Interview & Porträt

Grenzgänger seit 60 Jahren

Von
Arnt Cobbers
Erschienen in der Printausgabe im
November 2026
Lesezeit ca.
…
Minuten
Die Berliner Symphoniker mit ihrem einstigen Chefdirigenten Hansjörg Schellenberger in der Berliner Philharmonie; Foto: Jakob Tillmann
Die Berliner Symphoniker mit ihrem einstigen Chefdirigenten Hansjörg Schellenberger in der Berliner Philharmonie; Foto: Jakob Tillmann

Man kann an Schicksalsschlägen zerbrechen. Oder sie akzeptieren und an ihnen wachsen. Die Musiker der Berliner Symphoniker haben sich für Letzteres entschieden. Wobei man über das Wort Schicksal in der Berliner Kulturpolitik streiten kann. Aber fangen wir von vorne an: Seit den 1950er Jahren gab es in West-Berlin zwei privat getragene Symphonieorchester, das Berliner Symphonische Orchester und das Deutsche Symphonieorchester. Beide nahmen 1961 arbeitslos gewordene „Grenzgänger“ auf – Musiker, die durch den Mauerbau ihre Stellen in Ost-Berliner Orchestern verloren hatten – und gewannen dadurch beträchtlich an Qualität. 1966 schlossen sie sich zum „Symphonischen Orchester Berlin“ zusammen. Und in den folgenden Jahrzehnten etablierte sich das SOB als eines der großen Orchester der Stadt. Es unternahm Tourneen in alle Welt, spielte bei den Olympischen Spielen in München 1972 und schaffte sich in den 70ern mit Konzerten für Schüler, Kinder und Familien ein Alleinstellungsmerkmal – Jahrzehnte, bevor die meisten anderen Orchester über „Education-Programme“ auch nur nachzudenken begannen.

Mit Alun Francis und Lior Shambadal hatten die Berliner Symphoniker, wie sie sich seit 1992 nennen, international renommierte Chefdirigenten, mit Jochen Thärichen einen langjährigen regen Intendanten, und mit einem Mix aus beliebten Standards und Entdeckungen füllten sie regelmäßig die Philharmonie mit ihren 2.400 Plätzen. Das muss man erst mal schaffen!

Dann kam das Jahr 2004. Das Land Berlin war, nicht zuletzt durch den Skandal um die Bankgesellschaft Berlin, hoch verschuldet, und bei der Suche nach Auswegen landete man rasch bei der Kultur und den Symphonikern. Denn nun rächte sich, dass man die Strukturen der Anfangszeit nie verändert hatte: Das kleinste der acht Berliner Symphonieorchester war nämlich, anders als die vier anderen Konzert- und die drei Opernorchester, gar nicht in staatlicher Hand, sondern wurde weiterhin von einem Verein getragen – dem man nun kurzerhand die Förderung strich. Die Symphoniker wurden also gar nicht aufgelöst, wie es in der Berliner Öffentlichkeit ankam. Und die Musiker, die Träger des Orchesters und ihr Intendant hatten auch gar nicht vor, sich aufzulösen.

Tatsächlich gelang es, mit einem kleineren Angebot für die treuen Abonnenten, mit „Konzerten für die ganze Familie“ und vor allem mit lukrativen Auslandstourneen das Orchester so zu stabilisieren, dass der Berliner Senat es seit 2014 wieder in seine Förderung aufnahm.

So sind die Berliner Symphoniker heute, vielleicht noch neben den Würth Philharmonikern, das einzige groß besetzte Symphonieorchester in Deutschland, das sich in freier Trägerschaft befindet. Für Alte-Musik-, Neue-Musik- oder Kammerorchester ist das nichts Besonderes. Aber bei den Berliner Symphonikern sitzen meist fünfzig bis siebzig Musiker auf der Bühne, und zwar, mit überschaubarer Fluktuation, immer dieselben. Es ist keine „Muggentruppe“, sondern ein festes Symphonieorchester, auch wenn die Mitglieder nicht angestellt, sondern Freiberufler sind.

