Interview & Porträt

Symbiose aus Früher und Heute

Von
Arnt Cobbers
Erschienen in der Printausgabe im
Januar 2021
Lesezeit ca.
…
Minuten
Foto: Kaupo Kikkas / PR
Foto: Kaupo Kikkas / PR

Auf seinem CD-Debüt vor fast drei Jahren spielte er die 24 Paganini- Capricen mit Orchesterbegleitung – in teils historischen, teil eigens für ihn geschriebenen Fassungen. Nun legt der 30-Jährige, der aus Göttingen stammt und bei Zakhar Bron und Ana Chumachenco studiert hat, nach: mit „Goldberg-Reflections“ für Sologeige und Streichorchester. Knapp die Hälfte der Bach-Variationen hat Andreas N. Tarkmann orchestriert, dazwischen erklingen neu komponierte Variationen von Moritz Eggert, Rolf Rudin, Sydney Corbett und anderen.

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Herr Liepe, ist Ihnen das Geigenrepertoire zu klein, dass Sie immer neue Kompositionen und Bearbeitungen in Auftrag geben?

Definitiv nicht. Aber als ich das Paganini- Projekt gestartet habe, war ich 25, und ich finde, mit 25 hat man noch nicht die Reife, die großen Violinkonzerte aufzunehmen. Es gibt so viele unglaubliche Aufnahmen, da dachte ich mir, ich nehme lieber einen anderen Weg und versuche für mich herauszufinden, für was ich stehe. Als Musiker entwickelt man sich gerade zwischen 20 und 30 Jahren noch enorm. Bis 18 steckt man in der technischen Entwicklung, und dann beginnt der vielschichtige Prozess der Entwicklung einer Musikerpersönlichkeit. Das Paganini-Projekt war eine Riesenerfahrung, ich musste mir klar darüber werden, wie ich Musik sehe und wie ich sie vermitteln möchte. Das Goldberg-Projekt ist nun eine Weiterentwicklung, Bach öffnet eine ganz neue Welt. Mir geht es auch darum, verschiedene Stilistiken zu zeigen: Was gibt es alles für Musik? Und ich möchte für jüngere Zuhörer die Barrieren zur sogenannten klassischen Musik abbauen. Sie sehen, bei Bach gibt’s auch jazzige Elemente, die man verarbeiten kann. Und dann führe ich sie weiter zum Barock. Ich möchte da eine Verbindung verdeutlichen und die klassische Musik vermittelbarer machen. Dieses Projekt hat mich musikalisch extrem geformt, und jetzt fühle ich mich wirklich bereit für die großen Violinkonzerte.

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Warum wollen Sie überhaupt Aufnahmen machen?

Ich finde es wichtig, dass man mit den Einspielungen quasi Bestandsaufnahmen macht – mehr ist es ja nicht, auch wenn eine Aufnahme ewig bleibt. Diesen Entwicklungsprozess für sich selbst zu dokumentieren, finde ich sehr wichtig. Und für die Zuhörer ist es schön, wenn man immer wieder neue Musik abrufen kann. Was ich bis jetzt gemacht habe, sind ja keine klassischen CDs im herkömmlichen Sinne, sondern eher Playlist-Alben. Hinter der Anordnung der Stücke steckt jedoch ein Sinn, deswegen ist es am besten, sich die CD von vorn bis hinten durchzuhören, um die Struktur des Gesamtprojekts zu erkennen.

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Wie haben Sie die Komponisten ausgewählt?

Das war eine Herausforderung. Ich habe das zusammen mit Andreas Tarkmann gemacht, wie schon beim Paganini-Projekt. Ich spiele viel zeitgenössische Musik und kannte insofern auch schon einige Komponisten, die ich anfragen wollte. Es sind alles Komponisten, deren Musik ich sehr schätze. Deshalb habe ich ihnen auch keine Vorgaben gemacht – außer der Besetzung Streichorchester. Ich war sicher, es kommt gute Musik heraus.

