So breit wie möglich
Statt eines neuen Solo-Albums hat Dejan Lazić lieber Mozarts Klavierquartette mit Freunden aufgenommen. Und das Rondo concertante für Quintett arrangiert.

Vorgestellt wird Dejan Lazić immer als „kroatischer Pianist“. Und wenn es um Fußball geht, merkt man, dass das Herz des bekennenden Fußballfans kroatisch schlägt. Allerdings kam Lazić schon als Jugendlicher nach Salzburg und hat lange in München gelebt, inzwischen wohnt er in Amsterdam, wo seine Frau als Geigerin im Orchester spielt. Der 43-Jährige tritt immer häufiger auch als Komponist in Erscheinung – und auf seiner neuen CD auch als Arrangeur.
Herr Lazić, ich habe Sie immer als Pianisten wahrgenommen, aber Sie sind ja auch Komponist und Klarinettist.
Stimmt, ich habe zwei Jahre nach dem Klavierstudium ein Klarinettenstudium angefangen. 1984, mit sieben Jahren, habe ich Milos Formans Film „Amadeus“ gesehen: Mozart spielte zwei Instrumente, und bei mir zu Hause gab es auch ein zweites Instrument, mein Vater spielte Klarinette, und so habe ich angefangen. Ich habe es wirklich geliebt, es gibt so viel tolle Kammermusik für Klarinette – und natürlich Mozarts letztes Instrumentalkonzert. Aber mit Mitte 20 habe ich mich entschieden, die Klarinette aufzugeben. Beides ging nicht.
Auf Ihrer ersten CD haben Sie Mozarts Klarinettenkonzert und das Klavierkonzert Es-Dur KV 449 eingespielt.
Das war zum Mozart-Jahr 1991, noch in Zagreb. Ich spiele noch ab und zu Klarinette, aber nicht öffentlich. Man muss einfach üben. Früher war es normal, dass Musiker mehrere Instrumente spielten und komponierten. Ich habe auch als Pianist viel gelernt vom Klarinettenspiel. Das Klavier ist ein abstraktes Instrument, wir Pianisten stellen uns immer vor, dass wir verschiedene Instrumente spielen: Hier ist die linke Hand das Cello, hier rechts setzt die Oboe ein usw. Ich habe früher jeden Sommer in Ungarn beim Bartók-Festival bei tollen Leuten Unterricht gehabt, gespielt, komponiert – das war großartig. Kocsis, Rohmann, Perenyi, Eötvös – mit denen hab ich Streichquartette und Opern vierhändig gespielt, das war wirklich ein umfassender Unterricht. Um Mozarts Klavierwerke spielen zu können, muss man seine Opern kennen. Schon früh war mir klar, dass Musik mehr ist, als nur die Noten zu spielen.
Warum haben Sie sich fürs Klavier entschieden?
Ich wollte auch komponieren. Und da hilft es, wenn man Klavier spielen kann. Aber ich hatte als Pianist auch viel mehr zu tun. Es gibt viel mehr Repertoire.
Warum sind Sie mit 14 Jahren nach Salzburg gegangen?
Imre Rohmann hat beim Bartók-Festival und am Mozarteum unterrichtet, und ihm bin ich nach Salzburg gefolgt. Er ist ein fantastischer Musiker und Lehrer, deshalb wollte ich nach Salzburg. Ich bin meinen Eltern immer noch dankbar, dass wir das gemacht haben. Ich war noch zu jung, deshalb sind sie mitgekommen.
Ein großer Schritt!