Dann folgten die nächsten Umbrüche: Der langjährige Intendant Thärichen starb, der langjährige Chefdirigent Shambadal zog sich zurück, es kam Corona – „und plötzlich hatten wir Musiker ein bisschen Zeit“, sagt Philippe Perotto und grinst. Der Geiger mit der charakteristischen Haarpracht ist Mitglied des vierköpfigen Vereinsvorstands und hat den neuerlichen Umbruch entscheidend mitgestaltet. „Da kam mehreres zusammen. Unsere finanzielle Situation ist so, dass wir, vorsichtig gesagt, immer noch Luft nach oben haben. Wir leben auch von den guten Kontakten zur Politik, zur Wirtschaft, zur Kultur. Und wir Musiker haben festgestellt, dass wir diese Kontakte zum Teil selbst schon haben oder herstellen können. Ich glaube, das war und ist etwas Besonderes für unsere Ansprechpartner, dass Musiker aus dem Orchester selbst für sich und ihre Projekte eintreten.“

Seit 2024 haben die Berliner Symphoniker keinen Intendanten mehr, sondern nur noch einen festen Mitarbeiter in der Geschäftsstelle – der als Besucherservice fungiert und sich um Ticketing, Abopflege, Vertragssachen und die klassische Büroarbeit kümmert. Aber die Verantwortung für die tägliche Arbeit des Orchesters, die Probendisposition zum Beispiel oder Social Media und Pressearbeit haben inzwischen die Musiker selbst übernommen. Selbst die Untervermietung des orchestereigenen Probenraums (in einem Gemeindezentrum am Hohenzollerndamm) an andere Ensembles, wodurch wieder Kosten gedeckt werden können, wird durch Orchestermusiker übernommen.

Was aber noch gewagter klingt: Seit 2023 haben die Berliner Symphoniker auch keinen Chefdirigenten mehr. „Wir können nur noch relativ wenige Konzerte selbst als Veranstalter finanzieren, und die möchten wir nicht komplett einem Chefdirigenten überlassen. Wir möchten regelmäßig mit einem größeren Kreis an Dirigenten zusammenarbeiten“, sagt Philippe Perotto. „Durch unser jahrelanges Zusammenspiel in der festen Besetzung hat sich natürlich eine Richtung entwickelt, und wir wissen, was wir von den Dirigenten annehmen oder was nicht unser Ding ist.“

Wird der Chefdirigent also überbewertet? „Das will ich jetzt nicht sagen“, antwortet Perotto. „Für uns funktioniert die Konstellation, aber wenn die Mehrheit der Musiker vielleicht in drei Jahren sagt, wir wollen wieder mit einem Chefdirigenten zusammenarbeiten, dann werden wir das auch tun.“

Auch die Konzertprogramme werden von den Musikern selbst entwickelt – natürlich in Abstimmung mit den Dirigenten und Solisten oder mit Agenturen, wenn es um Tourneen geht. „Wir haben Vollversammlungen, wo jeder sich einbringen kann und wir die großen Linien festlegen. Und wir haben verschiedene Gremien. Natürlich ist das alles mit Diskussionen verbunden. Aber ich glaube, wir müssen uns mit unseren Programmen nicht verstecken.“

Das müssen sie in der Tat nicht. Auf dem Spielplan steht eine Mischung aus den bewährten Standards des Repertoires – die man bei den „ganz großen“ Orchestern ja gar nicht oft hört – und interessanten Entdeckungen wie im Oktober zum Beispiel dem Violinkonzert des Chevaliers de Saint-Georges.

Noch immer bieten die Symphoniker Familienkonzerte an, laden Schulklassen zu Proben (in denen die Schüler auch mal zwischen den Musikern sitzen können) und in Konzerte ein oder gehen selbst in kleiner Besetzung in die Schulen. Sie arbeiten mit Kindertagesstätten und Senioreneinrichtungen zusammen und haben auch schon mit der Friseurinnung und Firmen wie Edeka kooperiert. Da kam manche sprichwörtliche Kassiererin zum ersten Mal in ihrem Leben in ein klassisches Sinfoniekonzert. Ermöglicht wird das alles durch derzeit nur 300.000 Euro jährlicher Unterstützung vom Land Berlin, durch die Abonnement- und Kartenerlöse und durch Honorare für Auslandstourneen und Festivaleinladungen. Wohlgemerkt nicht als „Begleitband“ für zugkräftige Stars, sondern als „Headliner“.

Dass die Symphoniker die große Berliner Philharmonie zu meist über achtzig Prozent füllen, liegt ja nicht nur an den vergleichsweise günstigen Kartenpreisen und den Konzertterminen am Sonntagnachmittag um 15.30 Uhr – was sich für Familien und die älteren Konzertbesucher als ideal erwiesen hat. Es liegt auch an der Qualität des Orchesters, das nicht mit Stardirigenten und -solisten locken kann, aber doch mit erstklassigen Leuten wie Margarita Höhenrieder oder Hansjörg Schellenberger, dem letzten Chefdirigenten bis 2023, zusammenarbeitet.

