Wagner, Strauß und die nördlichen Opernhäuser im Visier
Rüdiger Schwarz sprach mit Elena Suliotis

„Ich glaube ganz sicher, dass es keinem großen Sänger Freude macht, öffentlich aufzutreten.“ Diese Worte stammen von einer Sängerin, die kurz vor dem Zenit einer ebenso glanzvollen wie steil aufsteigenden Karriere steht: Elena Suliotis. Noch im Juni-Heft 72 bot ihr Name Anlass, über die Gefahren einer kometenhaft emporschnellenden Karriere nachzudenken. Elena Suliotis war solcher Gefahr bereits einmal erlegen, sie hat die unerbittliche Härte dieses Stress gewissermaßen am eigenen Leib erfahren und scheint nun mit doppelter Vorsicht über ihrer weiteren Laufbahn zu wachen. Unser Mitarbeiter Rüdiger Schwarz hatte Gelegenheit, sich mit der Sängerin zu unterhalten.
ff: „Frau Suliotis, mehr als einmal ist Ihnen eine Callas-Nachfolge prophezeit worden.“
Suliotis: „Die Leute reden sehr viel. Jede zweite Sängerin wird zu einer Callas-Nachfolgerin hochgespielt. Ich ziehe es vor, ich selbst zu sein. Es mag sein, dass manche Leute finden, mein Stimmklang ähnele dem der Callas.“
ff: „Sie haben eine steile Karriere hinter sich. Ist es für die Entwicklung einer Stimme nicht besser, Schritt für Schritt vorwärts zu gehen?“
Suliotis: „Das Problem ist dies: Man kann heutzutage nicht mehr Schritt für Schritt aufsteigen, jedenfalls nicht in Italien. Man muss in großen Theatern beginnen. Das ist wirklich ein Problem. Es gibt keine kleinen Theater in Italien, und wo es sie gibt, sind sie schlecht organisiert. In Deutschland ist es dagegen viel einfacher.“
ff: „Sie haben gleich mit großen Partien angefangen.“
Suliotis: „Das liegt daran, dass es für mein Stimmfach keine kleinen Partien gibt.“
ff: „Gibt es welche, die Ihnen im Augenblick noch zu schwer sind?“
Suliotis: „Zu schwer nicht, aber zu neu. Ich forme meine Stimme ständig für eine bestimmte Partie. Jede Verdi-Rolle ist fürchterlich schwer, und jede ist neu. Nabucco zum Beispiel ist etwas vollkommen anderes als Macbeth. Ich muss mich stimmlich jedes Mal sehr umstellen.“
ff: „Können Sie Angeboten widerstehen, die Ihrer Stimme nicht förderlich sind?“
Suliotis: „Ich kann nur das singen, was meine Stimme augenblicklich beherrscht. In Covent Garden ist es leider üblich, an einem Abend Macbeth und am anderen Traviata zu singen. Das ist eine schlechte Sache. Ich schlage solche Doppelangebote oftmals aus und singe einen Monat lang nur eine Partie.“
ff: „Ihre Stimme braucht also Zeit, sich umzustellen?“
Suliotis: „Es ist unmöglich, an einem Abend Beethoven und am anderen Verdi zu singen. Ich brauche viel Zeit, mich einer neuen Atmosphäre anzupassen.“
ff: „Wie lange?“
Suliotis: „Einige Zeit. Zehn bis fünfzehn Tage.“
ff: „Haben Sie Angst, Ihre Stimme zu verlieren?“
Suliotis: „Ich hatte sie verloren. Ich konnte nicht sprechen, nicht guten Morgen sagen; etwa fünf Monate lang.“
ff: „Was haben Sie getan?“
Suliotis: „Ich fing völlig von vorne an.“
ff: „Glauben Sie, dass dies jeder Sänger kann?“
Suliotis: „Oh ja!“
ff: „Wir haben aber einige Gegenbeispiele berühmter Sänger!“
Suliotis: „Wenn Sie Gelegenheit haben, lesen Sie das Gedicht von Rudyard Kipling ‚If‘ (Wenn). Es geht um dieses Wörtchen …“
ff: „Wie ist es möglich, seine Stimme so zu ruinieren, dass man von vorne anfangen muss?“