Absolut! Ich hab damals gar nicht richtig verstanden, was das für ein Risiko für meine Eltern war. Meine Mutter war Klavierlehrerin, sie hat weiter unterrichtet in Salzburg. Mein Vater war Ex-Tennisprofi und Musiker und arbeitete als Produzent beim Rundfunk. Ich bin immer noch traurig, dass ich nicht Tennis spielen konnte, aber das ging nicht als Pianist – so bin ich zum Fußball gewechselt. Und jetzt ist Kroatien Vizeweltmeister! Ich hatte schon in Kroatien viele Konzerte, meine Eltern haben gesehen, dass ich wirklich Musiker werden wollte. Auch wurde die Situation in Kroatien damals immer schwieriger. Aber es war nicht leicht für sie in Salzburg, das war ein Riesen-Opfer. Als ich 16 war, sind sie nach Kroatien zurückgegangen. Ich habe so viel gespielt, dass ich von den Gagen leben konnte – in Salzburg! Wow! Das war eine schöne Zeit. Ich konnte immer wechseln zwischen Klavier, Klarinette und Komponieren. Und ich hatte noch Zeit fürs Fußballspielen. Manchmal komme ich mir vor wie ein alter Mann, das ist nur 20, 25 Jahre her, aber in einem Musikerleben passiert so viel. Und man fängt so früh an! Ich hab vor zwei Jahren mein 30. Bühnenjubiläum gefeiert! Wenn ich Kinder hätte – ich weiß nicht, ob ich es gut fände, wenn sie professionelle, reisende Musiker werden wollten. Es gibt schon Druck, und man muss auch Glück haben. Und man muss off en sein für alles, Politik, Philosophie, andere Künste – alles hat mit der Musik zu tun. Es geht nicht nur um Fingersätze.
Wie teilen Sie Ihre Zeit zwischen Klavierspielen und Komponieren ein?
In etwa halbe halbe. Bis vor ein paar Jahren war es mehr Klavier. Aber inzwischen bekomme ich schöne Kompositionsaufträge, auch für größere Sachen, da muss man sich einfach Zeit nehmen. Komponieren ist viel Fleißarbeit. Der Sikorski-Musikverlag ist sehr unterstützend dabei, darüber bin ich sehr froh und dankbar!
Wo würden Sie Ihre Musik verorten?
Ich bin inspiriert von Bartók, Britten, Strawinsky. Ich schreibe Neue Musik, aber mit einem mehr oder weniger tonalen Zentrum. Ich bin stark inspiriert von Folklore, ich habe zum Beispiel ein Klavierkonzert im istrischen Stil geschrieben.
Die Klassikwelt wartet nicht wirklich auf Neue Musik – ist das nicht frustrierend?
Ja, allein wie viele Klavierkonzerte wir alle noch nicht gespielt haben! Martinů! Ich hab vor kurzem sein viertes Klavierkonzert gespielt, mindestens drei kenne ich noch gar nicht. Es ist alles übersättigt, der Konzert-, der Plattenmarkt. Ich bin ja ein Kind der 80er-Jahre, als der junge Ivo Pogorelich berühmt wurde. Man musste eine Karriere haben, um eine Platte aufzunehmen. Das hat sich geändert. Die Zeit wird aussieben, was bleibt und was nicht. Ich verstehe Leute, die Angst haben, ins Konzert zu gehen, wenn es nur Neue Musik gibt. Denn oft sehe ich Komponisten, die an Computern arbeiten, da passiert vieles aus Zufall, und das ist oft nicht das Inspirierteste. Aber wenn man es ausdruckt, sieht es schön aus.

Schreiben Sie für ein Publikum? Oder müssen Sie einfach komponieren?
Natürlich schreibe ich für ein Publikum, aber es ist auch ein Zwang, ich muss komponieren. Mein Ziel ist, dass die Musiker Spaß haben, wenn sie meine Musik spielen. Ich schreibe Musik, die ich selbst gern spielen würde. Wenn die Musiker Spaß haben, überträgt sich das aufs Publikum. Man kann das nicht richtig erklären: Ein Genie hat vor hundert oder zweihundert Jahren etwas geschrieben, wir spielen es auf der Bühne, die Schallwellen gelangen in die Ohren des Publikums, das verursacht eine emotionale und intellektuelle Reaktion, und diese „Vibes“, was immer das ist, was man nicht hören, aber spüren kann, kommen zurück und inspirieren mich wiederum, weiterzumachen oder zu reagieren. Das ist schon unglaublich.