„Wenn ein Konzert mal schlecht läuft, ist das schnell ein Problem für uns“, sagt Philippe Perotto. „Wir können uns keine Riesengagen leisten. Deshalb holen wir oft junge Musiker, von denen wir hoffen, dass sie eine große Karriere vor sich haben. Wer zu uns ins Konzert kommt, sollte keine bahnbrechend neuen Interpretationen erwarten, aber er bekommt doch hohe Qualität.“

Es ist in gewisser Weise Basisarbeit, die die Berliner Symphoniker im Schatten der Philharmoniker, des DSO oder des RSB leisten. Aber eben auf einem Niveau, dass auch Klassikkenner im Konzert auf ihre Kosten kommen.

Und wenn sie mal nicht auf die Verkäuflichkeit eines Programms achten müssen, machen auch die Symphoniker Ungewöhnliches: Mithilfe der Lotto-Stiftung geben sie zum Beispiel seit einigen Jahren Konzerte an verschiedenen Orten in der Stadt, aus denen heraus sie das jeweilige Programm entwickeln. Im Hotel Adlon präsentierten sie ein Programm und Musik, die hier komponiert wurde, oder von Musikern, die hier regelmäßig logierten. Im Prenzlauer Berg gaben sie ein Programm zusammen mit einem Filmemacher, der dort zu DDR-Zeiten illegal Filme drehte, an der Mauer eines mit einem Schriftsteller, der in den 60ern als Fluchthelfer arbeitete.

Nicht finanzierbar ist leider derzeit die Reihe der „Wissenschaftskonzerte“. Da spielten die Symphoniker zum Beispiel Gustav Holsts „Planeten“, dazu sprach ein Jurist über Weltraumrecht! Oder sie luden einen Didgeridoo-Spieler als Solisten ein, und ein Wissenschaftler sprach über Biodiversität. „Ich fand das superspannend, und es kam auch gut an beim Publikum“, sagt Philippe Perotto. „Aber das kriegen wir derzeit nicht über Drittmittel finanziert.“

Ist denn das Orchester nun auf absehbare Zeit finanziell abgesichert? „Eine Garantie gibt es nicht, dass wir im nächsten Landeshaushalt wieder auftauchen“, sagt Perotto. „Diese Unsicherheit hat man als Freiberufler immer im Hinterkopf. Aber wir haben inzwischen gute Kontakte und können, glaube ich, auch durch unsere Arbeit überzeugen.“ Das können die Berliner Symphoniker in der Tat. Man sollte sie, wenn man an die Berliner Orchesterlandschaft denkt, nicht übersehen.

www.berliner-symphoniker.de

Man kann an Schicksalsschlägen zerbrechen. Oder sie akzeptieren und an ihnen wachsen. Die Musiker der Berliner Symphoniker haben sich für Letzteres entschieden. Wobei man über das Wort Schicksal in der Berliner Kulturpolitik streiten kann. Aber fangen wir von vorne an: Seit den 1950er Jahren gab es in West-Berlin zwei privat getragene Symphonieorchester, das Berliner Symphonische Orchester und das Deutsche Symphonieorchester. Beide nahmen 1961 arbeitslos gewordene „Grenzgänger“ auf – Musiker, die durch den Mauerbau ihre Stellen in Ost-Berliner Orchestern verloren hatten – und gewannen dadurch beträchtlich an Qualität. 1966 schlossen sie sich zum „Symphonischen Orchester Berlin“ zusammen. Und in den folgenden Jahrzehnten etablierte sich das SOB als eines der großen Orchester der Stadt. Es unternahm Tourneen in alle Welt, spielte bei den Olympischen Spielen in München 1972 und schaffte sich in den 70ern mit Konzerten für Schüler, Kinder und Familien ein Alleinstellungsmerkmal – Jahrzehnte, bevor die meisten anderen Orchester über „Education-Programme“ auch nur nachzudenken begannen.

Mit Alun Francis und Lior Shambadal hatten die Berliner Symphoniker, wie sie sich seit 1992 nennen, international renommierte Chefdirigenten, mit Jochen Thärichen einen langjährigen regen Intendanten, und mit einem Mix aus beliebten Standards und Entdeckungen füllten sie regelmäßig die Philharmonie mit ihren 2.400 Plätzen. Das muss man erst mal schaffen!

