperer-Anekdoten vom Stapel lässt. Sie sind umwerfend, und man muss wissen, dass er von Kopf bis Fuß davon voll sitzt. Und das ist nicht wenig, denn dieser Werner Hollweg, seines Zeichens Mozart-Tenor reinster Machart, ist mit 1,89 m eine stattliche Portion Mann. Per Pupille eigentlich mehr die Ausgabe schwerer Heldentenor. Nicht schlecht in Futter.

Er behauptet zwar, oft tagelang so gut wie nichts zu essen, aber bei ihm schlüge halt schon ein winziges Brötchen zwei Kilo drauf. Philips' Presse-Boß Gänse mit diskret-sorgenvollem Blick auf das sich sanft abzeichnende Mittelgebirge bäuchlings streng: „Dann dürfen Sie eben keine Brötchen essen“. Woran sich wieder zeigt: Sänger werden ist schon schwer, Sänger sein noch um so mehr. Was das Werden anbetrifft, so hielt es auch Werner Hollweg in holder Eintracht mit seinen großen Vorgängern Karl Erb, Walther Ludwig (vor dem Jura- und Medizin-Studium), Franz Völker, Peter Anders und Nicolai Gedda zunächst mit dem Addieren, Subtrahieren, Kassieren oder was sonst noch alles im Bereich eines Bankangestellten liegt. (Kein Wunder also, dass er noch heute ein höchst reales Verhältnis zum „Pinke“ hat und sein Elternhaus in Solingen „auf Zack“ bringt als eventuelles Refugium und spätere Mieteinnahmequelle.) Nach des Tages Bank-Fron schnulzte Jung-Hollweg also tenoral Operetten und ähnliches zur Erbauung und in Untermiete bei einer Pianistin. Wie sich zeigte, einer recht energischen Dame, die eines Tages kulturell autoritär kurzer Hand (und gewiss nicht zu seinem Nachteil) das gesamte Schnulz-Notenmaterial unter Verschluss genommen hatte und erklärte: „So, und jetzt werden Sie mal ein Schubert-Lied singen“! Und eines anderen Tages hatte er die Tickets für eine Versetzung nach Brasilien schon in der Tasche und den ganzen Bauch so voller Zweifel, dass er zu Brückner-Rüggeberg von der Hamburgischen Staatsoper ging. Sang ihm vor. Sagte der: „Das schlagen Sie sich mal aus dem Kopf“. Aus der Traum. Singen ade. Auf nach Brasilien. Brückner-Rüggeberg: „Ich meine das mit Brasilien. Studieren Sie und kommen Sie nach drei Jahren wieder vorbei!“ Worauf Hollweg fröhlich zu seiner Bank schritt, die Tickets auf den Tisch pfefferte und selber gepfeffert wurde. Ging nach Düsseldorf, „wo ich bei einer anderen Bank noch zwei Jahre mehr oder weniger (vor allem weniger) im Devisenhandel zugebracht und eifrig Gesang studiert habe“. Ein Stipendium ermöglichte ihm, nach Detmold zu Frederick Husler zu gehen. Namhafter Pädagoge und Mitverfasser des guten Buches: „Singen. Die physische Natur des Singorgans“.

„Sie kennen das Buch natürlich, Herr Hollweg?“ „Keine Ahnung, nein, ich weiß nur von seiner Existenz, habe es aber nie gelesen. Wissen Sie, ich halte es da mit einem sehr klugen Satz meines ersten Lehrers: ‚Singen heißt, etwas Unbewusstes bewusst machen, um es anschließend in das bewusste Unterbewusstsein hinabzudrücken‘. Also: sich über die Dinge klarwerden und sie wieder vergessen. Aber der Weg dahin ist natürlich unendlich weit. Wenn ein Sänger das Gefühl hat, vollkommene Reife im Singen erreicht zu haben, sollte er aufhören. Mir jedenfalls würde es dann keinen Spaß mehr machen. Aber in Wirklichkeit gibt es ja nie ein Ende.“

