Belgiens Nachwuchsdirigent Nr. 1
Ein fono forum-Porträt von Karl Ludwig Nicol

Dass ein Musiker durch den Schulunterricht zu seinem Beruf findet, dürfte selten genug vorkommen. Der 27jährige Belgier François Huybrechts, den die Musikkritik als „einen der bemerkenswertesten jungen Dirigenten“ bezeichnet hat, ist eine dieser Ausnahmen.
1946 in Antwerpen geboren als Sohn von Eltern, die zwar musikalisch und musikliebend, aber nicht Berufsmusiker waren, bot ihm die Schule gleich von Anfang an einen so interessanten Musikunterricht, dass er schon mit acht Jahren Lust bekam, das Konservatorium seiner Geburtsstadt zu besuchen. Vor allem das Cello hatte es ihm angetan. So begann er denn auf einem halben Cello eifrig zu üben. Von Antwerpen ging er später ans Brüsseler Konservatorium, das er als junger Brüsseler Spitzencellist im Alter von zwölf Jahren abschloss. Danach studierte er noch einige Zeit in Paris und Nizza weiter.
Mit vierzehn Jahren spielte er bereits in großen Orchestern mit. Aber sein Instrument genügte ihm nicht zum Musikmachen, denn „als Cellist“, so erklärt er, „ist man sehr begrenzt in der Expression.“ Und Expressivität ist das wesentliche Element seines Musizierens. Solokonzerte zu spielen reizte ihn nicht sonderlich. Was tun? Da erschien im entscheidenden Moment Daniel Sternefeld als Deus ex machina und regte ihn an, doch in die Dirigentenklasse zu kommen. Huybrechts folgte dem Rat. Er hat es nicht bereut. Noch heute ist er voller Bewunderung und Begeisterung für seinen Lehrer Sternefeld.
Die ersten zwei Jahre wurde in der Dirigentenklasse fast nur orchestriert. Erst dann durfte man einen Taktstock in die Hand nehmen. So konnte Huybrechts sich genauestens mit allen spieltechnischen und klanglichen Möglichkeiten der Orchesterinstrumente und ihrem Verhältnis zueinander vertraut machen - etwa im Sinne der Orchesterkunde von Scherchens „Lehrbuch des Dirigierens“. Der Dirigent in spe lernte auf Anraten Sternefelds noch Klarinette dazu, um auch ein Blasinstrument aus eigener Praxis zu kennen, und etwas Klavier. Daneben spielte er weiter in Sinfonie- und Opernorchestern mit. Er war finanziell darauf angewiesen, aber zugleich vermittelte ihm diese Tätigkeit unschätzbare Erfahrung für seinen späteren Beruf; denn hier lernte er Dirigenten aus der Perspektive des Orchestermusikers kennen, er konnte sehen, woran es lag, wenn eine Stelle „nicht zusammenging“, und selbst ausprobieren, wie man sie besser schlagen konnte. So ist in diesen mit scharfer Beobachtung verbrachten Orchesterjahren sicher die Grundlage zu Huybrechts’ vorbildlich deutlicher Dirigiergestik gelegt worden. Und er lernte damals die Mentalität der Orchestermusiker durch und durch kennen. „Ich habe keine Schwierigkeit mit Orchestern“, kann er heute sagen, und wer bei einer seiner Orchesterproben dabei war, kann es nur bestätigen. Er weiß genau, wie eine schwierige Stelle am besten zu probieren ist, und er weiß ebenso genau, was er verlangen und was er sagen kann und was nicht.
Die belgische Regierung hatte Huybrechts Stipendien gewährt, dafür wollte sie nach Abschluss seines Dirigentenstudiums eine Gegenleistung von ihm: Er sollte Belgien beim Mitropoulos-Dirigentenwettbewerb in New York vertreten. Von sich aus hätte er nie so etwas unternommen, so aber musste er sich wohl oder übel übers große Wasser geben und der Jury stellen. 1968 reiste der 22jährige los. Er kam, dirigierte und siegte: Unter fünfzig Kandidaten errang er den 1. Preis. Damit wurde er für zwei Jahre Assistent von Bernstein beim New York Philharmonic Orchestra.
Nach diesen Jahren bei Bernstein lernte Huybrechts George Szell kennen. Auf dessen Bitte wurde der junge Dirigent sein Assistent beim Cleveland Symphony Orchestra, bei dem er auch nach Szells Tod noch einige Zeit als Dirigent blieb. Jetzt hat Huybrechts ein eigenes Ensemble: das Orchester von Wichita (Kansas/USA).
