Interview & Porträt

Von Meerjungfrauen und anderen Mischwesen

Von
Christiane Peitz
Erschienen in der Printausgabe im
November 2026
Lesezeit ca.
…
Minuten
Bruno de Sá; Foto: Clemens Manser
Bruno de Sá; Foto: Clemens Manser

Als Bruno de Sá ein Kind war, faszinierten ihn die Geschichten über die Flussgöttin Uyara. Hütet euch vor ihr, sagten die Erwachsenen über das mythische Wasserwesen. Sie kann die Menschen mit ihrem Gesang verzaubern, ja sogar in den Tod locken.

Der brasilianische Sopranist begann zu recherchieren. „Unglaublich, wie viele Märchen und Mythen über Meerjungfrauen es auf der ganzen Welt gibt“, sagt er beim Gespräch im Berliner Agenturbüro. „Sei es in Persien, Ägypten oder Japan, seien es die griechischen Sirenen, die Loreley am Rhein, die schottischen Selkies und eben die Uyaras vom Amazonas. All diese Zwitterwesen leben im Wasser, halb Mensch, halb Tier, mit einer verführerischen Stimme, die ihnen Macht verleiht.“

Auf seinem dritten Album, „Uyaras: The Enchanted Voice“, versammelt der 36-Jährige Lieder, Arien und Vokalisen, die von der Nixenwelt erzählen, darunter Heitor Villa-Lobos’ „Bachianas brasileiras Nr. 5“, Gershwins „Lorelei“, eine Schwan-Arie von Camille Saint-Saëns und Heinrich Prochs Koloraturarie „Deh! Torna mio bene“. Bruno de Sá nennt es ein Spiel mit den Identitäten. „In gewisser Weise porträtiere ich mich selbst. Ich bin ja ebenfalls eine Art Mischwesen, ein Mann mit einem Männerkörper und einer Frauenstimme. Die einen sind bezaubert von meinem Gesang, die anderen hassen ihn vielleicht, in jedem Fall hat er eine starke Wirkung.“

Aber Vorsicht! Bruno de Sá ist kein Zirkuspferd, das mit Stimmakrobatik und quecksilbrigen Spitzentönen besticht, er ist mehr als nur der Mann, der mit natürlicher Bruststimme weltweit wohl die höchsten Töne erreicht. Der 1989 in São Paulo geborene Sänger betört ebenso mit seinem Cantabile, mit der Wandelbarkeit seines schlanken Timbres – und der Breite seines Repertoires.

Ein Sopranist sollte vor allem Barock singen? Nein, sagt Bruno de Sá in den sozialen Medien. Er wird nicht müde, Facebook und Co. zu nutzen (185.000 Follower auf Instagram), um Vorurteile aus dem Weg zu räumen. Nein, er ist kein Falsettist, kein Countertenor, kein Kastrat, keine trans* Person, sondern ein männlicher Sopran.

Zudem reicht sein Repertoire vom Barock über die Klassik bis zum Belcanto der Primadonnen. Nach seinen Alben „Roma Travestita“ mit überwiegend barocken Kastratenarien und „Mille affetti“ mit Werken von Mozart und dessen Zeitgenossen stößt er mit „Uyaras“ nun bis ins 19. und 20. Jahrhundert vor.

„Ich denke zu hundert Prozent, dass meine besondere Stimme eine besondere Verantwortung mit sich bringt“, erläutert Bruno de Sá seinen pädagogischen Impuls. „Vor Jahrzehnten gab es andere Pioniere, von deren Kampf ich heute profitiere. Auch ich möchte Türen öffnen, die Tradition der Oper bewahren und gleichzeitig etwas gegen das Schubladendenken tun.“ Indem er zum Beispiel auch Frauen verkörpert.

Woher rührt seine Stimmhöhe? Beim venezolanischen Sopranisten Samuel Mariño war es eine natürliche Hormonstörung, bei Bruno de Sá war die Stimme im Alter von fünfzehn etwa ein halbes Jahr instabil. „Ein Stimmbruch, der eigentlich keiner war. Vermutlich hat es auch mit den Genen zu tun. Mein Vater singt ein schönes Falsett, meine Mutter ist ein hoher Sopran, auch mein Bruder hat eine sehr hohe Stimme. Heute habe ich extrem elastische Stimmbänder, die Stimmbänder eines Kindes im Körper eines Erwachsenen.“ Der Rest sei Training, Ausbildung, Gesangskunst.