Dann kam das Jahr 2004. Das Land Berlin war, nicht zuletzt durch den Skandal um die Bankgesellschaft Berlin, hoch verschuldet, und bei der Suche nach Auswegen landete man rasch bei der Kultur und den Symphonikern. Denn nun rächte sich, dass man die Strukturen der Anfangszeit nie verändert hatte: Das kleinste der acht Berliner Symphonieorchester war nämlich, anders als die vier anderen Konzert- und die drei Opernorchester, gar nicht in staatlicher Hand, sondern wurde weiterhin von einem Verein getragen – dem man nun kurzerhand die Förderung strich. Die Symphoniker wurden also gar nicht aufgelöst, wie es in der Berliner Öffentlichkeit ankam. Und die Musiker, die Träger des Orchesters und ihr Intendant hatten auch gar nicht vor, sich aufzulösen.

Tatsächlich gelang es, mit einem kleineren Angebot für die treuen Abonnenten, mit „Konzerten für die ganze Familie“ und vor allem mit lukrativen Auslandstourneen das Orchester so zu stabilisieren, dass der Berliner Senat es seit 2014 wieder in seine Förderung aufnahm.

So sind die Berliner Symphoniker heute, vielleicht noch neben den Würth Philharmonikern, das einzige groß besetzte Symphonieorchester in Deutschland, das sich in freier Trägerschaft befindet. Für Alte-Musik-, Neue-Musik- oder Kammerorchester ist das nichts Besonderes. Aber bei den Berliner Symphonikern sitzen meist fünfzig bis siebzig Musiker auf der Bühne, und zwar, mit überschaubarer Fluktuation, immer dieselben. Es ist keine „Muggentruppe“, sondern ein festes Symphonieorchester, auch wenn die Mitglieder nicht angestellt, sondern Freiberufler sind.

Dann folgten die nächsten Umbrüche: Der langjährige Intendant Thärichen starb, der langjährige Chefdirigent Shambadal zog sich zurück, es kam Corona – „und plötzlich hatten wir Musiker ein bisschen Zeit“, sagt Philippe Perotto und grinst. Der Geiger mit der charakteristischen Haarpracht ist Mitglied des vierköpfigen Vereinsvorstands und hat den neuerlichen Umbruch entscheidend mitgestaltet. „Da kam mehreres zusammen. Unsere finanzielle Situation ist so, dass wir, vorsichtig gesagt, immer noch Luft nach oben haben. Wir leben auch von den guten Kontakten zur Politik, zur Wirtschaft, zur Kultur. Und wir Musiker haben festgestellt, dass wir diese Kontakte zum Teil selbst schon haben oder herstellen können. Ich glaube, das war und ist etwas Besonderes für unsere Ansprechpartner, dass Musiker aus dem Orchester selbst für sich und ihre Projekte eintreten.“

Seit 2024 haben die Berliner Symphoniker keinen Intendanten mehr, sondern nur noch einen festen Mitarbeiter in der Geschäftsstelle – der als Besucherservice fungiert und sich um Ticketing, Abopflege, Vertragssachen und die klassische Büroarbeit kümmert. Aber die Verantwortung für die tägliche Arbeit des Orchesters, die Probendisposition zum Beispiel oder Social Media und Pressearbeit haben inzwischen die Musiker selbst übernommen. Selbst die Untervermietung des orchestereigenen Probenraums (in einem Gemeindezentrum am Hohenzollerndamm) an andere Ensembles, wodurch wieder Kosten gedeckt werden können, wird durch Orchestermusiker übernommen.

Was aber noch gewagter klingt: Seit 2023 haben die Berliner Symphoniker auch keinen Chefdirigenten mehr. „Wir können nur noch relativ wenige Konzerte selbst als Veranstalter finanzieren, und die möchten wir nicht komplett einem Chefdirigenten überlassen. Wir möchten regelmäßig mit einem größeren Kreis an Dirigenten zusammenarbeiten“, sagt Philippe Perotto. „Durch unser jahrelanges Zusammenspiel in der festen Besetzung hat sich natürlich eine Richtung entwickelt, und wir wissen, was wir von den Dirigenten annehmen oder was nicht unser Ding ist.“

Wird der Chefdirigent also überbewertet? „Das will ich jetzt nicht sagen“, antwortet Perotto. „Für uns funktioniert die Konstellation, aber wenn die Mehrheit der Musiker vielleicht in drei Jahren sagt, wir wollen wieder mit einem Chefdirigenten zusammenarbeiten, dann werden wir das auch tun.“

Auch die Konzertprogramme werden von den Musikern selbst entwickelt – natürlich in Abstimmung mit den Dirigenten und Solisten oder mit Agenturen, wenn es um Tourneen geht. „Wir haben Vollversammlungen, wo jeder sich einbringen kann und wir die großen Linien festlegen. Und wir haben verschiedene Gremien. Natürlich ist das alles mit Diskussionen verbunden. Aber ich glaube, wir müssen uns mit unseren Programmen nicht verstecken.“

Das müssen sie in der Tat nicht. Auf dem Spielplan steht eine Mischung aus den bewährten Standards des Repertoires – die man bei den „ganz großen“ Orchestern ja gar nicht oft hört – und interessanten Entdeckungen wie im Oktober zum Beispiel dem Violinkonzert des Chevaliers de Saint-Georges.