Nur noch zu komponieren wäre nichts für Sie?
Nein, früher hat kein Komponist aufs Spielen verzichtet. Es sollte Hand in Hand gehen. Ich halte nicht viel von Spezialisierung. Als Spieler ist man anders kreativ. Als Pianist hilft es mir, dass ich weiß, wie sich ein Komponist fühlt, wenn er ein leeres Notenblatt vor sich hat und Entscheidungen treffen muss: welche Tonart, welches Metrum, welche Satzfolge usw. Wenn ich ein neues Stück lerne, frage ich mich: Warum hat der Komponist das so geschrieben? Man lernt, hinter die Töne zu schauen und zwischen den Zeilen zu lesen. Das Wesentlichste steht nicht in den Noten. Das weiß man intellektuell, aber das wirklich körperlich zu begreifen, braucht Zeit.
Auf einer Rundfunkaufnahme in den 90er-Jahren haben Sie Brahms’ Sonaten für Klarinette und Klavier allein eingespielt. Heute könnten Sie sich das Stück auch noch selbst schreiben.
Ja, die moderne Technik macht᾿s möglich. Aber das Tolle an Kammermusik ist der Dialog. Man kann auch Tischtennis mit der Wand spielen. Aber da fehlt etwas.
Furtwängler hat sich in erster Linie als Komponist gesehen, aber er klagte, dass er so viel Musik von anderen im Kopf hatte.
Mahler war gerade inspiriert von Musik der anderen. In meinem Klavierkonzert gibt es versteckte Hommagen an meine zehn Lieblings-Klavierkonzerte. Beethoven 4 und Rach 3 zum Beispiel, auch Bartók. Bartók ist mein Gott, als Mensch, als Komponist, als Pianist – als alles. Ich habe hunderte Male Beethoven gespielt, ich kann mich dem gar nicht entziehen. Aber ich sehe das als positiven Einfluss. Trotzdem verstehe ich, was Furtwängler meinte. Originell zu sein ist nicht so einfach.
Wann und wie komponieren Sie?
Wenn ich unterwegs bin als Pianist, habe ich immer mein Skizzenbuch dabei. Die Ideen kommen mir teils beim Improvisieren, teils beim Träumen – oft genau das, was ich brauche. Dann wache ich um drei Uhr morgens auf und muss es notieren. Aber die Partituren schreibe ich zu Hause, da sitze ich dann über zwei, drei, vier Wochen von 9 bis 17 Uhr.
Sie geben Ihren Werken Opuszahlen.
Ich bin total altmodisch. Ich schreibe mit Bleistift und Radiergummi – ich liebe meinen Bleistift. Und der Setzer hilft mir, das in den Computer zu übertragen. Ich bin immer noch sehr beeinflusst von den großen Komponisten, die Opuszahlen sind eine Art chronologischer Werdegang. Mit zehn Jahren habe ich mit meinem Opus 1 angefangen und habe das Zählen nicht aufgegeben.
Warum spielen Sie auch unbekannte Musik der Vergangenheit?
Es gibt große Musik, die wir noch nicht kennen. Wenn Beethoven sagt: Cramer und Clementi sind Genies, dann sollte man das ernst nehmen. Beethovens Violinkonzert in der Klavierfassung hätte ich auf meiner letzten CD mit Beethoven-Sonaten oder Variationen kombinieren können – und alle wären zufrieden gewesen. Aber ich dachte: Es muss doch noch was anderes geben. So bin ich auf die Sonaten von Clementi und Cramer gekommen. Bei der Cramer-Sonate war es wirklich schwierig, an die Noten zu kommen. Es gibt nur eine erste Edition von 1818. Ich hab sie in Utrecht gefunden und durfte sie mit offizieller Erlaubnis scannen. Auch die Liaisons-Reihe ist damals aus der Idee entstanden, den Zuhörern mal etwas anderes zu bieten – nämlich unterschiedliche Charaktere zu konfrontieren: Scarlatti und Bartók, Schumann und Brahms, C.P.E. Bach und Britten.