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Foto: Kaupo Kikkas / PR

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Waren Sie denn wirklich mit allen Werken glücklich?

Beim Paganini-Projekt waren einige Werke so orchestriert, dass man die Geige (überhaupt) nicht mehr gut gehört hatte oder das Orchester nicht mehr auf die Bühne gepasst hätte. Und es gab Werke, die von der Qualität her abgefallen sind gegenüber den anderen. Das kann man auch den Komponisten nicht antun, da mussten wir einige Stücke weglassen. Bei dem Bach-Projekt haben wir alle Kompositionen als sehr gelungen empfunden.

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Wann ist eine Komposition gut?

Wenn sie die Zuhörer berührt. Wenn ich das Stück sehe und lese, muss es musikalisch verständlich sein. Es muss kunstvolle und anrührende Musik sein. Das Stück von Tobias Rokahr zum Beispiel ist ganz modern. Aber es berührt einen. Das ist es, was Musik ausmacht.

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Ist es normal, dass man sich als Auftraggeber überraschen lässt?

Das ist ganz unterschiedlich. Wolf Kerschek zum Beispiel hat mich gefragt: Wie willst du das Stück haben? Ich habe ihm schließlich gesagt: Ich bin ein Geiger, der eher die tiefen Töne liebt. Deshalb beginnt sein Stück mit dem Thema im Cembalo, und die Geige begleitet in der Tiefe. Ich bin Jazzfan, ich mag einen schönen Walking Bass. Was macht er also? Er baut einen Walking Bass ein. Und dann hat er nach ungewöhnlichen Techniken gesucht und hat eine Stelle eingebaut, wo man streicht und gleichzeitig pizzt, was nicht so oft verwendet wird. So hat sich das Stück in einer Diskussion zwischen uns entwickelt. Andere Komponisten dagegen lassen sich gar nicht in die Karten schauen.

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Hatten Sie ein Zeitlimit vorgegeben?

Wenn man keine Vorgaben macht, kann es passieren, das ist meine Erfahrung, dass man ein 15-Minuten-Stück bekommt, das überhaupt nicht in den Kontext passt. Wir haben gesagt: zwischen vier und acht Minuten pro Komposition.

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Stephan Koncz hat sich da mit knapp drei Minuten eher an Bach orientiert, und man denkt sich: Schade, dass es schon vorbei ist.

Das ist doch das Beste, was passieren kann. Mir haben schon Leute erzählt, dass sie gerade dieses Stück in Dauerschleife hören. Das macht einfach gute Laune.

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Wie bekommt man solch ein Projekt fi nanziert?

Das ist eine Riesenherausforderung. Es gibt einige Stift ungen, die Kompositionsauft räge unterstützen. Wobei die Komponisten ehrlich gesagt keine hohen Gagen bekommen haben. Und dann unterstützt Sony mich sehr. Ich fand es großartig, dass sie den Mut zum Paganini-Projekt hatten. Und beim Goldberg-Projekt wussten sie ja noch weniger, was herauskommen würde. Aber sie haben gesagt: „Mach das! Wir organisieren das Orchester und kümmern uns um die technische Seite“. Das war ein Riesenglück.

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Warum haben Sie nicht einfach zehn Komponisten gebeten, ein neues Werk zu schreiben? Warum Bach als Aufhänger?

Weil ich es spannend finde, wie zeitlos Musik ist. Zu sehen, was man aus solch einer alten Melodie heute machen kann. Diese Art von Symbiose aus Früher und Heute zu schaff en, das fasziniert mich.

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Nicht-Klassikfreunde finden es ja immer merkwürdig, sich nur mit Komponisten zu beschäftigen, die lange tot sind.

In jeder Kunst entwickeln sich neue Stile, indem man die alten weiterentwickelt oder etwas von den alten ins Neue mit einbringt. Gerade durch die Kombination entsteht ja etwas ganz Neues. Nur in der Klassik gab es diesen Bruch, dass man alles verbrannt und wieder von null aufgebaut hat. Aber wir kommen ja dahin zurück, dass die Komponisten Melodien schreiben und Musik, die die Zuhörer nicht allein lässt, die sie Gefühle entwickeln lässt.