Suliotis: „Man kann seine Stimme auf viele Arten ruinieren. Es muss nicht das Repertoire schuld sein, wenngleich dies die größte Gefahr ist. An 300 Tagen im Jahr zu singen ist unmöglich. Selbst 70 Aufführungen im Jahr sind zu viel. Die größte Gefahr aber liegt darin, dass eine Stimme im ständigen Berufskampf müde wird. Täglich begegnet man jemandem, der vom Ende redet. Täglich muss man von vorne beginnen. Der psychologische Stress macht müde, und in solchem Zustand kann man nicht mehr singen. Was passierte denn mit der Callas und mit anderen Sängern! Die Callas hat nicht ihre Stimme verloren, die hat sie noch! Sie konnte nicht mehr arbeiten, weil sie psychisch am Ende war. Ich glaube ganz sicher, dass es keinem großen Sänger Freude macht, öffentlich aufzutreten.“
ff: „Sprechen Sie für alle großen Sänger?“
Suliotis: „Ein großer Künstler erduldet sehr viel in furchtbarer Weise, jeden Tag. Wenn man unmittelbar auf der Bühne steht, macht es keine Freude.“
ff: „Hatten Sie dieses Gefühl schon zu Beginn Ihrer Karriere?“
Suliotis: „Nein, es kam erst später. Der Anfang ist überall rosig. Aber wenn man einen Namen hat, heißt es, um diesen Namen zu kämpfen. Es ist ein ständiges Ringen um Erfolg. Je höher man hinaufkommt, desto tiefer kann man fallen.“
ff: „Schützen Sie sich vor vorzeitigem Stimmverschleiß?“
Suliotis: „Ja, sobald ich merke, dass mich eine Partie überanstrengt, sage ich alle Vorstellungen ab und beginne wieder mit einer einfachen Rolle.“
ff: „Lassen Sie Ihre Stimme von einem Lehrer überprüfen?“
Suliotis: „Mein Lehrer ist tot. Ich muss mir einen neuen suchen, der mich kontrolliert, weil ich nicht noch einmal von vorne beginnen möchte. Es ist notwendig, jemanden zu haben, der einem sagt, hier sei man falsch, das könne man besser machen.“
ff: „Frau Suliotis, Sie gehören keinem festen Ensemble an.“
Suliotis: „Nein, ich bin frei.“
ff: „Ist das besser für Sie?“
Suliotis: „Ja.“

ff: „Warum?“
Suliotis: „Wegen des Geldes.“
ff: „Singen Sie, um Geld zu verdienen?“
Suliotis: „Jeder von uns arbeitet, um Geld zu verdienen, nicht nur aus Freude an der Arbeit.“
ff: „Ist es möglich, von diesem Verdienst zu leben?“
Suliotis: „Ja, natürlich!“
ff: „Wie lange, glauben Sie, können Sie mit Ihrer Stimme Geld verdienen?“
Suliotis: „Es wird kein langes Leben. Für einen Sopran ist es mit 45 Jahren zu Ende. Es sollte zu Ende sein!“
ff: „Das sagen Sie heute. Werden Sie mit 45 Jahren aufhören können?“
Suliotis: „Man muss aufhören.“
ff: „Aber wir haben einige prominente Gegenbeispiele.“
Suliotis: „Das ist eine Art von Rausch. Es ist nichts für mich.“
ff: „Wie sind Sie auf die Idee gekommen, Opernsängerin zu werden?“
Suliotis: „Interesse an der Oper bekam ich durchs Schauspiel. Musikalisch wurde ich durch die sinfonische Musik angeregt.“
ff: „Haben Sie irgendwelche Lieblingsrollen?“
Suliotis: „Das ist schwierig zu sagen. Jede Rolle, die ich singe, ist meine Lieblingsrolle. Am liebsten mag ich interessante Charaktere.“
ff: „Die meisten großen Sopran-Partien stellen junge Frauen dar. Ergeben sich Schwierigkeiten für Sie, diese Frauen im richtigen Alter erscheinen zu lassen?“
Suliotis: „Oftmals werden diese Partien von mezzo-gefärbten Stimmen gesungen. Das ist schlecht. Meine Stimme ist jung. Santuzza zum Beispiel ist eine ideale Rolle für mich, weil ich wirklich die junge Frau darstellen kann. Ich bin gerade im richtigen Alter.“
ff: „Haben Sie schon einmal Wagner gesungen?“
Suliotis: „Nein“.
