Archiv

Die Musik muss fließen …

Von
FONO FORUM Redaktion
Erschienen in der Printausgabe im
Juni 1973
Lesezeit ca.
…
Minuten

Kaum ein anderer Interpret hat das Bach-Bild der Nachkriegszeit so entscheidend mitprägen können wie Helmut Walcha. Seine Orgel-Aufnahmen, die seit 1947 für die Archiv-Produktion entstanden und 1971 zur Gesamteinspielung dieses großen Werkkomplexes vervollständigt wurden, und seine Cembaloaufnahmen der großen Klavierzyklen Bachs für Electrola gehörten und gehören zu den Schallplatten-Standards dieser Musik, wenn auch inzwischen eine neue Generation von Musikern in der Interpretation barocker Musik zum Teil andere Wege eingeschlagen hat und zu anderen Ergebnissen kommt. So rückte gleichsam von selbst die Frage der Aufführungspraxis Bachscher Musik in den Mittelpunkt eines lebhaften, von Walcha mit heiterer Entschiedenheit geführten Gesprächs, das wir im folgenden als prominenten Beitrag zu einem aktuellen und vieldiskutierten Problem abdrucken. Die erste Frage jedoch galt der Meldung, Walcha, am 27. Oktober 1972 65 Jahre alt geworden, habe während des Straßburger Musikfestes im Juni vorigen Jahres Abschied vom öffentlichen Konzertleben genommen.

Walcha: „Da muss ich ein bisschen korrigieren. Ich habe in Straßburg beim Musikfestival gesagt - und habe es auch vor, soweit man menschliches Vorhaben als endgültig betrachten darf -, dass ich das letzte Orgelkonzert in Straßburg gegeben habe. Das ist natürlich ein großer Unterschied. Ich widme mich jetzt wieder mehr dem Cembalo und habe da einige schöne Aufgaben. Da mache ich weiter. Nur Orgelkonzertreisen möchte ich nicht mehr unternehmen. Sie sind sehr anstrengend, weil ich das Instrumentieren der Werke, wir sagen in der Orgelfachsprache: das Registrieren sehr, sehr ernst nehme. Das heißt, ich muss, wenn ich ein Orgelkonzert in einer Stadt gebe, zwei Tage am Ort sein, um mich im Raum einzuhören, um das Instrument genau kennenzulernen und um alles durch zu registrieren. Meine Frau hört dabei meistens unten im Raum ab, denn man kann ja am Instrument den Klang nicht richtig beurteilen. Ich habe diese klangliche Seite immer sehr ernst genommen. Ich bin nie zu einem Konzert gefahren und habe rasch ein paar Register gezogen, von denen man annehmen kann, dass sie schon gut klingen werden. Das hat's bei mir nicht gegeben. Ich glaube sogar, dass ein großer Teil meines Erfolges auf diese Sorgfalt in klanglicher Hinsicht zurückzuführen ist. Wir haben da viel Kraft investiert, ich habe es auch furchtbar gern gemacht. Aber wenn man allmählich 65 Jahre alt geworden ist, muss man auch mal einen sanften Strich unter eine Sache ziehen können - außerdem werden die Städte ja auch immer lauter, wir haben zuletzt kaum noch ruhige Quartiere bekommen. Und dadurch wird das viele Reisen für mich ziemlich strapaziös. Deshalb soll jetzt Schluss damit sein. Aber vielleicht spiele ich in zwei Jahren doch mal wieder irgendwo Orgel? Was kann man wissen, da möchte ich mich nicht festlegen …“

ff: „Sie sind ja der markanteste Vertreter eines ganz bestimmten Stils der Bach-Interpretation. Ihre Cembalo-Aufnahme des ‚Wohltemperierten Klaviers‘ etwa, die vor kurzem neu aufgelegt wurde, zeichnet sich durch strenge Texttreue und rhythmisches Ebenmaß aus, wie sie bei den jüngeren Cembalisten kaum zu finden ist. Ist ein solcher Wandel der Auffassung eine Zeiterscheinung? Wenn ja: Würde dies womöglich heißen, dass Sie das Wohltemperierte Klavier heute anders spielen würden als vor fünfzehn Jahren? Oder sind die Unterschiede eher persönlichkeitsbedingt?“