Können Sie die Raritäten auch im Konzert spielen?
Ich versuche es. Vor allem Festivals sind offen für Entdeckungen. Und meine Erfahrung ist, dass die Leute sich freuen, etwas Neues zu hören.
Das sollte eigentlich auch für Musik von heute gelten.
Ich glaube, manche Komponisten schreiben am Publikum einfach vorbei. Sie sitzen zu Hause vor dem Computer und spiegeln in ihren Werken nicht den Geist der Zeit. Natürlich braucht man seine künstlerische Unabhängigkeit und muss das Publikum auch fordern. Aber auch Mozart hat Sachen geschrieben, die den Wienern oder Parisern gefallen sollten – er musste ja davon leben. Ich glaube, der Schlüssel liegt in der Vielfalt. Das gebe ich auch den Schülern in meinen Meisterklassen mit: Versucht etwas zu schreiben, lernt ein zweites Instrument, versucht zu improvisieren. Versucht Euch so breit wie möglich aufzustellen.
Ist es da nicht kontraproduktiv, Kadenzen zu komponieren, wie Sie es für Klavierkonzerte von Beethoven, Mozart und Haydn gemacht haben?
Natürlich, man sollte sie improvisieren. Aber selbst Beethoven und Mozart haben einige Kadenzen niedergeschrieben, und schon Schnittke hat Mozart-Kadenzen geschrieben, das ist eine Kunstform für sich. Ich spiele verschiedene Kadenzen, und wenn mal eine wirklich gelingt und ich sie oft gespielt habe, dann kann ich sie auch niederschreiben, denke ich. In meinem eigenen Klavierkonzert ist die Kadenz im dritten Satz ad libitum, da lasse ich den Spielern viel Freiheit.
Warum widmen Sie sich auf Ihrer neuen CD Kammermusik von Mozart?
Jede neue CD muss wirklich etwas Besonderes sein und eine Aussage haben. Ich frage mich immer: Würde ich diese CD wirklich kaufen, wenn ich im CD-Laden stehen würde. Dies ist nach über 20 CDs meine erste Ensemble-Kammermusikaufnahme, und zwar mit langjährigen Freunden, mit denen ich seit meiner Salzburger Zeit viel Mozart zusammen gespielt habe. Es ist daher eine sehr persönliche Aufnahme, mit dabei ist auch eine neue Mozart-Bearbeitung von mir.
Ist das das ideale Leben: Komponieren, Klavier spielen, Kammermusik, Aufnahmestudio?
Ja. Und Fußball! Ich bin fast gestorben bei der letzten Weltmeisterschaft, danach musste ich Urlaub nehmen. Ein gutes Team, muss ich sagen! Und ein bisschen Glück gehört auch immer dazu.
Spielen Sie selbst noch?
Ja. Die meisten in unserer Mannschaft sind Musiker, alles nette Leute. Wir spielen, um Spaß zu haben.
Und Sie sind immer noch die 10?
Das muss sein. Wie Platini bei der EM 1984. Ich hab kein Idol mehr, aber die 10 muss ich tragen. Viele Orchester haben Fußballteams. Der NDR zum Beispiel, die haben eine tolle Mannschaft, wir haben gerade im September zusammen Fußball gespielt, als wir in der Elbphilharmonie Beethovens Klavierkonzert Nr. 5 spielten. Es gab früher sogar ein Turnier der deutschen Orchestermannschaft en. Ich war, als ich in München gewohnt habe, im Team der Münchner Philharmoniker.
Und nun leben Sie seit fast zehn Jahren in Amsterdam.
Die Stadt ist toll, das Musikleben ist fantastisch, und man kann gut leben hier. Es ist eine internationale Stadt, groß, aber nicht zu groß. Man kann alles zu Fuß oder mit dem Fahrrad machen. Und als Musiker braucht man eine Basis, die verkehrsgünstig liegt. Da ist Amsterdam ideal.
