Interview & Porträt

Mit den Augen hören

Von
Susanne Benda
Erschienen in der Printausgabe im
November 2026
Lesezeit ca.
…
Minuten
Andrea Kauten; Foto: Pilvax Films/Balazs Borocz
Andrea Kauten; Foto: Pilvax Films/Balazs Borocz

Es sind dieselben Werke, dieselbe Solistin. Und es ist doch nicht dasselbe. Denn ihrer CD mit Johannes Brahms’ zwei Klavierkonzerten schickt die Pianistin Andrea Kauten drei Jahre nach der reinen Audio-Einspielung ein Ton-Video-Projekt hinterher. Bei diesem steht außerdem ein anderes Orchester an ihrer Seite: Anstelle der Württembergischen Philharmonie Reutlingen spielt jetzt das Savaria Symphonieorchester aus Szombathely, und am Pult steht nicht mehr Timo Handschuh, sondern der Chefdirigent des westungarischen Klangkörpers, Gregory Vajda. Außerdem: „Ich selbst“, räumt die Schweizerin ein, „bin kein visueller Mensch, im Alltag dominiert mein Hörsinn. Aber bei dieser Produktion sieht man, dass Menschen musizieren, man nimmt den Raum wahr, die Bewegung, den Atem der Musizierenden, die Instrumente – das ist sehr spannend und eröffnet eine neue Dimension.“ Und im Vergleich zur CD-Aufnahme von 2023 sei ihre Interpretation „vielleicht noch eine Spur runder und reifer“ geworden.

Außerdem hätten seit der Corona-Zeit, in der die Menschen nicht mehr in Konzerte gehen konnten, Videoaufzeichnungen neue Relevanz gewonnen, und „für mich“, sagt Kauten, „ist das künstlerisch sehr interessant, denn Brahms’ Klavierkonzerte sind unerschöpflich, es lohnt, sich immer wieder damit zu beschäftigen. Denn diese Musik ist stets von Neuem eine Herausforderung, nicht nur technisch, sondern auch gestalterisch und emotional. Brahms’ Konzerte sind wie Kathedralen: so unendlich groß, so großartig und voller Details.“

Dazu passt der Aufnahmeort. Der Bartók-Saal in Szombathely ist eine umgebaute ehemalige Synagoge. Dort ist Andrea Kauten schon früher aufgetreten, sie hat familiäre Wurzeln in Ungarn. Allerdings musste sie damals zu ihren Konzerten immer einen Steinway mitbringen. Sie holte ihn aus dem badischen Schopfheim, wo sie ihr eigenes Festival, „Klassik im Krafft-Areal“, veranstaltet. Das war jetzt nicht mehr nötig, mittlerweile steht in Szombathely ein Fazioli-Flügel. „Steinway-Flügel“, so die Pianistin, die selbst einen B-Steinway und zwei Faziolis zu Hause stehen hat, „klingen brillanter, Fazioli-Flügel haben einen großen Ton, der etwas dunkler und eine Spur wärmer wirkt.“

Für Brahms sei das „nicht die schlechteste Wahl“. Schließlich sei der Solopart in beiden Konzerten integrativer konzipiert als in anderen brillanten Solokonzerten der Zeit. „Bei Brahms“, sagt Andrea Kauten, „muss der Solist zwar führen, aber die Konzerte sind gleichzeitig sehr motivisch gearbeitet, sodass man immer wieder auch Teil des Orchesters ist. Bei solistischen Einwürfen tritt man für einen Moment aus dem Orchester heraus, dann wieder muss man sich integrieren.“ Dieses Wechselspiel sei eine echte Herausforderung, „man muss sehr wach sein“.

Gibt es Unterschiede zwischen den beiden Klavierkonzerten? Beim Spielen spürt Andrea Kauten, dass sich Brahms mit dem ersten Konzert schwertat, dass er das Stück mehrfach umarbeitete, eine Sinfonie daraus machen wollte und ein Werk für Klavierduo. „Brahms war immer unzufrieden und hat oft Clara Schumann um Rat gefragt – eine schwere Geburt.“ Das zweite Konzert sei ihm offenbar leichter aus der Feder gelaufen. Außerdem sei es ein reifes Alterswerk – weshalb Kauten ihre CD-Aufnahme auch durch die Intermezzi op. 118 ergänzte („Diese Stücke sind unglaublich schön in ihrer Intimität, es ist wie ein Rückblick auf Brahms’ Leben, deshalb ist die Verknüpfung mit dem reifen zweiten Klavierkonzert sehr schlüssig.“). Trotz aller Unterschiede ähnelten sich die beiden Konzerte aber stark – „vor allem in ihrem Umgang mit den Motiven, in der Verflechtung der Motivik“.