ff: „Wollen Sie ihn singen?“
Suliotis: „Ja, aber die deutsche Sprache ist ein Problem, ein großes Problem! Ich würde gern die Senta singen, und sehr interessant für mich ist die Isolde. Außerdem liebäugele ich mit Strauss, der Elektra.“
ff: „Frau Suliotis, lesen Sie ihre Kritiken?“
Suliotis: „Ich lese sie nicht.“
ff: „Warum nicht?“
Suliotis: „Oftmals habe ich großen Erfolg, und der Kritiker ist ärgerlich. Das ist dann die Meinung eines einzelnen. Es passiert mir, dass das Publikum begeistert ist, nur drei oder vier Kritiker nicht. Das Problem ist dieses: Der Berufssänger muss vor einer Aufführung sehr hart arbeiten, um alles zu geben, was in ihm steckt. Dabei kann es passieren, dass er aus irgendwelchen Gründen (Aufregung, Kälte, schlechte Luft) nur 50, 60 oder 80% seiner Höchstleistung bringt. Die Kritiker schreiben dann, es war eine schlechte Aufführung. Das ist sehr bedrückend.“
ff: „Welchen Stellenwert schreiben Sie der Schallplatte in Ihrer Karriere zu?“
Suliotis: „Es ist sehr schlecht, wenn die ersten Eindrücke von der Schallplatte kommen. Die Leute haben große Apparaturen und Lautsprecher, drehen weit auf und hören eine riesengroße Stimme. Im Theater ist dieselbe Stimme dagegen sehr klein. Eine Plattenaufnahme ist so perfekt, wie es eine Aufführung nie sein kann. Man schneidet so lange herum, bis eine gute Fassung vorliegt. Außerdem hat der Sänger viele Wochen Zeit und ist immer in bester stimmlicher Verfassung.“
ff: „Fördert die Schallplatte Ihre Karriere?“
Suliotis: „Ja natürlich, aber sie verpflichtet auch.“
ff: „Was sind Ihre nächsten Pläne?“
Suliotis: „Ich werde in Wien und Paris die Santuzza singen und mir die Opernhäuser nördlich der Alpen erobern.“
ff: „Und die Schallplatte?“
Suliotis: „Im Augenblick werde ich keine Schallplatten machen. Es gibt da einige Probleme mit der Decca. In einem halben Jahr sieht es vielleicht anders aus.“
Auf dem biographischen Handzettel, den der Manager von Elena Suliotis bereithält, sind folgende Notizen zu lesen: Elena Suliotis - Tochter einer Russin und eines Griechen - wurde in Athen geboren. Im Alter von fünf Jahren kam sie nach Buenos Aires, wo sie aufwuchs. Schon als Kind liebte sie den Gesang, und mit 16 Jahren begann sie das Musikstudium in Argentinien. „Ich habe mein Studium nie ernst genommen“, sagte Suliotis in einem Interview, „bis man mir drei Jahre später Gelegenheit gab, nach Italien zu gehen.“ Die Suliotis studierte von 1962 bis 1965 in Mailand bei der gefeierten Lehrerin Mercedes Llopart, die unter anderem Scotto, Cossotto und Kraus zu ihren Schülern zählte. 