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Waren die Komponisten glücklich, dass sie sich mit Bach messen mussten?

Ich glaube, sie hatten wirklich Respekt vor der Aufgabe. Konstantia Gourzi zum Beispiel hat das Problem umschifft , indem sie sich mehr mit dem Schlaflosigkeit-Thema auseinandergesetzt hat und nicht primär mit dem Aria-Thema von Bach.

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Was sagt denn Ihr Bruder Nils dazu, dass Sie ihm als Pianisten die Goldberg- Variationen weggeschnappt haben?

Er kann die Goldberg-Variationen ja gern noch selbst aufnehmen. (lacht) Wir tüft eln alles gemeinsam aus. Das hat sich so ergeben, weil wir sehr gut harmonieren. Mein Bruder ist der, der gern die kritischen Töne anstimmt – was mir sehr guttut. Anfangs war er skeptisch, weil man nicht alle Bach-Variationen so bearbeiten kann, das funktioniert nicht. Aber irgendwann war er überzeugt. Dann weiß ich immer: Das ist der richtige Weg.

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Und was kommt als Nächstes: die Diabelli-Variationen?

Man muss aufpassen, dass man nicht nur Erwartungen erfüllt und nicht in irgendwelchen Schubladen landet, aus denen man nicht mehr heraus kann. Als drittes Album wird etwas Unerwartetes kommen, mehr will ich noch nicht sagen. Solche Projekte sind schon ein Riesenaufwand, und ich bin ja hauptsächlich Geiger! Trotzdem übernehme ich gern so ein Projektmanagement, weil das ja mein Projekt ist. Ich stelle mich sowieso gern breit auf: Mein Bruder und ich, wir haben ja noch das „Liepe & Co. Festival“ in Hannover und unser Duo. Jetzt wollen wir aber erst einmal mit dem Goldberg-Projekt mit einem eigenen Ensemble auf Tour gehen. Und es bietet sich an, daraus etwas Audiovisuelles zu machen. Daran arbeiten wir gerade.

Auf seinem CD-Debüt vor fast drei Jahren spielte er die 24 Paganini- Capricen mit Orchesterbegleitung – in teils historischen, teil eigens für ihn geschriebenen Fassungen. Nun legt der 30-Jährige, der aus Göttingen stammt und bei Zakhar Bron und Ana Chumachenco studiert hat, nach: mit „Goldberg-Reflections“ für Sologeige und Streichorchester. Knapp die Hälfte der Bach-Variationen hat Andreas N. Tarkmann orchestriert, dazwischen erklingen neu komponierte Variationen von Moritz Eggert, Rolf Rudin, Sydney Corbett und anderen.

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Herr Liepe, ist Ihnen das Geigenrepertoire zu klein, dass Sie immer neue Kompositionen und Bearbeitungen in Auftrag geben?

Definitiv nicht. Aber als ich das Paganini- Projekt gestartet habe, war ich 25, und ich finde, mit 25 hat man noch nicht die Reife, die großen Violinkonzerte aufzunehmen. Es gibt so viele unglaubliche Aufnahmen, da dachte ich mir, ich nehme lieber einen anderen Weg und versuche für mich herauszufinden, für was ich stehe. Als Musiker entwickelt man sich gerade zwischen 20 und 30 Jahren noch enorm. Bis 18 steckt man in der technischen Entwicklung, und dann beginnt der vielschichtige Prozess der Entwicklung einer Musikerpersönlichkeit. Das Paganini-Projekt war eine Riesenerfahrung, ich musste mir klar darüber werden, wie ich Musik sehe und wie ich sie vermitteln möchte. Das Goldberg-Projekt ist nun eine Weiterentwicklung, Bach öffnet eine ganz neue Welt. Mir geht es auch darum, verschiedene Stilistiken zu zeigen: Was gibt es alles für Musik? Und ich möchte für jüngere Zuhörer die Barrieren zur sogenannten klassischen Musik abbauen. Sie sehen, bei Bach gibt’s auch jazzige Elemente, die man verarbeiten kann. Und dann führe ich sie weiter zum Barock. Ich möchte da eine Verbindung verdeutlichen und die klassische Musik vermittelbarer machen. Dieses Projekt hat mich musikalisch extrem geformt, und jetzt fühle ich mich wirklich bereit für die großen Violinkonzerte.