Und da ist noch etwas, das Andrea Kauten erzählen will. Oder besser: Sie will eine Frage weitergeben und die Gedanken, die sie sich dazu gemacht hat. In einem Interview nach der Veröffentlichung ihrer Brahms-CD ist sie einmal gefragt worden, ob Brahms’ Konzerte überhaupt von einer Frau gespielt werden könnten – sie seien doch so gigantisch und forderten so viel physische Kraft ein. „Na ja“, sagt Kauten heute, „ich habe beide Konzerte gespielt, ich bin eine Frau, und die Kritik der CD war gut!“ Außerdem sei Clara Schumann beim Komponieren des ersten Konzertes Brahms’ Ratgeberin gewesen, „das heißt, eine Frau kann diese Werke spielen, wenn sie über bestimmte Voraussetzungen verfügt“. Außerdem gehe es ja nicht nur um äußere Kraft, sondern auch um eine innere.

Die spürt man in ihrer Interpretation tatsächlich – ebenso wie die weite Spannbreite des emotionalen Ausdrucks in Kautens Spiel, das in großer Intensität die Nuancen zwischen geschmeidiger Zurücknahme und hochdramatischem Auftrumpfen durchstreift und das Leichtigkeit und Schwere, Ruhe und Bewegung exzellent ausbalanciert. Das Savaria Symphonieorchester nimmt die Bewegungen und Farben der Pianistin sehr wach und lebendig auf. Und dass die Romantik Andrea Kautens bevorzugte Epoche ist: Darauf wäre man auch gekommen, wenn sie das im Gespräch nicht selbst mehrfach betont hätte. „Das wird“, sagt sie, „sicherlich so bleiben“ – auch wenn sie gerne mal Bartóks drittes Klavierkonzert aufführen, ja womöglich sogar aufnehmen würde. Das Stück hat sie vor langer Zeit schon einmal gespielt und ist bei der Arbeit an den Brahms-Konzerten wieder darauf gestoßen. Wobei die Verbindung nicht nur mit ihren ungarischen Eltern zu tun hat, sondern auch mit ihrem dramaturgischen Blick: „Brahms wollte ja Beethoven fortsetzen oder reanimieren, deshalb arbeitet er motivisch so dicht, und die Idee der motivischen Arbeit prägt auch Bartóks drittes Klavierkonzert.“

In diese Richtung möchte Andrea Kauten gerne weiterdenken und weiterarbeiten. Warum nicht mal Robert und Clara Schumanns a-Moll-Konzerte nebeneinanderstellen? Also: Programme konzipieren, die Verbindungen aufzeigen. Durch Kontraste Erkenntnisse möglich machen, Überhörtes wieder hörbar machen. In diesem Sinne sollen auch die neuen Videos über die Augen die Ohren öffnen. In den letzten Jahren hat die Pianistin eine kleine künstlerische Schaffenspause eingelegt. „Aber jetzt bin ich an dem Punkt, noch einmal frisch loszulegen.“

andrea-kauten-pianistin.de

Es sind dieselben Werke, dieselbe Solistin. Und es ist doch nicht dasselbe. Denn ihrer CD mit Johannes Brahms’ zwei Klavierkonzerten schickt die Pianistin Andrea Kauten drei Jahre nach der reinen Audio-Einspielung ein Ton-Video-Projekt hinterher. Bei diesem steht außerdem ein anderes Orchester an ihrer Seite: Anstelle der Württembergischen Philharmonie Reutlingen spielt jetzt das Savaria Symphonieorchester aus Szombathely, und am Pult steht nicht mehr Timo Handschuh, sondern der Chefdirigent des westungarischen Klangkörpers, Gregory Vajda. Außerdem: „Ich selbst“, räumt die Schweizerin ein, „bin kein visueller Mensch, im Alltag dominiert mein Hörsinn. Aber bei dieser Produktion sieht man, dass Menschen musizieren, man nimmt den Raum wahr, die Bewegung, den Atem der Musizierenden, die Instrumente – das ist sehr spannend und eröffnet eine neue Dimension.“ Und im Vergleich zur CD-Aufnahme von 2023 sei ihre Interpretation „vielleicht noch eine Spur runder und reifer“ geworden.

Außerdem hätten seit der Corona-Zeit, in der die Menschen nicht mehr in Konzerte gehen konnten, Videoaufzeichnungen neue Relevanz gewonnen, und „für mich“, sagt Kauten, „ist das künstlerisch sehr interessant, denn Brahms’ Klavierkonzerte sind unerschöpflich, es lohnt, sich immer wieder damit zu beschäftigen. Denn diese Musik ist stets von Neuem eine Herausforderung, nicht nur technisch, sondern auch gestalterisch und emotional. Brahms’ Konzerte sind wie Kathedralen: so unendlich groß, so großartig und voller Details.“

Dazu passt der Aufnahmeort. Der Bartók-Saal in Szombathely ist eine umgebaute ehemalige Synagoge. Dort ist Andrea Kauten schon früher aufgetreten, sie hat familiäre Wurzeln in Ungarn. Allerdings musste sie damals zu ihren Konzerten immer einen Steinway mitbringen. Sie holte ihn aus dem badischen Schopfheim, wo sie ihr eigenes Festival, „Klassik im Krafft-Areal“, veranstaltet. Das war jetzt nicht mehr nötig, mittlerweile steht in Szombathely ein Fazioli-Flügel. „Steinway-Flügel“, so die Pianistin, die selbst einen B-Steinway und zwei Faziolis zu Hause stehen hat, „klingen brillanter, Fazioli-Flügel haben einen großen Ton, der etwas dunkler und eine Spur wärmer wirkt.“