Vorgestellt wird Dejan Lazić immer als „kroatischer Pianist“. Und wenn es um Fußball geht, merkt man, dass das Herz des bekennenden Fußballfans kroatisch schlägt. Allerdings kam Lazić schon als Jugendlicher nach Salzburg und hat lange in München gelebt, inzwischen wohnt er in Amsterdam, wo seine Frau als Geigerin im Orchester spielt. Der 43-Jährige tritt immer häufiger auch als Komponist in Erscheinung – und auf seiner neuen CD auch als Arrangeur.
Herr Lazić, ich habe Sie immer als Pianisten wahrgenommen, aber Sie sind ja auch Komponist und Klarinettist.
Stimmt, ich habe zwei Jahre nach dem Klavierstudium ein Klarinettenstudium angefangen. 1984, mit sieben Jahren, habe ich Milos Formans Film „Amadeus“ gesehen: Mozart spielte zwei Instrumente, und bei mir zu Hause gab es auch ein zweites Instrument, mein Vater spielte Klarinette, und so habe ich angefangen. Ich habe es wirklich geliebt, es gibt so viel tolle Kammermusik für Klarinette – und natürlich Mozarts letztes Instrumentalkonzert. Aber mit Mitte 20 habe ich mich entschieden, die Klarinette aufzugeben. Beides ging nicht.
Auf Ihrer ersten CD haben Sie Mozarts Klarinettenkonzert und das Klavierkonzert Es-Dur KV 449 eingespielt.
Das war zum Mozart-Jahr 1991, noch in Zagreb. Ich spiele noch ab und zu Klarinette, aber nicht öffentlich. Man muss einfach üben. Früher war es normal, dass Musiker mehrere Instrumente spielten und komponierten. Ich habe auch als Pianist viel gelernt vom Klarinettenspiel. Das Klavier ist ein abstraktes Instrument, wir Pianisten stellen uns immer vor, dass wir verschiedene Instrumente spielen: Hier ist die linke Hand das Cello, hier rechts setzt die Oboe ein usw. Ich habe früher jeden Sommer in Ungarn beim Bartók-Festival bei tollen Leuten Unterricht gehabt, gespielt, komponiert – das war großartig. Kocsis, Rohmann, Perenyi, Eötvös – mit denen hab ich Streichquartette und Opern vierhändig gespielt, das war wirklich ein umfassender Unterricht. Um Mozarts Klavierwerke spielen zu können, muss man seine Opern kennen. Schon früh war mir klar, dass Musik mehr ist, als nur die Noten zu spielen.
Warum haben Sie sich fürs Klavier entschieden?
Ich wollte auch komponieren. Und da hilft es, wenn man Klavier spielen kann. Aber ich hatte als Pianist auch viel mehr zu tun. Es gibt viel mehr Repertoire.
Warum sind Sie mit 14 Jahren nach Salzburg gegangen?
Imre Rohmann hat beim Bartók-Festival und am Mozarteum unterrichtet, und ihm bin ich nach Salzburg gefolgt. Er ist ein fantastischer Musiker und Lehrer, deshalb wollte ich nach Salzburg. Ich bin meinen Eltern immer noch dankbar, dass wir das gemacht haben. Ich war noch zu jung, deshalb sind sie mitgekommen.
Ein großer Schritt!