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Nicht nur vom Konstitutionellen, auch von der stimmlichen Substanz her, der gut ausgebildeten mittleren und tiefen Lage, wäre ein langsamer Wechsel ins jugendlich-heldische Fach durchaus denkbar. Doch davon will Hollweg - und man darf sagen: wie klug - für die nächsten Jahre nichts wissen, will weiterhin Mozart singen. Wenn überhaupt, verschiebt er es auf weiteste Zukunft. Karajan wollte ihn partout als Boheme-Rudolf haben, und andere Versuchungen ähnlicher Art kommen immer wieder an ihn heran. Aber Werner Hollweg hat sich entschieden, ein deutscher, und das heißt zugleich: ein Liedertenor zu bleiben. Vorbild: „Fritze Wunderlich mit Abstand“. Bekenntnis zu beiden Bereichen Lied und Oper: „Ich habe eine panische Angst, zu viel zu machen, zu viel Ausdruck hineinzubringen. Ich hasse falschen Pathos und bin auch auf der Bühne eher ein Unter- als ein Überspieler.“ Noch etwas wird auf der Bühne bei ihm deutlich. Dass er nämlich musikalisch bombensicher ist. Fritz Buschs giftiges Wort, dass ein musikalischer Tenor eine „contradictio in adjecto“, also ein Widerspruch in sich sei, braucht er sich nicht zuzuziehen. Wie generell die Zeiten vorbei sind, da der Tenor seine Arie an der Rampe, die Augen stramm auf den Dirigenten gerichtet, einmal linken Arm, einmal rechten Arm in die Höhe gestreckt, feierlich absolviert und präsentiert. Genau das war es ja, was die im Umgang mit dem männlichen Geschlecht auch privatim durch drei Ehen gestählte erste große Schauspielerin auf der Opernbühne, die Schröder-Devrient, zu ihrem schonungslosen Ausfall trieb: „Die Tenoristen sind in der Regel halb Holz, halb Schwamm. Was soll man damit machen?… wenn ich mit meiner großen Leidenschaft neben den Strohmännern nicht lächerlich und maßlos erscheinen wollte, musste ich sie in die Ecke schleudern und das Feld allein behaupten“. Die Tenoristen unserer Zeit mögen daraus ersehen, um wieviel feiner der Umgang mit ihnen geworden ist.

Kein Zweifel, heute heißt die Devise: Kommt den Tenören zart entgegen. Hollweg ist als einer der wenigen lyrischen Tenöre, die für das deutsche Fach zugleich Stilgefühl, Impulsivität und männlich-volles Volumen mitbringen, in Berlin, Hamburg und München mit je zwanzig Abenden dabei. Von den wider bessere Vorsätze „dazwischen gequetschten“ Gastspielen schweigt des Sängers Höflichkeit leicht besorgt. Dazu Konzerte von Italien, Spanien, bis Amerika mit Taktstockschwingern jeder Güte in mindestens gleicher Anzahl. Zu den Dirigenten die Anmerkung aus Erfahrung: „Die Dirigenten mit brillantem Schlag, bei denen man in jeder Sekunde haargenau weiß, wo man ist, machen alles vom Oberstübchen her und atmen nicht mit. Das aber ist das A und O des guten Dirigenten, dass er mitatmet. Wie zum Beispiel Karajan, der jede feinste Nuance mitvollzieht. Ein Erlebnis!“

Octavio hier, Tamino da, Belmonte überall und auch in Salzburg. Wahrlich, ein „Top-Artist“ hat - nach deutscher Lesart des Wortes - auch etwas von einem circensischen Seiltänzer an sich. Besonders, wenn er der exponiertesten Stimmgattung des lyrischen Tenors angehört. Die schweren Tenorhelden können ja immer frisch drauflosbrüllen und manches kaschieren. Ein Mozart-Tenor aber muss anstelle der Stimm-Protze musikalische Feinarbeit, Vergeistigung, Innerlichkeit, Subtilität liefern. Nicht umsonst gibt es darum so wenige Exemplare davon. Vor allem mit dem unerlässlichen echt lyrischen Timbre, das Hollweg so reichlich hat. Er, der zunächst bei Philips zwei Mozart-Platten gesungen hat, war jetzt auch bei der „Gärtnerin aus Liebe“ dabei. Und wie man beim Hineinhören in die Aufnahme-Sitzungen feststellen konnte, ganz prächtig bei Stimme. Mit wachsendem Erfolg also auch wachsende Qualität. Kein Zweifel.