Walcha: „Ich würde sagen, sie sind sogar sachbedingt. Wissen Sie, ich bin eben der vielleicht für manche nicht recht verständlichen Meinung, dass das Werk für sich spricht. Ich bin nicht der Auffassung, dass man dem Werk, und gerade dem Werk Bachs, dieser hohen, vergeistigten Polyphonie, viel Gutes zufügt, wenn man durch subjektive Zutaten und Willkürlichkeiten in den Fluss, in den Strom, in dieses wunderbare Leben der polyphonen Fugen eingreift. Und dadurch diesen Strom, der so aus sich heraus fließt, gewissermaßen von außen her beeinflusst. Insofern habe ich eine sehr strenge Vorstellung von den Fugen. Für mich sind in einer Fuge die vier Stimmen vier Personen, die sich einem Pulsschlag unterordnen, und vor diesem Pulsschlag habe ich großen Respekt. Ich will also nicht, wenn ich Bach spiele, ein Solist sein, der machen kann, was er will. Sondern ich betrachte mich als ein Medium, das die Aufgabe hat, dieses geistige Gebilde von Komposition in Klang umzusetzen.“

ff: „Nun führen die Anhänger der anderen Richtung, wenn solche Schwarzweiß-Malerei erlaubt ist, ja immer die historische Aufführungspraxis an, über die wir aus zeitgenössischen Berichten manches wissen. Dass nämlich zur Entstehungszeit dieser Musik Freiheiten der Wiedergabe durchaus üblich waren. Würde Ihre Äußerung nicht bedeuten, dass es Ihnen sehr auf die, sagen wir, unhistorische, objektive Gestalt der Musik ankommt? Oder habe ich Sie da falsch verstanden?“

Walcha: „Da möchte ich einen Unterschied machen. Mit diesen Freiheiten in der Barockzeit hat es seine Richtigkeit, sie beziehen sich in erster Linie auf den Generalbass, wo man weitgehend improvisiert hat. Aber sie beziehen sich meines Erachtens nicht auf die auskomponierten und exakt aufgeschriebenen Werke Bachs. Keinesfalls, Sie brauchen sich nur einmal die Noten von der großen Flötensonate in h-moll anzuschauen. Der zweite Satz daraus ist gewissermaßen ein auskomponierter Generalbass. Da kann man sehen, wie genau Bach aufgeschrieben hat. Und ich halte es für völlig falsch, in den solistischen Werken Bachs sich barocker Freiheiten, mit denen es sonst hundertprozentig seine Richtigkeit hat, zu bedienen.“

ff: „Sie meinen also, dass der Stil, der bei Bach eben ein vergeistigterer oder ein höherkomprimierter ist als bei seinen Zeitgenossen, seinen Niederschlag finden muss auch in einer strengeren Wiedergabe?“

Walcha: „Bach hat, wenn man genau hinsieht, unglaublich genau aufgeschrieben, und es besteht für mich gar kein Zweifel, dass diese genaue Notierung die endgültige Fassung des Werkes darstellt, die keiner Ergänzung durch Zutaten des Interpreten bedarf. Es gibt einige Kompositionen von ihm, deren Notenbild so abenteuerlich aussieht, dass da überhaupt keine Möglichkeit mehr besteht, darin herum zu improvisieren. So genau hat Bach es damit genommen. Da muss man unterscheiden zwischen Bach und der üblichen Barockmusik. Bach schreibt viel zu exakt den ganzen Instrumentalsatz auf, ich habe da eben einfach einen sehr großen Respekt vor dem geschriebenen Notenbild. Das hat nichts mit einer Objektivierung zu tun, die irgendwie philosophisch begründet wäre, sondern es hat etwas zu tun mit einer ganz sachgerechten, von der Notenschrift her abgeleiteten Einstellung.“

ff: „Würden Sie meinen, dass das inegale Spiel, das heute auch bei Bach in Mode ist, zum großen Teil eine Verirrung darstellt?“