Für Brahms sei das „nicht die schlechteste Wahl“. Schließlich sei der Solopart in beiden Konzerten integrativer konzipiert als in anderen brillanten Solokonzerten der Zeit. „Bei Brahms“, sagt Andrea Kauten, „muss der Solist zwar führen, aber die Konzerte sind gleichzeitig sehr motivisch gearbeitet, sodass man immer wieder auch Teil des Orchesters ist. Bei solistischen Einwürfen tritt man für einen Moment aus dem Orchester heraus, dann wieder muss man sich integrieren.“ Dieses Wechselspiel sei eine echte Herausforderung, „man muss sehr wach sein“.

Gibt es Unterschiede zwischen den beiden Klavierkonzerten? Beim Spielen spürt Andrea Kauten, dass sich Brahms mit dem ersten Konzert schwertat, dass er das Stück mehrfach umarbeitete, eine Sinfonie daraus machen wollte und ein Werk für Klavierduo. „Brahms war immer unzufrieden und hat oft Clara Schumann um Rat gefragt – eine schwere Geburt.“ Das zweite Konzert sei ihm offenbar leichter aus der Feder gelaufen. Außerdem sei es ein reifes Alterswerk – weshalb Kauten ihre CD-Aufnahme auch durch die Intermezzi op. 118 ergänzte („Diese Stücke sind unglaublich schön in ihrer Intimität, es ist wie ein Rückblick auf Brahms’ Leben, deshalb ist die Verknüpfung mit dem reifen zweiten Klavierkonzert sehr schlüssig.“). Trotz aller Unterschiede ähnelten sich die beiden Konzerte aber stark – „vor allem in ihrem Umgang mit den Motiven, in der Verflechtung der Motivik“.

Und da ist noch etwas, das Andrea Kauten erzählen will. Oder besser: Sie will eine Frage weitergeben und die Gedanken, die sie sich dazu gemacht hat. In einem Interview nach der Veröffentlichung ihrer Brahms-CD ist sie einmal gefragt worden, ob Brahms’ Konzerte überhaupt von einer Frau gespielt werden könnten – sie seien doch so gigantisch und forderten so viel physische Kraft ein. „Na ja“, sagt Kauten heute, „ich habe beide Konzerte gespielt, ich bin eine Frau, und die Kritik der CD war gut!“ Außerdem sei Clara Schumann beim Komponieren des ersten Konzertes Brahms’ Ratgeberin gewesen, „das heißt, eine Frau kann diese Werke spielen, wenn sie über bestimmte Voraussetzungen verfügt“. Außerdem gehe es ja nicht nur um äußere Kraft, sondern auch um eine innere.

Die spürt man in ihrer Interpretation tatsächlich – ebenso wie die weite Spannbreite des emotionalen Ausdrucks in Kautens Spiel, das in großer Intensität die Nuancen zwischen geschmeidiger Zurücknahme und hochdramatischem Auftrumpfen durchstreift und das Leichtigkeit und Schwere, Ruhe und Bewegung exzellent ausbalanciert. Das Savaria Symphonieorchester nimmt die Bewegungen und Farben der Pianistin sehr wach und lebendig auf. Und dass die Romantik Andrea Kautens bevorzugte Epoche ist: Darauf wäre man auch gekommen, wenn sie das im Gespräch nicht selbst mehrfach betont hätte. „Das wird“, sagt sie, „sicherlich so bleiben“ – auch wenn sie gerne mal Bartóks drittes Klavierkonzert aufführen, ja womöglich sogar aufnehmen würde. Das Stück hat sie vor langer Zeit schon einmal gespielt und ist bei der Arbeit an den Brahms-Konzerten wieder darauf gestoßen. Wobei die Verbindung nicht nur mit ihren ungarischen Eltern zu tun hat, sondern auch mit ihrem dramaturgischen Blick: „Brahms wollte ja Beethoven fortsetzen oder reanimieren, deshalb arbeitet er motivisch so dicht, und die Idee der motivischen Arbeit prägt auch Bartóks drittes Klavierkonzert.“

In diese Richtung möchte Andrea Kauten gerne weiterdenken und weiterarbeiten. Warum nicht mal Robert und Clara Schumanns a-Moll-Konzerte nebeneinanderstellen? Also: Programme konzipieren, die Verbindungen aufzeigen. Durch Kontraste Erkenntnisse möglich machen, Überhörtes wieder hörbar machen. In diesem Sinne sollen auch die neuen Videos über die Augen die Ohren öffnen. In den letzten Jahren hat die Pianistin eine kleine künstlerische Schaffenspause eingelegt. „Aber jetzt bin ich an dem Punkt, noch einmal frisch loszulegen.“

andrea-kauten-pianistin.de

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