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Warum wollen Sie überhaupt Aufnahmen machen?

Ich finde es wichtig, dass man mit den Einspielungen quasi Bestandsaufnahmen macht – mehr ist es ja nicht, auch wenn eine Aufnahme ewig bleibt. Diesen Entwicklungsprozess für sich selbst zu dokumentieren, finde ich sehr wichtig. Und für die Zuhörer ist es schön, wenn man immer wieder neue Musik abrufen kann. Was ich bis jetzt gemacht habe, sind ja keine klassischen CDs im herkömmlichen Sinne, sondern eher Playlist-Alben. Hinter der Anordnung der Stücke steckt jedoch ein Sinn, deswegen ist es am besten, sich die CD von vorn bis hinten durchzuhören, um die Struktur des Gesamtprojekts zu erkennen.

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Wie haben Sie die Komponisten ausgewählt?

Das war eine Herausforderung. Ich habe das zusammen mit Andreas Tarkmann gemacht, wie schon beim Paganini-Projekt. Ich spiele viel zeitgenössische Musik und kannte insofern auch schon einige Komponisten, die ich anfragen wollte. Es sind alles Komponisten, deren Musik ich sehr schätze. Deshalb habe ich ihnen auch keine Vorgaben gemacht – außer der Besetzung Streichorchester. Ich war sicher, es kommt gute Musik heraus.

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Foto: Kaupo Kikkas / PR

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Waren Sie denn wirklich mit allen Werken glücklich?

Beim Paganini-Projekt waren einige Werke so orchestriert, dass man die Geige (überhaupt) nicht mehr gut gehört hatte oder das Orchester nicht mehr auf die Bühne gepasst hätte. Und es gab Werke, die von der Qualität her abgefallen sind gegenüber den anderen. Das kann man auch den Komponisten nicht antun, da mussten wir einige Stücke weglassen. Bei dem Bach-Projekt haben wir alle Kompositionen als sehr gelungen empfunden.

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Wann ist eine Komposition gut?

Wenn sie die Zuhörer berührt. Wenn ich das Stück sehe und lese, muss es musikalisch verständlich sein. Es muss kunstvolle und anrührende Musik sein. Das Stück von Tobias Rokahr zum Beispiel ist ganz modern. Aber es berührt einen. Das ist es, was Musik ausmacht.

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Ist es normal, dass man sich als Auftraggeber überraschen lässt?

Das ist ganz unterschiedlich. Wolf Kerschek zum Beispiel hat mich gefragt: Wie willst du das Stück haben? Ich habe ihm schließlich gesagt: Ich bin ein Geiger, der eher die tiefen Töne liebt. Deshalb beginnt sein Stück mit dem Thema im Cembalo, und die Geige begleitet in der Tiefe. Ich bin Jazzfan, ich mag einen schönen Walking Bass. Was macht er also? Er baut einen Walking Bass ein. Und dann hat er nach ungewöhnlichen Techniken gesucht und hat eine Stelle eingebaut, wo man streicht und gleichzeitig pizzt, was nicht so oft verwendet wird. So hat sich das Stück in einer Diskussion zwischen uns entwickelt. Andere Komponisten dagegen lassen sich gar nicht in die Karten schauen.

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Hatten Sie ein Zeitlimit vorgegeben?

Wenn man keine Vorgaben macht, kann es passieren, das ist meine Erfahrung, dass man ein 15-Minuten-Stück bekommt, das überhaupt nicht in den Kontext passt. Wir haben gesagt: zwischen vier und acht Minuten pro Komposition.