Walcha: „Bei Bach ja. Denn selbst bei bestimmten Fantasien und Fugen, die auf Grund ihres Charakters gewisse Freiheiten erlauben könnten, hat Bach auch kleinste Details aufgeschrieben. Ich halte es für völlig falsch, darin herum zu improvisieren. Ehrlich, ich halte es sogar für eine Respektlosigkeit vor einem so genauen Notentext.“

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Nach vollendetem Schallplatten-Buch: Helmut Walcha im Gespräch mit Direktor Siegfried Janzen von Siemens München

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ff: „Soviel zum Improvisieren. Wie aber sehen Sie, um an den Ausgangspunkt der Frage zurückzukehren, die Berechtigung oder Notwendigkeit, Bach rhythmisch frei zu spielen?“

Walcha: „Das rhythmisch freie Spiel lehne ich bei Bach sogar radikal ab.“

ff: „Aus demselben Grund?“

Walcha: „Das hat sogar noch einen tieferen Grund. Ich glaube, dass in der Bachschen Musik das Geheimnis der großen Wirkung ihr innerer Pulsschlag ist. Er ist meiner Meinung nach immer noch der Grund, warum die junge Generation - auch die Jazzfans und was es alles gibt - sich gerade Bach zuwendet. Die jungen Menschen spüren diesen unglaublich tiefen, geheimnisvollen und strengen Pulsschlag, den sie auch im Jazz haben. Sie haben ja in der ganzen Musik Bachs ganz strenge Pulsschläge, ob sie nun durch das Klopfen dargestellt werden oder nicht, spielt keine Rolle.“

ff: „Zur Aufführungspraxis gehören auch die Instrumente. Bei der Orgel versteht sich ein Spiel auf historischen Instrumenten. Wie aber halten Sie es mit dem Cembalo? Begrüßen Sie die Entwicklung, auch hier stärker auf die Originale zurückzugehen, sei es durch ein Wiederzugänglichmachen, sei es durch Nachbau?“

Walcha: „Da kann ich mich kurz fassen. Es ist klar, der Cembalobau hat sich in den vergangenen Jahren ganz außerordentlich geändert. Die Entwicklung ist von Amerika ausgegangen und hat in Deutschland mehrere Verfechter gefunden. Sie haben entdeckt, dass eine exakte historische Kopie, die also nicht mehr vom Klavierbau kommt, wie es für den Cembalobau in der ersten Jahrhunderthälfte selbstverständlich war, ein Klangvolumen zur Folge hat, eine Intensität der Klangabstrahlung, die eine ganz große Überraschung für uns war. Und die so entstandenen Kopien alter Instrumente sind meiner Meinung nach etwas unglaublich Schönes und bringen uns da ganz große Vorteile.“

ff: „Die Frage der Originalinstrumente steht also für Sie auf einer anderen Ebene wie die Aufführungspraxis? Und sie steht jenseits der Diskussion?“

Walcha: „Im Positiven jenseits der Diskussion!“

Helmut Walcha, Lebensdaten

  • 1907: am 27. 10. geboren in Leipzig
  • 1923: Beginn des Unterrichts am Leipziger Konservatorium, Schüler Günther Ramins, kurz darauf Erblindung als Folge eines Impfschadens
  • 1926: Stellvertreter Ramins als Organist der Leipziger Thomaskirche
  • 1929: Ernennung zum Organisten an der Friedenskirche Frankfurt
  • 1933: Lehrer am Hochschen Konservatorium
  • 1938: Professur an der Frankfurter Musikhochschule, später Leiter der Kirchenmusikabteilung des Instituts für Kirchenmusik. In den „Frankfurter Bachstunden“ bietet Walcha in vierjährigen Zyklen umfassende Einblicke in das Werk Bachs
  • 1946: zusätzlich Organist der Dreikönigskirche Frankfurt
  • 1947: erste Orgelaufnahmen für die Archiv-Produktion, aus der bis 1971 eine Gesamteinspielung des Orgelwerks Bachs erwächst. Gastspielreisen im In- und Ausland.