Alle Sänger haben - sofern sie echte, ernsthafte Künstler sind - ein hochempfindliches Nervenkostüm. Hollweg ist einer der wenigen Ehrlichen, die offen von all den Sängerängsten sprechen, von den Schmissen und der unheimlichen Angst am Anfang seiner Laufbahn, solche Schmisse zu produzieren. Das allerdings kann ihn mittlerweile nicht mehr erschüttern, und überhaupt: „Ich bin kein Schmeisser“. Aber da sind auch heute noch die „grässlichen und zugleich guten Alpträume“, die ihm - dem Schnell-Lerner - das Klingelzeichen geben, wenn es höchste Eisenbahn ist, eine bis dato aufgeschobene Aufgabe in Angriff zu nehmen: „Dann träume ich, ich stehe auf dem Podium und soll ein Violinkonzert spielen. Und beim Einsatz stelle ich fest, dass ich gar nicht Geige spielen kann. Oder ich will eine Bach-Kantate singen und merke plötzlich, dass ich die Noten noch niemals vorher gesehen habe. Dabei bin ich in Wirklichkeit ein ganz sicherer Vom-Blatt-Singer.“ Der frühere Bass-Kollege Theo Hermann hat am Ende seiner Laufbahn einmal gesagt: „Die Stimme verliert man nicht, man verliert nur die Nerven“. Und auch das lustige Urviech Leo Slezak dichtete Elisabeth Schumann spaßig mit untergründigem Seufzer an: „Mies ist uns auf jeden Fall. Geld besitzen, nicht mehr singen, nicht mit Schleim und Spucke ringen, das war halt ein schönes Fressen“. Werner Hollweg hat jetzt nach einer über zweijährigen Pause wieder Liederabende gegeben. Eine Pause, die er einlegte, nachdem ihm klar wurde, dass er auf dem Holzweg war. Insofern, als er vor lauter Experimentierfreudigkeit kein Liedprogramm zweimal gesungen hat. Dazu: „Das war grundfalsch. Ein Liedprogramm muss sich setzen, muss so zu eigen werden, dass man es im Schlaf beherrscht“. Nicht aufgegeben, aber auch jetzt noch die Ansicht, dass man das Publikum fordern müsse. Seine Programme sollen möglichst nicht mehr als zwei bis drei „Trällerer“, also sehr bekannte Lieder, enthalten. Wie die Erfolgsmeldungen seiner diesjährigen Konzerte zeigen, war die Lied-Entziehungskur sehr wirksam.

Der große Anekdoten-Erzähler und Segler Hollweg scheint ein echter Kumpel, einer, mit dem man Pferde stehlen kann und der sich auch an wachsendem Ruhm nicht verschlucken wird. Witzbold und Zweifler seiner selbst in eins. Nach außen der starke Held, Marke Schrank, mit dem Innenleben einer Mimose. Hollweg: „Genau. Sie wissen doch: die Großen sind immer die Sensibelsten“. Eine Eigenschaft, die seiner Kunst auf jeden Fall zugute kommt.

So Mitte der sechziger Jahre fing es in Fachkreisen leise an zu raunen, dass da in Bonn seit 1963 ein ganz junger „deutscher“ Tenor engagiert sei, den man im Auge behalten müsse. Als er 1967 ans Musiktheater im Revier nach Gelsenkirchen kam, waren schon einige kühnere Prognosen zu hören; dort sei eine tenorale Rakete am Steigen. Das große öffentliche Halali aber wurde geblasen, als seine erste Schallplatte mit Schumanns „Dichterliebe“ und Schubert-Heine-Liedern erschien. Natürlich fiel sofort auch der unvermeidliche „Fritz Wunderlich“-Hinweis. Obgleich es bei Stimmen ja überhaupt keine direkte Nachfolge, sondern immer wieder nur ein Neues, Eigenes gibt, stimmte die Sache zumindest in einem Punkt. Das war die an Wunderlich erinnernde Spontaneität, die unverkrampfte Musikalität, die temperamentvolle tenorale Attacke und eine ebenso ungekünstelt frische wie sensible Gestaltung. Inzwischen rein gesangstechnisch ein gutes Stück über diesen Plattenerstling hinausgewachsen, sagt Werner Hollweg noch heute: „Das ist für mich die gelungenste Platte, die ich bisher gemacht habe. Die ‚Dichterliebe‘ ist aus einem Guss, wir haben sie in einer Sitzung gemacht. Nur drei bis vier Fehler verbessert - und aus. Einmalig, so etwas kommt nie wieder“.