Angesichts des Machismo in Brasilien war es nicht gerade opportun, als Junge eine helle Stimme zu haben und nicht Fußballer werden zu wollen, sondern Sänger. Also führte er eine Art Doppelexistenz. „Im Kirchenchor meiner Eltern war ich der ‚Popstar‘, die Kirche war mein Safe Space. In der Schule hielt ich den Mund, aus Angst vor Anfeindungen.“ Bis er im letzten Schuljahr mit einer Freundin aus dem Kirchenchor in den gleichen Kurs geriet. „Als sie die anderen auf meine Stimme aufmerksam machte, hänselte mich keiner. Im Gegenteil, meine Schulkameraden waren fasziniert. Da verschwand meine Angst.“

Trotzdem begann er zunächst ein Musiklehrerstudium, inklusive Gesangsunterricht. Als der Cembalist Nicolau de Figueiredo ihn eines Tages an der Hochschule hörte, brach er in Tränen aus und sagte ihm auf den Kopf zu, er sei Sopranist. „Ich hatte keine Ahnung, wovon er spricht“, erinnert sich Bruno de Sá. „Ich war 23, alle waren begeistert. Es dauerte ein bisschen, aber dann habe ich mich empowert: Okay, wenn es das ist, was ich bin, dann gehe ich dem jetzt nach.“

2016 gewann er den Maria-Callas-Wettbewerb in São Paulo, es folgten das Opernstudio Basel, Engagements bei den Musikfestspielen Potsdam Sanssouci und beim Bayreuth Baroque Opera Festival. Er sang die Erste Dame in der „Zauberflöte“, Barbarina in „Le nozze di Figaro“, Sesto in „Giulio Cesare“ und vieles mehr. Letztes Jahr trat er am französischen Nationalfeiertag beim live übertragenen Concert de Paris auf, vor Millionenpublikum.

Die Karriere eines Überfliegers? Der Wechsel nach Europa war nicht leicht, manchmal fehlte ihm das Geld fürs Nötigste, und trotz mittlerweile gutem Einkommen und Wohnsitz in Berlin seit 2020 verweigerte die Bank ihm kürzlich einen Wohnungskaufkredit. „Ich bin Migrant und freischaffender Künstler, jede Bank hätte mir den Kredit verweigert.“

Dass er zunehmend auch Frauenrollen singt wie 2025 Donna Elvira, respektive Don Elviro, in Kiril Serebrennikovs „Don Giovanni“ an der Komischen Oper Berlin, bedeutet nicht, dass die Gendergrenzen für Bruno de Sá überwunden sind. Die Opernhäuser zögern mitunter, ihn zu besetzen. „Die gleiche stimmliche Besonderheit, die mir viele Türen geöffnet hat, macht es auch schwer für mich.“ Die Hoffnung, der Don Elviro werde Engagements an anderen Berliner Häusern nach sich ziehen, hat sich bislang nicht erfüllt.

Bruno de Sá liebt es, auf der Bühne jemand anderes zu sein. In der Tat kann er sich jedwede Rolle zu eigen machen, auch kleine Partien bringt er zum Leuchten. Was er nicht mag an seinem Beruf: dass er selten zu Hause ist und die Familie in Brasilien weit weg. „Es ist nicht einfach, enge Beziehungen einzugehen, wenn man ständig unterwegs ist, deshalb bin ich immer noch Single.“ Die Karriere verlange einen hohen Preis, ohne die Garantie, dass er sich auszahlt. Sein Rat an junge Sänger: „Du solltest wissen, was genau deine Leidenschaft ist. Wofür bist du bereit, den Preis zu zahlen?“

Im Agenturbüro hängt ein großes Porträt von Maria Callas. Träumt auch Bruno de Sá von einem Auftritt als Norma oder Violetta? „Fragen Sie mich besser nicht nach meiner Traumrolle“, meint er mit Blick auf die Diva an der Wand. „Ich verrate Ihnen lieber meinen Traumort.“ Einmal an der Mailänder Scala singen, das wäre sein größtes Glück.