Kaum ein anderer Interpret hat das Bach-Bild der Nachkriegszeit so entscheidend mitprägen können wie Helmut Walcha. Seine Orgel-Aufnahmen, die seit 1947 für die Archiv-Produktion entstanden und 1971 zur Gesamteinspielung dieses großen Werkkomplexes vervollständigt wurden, und seine Cembaloaufnahmen der großen Klavierzyklen Bachs für Electrola gehörten und gehören zu den Schallplatten-Standards dieser Musik, wenn auch inzwischen eine neue Generation von Musikern in der Interpretation barocker Musik zum Teil andere Wege eingeschlagen hat und zu anderen Ergebnissen kommt. So rückte gleichsam von selbst die Frage der Aufführungspraxis Bachscher Musik in den Mittelpunkt eines lebhaften, von Walcha mit heiterer Entschiedenheit geführten Gesprächs, das wir im folgenden als prominenten Beitrag zu einem aktuellen und vieldiskutierten Problem abdrucken. Die erste Frage jedoch galt der Meldung, Walcha, am 27. Oktober 1972 65 Jahre alt geworden, habe während des Straßburger Musikfestes im Juni vorigen Jahres Abschied vom öffentlichen Konzertleben genommen.

Walcha: „Da muss ich ein bisschen korrigieren. Ich habe in Straßburg beim Musikfestival gesagt - und habe es auch vor, soweit man menschliches Vorhaben als endgültig betrachten darf -, dass ich das letzte Orgelkonzert in Straßburg gegeben habe. Das ist natürlich ein großer Unterschied. Ich widme mich jetzt wieder mehr dem Cembalo und habe da einige schöne Aufgaben. Da mache ich weiter. Nur Orgelkonzertreisen möchte ich nicht mehr unternehmen. Sie sind sehr anstrengend, weil ich das Instrumentieren der Werke, wir sagen in der Orgelfachsprache: das Registrieren sehr, sehr ernst nehme. Das heißt, ich muss, wenn ich ein Orgelkonzert in einer Stadt gebe, zwei Tage am Ort sein, um mich im Raum einzuhören, um das Instrument genau kennenzulernen und um alles durch zu registrieren. Meine Frau hört dabei meistens unten im Raum ab, denn man kann ja am Instrument den Klang nicht richtig beurteilen. Ich habe diese klangliche Seite immer sehr ernst genommen. Ich bin nie zu einem Konzert gefahren und habe rasch ein paar Register gezogen, von denen man annehmen kann, dass sie schon gut klingen werden. Das hat's bei mir nicht gegeben. Ich glaube sogar, dass ein großer Teil meines Erfolges auf diese Sorgfalt in klanglicher Hinsicht zurückzuführen ist. Wir haben da viel Kraft investiert, ich habe es auch furchtbar gern gemacht. Aber wenn man allmählich 65 Jahre alt geworden ist, muss man auch mal einen sanften Strich unter eine Sache ziehen können - außerdem werden die Städte ja auch immer lauter, wir haben zuletzt kaum noch ruhige Quartiere bekommen. Und dadurch wird das viele Reisen für mich ziemlich strapaziös. Deshalb soll jetzt Schluss damit sein. Aber vielleicht spiele ich in zwei Jahren doch mal wieder irgendwo Orgel? Was kann man wissen, da möchte ich mich nicht festlegen …“

ff: „Sie sind ja der markanteste Vertreter eines ganz bestimmten Stils der Bach-Interpretation. Ihre Cembalo-Aufnahme des ‚Wohltemperierten Klaviers‘ etwa, die vor kurzem neu aufgelegt wurde, zeichnet sich durch strenge Texttreue und rhythmisches Ebenmaß aus, wie sie bei den jüngeren Cembalisten kaum zu finden ist. Ist ein solcher Wandel der Auffassung eine Zeiterscheinung? Wenn ja: Würde dies womöglich heißen, dass Sie das Wohltemperierte Klavier heute anders spielen würden als vor fünfzehn Jahren? Oder sind die Unterschiede eher persönlichkeitsbedingt?“