Anfangs nannte er sich übrigens noch Werner Fried-Hollweg. Mit Rücksicht auf seine nichtverwandte berühmte Kollegin Ilse Hollweg. Das Fried-Präfix ist inzwischen wieder herausoperiert, nachdem man selber zu einigen tenoralen Ehren gekommen ist. Genau gesagt: Zehn Jahre nach seinem Mozart-Start an der Wiener Kammeroper hat Hollweg es nun voll geschafft. Das Management hat ihn als „Top-Artist“ eingestuft. Mit Philips ist er eine Exklusiv-Ehe eingegangen, die ihm gelegentliche Seitensprünge erlaubt. So hat er gerade bei Karajans Aufnahme der „Lustigen Witwe“ (DG) mitgewerkelt. Und nach dem Klemperer-„Figaro“ wird er auch in der anstehenden Aufnahme der „Entführung aus dem Serail“ als Belmonte erneut bei Electrola fremd gehen. Er hat anscheinend einen großen Stein bei Klemperer im Brett. Obgleich überhaupt nicht im Figaro-Aufnahme-Plan vorgesehen, setzte der große Alte gegen sämtliche Argumente durch, dass Hollweg noch die „Eselshaut“-Arie sang. Erklärte: „Wer solche Stimme hat, muss die Arie singen. Ihr Konzert in Dingsda können Sie immer noch singen, aber wahrscheinlich nie wieder mit mir die Eselshaut-Arie“. Tatsächlich wurde diese Arie dann ein wirkliches kleines Kabinettstück. Hollweg erstklassig. Klemperer hatte die richtige Nase gehabt. Übrigens beruht die Liebe auf Gegenseitigkeit. Denn nichts anderes ist es (und nur Banausen können es missverstehen), wenn Hollweg seine pantomimisch glänzend illustrierten Klemperer-Anekdoten vom Stapel lässt. Sie sind umwerfend, und man muss wissen, dass er von Kopf bis Fuß davon voll sitzt. Und das ist nicht wenig, denn dieser Werner Hollweg, seines Zeichens Mozart-Tenor reinster Machart, ist mit 1,89 m eine stattliche Portion Mann. Per Pupille eigentlich mehr die Ausgabe schwerer Heldentenor. Nicht schlecht in Futter.

Er behauptet zwar, oft tagelang so gut wie nichts zu essen, aber bei ihm schlüge halt schon ein winziges Brötchen zwei Kilo drauf. Philips' Presse-Boß Gänse mit diskret-sorgenvollem Blick auf das sich sanft abzeichnende Mittelgebirge bäuchlings streng: „Dann dürfen Sie eben keine Brötchen essen“. Woran sich wieder zeigt: Sänger werden ist schon schwer, Sänger sein noch um so mehr. Was das Werden anbetrifft, so hielt es auch Werner Hollweg in holder Eintracht mit seinen großen Vorgängern Karl Erb, Walther Ludwig (vor dem Jura- und Medizin-Studium), Franz Völker, Peter Anders und Nicolai Gedda zunächst mit dem Addieren, Subtrahieren, Kassieren oder was sonst noch alles im Bereich eines Bankangestellten liegt. (Kein Wunder also, dass er noch heute ein höchst reales Verhältnis zum „Pinke“ hat und sein Elternhaus in Solingen „auf Zack“ bringt als eventuelles Refugium und spätere Mieteinnahmequelle.) Nach des Tages Bank-Fron schnulzte Jung-Hollweg also tenoral Operetten und ähnliches zur Erbauung und in Untermiete bei einer Pianistin. Wie sich zeigte, einer recht energischen Dame, die eines Tages kulturell autoritär kurzer Hand (und gewiss nicht zu seinem Nachteil) das gesamte Schnulz-Notenmaterial unter Verschluss genommen hatte und erklärte: „So, und jetzt werden Sie mal ein Schubert-Lied singen“! Und eines anderen Tages hatte er die Tickets für eine Versetzung nach Brasilien schon in der Tasche und den ganzen Bauch so voller Zweifel, dass er zu Brückner-Rüggeberg von der Hamburgischen Staatsoper ging. Sang ihm vor. Sagte der: „Das schlagen Sie sich mal aus dem Kopf“. Aus der Traum. Singen ade. Auf nach Brasilien. Brückner-Rüggeberg: „Ich meine das mit Brasilien. Studieren Sie und kommen Sie nach drei Jahren wieder vorbei!“ Worauf Hollweg fröhlich zu seiner Bank schritt, die Tickets auf den Tisch pfefferte und selber gepfeffert wurde. Ging nach Düsseldorf, „wo ich bei einer anderen Bank noch zwei Jahre mehr oder weniger (vor allem weniger) im Devisenhandel zugebracht und eifrig Gesang studiert habe“. Ein Stipendium ermöglichte ihm, nach Detmold zu Frederick Husler zu gehen. Namhafter Pädagoge und Mitverfasser des guten Buches: „Singen. Die physische Natur des Singorgans“.