Inzwischen hatte er mehr Geschmack an Dirigentenwettbewerben bekommen und sich den ersten Karajan-Wettbewerb in Berlin nicht entgehen lassen. Von der schier erdrückenden Zahl der fünf- bis sechshundert Bewerber hatten überhaupt nur erste Preisträger von anderen Dirigentenwettbewerben eingeladen werden können. Aber auch unter diesen erschwerten Bedingungen behauptete sich François Huybrechts: Er gehörte neben dem Finnen Okko Kamu zu den drei ersten Preisträgern. Karajan wollte ihn als Assistenten nehmen, aber Huybrechts war ja schon in Amerika gebunden.
Heute ist der junge Belgier gewöhnlich rund fünf Monate in den USA und fünf oder sechs Monate in Europa. Dabei geht es, da er ja viel als Gastdirigent tätig ist, häufig hin und her: zwei Wochen USA, drei Wochen Europa, dann wieder USA - so etwa sieht sein Terminkalender aus. In Europa ist er schon bis ans äußerste Ende gelangt: bis nach Helsinki. Finnlands Altmeister Sibelius liegt ihm denn auch besonders. Vor allem die Erste liebt er, als wär's ein Werk von ihm. Und man wird diese Sinfonie auch kaum so intensiv, so faszinierend hören wie unter Huybrechts. In diesem Jahr dirigiert er zum ersten Mal in Japan.
Obwohl er nicht die übliche Korrepetitorlaufbahn hinter sich hat, ist Huybrechts keineswegs nur ein Konzertdirigent. 1971 hat er nicht weniger als dreißigmal die „Boheme“ dirigiert. Als nächste Opern stehen auf seinem Programm Saint-Saëns' „Samson und Dalila“, Ravels „Heure espagnole“ und Gounods „Roméo et Juliette“.
Huybrechts' besondere Liebe gilt Mozart, aber er räumt sofort - wie so viele andere seiner Kollegen - ein, dass gerade Mozart am schwersten zu dirigieren ist. (Mozart hat ihn vor fünf oder sechs Jahren einige Zeit ans Mozarteum nach Salzburg zu Bernhard Paumgartner gelockt. Damals arbeitete er übrigens auch mit Bruno Maderna zusammen.) „Aber auch Beethoven, Brahms und Tschaikowsky sind sehr schwer gut zu dirigieren“, stellt er fest, „viel schwerer als neue Musik.“ Besonders schätzt er auch Debussy und Ravel - „wegen der Farbe“, meint er. „Wahrscheinlich kommt das von den intensiven Studien der Orchesterklangmöglichkeiten bei Sternefeld her.“
Die Gretchenfrage, wie er's mit der neuen Musik hält, beantwortet der ebenso sympathische wie bescheidene, völlig in Musik aufgehende junge Dirigent in aller Offenheit. Seiner Meinung nach gibt es recht verschieden gute zeitgenössische Musik. „Wenn Ligeti ‚Atmosphères‘ schreibt, kommen gleich 500 andere und schreiben Kopien“, konstatiert er. „Wir wissen nicht, was von der heutigen Musik Bestand haben wird.“ Trotz dieser Einschränkungen macht er nach Möglichkeit in jedem Programm ein neues Werk - genauer: ein Werk aus dem 20. Jahrhundert. „Man muss es spielen“, meint er. Allerdings findet er es viel interessanter, ein modernes Werk (auf dem Papier) zu studieren, als es zu hören. Neue Musik ist für ihn vom technischen Aspekt her interessant, aber sie macht ihm oft kein Vergnügen, bekennt er ehrlich und offenherzig.
Was ihm, dem geborenen Ausdrucksmusiker, besonders liegt, ist zweifellos die Spätromantik. Unter seiner impulsiven, suggestiven Leitung, die von sensiblem Klangsinn getragen wird, entfalten die Orchester eine blühende Klangfülle, wie man sie selten hört. Sein Rachmaninow („Die Toteninsel“) beweist es ebenso wie sein Sibelius. Seinen Decca-Aufnahmen von Janáčeks „Taras Bulba“ und den Lachischen Tänzen mit dem London Philharmonic Orchestra folgt als nächste Einspielung Nielsens dritte Sinfonie. Aber Huybrechts will nicht zu viele Aufnahmen machen. Er will überhaupt nicht zu schnell Karriere machen, sondern sich Zeit nehmen zum Ausreifen: „Ich will lieber ein guter alter Dirigent sein!“
Dass ein Musiker durch den Schulunterricht zu seinem Beruf findet, dürfte selten genug vorkommen. Der 27jährige Belgier François Huybrechts, den die Musikkritik als „einen der bemerkenswertesten jungen Dirigenten“ bezeichnet hat, ist eine dieser Ausnahmen.