Walcha: „Ich würde sagen, sie sind sogar sachbedingt. Wissen Sie, ich bin eben der vielleicht für manche nicht recht verständlichen Meinung, dass das Werk für sich spricht. Ich bin nicht der Auffassung, dass man dem Werk, und gerade dem Werk Bachs, dieser hohen, vergeistigten Polyphonie, viel Gutes zufügt, wenn man durch subjektive Zutaten und Willkürlichkeiten in den Fluss, in den Strom, in dieses wunderbare Leben der polyphonen Fugen eingreift. Und dadurch diesen Strom, der so aus sich heraus fließt, gewissermaßen von außen her beeinflusst. Insofern habe ich eine sehr strenge Vorstellung von den Fugen. Für mich sind in einer Fuge die vier Stimmen vier Personen, die sich einem Pulsschlag unterordnen, und vor diesem Pulsschlag habe ich großen Respekt. Ich will also nicht, wenn ich Bach spiele, ein Solist sein, der machen kann, was er will. Sondern ich betrachte mich als ein Medium, das die Aufgabe hat, dieses geistige Gebilde von Komposition in Klang umzusetzen.“

ff: „Nun führen die Anhänger der anderen Richtung, wenn solche Schwarzweiß-Malerei erlaubt ist, ja immer die historische Aufführungspraxis an, über die wir aus zeitgenössischen Berichten manches wissen. Dass nämlich zur Entstehungszeit dieser Musik Freiheiten der Wiedergabe durchaus üblich waren. Würde Ihre Äußerung nicht bedeuten, dass es Ihnen sehr auf die, sagen wir, unhistorische, objektive Gestalt der Musik ankommt? Oder habe ich Sie da falsch verstanden?“

Walcha: „Da möchte ich einen Unterschied machen. Mit diesen Freiheiten in der Barockzeit hat es seine Richtigkeit, sie beziehen sich in erster Linie auf den Generalbass, wo man weitgehend improvisiert hat. Aber sie beziehen sich meines Erachtens nicht auf die auskomponierten und exakt aufgeschriebenen Werke Bachs. Keinesfalls, Sie brauchen sich nur einmal die Noten von der großen Flötensonate in h-moll anzuschauen. Der zweite Satz daraus ist gewissermaßen ein auskomponierter Generalbass. Da kann man sehen, wie genau Bach aufgeschrieben hat. Und ich halte es für völlig falsch, in den solistischen Werken Bachs sich barocker Freiheiten, mit denen es sonst hundertprozentig seine Richtigkeit hat, zu bedienen.“

ff: „Sie meinen also, dass der Stil, der bei Bach eben ein vergeistigterer oder ein höherkomprimierter ist als bei seinen Zeitgenossen, seinen Niederschlag finden muss auch in einer strengeren Wiedergabe?“

Walcha: „Bach hat, wenn man genau hinsieht, unglaublich genau aufgeschrieben, und es besteht für mich gar kein Zweifel, dass diese genaue Notierung die endgültige Fassung des Werkes darstellt, die keiner Ergänzung durch Zutaten des Interpreten bedarf. Es gibt einige Kompositionen von ihm, deren Notenbild so abenteuerlich aussieht, dass da überhaupt keine Möglichkeit mehr besteht, darin herum zu improvisieren. So genau hat Bach es damit genommen. Da muss man unterscheiden zwischen Bach und der üblichen Barockmusik. Bach schreibt viel zu exakt den ganzen Instrumentalsatz auf, ich habe da eben einfach einen sehr großen Respekt vor dem geschriebenen Notenbild. Das hat nichts mit einer Objektivierung zu tun, die irgendwie philosophisch begründet wäre, sondern es hat etwas zu tun mit einer ganz sachgerechten, von der Notenschrift her abgeleiteten Einstellung.“

ff: „Würden Sie meinen, dass das inegale Spiel, das heute auch bei Bach in Mode ist, zum großen Teil eine Verirrung darstellt?“