„Sie kennen das Buch natürlich, Herr Hollweg?“ „Keine Ahnung, nein, ich weiß nur von seiner Existenz, habe es aber nie gelesen. Wissen Sie, ich halte es da mit einem sehr klugen Satz meines ersten Lehrers: ‚Singen heißt, etwas Unbewusstes bewusst machen, um es anschließend in das bewusste Unterbewusstsein hinabzudrücken‘. Also: sich über die Dinge klarwerden und sie wieder vergessen. Aber der Weg dahin ist natürlich unendlich weit. Wenn ein Sänger das Gefühl hat, vollkommene Reife im Singen erreicht zu haben, sollte er aufhören. Mir jedenfalls würde es dann keinen Spaß mehr machen. Aber in Wirklichkeit gibt es ja nie ein Ende.“

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Nicht nur vom Konstitutionellen, auch von der stimmlichen Substanz her, der gut ausgebildeten mittleren und tiefen Lage, wäre ein langsamer Wechsel ins jugendlich-heldische Fach durchaus denkbar. Doch davon will Hollweg - und man darf sagen: wie klug - für die nächsten Jahre nichts wissen, will weiterhin Mozart singen. Wenn überhaupt, verschiebt er es auf weiteste Zukunft. Karajan wollte ihn partout als Boheme-Rudolf haben, und andere Versuchungen ähnlicher Art kommen immer wieder an ihn heran. Aber Werner Hollweg hat sich entschieden, ein deutscher, und das heißt zugleich: ein Liedertenor zu bleiben. Vorbild: „Fritze Wunderlich mit Abstand“. Bekenntnis zu beiden Bereichen Lied und Oper: „Ich habe eine panische Angst, zu viel zu machen, zu viel Ausdruck hineinzubringen. Ich hasse falschen Pathos und bin auch auf der Bühne eher ein Unter- als ein Überspieler.“ Noch etwas wird auf der Bühne bei ihm deutlich. Dass er nämlich musikalisch bombensicher ist. Fritz Buschs giftiges Wort, dass ein musikalischer Tenor eine „contradictio in adjecto“, also ein Widerspruch in sich sei, braucht er sich nicht zuzuziehen. Wie generell die Zeiten vorbei sind, da der Tenor seine Arie an der Rampe, die Augen stramm auf den Dirigenten gerichtet, einmal linken Arm, einmal rechten Arm in die Höhe gestreckt, feierlich absolviert und präsentiert. Genau das war es ja, was die im Umgang mit dem männlichen Geschlecht auch privatim durch drei Ehen gestählte erste große Schauspielerin auf der Opernbühne, die Schröder-Devrient, zu ihrem schonungslosen Ausfall trieb: „Die Tenoristen sind in der Regel halb Holz, halb Schwamm. Was soll man damit machen?… wenn ich mit meiner großen Leidenschaft neben den Strohmännern nicht lächerlich und maßlos erscheinen wollte, musste ich sie in die Ecke schleudern und das Feld allein behaupten“. Die Tenoristen unserer Zeit mögen daraus ersehen, um wieviel feiner der Umgang mit ihnen geworden ist.

Kein Zweifel, heute heißt die Devise: Kommt den Tenören zart entgegen. Hollweg ist als einer der wenigen lyrischen Tenöre, die für das deutsche Fach zugleich Stilgefühl, Impulsivität und männlich-volles Volumen mitbringen, in Berlin, Hamburg und München mit je zwanzig Abenden dabei. Von den wider bessere Vorsätze „dazwischen gequetschten“ Gastspielen schweigt des Sängers Höflichkeit leicht besorgt. Dazu Konzerte von Italien, Spanien, bis Amerika mit Taktstockschwingern jeder Güte in mindestens gleicher Anzahl. Zu den Dirigenten die Anmerkung aus Erfahrung: „Die Dirigenten mit brillantem Schlag, bei denen man in jeder Sekunde haargenau weiß, wo man ist, machen alles vom Oberstübchen her und atmen nicht mit. Das aber ist das A und O des guten Dirigenten, dass er mitatmet. Wie zum Beispiel Karajan, der jede feinste Nuance mitvollzieht. Ein Erlebnis!“