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Stephan Koncz hat sich da mit knapp drei Minuten eher an Bach orientiert, und man denkt sich: Schade, dass es schon vorbei ist.

Das ist doch das Beste, was passieren kann. Mir haben schon Leute erzählt, dass sie gerade dieses Stück in Dauerschleife hören. Das macht einfach gute Laune.

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Wie bekommt man solch ein Projekt fi nanziert?

Das ist eine Riesenherausforderung. Es gibt einige Stift ungen, die Kompositionsauft räge unterstützen. Wobei die Komponisten ehrlich gesagt keine hohen Gagen bekommen haben. Und dann unterstützt Sony mich sehr. Ich fand es großartig, dass sie den Mut zum Paganini-Projekt hatten. Und beim Goldberg-Projekt wussten sie ja noch weniger, was herauskommen würde. Aber sie haben gesagt: „Mach das! Wir organisieren das Orchester und kümmern uns um die technische Seite“. Das war ein Riesenglück.

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Warum haben Sie nicht einfach zehn Komponisten gebeten, ein neues Werk zu schreiben? Warum Bach als Aufhänger?

Weil ich es spannend finde, wie zeitlos Musik ist. Zu sehen, was man aus solch einer alten Melodie heute machen kann. Diese Art von Symbiose aus Früher und Heute zu schaff en, das fasziniert mich.

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Nicht-Klassikfreunde finden es ja immer merkwürdig, sich nur mit Komponisten zu beschäftigen, die lange tot sind.

In jeder Kunst entwickeln sich neue Stile, indem man die alten weiterentwickelt oder etwas von den alten ins Neue mit einbringt. Gerade durch die Kombination entsteht ja etwas ganz Neues. Nur in der Klassik gab es diesen Bruch, dass man alles verbrannt und wieder von null aufgebaut hat. Aber wir kommen ja dahin zurück, dass die Komponisten Melodien schreiben und Musik, die die Zuhörer nicht allein lässt, die sie Gefühle entwickeln lässt.

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Waren die Komponisten glücklich, dass sie sich mit Bach messen mussten?

Ich glaube, sie hatten wirklich Respekt vor der Aufgabe. Konstantia Gourzi zum Beispiel hat das Problem umschifft , indem sie sich mehr mit dem Schlaflosigkeit-Thema auseinandergesetzt hat und nicht primär mit dem Aria-Thema von Bach.

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Was sagt denn Ihr Bruder Nils dazu, dass Sie ihm als Pianisten die Goldberg- Variationen weggeschnappt haben?

Er kann die Goldberg-Variationen ja gern noch selbst aufnehmen. (lacht) Wir tüft eln alles gemeinsam aus. Das hat sich so ergeben, weil wir sehr gut harmonieren. Mein Bruder ist der, der gern die kritischen Töne anstimmt – was mir sehr guttut. Anfangs war er skeptisch, weil man nicht alle Bach-Variationen so bearbeiten kann, das funktioniert nicht. Aber irgendwann war er überzeugt. Dann weiß ich immer: Das ist der richtige Weg.

‍

Und was kommt als Nächstes: die Diabelli-Variationen?

Man muss aufpassen, dass man nicht nur Erwartungen erfüllt und nicht in irgendwelchen Schubladen landet, aus denen man nicht mehr heraus kann. Als drittes Album wird etwas Unerwartetes kommen, mehr will ich noch nicht sagen. Solche Projekte sind schon ein Riesenaufwand, und ich bin ja hauptsächlich Geiger! Trotzdem übernehme ich gern so ein Projektmanagement, weil das ja mein Projekt ist. Ich stelle mich sowieso gern breit auf: Mein Bruder und ich, wir haben ja noch das „Liepe & Co. Festival“ in Hannover und unser Duo. Jetzt wollen wir aber erst einmal mit dem Goldberg-Projekt mit einem eigenen Ensemble auf Tour gehen. Und es bietet sich an, daraus etwas Audiovisuelles zu machen. Daran arbeiten wir gerade.