Absolut! Ich hab damals gar nicht richtig verstanden, was das für ein Risiko für meine Eltern war. Meine Mutter war Klavierlehrerin, sie hat weiter unterrichtet in Salzburg. Mein Vater war Ex-Tennisprofi und Musiker und arbeitete als Produzent beim Rundfunk. Ich bin immer noch traurig, dass ich nicht Tennis spielen konnte, aber das ging nicht als Pianist – so bin ich zum Fußball gewechselt. Und jetzt ist Kroatien Vizeweltmeister! Ich hatte schon in Kroatien viele Konzerte, meine Eltern haben gesehen, dass ich wirklich Musiker werden wollte. Auch wurde die Situation in Kroatien damals immer schwieriger. Aber es war nicht leicht für sie in Salzburg, das war ein Riesen-Opfer. Als ich 16 war, sind sie nach Kroatien zurückgegangen. Ich habe so viel gespielt, dass ich von den Gagen leben konnte – in Salzburg! Wow! Das war eine schöne Zeit. Ich konnte immer wechseln zwischen Klavier, Klarinette und Komponieren. Und ich hatte noch Zeit fürs Fußballspielen. Manchmal komme ich mir vor wie ein alter Mann, das ist nur 20, 25 Jahre her, aber in einem Musikerleben passiert so viel. Und man fängt so früh an! Ich hab vor zwei Jahren mein 30. Bühnenjubiläum gefeiert! Wenn ich Kinder hätte – ich weiß nicht, ob ich es gut fände, wenn sie professionelle, reisende Musiker werden wollten. Es gibt schon Druck, und man muss auch Glück haben. Und man muss off en sein für alles, Politik, Philosophie, andere Künste – alles hat mit der Musik zu tun. Es geht nicht nur um Fingersätze.
Wie teilen Sie Ihre Zeit zwischen Klavierspielen und Komponieren ein?
In etwa halbe halbe. Bis vor ein paar Jahren war es mehr Klavier. Aber inzwischen bekomme ich schöne Kompositionsaufträge, auch für größere Sachen, da muss man sich einfach Zeit nehmen. Komponieren ist viel Fleißarbeit. Der Sikorski-Musikverlag ist sehr unterstützend dabei, darüber bin ich sehr froh und dankbar!
Wo würden Sie Ihre Musik verorten?
Ich bin inspiriert von Bartók, Britten, Strawinsky. Ich schreibe Neue Musik, aber mit einem mehr oder weniger tonalen Zentrum. Ich bin stark inspiriert von Folklore, ich habe zum Beispiel ein Klavierkonzert im istrischen Stil geschrieben.
Die Klassikwelt wartet nicht wirklich auf Neue Musik – ist das nicht frustrierend?
Ja, allein wie viele Klavierkonzerte wir alle noch nicht gespielt haben! Martinů! Ich hab vor kurzem sein viertes Klavierkonzert gespielt, mindestens drei kenne ich noch gar nicht. Es ist alles übersättigt, der Konzert-, der Plattenmarkt. Ich bin ja ein Kind der 80er-Jahre, als der junge Ivo Pogorelich berühmt wurde. Man musste eine Karriere haben, um eine Platte aufzunehmen. Das hat sich geändert. Die Zeit wird aussieben, was bleibt und was nicht. Ich verstehe Leute, die Angst haben, ins Konzert zu gehen, wenn es nur Neue Musik gibt. Denn oft sehe ich Komponisten, die an Computern arbeiten, da passiert vieles aus Zufall, und das ist oft nicht das Inspirierteste. Aber wenn man es ausdruckt, sieht es schön aus.

Schreiben Sie für ein Publikum? Oder müssen Sie einfach komponieren?
Natürlich schreibe ich für ein Publikum, aber es ist auch ein Zwang, ich muss komponieren. Mein Ziel ist, dass die Musiker Spaß haben, wenn sie meine Musik spielen. Ich schreibe Musik, die ich selbst gern spielen würde. Wenn die Musiker Spaß haben, überträgt sich das aufs Publikum. Man kann das nicht richtig erklären: Ein Genie hat vor hundert oder zweihundert Jahren etwas geschrieben, wir spielen es auf der Bühne, die Schallwellen gelangen in die Ohren des Publikums, das verursacht eine emotionale und intellektuelle Reaktion, und diese „Vibes“, was immer das ist, was man nicht hören, aber spüren kann, kommen zurück und inspirieren mich wiederum, weiterzumachen oder zu reagieren. Das ist schon unglaublich.