Noch immer bieten die Symphoniker Familienkonzerte an, laden Schulklassen zu Proben (in denen die Schüler auch mal zwischen den Musikern sitzen können) und in Konzerte ein oder gehen selbst in kleiner Besetzung in die Schulen. Sie arbeiten mit Kindertagesstätten und Senioreneinrichtungen zusammen und haben auch schon mit der Friseurinnung und Firmen wie Edeka kooperiert. Da kam manche sprichwörtliche Kassiererin zum ersten Mal in ihrem Leben in ein klassisches Sinfoniekonzert. Ermöglicht wird das alles durch derzeit nur 300.000 Euro jährlicher Unterstützung vom Land Berlin, durch die Abonnement- und Kartenerlöse und durch Honorare für Auslandstourneen und Festivaleinladungen. Wohlgemerkt nicht als „Begleitband“ für zugkräftige Stars, sondern als „Headliner“.

Dass die Symphoniker die große Berliner Philharmonie zu meist über achtzig Prozent füllen, liegt ja nicht nur an den vergleichsweise günstigen Kartenpreisen und den Konzertterminen am Sonntagnachmittag um 15.30 Uhr – was sich für Familien und die älteren Konzertbesucher als ideal erwiesen hat. Es liegt auch an der Qualität des Orchesters, das nicht mit Stardirigenten und -solisten locken kann, aber doch mit erstklassigen Leuten wie Margarita Höhenrieder oder Hansjörg Schellenberger, dem letzten Chefdirigenten bis 2023, zusammenarbeitet.

„Wenn ein Konzert mal schlecht läuft, ist das schnell ein Problem für uns“, sagt Philippe Perotto. „Wir können uns keine Riesengagen leisten. Deshalb holen wir oft junge Musiker, von denen wir hoffen, dass sie eine große Karriere vor sich haben. Wer zu uns ins Konzert kommt, sollte keine bahnbrechend neuen Interpretationen erwarten, aber er bekommt doch hohe Qualität.“

Es ist in gewisser Weise Basisarbeit, die die Berliner Symphoniker im Schatten der Philharmoniker, des DSO oder des RSB leisten. Aber eben auf einem Niveau, dass auch Klassikkenner im Konzert auf ihre Kosten kommen.

Und wenn sie mal nicht auf die Verkäuflichkeit eines Programms achten müssen, machen auch die Symphoniker Ungewöhnliches: Mithilfe der Lotto-Stiftung geben sie zum Beispiel seit einigen Jahren Konzerte an verschiedenen Orten in der Stadt, aus denen heraus sie das jeweilige Programm entwickeln. Im Hotel Adlon präsentierten sie ein Programm und Musik, die hier komponiert wurde, oder von Musikern, die hier regelmäßig logierten. Im Prenzlauer Berg gaben sie ein Programm zusammen mit einem Filmemacher, der dort zu DDR-Zeiten illegal Filme drehte, an der Mauer eines mit einem Schriftsteller, der in den 60ern als Fluchthelfer arbeitete.

Nicht finanzierbar ist leider derzeit die Reihe der „Wissenschaftskonzerte“. Da spielten die Symphoniker zum Beispiel Gustav Holsts „Planeten“, dazu sprach ein Jurist über Weltraumrecht! Oder sie luden einen Didgeridoo-Spieler als Solisten ein, und ein Wissenschaftler sprach über Biodiversität. „Ich fand das superspannend, und es kam auch gut an beim Publikum“, sagt Philippe Perotto. „Aber das kriegen wir derzeit nicht über Drittmittel finanziert.“

Ist denn das Orchester nun auf absehbare Zeit finanziell abgesichert? „Eine Garantie gibt es nicht, dass wir im nächsten Landeshaushalt wieder auftauchen“, sagt Perotto. „Diese Unsicherheit hat man als Freiberufler immer im Hinterkopf. Aber wir haben inzwischen gute Kontakte und können, glaube ich, auch durch unsere Arbeit überzeugen.“ Das können die Berliner Symphoniker in der Tat. Man sollte sie, wenn man an die Berliner Orchesterlandschaft denkt, nicht übersehen.

www.berliner-symphoniker.de

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