1964 Debüt als Santuzza in Mascagnis Cavalleria Rusticana am Teatro San Carlo in Neapel. Ihr Debüt an der Mailänder Scala als Abigail in Nabucco brachte ihr eine so große Anerkennung, dass der Schallplattenkonzern Decca in London sie für die Gesamtaufnahme dieser Oper sofort unter Vertrag nahm. Dieses erste Erlebnis im Schallplattenstudio wurde mit den Gesamtaufnahmen von den Opern Anna Bolena, Norma, Cavalleria Rusticana und Macbeth mit Suliotis in den Hauptrollen fortgesetzt. Im Alter von 24 Jahren hatte Elena Suliotis bereits die weiblichen Hauptfiguren in den Opern Aida, Trovatore, Nabucco, Forza del Destino, Ballo in Maschera, Luisa Miller, Othello, La Gioconda, Norma, Anna Bolena, Mefistofele und Cavalleria Rusticana verkörpert … Ihr größter Wunsch ist es, ein ruhiges, zurückgezogenes Leben mit Ehemann Marcello - ein begabter Pianist und Kammermusiker - in ihrer Villa „Il Poderino“ oberhalb von Florenz zu führen. Dieses ehemalige Landhaus der Familie Medici - gebaut um 1430 - restaurierte sie mit großer Liebe und Sachverstand. „Ich bin buchstäblich von Mailand geflüchtet“, gab sie zu, „und verkaufte alle meine Möbel. Ich hasse moderne Häuser, Städte und Umweltverschmutzung. Hier ist alles antik, hauptsächlich aus der Toskana, aber ich habe auch sehr viele interessante Souvenirs von meinen Reisen aus Mexiko, Südamerika, Spanien, Portugal und Griechenland mitgebracht.“
In der Mitte eines riesengroßen Gartens steht ihre Villa mit eigener Kapelle (die erste Messe wurde von Kardinal della Gherardesca am 8. Juni 1706 gelesen), mit eigener Olivenölproduktion (400 kg jährlich).
Als ob die Sprachen Russisch, Griechisch, Spanisch, Italienisch, Englisch und Französisch für sie nicht ausreichend wären, lernt sie jetzt noch Deutsch dazu. „Wegen der Isolde, wissen Sie. Ich bin von Wagner und Strauss fasziniert. Ich arbeite gegenwärtig auch an der Partie der Elektra, und ich hoffe, mehr Zeit für Engagements in Deutschland und Österreich zu haben.“
„Ich glaube ganz sicher, dass es keinem großen Sänger Freude macht, öffentlich aufzutreten.“ Diese Worte stammen von einer Sängerin, die kurz vor dem Zenit einer ebenso glanzvollen wie steil aufsteigenden Karriere steht: Elena Suliotis. Noch im Juni-Heft 72 bot ihr Name Anlass, über die Gefahren einer kometenhaft emporschnellenden Karriere nachzudenken. Elena Suliotis war solcher Gefahr bereits einmal erlegen, sie hat die unerbittliche Härte dieses Stress gewissermaßen am eigenen Leib erfahren und scheint nun mit doppelter Vorsicht über ihrer weiteren Laufbahn zu wachen. Unser Mitarbeiter Rüdiger Schwarz hatte Gelegenheit, sich mit der Sängerin zu unterhalten.