Nur noch zu komponieren wäre nichts für Sie?
Nein, früher hat kein Komponist aufs Spielen verzichtet. Es sollte Hand in Hand gehen. Ich halte nicht viel von Spezialisierung. Als Spieler ist man anders kreativ. Als Pianist hilft es mir, dass ich weiß, wie sich ein Komponist fühlt, wenn er ein leeres Notenblatt vor sich hat und Entscheidungen treffen muss: welche Tonart, welches Metrum, welche Satzfolge usw. Wenn ich ein neues Stück lerne, frage ich mich: Warum hat der Komponist das so geschrieben? Man lernt, hinter die Töne zu schauen und zwischen den Zeilen zu lesen. Das Wesentlichste steht nicht in den Noten. Das weiß man intellektuell, aber das wirklich körperlich zu begreifen, braucht Zeit.
Auf einer Rundfunkaufnahme in den 90er-Jahren haben Sie Brahms’ Sonaten für Klarinette und Klavier allein eingespielt. Heute könnten Sie sich das Stück auch noch selbst schreiben.
Ja, die moderne Technik macht᾿s möglich. Aber das Tolle an Kammermusik ist der Dialog. Man kann auch Tischtennis mit der Wand spielen. Aber da fehlt etwas.
Furtwängler hat sich in erster Linie als Komponist gesehen, aber er klagte, dass er so viel Musik von anderen im Kopf hatte.
Mahler war gerade inspiriert von Musik der anderen. In meinem Klavierkonzert gibt es versteckte Hommagen an meine zehn Lieblings-Klavierkonzerte. Beethoven 4 und Rach 3 zum Beispiel, auch Bartók. Bartók ist mein Gott, als Mensch, als Komponist, als Pianist – als alles. Ich habe hunderte Male Beethoven gespielt, ich kann mich dem gar nicht entziehen. Aber ich sehe das als positiven Einfluss. Trotzdem verstehe ich, was Furtwängler meinte. Originell zu sein ist nicht so einfach.
Wann und wie komponieren Sie?
Wenn ich unterwegs bin als Pianist, habe ich immer mein Skizzenbuch dabei. Die Ideen kommen mir teils beim Improvisieren, teils beim Träumen – oft genau das, was ich brauche. Dann wache ich um drei Uhr morgens auf und muss es notieren. Aber die Partituren schreibe ich zu Hause, da sitze ich dann über zwei, drei, vier Wochen von 9 bis 17 Uhr.
Sie geben Ihren Werken Opuszahlen.
Ich bin total altmodisch. Ich schreibe mit Bleistift und Radiergummi – ich liebe meinen Bleistift. Und der Setzer hilft mir, das in den Computer zu übertragen. Ich bin immer noch sehr beeinflusst von den großen Komponisten, die Opuszahlen sind eine Art chronologischer Werdegang. Mit zehn Jahren habe ich mit meinem Opus 1 angefangen und habe das Zählen nicht aufgegeben.
Warum spielen Sie auch unbekannte Musik der Vergangenheit?
Es gibt große Musik, die wir noch nicht kennen. Wenn Beethoven sagt: Cramer und Clementi sind Genies, dann sollte man das ernst nehmen. Beethovens Violinkonzert in der Klavierfassung hätte ich auf meiner letzten CD mit Beethoven-Sonaten oder Variationen kombinieren können – und alle wären zufrieden gewesen. Aber ich dachte: Es muss doch noch was anderes geben. So bin ich auf die Sonaten von Clementi und Cramer gekommen. Bei der Cramer-Sonate war es wirklich schwierig, an die Noten zu kommen. Es gibt nur eine erste Edition von 1818. Ich hab sie in Utrecht gefunden und durfte sie mit offizieller Erlaubnis scannen. Auch die Liaisons-Reihe ist damals aus der Idee entstanden, den Zuhörern mal etwas anderes zu bieten – nämlich unterschiedliche Charaktere zu konfrontieren: Scarlatti und Bartók, Schumann und Brahms, C.P.E. Bach und Britten.