Octavio hier, Tamino da, Belmonte überall und auch in Salzburg. Wahrlich, ein „Top-Artist“ hat - nach deutscher Lesart des Wortes - auch etwas von einem circensischen Seiltänzer an sich. Besonders, wenn er der exponiertesten Stimmgattung des lyrischen Tenors angehört. Die schweren Tenorhelden können ja immer frisch drauflosbrüllen und manches kaschieren. Ein Mozart-Tenor aber muss anstelle der Stimm-Protze musikalische Feinarbeit, Vergeistigung, Innerlichkeit, Subtilität liefern. Nicht umsonst gibt es darum so wenige Exemplare davon. Vor allem mit dem unerlässlichen echt lyrischen Timbre, das Hollweg so reichlich hat. Er, der zunächst bei Philips zwei Mozart-Platten gesungen hat, war jetzt auch bei der „Gärtnerin aus Liebe“ dabei. Und wie man beim Hineinhören in die Aufnahme-Sitzungen feststellen konnte, ganz prächtig bei Stimme. Mit wachsendem Erfolg also auch wachsende Qualität. Kein Zweifel.

Alle Sänger haben - sofern sie echte, ernsthafte Künstler sind - ein hochempfindliches Nervenkostüm. Hollweg ist einer der wenigen Ehrlichen, die offen von all den Sängerängsten sprechen, von den Schmissen und der unheimlichen Angst am Anfang seiner Laufbahn, solche Schmisse zu produzieren. Das allerdings kann ihn mittlerweile nicht mehr erschüttern, und überhaupt: „Ich bin kein Schmeisser“. Aber da sind auch heute noch die „grässlichen und zugleich guten Alpträume“, die ihm - dem Schnell-Lerner - das Klingelzeichen geben, wenn es höchste Eisenbahn ist, eine bis dato aufgeschobene Aufgabe in Angriff zu nehmen: „Dann träume ich, ich stehe auf dem Podium und soll ein Violinkonzert spielen. Und beim Einsatz stelle ich fest, dass ich gar nicht Geige spielen kann. Oder ich will eine Bach-Kantate singen und merke plötzlich, dass ich die Noten noch niemals vorher gesehen habe. Dabei bin ich in Wirklichkeit ein ganz sicherer Vom-Blatt-Singer.“ Der frühere Bass-Kollege Theo Hermann hat am Ende seiner Laufbahn einmal gesagt: „Die Stimme verliert man nicht, man verliert nur die Nerven“. Und auch das lustige Urviech Leo Slezak dichtete Elisabeth Schumann spaßig mit untergründigem Seufzer an: „Mies ist uns auf jeden Fall. Geld besitzen, nicht mehr singen, nicht mit Schleim und Spucke ringen, das war halt ein schönes Fressen“. Werner Hollweg hat jetzt nach einer über zweijährigen Pause wieder Liederabende gegeben. Eine Pause, die er einlegte, nachdem ihm klar wurde, dass er auf dem Holzweg war. Insofern, als er vor lauter Experimentierfreudigkeit kein Liedprogramm zweimal gesungen hat. Dazu: „Das war grundfalsch. Ein Liedprogramm muss sich setzen, muss so zu eigen werden, dass man es im Schlaf beherrscht“. Nicht aufgegeben, aber auch jetzt noch die Ansicht, dass man das Publikum fordern müsse. Seine Programme sollen möglichst nicht mehr als zwei bis drei „Trällerer“, also sehr bekannte Lieder, enthalten. Wie die Erfolgsmeldungen seiner diesjährigen Konzerte zeigen, war die Lied-Entziehungskur sehr wirksam.

Der große Anekdoten-Erzähler und Segler Hollweg scheint ein echter Kumpel, einer, mit dem man Pferde stehlen kann und der sich auch an wachsendem Ruhm nicht verschlucken wird. Witzbold und Zweifler seiner selbst in eins. Nach außen der starke Held, Marke Schrank, mit dem Innenleben einer Mimose. Hollweg: „Genau. Sie wissen doch: die Großen sind immer die Sensibelsten“. Eine Eigenschaft, die seiner Kunst auf jeden Fall zugute kommt.