ff: „Frau Suliotis, mehr als einmal ist Ihnen eine Callas-Nachfolge prophezeit worden.“
Suliotis: „Die Leute reden sehr viel. Jede zweite Sängerin wird zu einer Callas-Nachfolgerin hochgespielt. Ich ziehe es vor, ich selbst zu sein. Es mag sein, dass manche Leute finden, mein Stimmklang ähnele dem der Callas.“
ff: „Sie haben eine steile Karriere hinter sich. Ist es für die Entwicklung einer Stimme nicht besser, Schritt für Schritt vorwärts zu gehen?“
Suliotis: „Das Problem ist dies: Man kann heutzutage nicht mehr Schritt für Schritt aufsteigen, jedenfalls nicht in Italien. Man muss in großen Theatern beginnen. Das ist wirklich ein Problem. Es gibt keine kleinen Theater in Italien, und wo es sie gibt, sind sie schlecht organisiert. In Deutschland ist es dagegen viel einfacher.“
ff: „Sie haben gleich mit großen Partien angefangen.“
Suliotis: „Das liegt daran, dass es für mein Stimmfach keine kleinen Partien gibt.“
ff: „Gibt es welche, die Ihnen im Augenblick noch zu schwer sind?“
Suliotis: „Zu schwer nicht, aber zu neu. Ich forme meine Stimme ständig für eine bestimmte Partie. Jede Verdi-Rolle ist fürchterlich schwer, und jede ist neu. Nabucco zum Beispiel ist etwas vollkommen anderes als Macbeth. Ich muss mich stimmlich jedes Mal sehr umstellen.“
ff: „Können Sie Angeboten widerstehen, die Ihrer Stimme nicht förderlich sind?“
Suliotis: „Ich kann nur das singen, was meine Stimme augenblicklich beherrscht. In Covent Garden ist es leider üblich, an einem Abend Macbeth und am anderen Traviata zu singen. Das ist eine schlechte Sache. Ich schlage solche Doppelangebote oftmals aus und singe einen Monat lang nur eine Partie.“
ff: „Ihre Stimme braucht also Zeit, sich umzustellen?“
Suliotis: „Es ist unmöglich, an einem Abend Beethoven und am anderen Verdi zu singen. Ich brauche viel Zeit, mich einer neuen Atmosphäre anzupassen.“
ff: „Wie lange?“
Suliotis: „Einige Zeit. Zehn bis fünfzehn Tage.“
ff: „Haben Sie Angst, Ihre Stimme zu verlieren?“
Suliotis: „Ich hatte sie verloren. Ich konnte nicht sprechen, nicht guten Morgen sagen; etwa fünf Monate lang.“
ff: „Was haben Sie getan?“
Suliotis: „Ich fing völlig von vorne an.“
ff: „Glauben Sie, dass dies jeder Sänger kann?“
Suliotis: „Oh ja!“
ff: „Wir haben aber einige Gegenbeispiele berühmter Sänger!“
Suliotis: „Wenn Sie Gelegenheit haben, lesen Sie das Gedicht von Rudyard Kipling ‚If‘ (Wenn). Es geht um dieses Wörtchen …“
ff: „Wie ist es möglich, seine Stimme so zu ruinieren, dass man von vorne anfangen muss?“
Suliotis: „Man kann seine Stimme auf viele Arten ruinieren. Es muss nicht das Repertoire schuld sein, wenngleich dies die größte Gefahr ist. An 300 Tagen im Jahr zu singen ist unmöglich. Selbst 70 Aufführungen im Jahr sind zu viel. Die größte Gefahr aber liegt darin, dass eine Stimme im ständigen Berufskampf müde wird. Täglich begegnet man jemandem, der vom Ende redet. Täglich muss man von vorne beginnen. Der psychologische Stress macht müde, und in solchem Zustand kann man nicht mehr singen. Was passierte denn mit der Callas und mit anderen Sängern! Die Callas hat nicht ihre Stimme verloren, die hat sie noch! Sie konnte nicht mehr arbeiten, weil sie psychisch am Ende war. Ich glaube ganz sicher, dass es keinem großen Sänger Freude macht, öffentlich aufzutreten.“
ff: „Sprechen Sie für alle großen Sänger?“
Suliotis: „Ein großer Künstler erduldet sehr viel in furchtbarer Weise, jeden Tag. Wenn man unmittelbar auf der Bühne steht, macht es keine Freude.“