Können Sie die Raritäten auch im Konzert spielen?
Ich versuche es. Vor allem Festivals sind offen für Entdeckungen. Und meine Erfahrung ist, dass die Leute sich freuen, etwas Neues zu hören.
Das sollte eigentlich auch für Musik von heute gelten.
Ich glaube, manche Komponisten schreiben am Publikum einfach vorbei. Sie sitzen zu Hause vor dem Computer und spiegeln in ihren Werken nicht den Geist der Zeit. Natürlich braucht man seine künstlerische Unabhängigkeit und muss das Publikum auch fordern. Aber auch Mozart hat Sachen geschrieben, die den Wienern oder Parisern gefallen sollten – er musste ja davon leben. Ich glaube, der Schlüssel liegt in der Vielfalt. Das gebe ich auch den Schülern in meinen Meisterklassen mit: Versucht etwas zu schreiben, lernt ein zweites Instrument, versucht zu improvisieren. Versucht Euch so breit wie möglich aufzustellen.
Ist es da nicht kontraproduktiv, Kadenzen zu komponieren, wie Sie es für Klavierkonzerte von Beethoven, Mozart und Haydn gemacht haben?
Natürlich, man sollte sie improvisieren. Aber selbst Beethoven und Mozart haben einige Kadenzen niedergeschrieben, und schon Schnittke hat Mozart-Kadenzen geschrieben, das ist eine Kunstform für sich. Ich spiele verschiedene Kadenzen, und wenn mal eine wirklich gelingt und ich sie oft gespielt habe, dann kann ich sie auch niederschreiben, denke ich. In meinem eigenen Klavierkonzert ist die Kadenz im dritten Satz ad libitum, da lasse ich den Spielern viel Freiheit.
Warum widmen Sie sich auf Ihrer neuen CD Kammermusik von Mozart?
Jede neue CD muss wirklich etwas Besonderes sein und eine Aussage haben. Ich frage mich immer: Würde ich diese CD wirklich kaufen, wenn ich im CD-Laden stehen würde. Dies ist nach über 20 CDs meine erste Ensemble-Kammermusikaufnahme, und zwar mit langjährigen Freunden, mit denen ich seit meiner Salzburger Zeit viel Mozart zusammen gespielt habe. Es ist daher eine sehr persönliche Aufnahme, mit dabei ist auch eine neue Mozart-Bearbeitung von mir.
Ist das das ideale Leben: Komponieren, Klavier spielen, Kammermusik, Aufnahmestudio?
Ja. Und Fußball! Ich bin fast gestorben bei der letzten Weltmeisterschaft, danach musste ich Urlaub nehmen. Ein gutes Team, muss ich sagen! Und ein bisschen Glück gehört auch immer dazu.
Spielen Sie selbst noch?
Ja. Die meisten in unserer Mannschaft sind Musiker, alles nette Leute. Wir spielen, um Spaß zu haben.
Und Sie sind immer noch die 10?
Das muss sein. Wie Platini bei der EM 1984. Ich hab kein Idol mehr, aber die 10 muss ich tragen. Viele Orchester haben Fußballteams. Der NDR zum Beispiel, die haben eine tolle Mannschaft, wir haben gerade im September zusammen Fußball gespielt, als wir in der Elbphilharmonie Beethovens Klavierkonzert Nr. 5 spielten. Es gab früher sogar ein Turnier der deutschen Orchestermannschaft en. Ich war, als ich in München gewohnt habe, im Team der Münchner Philharmoniker.
Und nun leben Sie seit fast zehn Jahren in Amsterdam.
Die Stadt ist toll, das Musikleben ist fantastisch, und man kann gut leben hier. Es ist eine internationale Stadt, groß, aber nicht zu groß. Man kann alles zu Fuß oder mit dem Fahrrad machen. Und als Musiker braucht man eine Basis, die verkehrsgünstig liegt. Da ist Amsterdam ideal.