1946 in Antwerpen geboren als Sohn von Eltern, die zwar musikalisch und musikliebend, aber nicht Berufsmusiker waren, bot ihm die Schule gleich von Anfang an einen so interessanten Musikunterricht, dass er schon mit acht Jahren Lust bekam, das Konservatorium seiner Geburtsstadt zu besuchen. Vor allem das Cello hatte es ihm angetan. So begann er denn auf einem halben Cello eifrig zu üben. Von Antwerpen ging er später ans Brüsseler Konservatorium, das er als junger Brüsseler Spitzencellist im Alter von zwölf Jahren abschloss. Danach studierte er noch einige Zeit in Paris und Nizza weiter.
Mit vierzehn Jahren spielte er bereits in großen Orchestern mit. Aber sein Instrument genügte ihm nicht zum Musikmachen, denn „als Cellist“, so erklärt er, „ist man sehr begrenzt in der Expression.“ Und Expressivität ist das wesentliche Element seines Musizierens. Solokonzerte zu spielen reizte ihn nicht sonderlich. Was tun? Da erschien im entscheidenden Moment Daniel Sternefeld als Deus ex machina und regte ihn an, doch in die Dirigentenklasse zu kommen. Huybrechts folgte dem Rat. Er hat es nicht bereut. Noch heute ist er voller Bewunderung und Begeisterung für seinen Lehrer Sternefeld.
Die ersten zwei Jahre wurde in der Dirigentenklasse fast nur orchestriert. Erst dann durfte man einen Taktstock in die Hand nehmen. So konnte Huybrechts sich genauestens mit allen spieltechnischen und klanglichen Möglichkeiten der Orchesterinstrumente und ihrem Verhältnis zueinander vertraut machen - etwa im Sinne der Orchesterkunde von Scherchens „Lehrbuch des Dirigierens“. Der Dirigent in spe lernte auf Anraten Sternefelds noch Klarinette dazu, um auch ein Blasinstrument aus eigener Praxis zu kennen, und etwas Klavier. Daneben spielte er weiter in Sinfonie- und Opernorchestern mit. Er war finanziell darauf angewiesen, aber zugleich vermittelte ihm diese Tätigkeit unschätzbare Erfahrung für seinen späteren Beruf; denn hier lernte er Dirigenten aus der Perspektive des Orchestermusikers kennen, er konnte sehen, woran es lag, wenn eine Stelle „nicht zusammenging“, und selbst ausprobieren, wie man sie besser schlagen konnte. So ist in diesen mit scharfer Beobachtung verbrachten Orchesterjahren sicher die Grundlage zu Huybrechts’ vorbildlich deutlicher Dirigiergestik gelegt worden. Und er lernte damals die Mentalität der Orchestermusiker durch und durch kennen. „Ich habe keine Schwierigkeit mit Orchestern“, kann er heute sagen, und wer bei einer seiner Orchesterproben dabei war, kann es nur bestätigen. Er weiß genau, wie eine schwierige Stelle am besten zu probieren ist, und er weiß ebenso genau, was er verlangen und was er sagen kann und was nicht.
Die belgische Regierung hatte Huybrechts Stipendien gewährt, dafür wollte sie nach Abschluss seines Dirigentenstudiums eine Gegenleistung von ihm: Er sollte Belgien beim Mitropoulos-Dirigentenwettbewerb in New York vertreten. Von sich aus hätte er nie so etwas unternommen, so aber musste er sich wohl oder übel übers große Wasser geben und der Jury stellen. 1968 reiste der 22jährige los. Er kam, dirigierte und siegte: Unter fünfzig Kandidaten errang er den 1. Preis. Damit wurde er für zwei Jahre Assistent von Bernstein beim New York Philharmonic Orchestra.
Nach diesen Jahren bei Bernstein lernte Huybrechts George Szell kennen. Auf dessen Bitte wurde der junge Dirigent sein Assistent beim Cleveland Symphony Orchestra, bei dem er auch nach Szells Tod noch einige Zeit als Dirigent blieb. Jetzt hat Huybrechts ein eigenes Ensemble: das Orchester von Wichita (Kansas/USA).