ff: „Hatten Sie dieses Gefühl schon zu Beginn Ihrer Karriere?“
Suliotis: „Nein, es kam erst später. Der Anfang ist überall rosig. Aber wenn man einen Namen hat, heißt es, um diesen Namen zu kämpfen. Es ist ein ständiges Ringen um Erfolg. Je höher man hinaufkommt, desto tiefer kann man fallen.“
ff: „Schützen Sie sich vor vorzeitigem Stimmverschleiß?“
Suliotis: „Ja, sobald ich merke, dass mich eine Partie überanstrengt, sage ich alle Vorstellungen ab und beginne wieder mit einer einfachen Rolle.“
ff: „Lassen Sie Ihre Stimme von einem Lehrer überprüfen?“
Suliotis: „Mein Lehrer ist tot. Ich muss mir einen neuen suchen, der mich kontrolliert, weil ich nicht noch einmal von vorne beginnen möchte. Es ist notwendig, jemanden zu haben, der einem sagt, hier sei man falsch, das könne man besser machen.“
ff: „Frau Suliotis, Sie gehören keinem festen Ensemble an.“
Suliotis: „Nein, ich bin frei.“
ff: „Ist das besser für Sie?“
Suliotis: „Ja.“

ff: „Warum?“
Suliotis: „Wegen des Geldes.“
ff: „Singen Sie, um Geld zu verdienen?“
Suliotis: „Jeder von uns arbeitet, um Geld zu verdienen, nicht nur aus Freude an der Arbeit.“
ff: „Ist es möglich, von diesem Verdienst zu leben?“
Suliotis: „Ja, natürlich!“
ff: „Wie lange, glauben Sie, können Sie mit Ihrer Stimme Geld verdienen?“
Suliotis: „Es wird kein langes Leben. Für einen Sopran ist es mit 45 Jahren zu Ende. Es sollte zu Ende sein!“
ff: „Das sagen Sie heute. Werden Sie mit 45 Jahren aufhören können?“
Suliotis: „Man muss aufhören.“
ff: „Aber wir haben einige prominente Gegenbeispiele.“
Suliotis: „Das ist eine Art von Rausch. Es ist nichts für mich.“
ff: „Wie sind Sie auf die Idee gekommen, Opernsängerin zu werden?“
Suliotis: „Interesse an der Oper bekam ich durchs Schauspiel. Musikalisch wurde ich durch die sinfonische Musik angeregt.“
ff: „Haben Sie irgendwelche Lieblingsrollen?“
Suliotis: „Das ist schwierig zu sagen. Jede Rolle, die ich singe, ist meine Lieblingsrolle. Am liebsten mag ich interessante Charaktere.“
ff: „Die meisten großen Sopran-Partien stellen junge Frauen dar. Ergeben sich Schwierigkeiten für Sie, diese Frauen im richtigen Alter erscheinen zu lassen?“
Suliotis: „Oftmals werden diese Partien von mezzo-gefärbten Stimmen gesungen. Das ist schlecht. Meine Stimme ist jung. Santuzza zum Beispiel ist eine ideale Rolle für mich, weil ich wirklich die junge Frau darstellen kann. Ich bin gerade im richtigen Alter.“
ff: „Haben Sie schon einmal Wagner gesungen?“
Suliotis: „Nein“.
ff: „Wollen Sie ihn singen?“
Suliotis: „Ja, aber die deutsche Sprache ist ein Problem, ein großes Problem! Ich würde gern die Senta singen, und sehr interessant für mich ist die Isolde. Außerdem liebäugele ich mit Strauss, der Elektra.“
ff: „Frau Suliotis, lesen Sie ihre Kritiken?“
Suliotis: „Ich lese sie nicht.“
ff: „Warum nicht?“
Suliotis: „Oftmals habe ich großen Erfolg, und der Kritiker ist ärgerlich. Das ist dann die Meinung eines einzelnen. Es passiert mir, dass das Publikum begeistert ist, nur drei oder vier Kritiker nicht. Das Problem ist dieses: Der Berufssänger muss vor einer Aufführung sehr hart arbeiten, um alles zu geben, was in ihm steckt. Dabei kann es passieren, dass er aus irgendwelchen Gründen (Aufregung, Kälte, schlechte Luft) nur 50, 60 oder 80% seiner Höchstleistung bringt. Die Kritiker schreiben dann, es war eine schlechte Aufführung. Das ist sehr bedrückend.“
ff: „Welchen Stellenwert schreiben Sie der Schallplatte in Ihrer Karriere zu?“