Als Bruno de Sá ein Kind war, faszinierten ihn die Geschichten über die Flussgöttin Uyara. Hütet euch vor ihr, sagten die Erwachsenen über das mythische Wasserwesen. Sie kann die Menschen mit ihrem Gesang verzaubern, ja sogar in den Tod locken.

Der brasilianische Sopranist begann zu recherchieren. „Unglaublich, wie viele Märchen und Mythen über Meerjungfrauen es auf der ganzen Welt gibt“, sagt er beim Gespräch im Berliner Agenturbüro. „Sei es in Persien, Ägypten oder Japan, seien es die griechischen Sirenen, die Loreley am Rhein, die schottischen Selkies und eben die Uyaras vom Amazonas. All diese Zwitterwesen leben im Wasser, halb Mensch, halb Tier, mit einer verführerischen Stimme, die ihnen Macht verleiht.“

Auf seinem dritten Album, „Uyaras: The Enchanted Voice“, versammelt der 36-Jährige Lieder, Arien und Vokalisen, die von der Nixenwelt erzählen, darunter Heitor Villa-Lobos’ „Bachianas brasileiras Nr. 5“, Gershwins „Lorelei“, eine Schwan-Arie von Camille Saint-Saëns und Heinrich Prochs Koloraturarie „Deh! Torna mio bene“. Bruno de Sá nennt es ein Spiel mit den Identitäten. „In gewisser Weise porträtiere ich mich selbst. Ich bin ja ebenfalls eine Art Mischwesen, ein Mann mit einem Männerkörper und einer Frauenstimme. Die einen sind bezaubert von meinem Gesang, die anderen hassen ihn vielleicht, in jedem Fall hat er eine starke Wirkung.“

Aber Vorsicht! Bruno de Sá ist kein Zirkuspferd, das mit Stimmakrobatik und quecksilbrigen Spitzentönen besticht, er ist mehr als nur der Mann, der mit natürlicher Bruststimme weltweit wohl die höchsten Töne erreicht. Der 1989 in São Paulo geborene Sänger betört ebenso mit seinem Cantabile, mit der Wandelbarkeit seines schlanken Timbres – und der Breite seines Repertoires.

Ein Sopranist sollte vor allem Barock singen? Nein, sagt Bruno de Sá in den sozialen Medien. Er wird nicht müde, Facebook und Co. zu nutzen (185.000 Follower auf Instagram), um Vorurteile aus dem Weg zu räumen. Nein, er ist kein Falsettist, kein Countertenor, kein Kastrat, keine trans* Person, sondern ein männlicher Sopran.

Zudem reicht sein Repertoire vom Barock über die Klassik bis zum Belcanto der Primadonnen. Nach seinen Alben „Roma Travestita“ mit überwiegend barocken Kastratenarien und „Mille affetti“ mit Werken von Mozart und dessen Zeitgenossen stößt er mit „Uyaras“ nun bis ins 19. und 20. Jahrhundert vor.

„Ich denke zu hundert Prozent, dass meine besondere Stimme eine besondere Verantwortung mit sich bringt“, erläutert Bruno de Sá seinen pädagogischen Impuls. „Vor Jahrzehnten gab es andere Pioniere, von deren Kampf ich heute profitiere. Auch ich möchte Türen öffnen, die Tradition der Oper bewahren und gleichzeitig etwas gegen das Schubladendenken tun.“ Indem er zum Beispiel auch Frauen verkörpert.

Woher rührt seine Stimmhöhe? Beim venezolanischen Sopranisten Samuel Mariño war es eine natürliche Hormonstörung, bei Bruno de Sá war die Stimme im Alter von fünfzehn etwa ein halbes Jahr instabil. „Ein Stimmbruch, der eigentlich keiner war. Vermutlich hat es auch mit den Genen zu tun. Mein Vater singt ein schönes Falsett, meine Mutter ist ein hoher Sopran, auch mein Bruder hat eine sehr hohe Stimme. Heute habe ich extrem elastische Stimmbänder, die Stimmbänder eines Kindes im Körper eines Erwachsenen.“ Der Rest sei Training, Ausbildung, Gesangskunst.