Inzwischen hatte er mehr Geschmack an Dirigentenwettbewerben bekommen und sich den ersten Karajan-Wettbewerb in Berlin nicht entgehen lassen. Von der schier erdrückenden Zahl der fünf- bis sechshundert Bewerber hatten überhaupt nur erste Preisträger von anderen Dirigentenwettbewerben eingeladen werden können. Aber auch unter diesen erschwerten Bedingungen behauptete sich François Huybrechts: Er gehörte neben dem Finnen Okko Kamu zu den drei ersten Preisträgern. Karajan wollte ihn als Assistenten nehmen, aber Huybrechts war ja schon in Amerika gebunden.
Heute ist der junge Belgier gewöhnlich rund fünf Monate in den USA und fünf oder sechs Monate in Europa. Dabei geht es, da er ja viel als Gastdirigent tätig ist, häufig hin und her: zwei Wochen USA, drei Wochen Europa, dann wieder USA - so etwa sieht sein Terminkalender aus. In Europa ist er schon bis ans äußerste Ende gelangt: bis nach Helsinki. Finnlands Altmeister Sibelius liegt ihm denn auch besonders. Vor allem die Erste liebt er, als wär's ein Werk von ihm. Und man wird diese Sinfonie auch kaum so intensiv, so faszinierend hören wie unter Huybrechts. In diesem Jahr dirigiert er zum ersten Mal in Japan.
Obwohl er nicht die übliche Korrepetitorlaufbahn hinter sich hat, ist Huybrechts keineswegs nur ein Konzertdirigent. 1971 hat er nicht weniger als dreißigmal die „Boheme“ dirigiert. Als nächste Opern stehen auf seinem Programm Saint-Saëns' „Samson und Dalila“, Ravels „Heure espagnole“ und Gounods „Roméo et Juliette“.
Huybrechts' besondere Liebe gilt Mozart, aber er räumt sofort - wie so viele andere seiner Kollegen - ein, dass gerade Mozart am schwersten zu dirigieren ist. (Mozart hat ihn vor fünf oder sechs Jahren einige Zeit ans Mozarteum nach Salzburg zu Bernhard Paumgartner gelockt. Damals arbeitete er übrigens auch mit Bruno Maderna zusammen.) „Aber auch Beethoven, Brahms und Tschaikowsky sind sehr schwer gut zu dirigieren“, stellt er fest, „viel schwerer als neue Musik.“ Besonders schätzt er auch Debussy und Ravel - „wegen der Farbe“, meint er. „Wahrscheinlich kommt das von den intensiven Studien der Orchesterklangmöglichkeiten bei Sternefeld her.“
Die Gretchenfrage, wie er's mit der neuen Musik hält, beantwortet der ebenso sympathische wie bescheidene, völlig in Musik aufgehende junge Dirigent in aller Offenheit. Seiner Meinung nach gibt es recht verschieden gute zeitgenössische Musik. „Wenn Ligeti ‚Atmosphères‘ schreibt, kommen gleich 500 andere und schreiben Kopien“, konstatiert er. „Wir wissen nicht, was von der heutigen Musik Bestand haben wird.“ Trotz dieser Einschränkungen macht er nach Möglichkeit in jedem Programm ein neues Werk - genauer: ein Werk aus dem 20. Jahrhundert. „Man muss es spielen“, meint er. Allerdings findet er es viel interessanter, ein modernes Werk (auf dem Papier) zu studieren, als es zu hören. Neue Musik ist für ihn vom technischen Aspekt her interessant, aber sie macht ihm oft kein Vergnügen, bekennt er ehrlich und offenherzig.
Was ihm, dem geborenen Ausdrucksmusiker, besonders liegt, ist zweifellos die Spätromantik. Unter seiner impulsiven, suggestiven Leitung, die von sensiblem Klangsinn getragen wird, entfalten die Orchester eine blühende Klangfülle, wie man sie selten hört. Sein Rachmaninow („Die Toteninsel“) beweist es ebenso wie sein Sibelius. Seinen Decca-Aufnahmen von Janáčeks „Taras Bulba“ und den Lachischen Tänzen mit dem London Philharmonic Orchestra folgt als nächste Einspielung Nielsens dritte Sinfonie. Aber Huybrechts will nicht zu viele Aufnahmen machen. Er will überhaupt nicht zu schnell Karriere machen, sondern sich Zeit nehmen zum Ausreifen: „Ich will lieber ein guter alter Dirigent sein!“