Suliotis: „Es ist sehr schlecht, wenn die ersten Eindrücke von der Schallplatte kommen. Die Leute haben große Apparaturen und Lautsprecher, drehen weit auf und hören eine riesengroße Stimme. Im Theater ist dieselbe Stimme dagegen sehr klein. Eine Plattenaufnahme ist so perfekt, wie es eine Aufführung nie sein kann. Man schneidet so lange herum, bis eine gute Fassung vorliegt. Außerdem hat der Sänger viele Wochen Zeit und ist immer in bester stimmlicher Verfassung.“
ff: „Fördert die Schallplatte Ihre Karriere?“
Suliotis: „Ja natürlich, aber sie verpflichtet auch.“
ff: „Was sind Ihre nächsten Pläne?“
Suliotis: „Ich werde in Wien und Paris die Santuzza singen und mir die Opernhäuser nördlich der Alpen erobern.“
ff: „Und die Schallplatte?“
Suliotis: „Im Augenblick werde ich keine Schallplatten machen. Es gibt da einige Probleme mit der Decca. In einem halben Jahr sieht es vielleicht anders aus.“
Auf dem biographischen Handzettel, den der Manager von Elena Suliotis bereithält, sind folgende Notizen zu lesen: Elena Suliotis - Tochter einer Russin und eines Griechen - wurde in Athen geboren. Im Alter von fünf Jahren kam sie nach Buenos Aires, wo sie aufwuchs. Schon als Kind liebte sie den Gesang, und mit 16 Jahren begann sie das Musikstudium in Argentinien. „Ich habe mein Studium nie ernst genommen“, sagte Suliotis in einem Interview, „bis man mir drei Jahre später Gelegenheit gab, nach Italien zu gehen.“ Die Suliotis studierte von 1962 bis 1965 in Mailand bei der gefeierten Lehrerin Mercedes Llopart, die unter anderem Scotto, Cossotto und Kraus zu ihren Schülern zählte. 1964 Debüt als Santuzza in Mascagnis Cavalleria Rusticana am Teatro San Carlo in Neapel. Ihr Debüt an der Mailänder Scala als Abigail in Nabucco brachte ihr eine so große Anerkennung, dass der Schallplattenkonzern Decca in London sie für die Gesamtaufnahme dieser Oper sofort unter Vertrag nahm. Dieses erste Erlebnis im Schallplattenstudio wurde mit den Gesamtaufnahmen von den Opern Anna Bolena, Norma, Cavalleria Rusticana und Macbeth mit Suliotis in den Hauptrollen fortgesetzt. Im Alter von 24 Jahren hatte Elena Suliotis bereits die weiblichen Hauptfiguren in den Opern Aida, Trovatore, Nabucco, Forza del Destino, Ballo in Maschera, Luisa Miller, Othello, La Gioconda, Norma, Anna Bolena, Mefistofele und Cavalleria Rusticana verkörpert … Ihr größter Wunsch ist es, ein ruhiges, zurückgezogenes Leben mit Ehemann Marcello - ein begabter Pianist und Kammermusiker - in ihrer Villa „Il Poderino“ oberhalb von Florenz zu führen. Dieses ehemalige Landhaus der Familie Medici - gebaut um 1430 - restaurierte sie mit großer Liebe und Sachverstand. „Ich bin buchstäblich von Mailand geflüchtet“, gab sie zu, „und verkaufte alle meine Möbel. Ich hasse moderne Häuser, Städte und Umweltverschmutzung. Hier ist alles antik, hauptsächlich aus der Toskana, aber ich habe auch sehr viele interessante Souvenirs von meinen Reisen aus Mexiko, Südamerika, Spanien, Portugal und Griechenland mitgebracht.“
In der Mitte eines riesengroßen Gartens steht ihre Villa mit eigener Kapelle (die erste Messe wurde von Kardinal della Gherardesca am 8. Juni 1706 gelesen), mit eigener Olivenölproduktion (400 kg jährlich).
Als ob die Sprachen Russisch, Griechisch, Spanisch, Italienisch, Englisch und Französisch für sie nicht ausreichend wären, lernt sie jetzt noch Deutsch dazu. „Wegen der Isolde, wissen Sie. Ich bin von Wagner und Strauss fasziniert. Ich arbeite gegenwärtig auch an der Partie der Elektra, und ich hoffe, mehr Zeit für Engagements in Deutschland und Österreich zu haben.“