Angesichts des Machismo in Brasilien war es nicht gerade opportun, als Junge eine helle Stimme zu haben und nicht Fußballer werden zu wollen, sondern Sänger. Also führte er eine Art Doppelexistenz. „Im Kirchenchor meiner Eltern war ich der ‚Popstar‘, die Kirche war mein Safe Space. In der Schule hielt ich den Mund, aus Angst vor Anfeindungen.“ Bis er im letzten Schuljahr mit einer Freundin aus dem Kirchenchor in den gleichen Kurs geriet. „Als sie die anderen auf meine Stimme aufmerksam machte, hänselte mich keiner. Im Gegenteil, meine Schulkameraden waren fasziniert. Da verschwand meine Angst.“

Trotzdem begann er zunächst ein Musiklehrerstudium, inklusive Gesangsunterricht. Als der Cembalist Nicolau de Figueiredo ihn eines Tages an der Hochschule hörte, brach er in Tränen aus und sagte ihm auf den Kopf zu, er sei Sopranist. „Ich hatte keine Ahnung, wovon er spricht“, erinnert sich Bruno de Sá. „Ich war 23, alle waren begeistert. Es dauerte ein bisschen, aber dann habe ich mich empowert: Okay, wenn es das ist, was ich bin, dann gehe ich dem jetzt nach.“

2016 gewann er den Maria-Callas-Wettbewerb in São Paulo, es folgten das Opernstudio Basel, Engagements bei den Musikfestspielen Potsdam Sanssouci und beim Bayreuth Baroque Opera Festival. Er sang die Erste Dame in der „Zauberflöte“, Barbarina in „Le nozze di Figaro“, Sesto in „Giulio Cesare“ und vieles mehr. Letztes Jahr trat er am französischen Nationalfeiertag beim live übertragenen Concert de Paris auf, vor Millionenpublikum.

Die Karriere eines Überfliegers? Der Wechsel nach Europa war nicht leicht, manchmal fehlte ihm das Geld fürs Nötigste, und trotz mittlerweile gutem Einkommen und Wohnsitz in Berlin seit 2020 verweigerte die Bank ihm kürzlich einen Wohnungskaufkredit. „Ich bin Migrant und freischaffender Künstler, jede Bank hätte mir den Kredit verweigert.“

Dass er zunehmend auch Frauenrollen singt wie 2025 Donna Elvira, respektive Don Elviro, in Kiril Serebrennikovs „Don Giovanni“ an der Komischen Oper Berlin, bedeutet nicht, dass die Gendergrenzen für Bruno de Sá überwunden sind. Die Opernhäuser zögern mitunter, ihn zu besetzen. „Die gleiche stimmliche Besonderheit, die mir viele Türen geöffnet hat, macht es auch schwer für mich.“ Die Hoffnung, der Don Elviro werde Engagements an anderen Berliner Häusern nach sich ziehen, hat sich bislang nicht erfüllt.

Bruno de Sá liebt es, auf der Bühne jemand anderes zu sein. In der Tat kann er sich jedwede Rolle zu eigen machen, auch kleine Partien bringt er zum Leuchten. Was er nicht mag an seinem Beruf: dass er selten zu Hause ist und die Familie in Brasilien weit weg. „Es ist nicht einfach, enge Beziehungen einzugehen, wenn man ständig unterwegs ist, deshalb bin ich immer noch Single.“ Die Karriere verlange einen hohen Preis, ohne die Garantie, dass er sich auszahlt. Sein Rat an junge Sänger: „Du solltest wissen, was genau deine Leidenschaft ist. Wofür bist du bereit, den Preis zu zahlen?“

Im Agenturbüro hängt ein großes Porträt von Maria Callas. Träumt auch Bruno de Sá von einem Auftritt als Norma oder Violetta? „Fragen Sie mich besser nicht nach meiner Traumrolle“, meint er mit Blick auf die Diva an der Wand. „Ich verrate Ihnen lieber meinen Traumort.“ Einmal an der Mailänder Scala singen, das wäre sein größtes Glück.

Mit einem Abonnement weiterlesen
Lesen Sie den gesamten Beitrag im E-Paper oder der aktuellen Printausgabe