Walcha: „Bei Bach ja. Denn selbst bei bestimmten Fantasien und Fugen, die auf Grund ihres Charakters gewisse Freiheiten erlauben könnten, hat Bach auch kleinste Details aufgeschrieben. Ich halte es für völlig falsch, darin herum zu improvisieren. Ehrlich, ich halte es sogar für eine Respektlosigkeit vor einem so genauen Notentext.“

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Nach vollendetem Schallplatten-Buch: Helmut Walcha im Gespräch mit Direktor Siegfried Janzen von Siemens München

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ff: „Soviel zum Improvisieren. Wie aber sehen Sie, um an den Ausgangspunkt der Frage zurückzukehren, die Berechtigung oder Notwendigkeit, Bach rhythmisch frei zu spielen?“

Walcha: „Das rhythmisch freie Spiel lehne ich bei Bach sogar radikal ab.“

ff: „Aus demselben Grund?“

Walcha: „Das hat sogar noch einen tieferen Grund. Ich glaube, dass in der Bachschen Musik das Geheimnis der großen Wirkung ihr innerer Pulsschlag ist. Er ist meiner Meinung nach immer noch der Grund, warum die junge Generation - auch die Jazzfans und was es alles gibt - sich gerade Bach zuwendet. Die jungen Menschen spüren diesen unglaublich tiefen, geheimnisvollen und strengen Pulsschlag, den sie auch im Jazz haben. Sie haben ja in der ganzen Musik Bachs ganz strenge Pulsschläge, ob sie nun durch das Klopfen dargestellt werden oder nicht, spielt keine Rolle.“

ff: „Zur Aufführungspraxis gehören auch die Instrumente. Bei der Orgel versteht sich ein Spiel auf historischen Instrumenten. Wie aber halten Sie es mit dem Cembalo? Begrüßen Sie die Entwicklung, auch hier stärker auf die Originale zurückzugehen, sei es durch ein Wiederzugänglichmachen, sei es durch Nachbau?“

Walcha: „Da kann ich mich kurz fassen. Es ist klar, der Cembalobau hat sich in den vergangenen Jahren ganz außerordentlich geändert. Die Entwicklung ist von Amerika ausgegangen und hat in Deutschland mehrere Verfechter gefunden. Sie haben entdeckt, dass eine exakte historische Kopie, die also nicht mehr vom Klavierbau kommt, wie es für den Cembalobau in der ersten Jahrhunderthälfte selbstverständlich war, ein Klangvolumen zur Folge hat, eine Intensität der Klangabstrahlung, die eine ganz große Überraschung für uns war. Und die so entstandenen Kopien alter Instrumente sind meiner Meinung nach etwas unglaublich Schönes und bringen uns da ganz große Vorteile.“

ff: „Die Frage der Originalinstrumente steht also für Sie auf einer anderen Ebene wie die Aufführungspraxis? Und sie steht jenseits der Diskussion?“

Walcha: „Im Positiven jenseits der Diskussion!“

Helmut Walcha, Lebensdaten

  • 1907: am 27. 10. geboren in Leipzig
  • 1923: Beginn des Unterrichts am Leipziger Konservatorium, Schüler Günther Ramins, kurz darauf Erblindung als Folge eines Impfschadens
  • 1926: Stellvertreter Ramins als Organist der Leipziger Thomaskirche
  • 1929: Ernennung zum Organisten an der Friedenskirche Frankfurt
  • 1933: Lehrer am Hochschen Konservatorium
  • 1938: Professur an der Frankfurter Musikhochschule, später Leiter der Kirchenmusikabteilung des Instituts für Kirchenmusik. In den „Frankfurter Bachstunden“ bietet Walcha in vierjährigen Zyklen umfassende Einblicke in das Werk Bachs
  • 1946: zusätzlich Organist der Dreikönigskirche Frankfurt
  • 1947: erste Orgelaufnahmen für die Archiv-Produktion, aus der bis 1971 eine Gesamteinspielung des Orgelwerks Bachs erwächst. Gastspielreisen im In- und Ausland.