Interview & Porträt

Sprechende Töne

Von
Carlos Maria Solare
Erschienen in der Printausgabe im
Februar 2021
Lesezeit ca.
…
Minuten
Das Signum Quartett zählt zu den renommiertesten jungen Streichquartetten.
Das Signum Quartett zählt zu den renommiertesten jungen Streichquartetten.

Der Finalsatz von Franz Schuberts Streichquartett in d-Moll („Der Tod und das Mädchen“) ist ein Musterbeispiel musikalischer Schauerromantik mit seinem unaufhaltsam vorwärtsschreitenden Rhythmus, bei dem man sich einen durch den finsteren Wald galoppierenden Wilden Reiter vorstellen kann. Im größtmöglichen Kontrast hierzu dringt heute die Musik zu mir, während ich in der warmen Mittagssonne eines spätsommerlichen Tages auf den Eingangsstufen eines Hauses sitze. Drinnen probt das Signum Quartett. Ich kann die Musiker durch das Fenster sehen, bringe es aber nicht fertig, mich bemerkbar zu machen, bevor der Satz zu Ende gespielt und die Mittagspause eingeläutet wird. Wenn dann in konzertierter Aktion der Tisch gedeckt und eine Riesenportion Spaghetti zubereitet wird, unterhalten wir uns über die anstehende zweite Folge des Schubert-Projektes.

„Der Vorschlag, den großen späten Streichquartetten von Schubert seine frühen, viel weniger bekannten Werke in dieser Gattung gegenüberzustellen, kam vom Label Pentatone“, erzählt der Bratschist Xandi van Dijk. „Bei den Überlegungen, wie wir diesem Vorhaben eine besondere Note geben könnten, haben wir uns von dem Wissen leiten lassen, dass Schubert oft musikalisches Material aus seinen Liedern in seine kammermusikalischen Werke hat einfließen lassen. Wir gehen jetzt den umgekehrten Weg und lassen einige seiner Lieder Streichquartettmusik werden.“ Die Übertragung der Schubert-Lieder auf das neue Medium liegt in den Händen van Dijks, der auch Komponist und zudem ein „musikalischer Allesfresser“ ist, wie ihm seine Mitstreiter attestieren. In den Worten des Cellisten Thomas Schmitz hat er „ein Gefühl dafür entwickelt, wie etwas am besten zu setzen sei, wo eine Textur ausgedünnt werden sollte, welche Tonart die günstigste für ein bestimmtes Lied ist. Denn das Ganze soll eine geschlossene Dramaturgie, eine in jeder Hinsicht harmonische Entwicklung ergeben.“

„Ich finde, dass die Lieder in dieser Form ein eigenes Leben bekommen haben“, ergänzt der Primarius Florian Donderer, „wobei wir ihre ursprüngliche Gestalt stets vor Augen haben und uns – auch interpretatorisch – von den Liedtexten beeinflussen lassen.“ Donderer findet die Abfolge der Werke jetzt „noch zwingender“ als beim vorausgegangenen, mehrfach prämierten Album „Aus der Ferne“. Dieses Mal hätten sie sich nämlich „mehr getraut“, etwa indem sie den Übergang vom frühen zum späten Schubert mit einem Ausschnitt aus dem Lied „Der Tod und das Mädchen“ markiert haben, und zwar mit dem Teil, der im gleichnamigen Streichquartett nicht berücksichtigt wird. „Wir haben uns zwar Sorgen gemacht, ob das ,erlaubt‘ sei, aber es passte einfach so wunderbar! Dadurch wird das Ganze zu einer durchgehenden, sehr spannenden Sequenz.“ Van Dijk zieht eine Parallele zu Hector Berlioz’ „Episode aus dem Leben eines Künstlers“: Nachdem die „Symphonie Fantastique“ erklungen ist, erscheint das Alter Ego des Komponisten auf der Bühne und erklärt alles Vorausgegangene zu einem Traum. In der Schubert’schen Dramaturgie des Signum Quartetts lassen die atemlosen Phrasen von „Vorüber, ach vorüber“ gleichsam die Wolken heraufziehen, leiten nach dem heiteren Jugendwerk die gespenstische Welt des Todes und des Mädchens ein.

Alle Mitglieder des Signum Quartetts sind sich darüber einig, dass die oft unterschätzten frühen Streichquartette von Schubert eine besondere Faszination ausüben. „Sie haben ihre eigene Sprache, die man erlernen muss, um diese Einfachheit darstellen zu können“, meint die Geigerin Annette Walther, wobei Donderer ergänzt, dass ihnen diese Sprache durchaus liege, denn sie sind ein klassisch orientiertes Ensemble, das „von Haydn kommt“, und gerade das D-Dur-Quartett (D 74), das auf dem neuen Album enthalten ist, „hat etwas Haydn’sches an sich“. „Dieser langsame Satz!“, schwärmt van Dijk: „Das mag kein später Beethoven sein von der Reife her, aber er ist genauso tiefgehend.“ „Und dabei war er erst um die 15 Jahre alt“, erinnert sich Schmitz und merkt an, dass Schuberts frühe Streichquartette genauso viel Vorbereitungszeit und -arbeit erfordern wie ihre berühmteren Schwesterwerke.

Eine dritte Folge der Schubert-Reihe ist bereits in Planung; darin soll Schuberts letztes Streichquartett mit dessen allererstem Werk derselben Gattung kombiniert und somit eine „Trilogie“ abgeschlossen werden. „Da das große G-Dur-Quartett so lang ist, wird auf der CD wenig Platz für Lied-Bearbeitungen übrig bleiben“, sagt van Dijk und ergänzt augenzwinkernd, dass es auch sehr kurze Schubert-Lieder gibt. „Je mehr wir seine Lieder spielen“, fährt er fort, „desto mehr merken wir die gegenseitige Befruchtung, die sich zwischen den beiden musikalischen Welten des Liedes und der Instrumentalmusik bei ihm ergab. Jedes Ensemble, das Schubert spielt, sollte sich mit seinen Liedern beschäftigen, denn das bereichert unermesslich das Verständnis seiner Streichquartette!“ Das Signum Quartett wurde 1994 gegründet und spielt seit 2015 in der jetzigen Besetzung. Im Laufe der Jahre hat das Ensemble – das mehrere Preise und Auszeichnungen gewonnen hat – über ein Dutzend CDs eingespielt. Allein 2019 wurden neben dem Schubert-Album auch Werke von Ludwig van Beethoven (sein op. 130 samt „Großer Fuge“), Erkki-Sven Tüür und Kevin Volans aufgenommen, ein Beweis dafür, dass sich die vier gerade auf einem regelrechten Höhenflug befinden. Der letztgenannte Komponist ist übrigens nur einer von vielen, die Werke für das Signum Quartett geschrieben haben.

Mit der Absicht, den Puls der kompositorischen Gegenwart genau zu verfolgen, hat das rührige Ensemble das fortlaufende Projekt #quartweet ins Leben gerufen. „Möglichst viele Komponisten und kompositorische Richtungen kennenzulernen geht nur, wenn die einzelnen Stücke nicht zu lang sind“, erläutert Schmitz. „Im modernen Leben steht bekanntlich Twitter dafür, in aller Kürze etwas mitzuteilen. Die Maximallänge eines Tweets lag ursprünglich bei 140 Zeichen; zudem haben wir festgestellt, dass keine der „Bagatellen“ für Streichquartett von Anton Webern mehr als 140 Noten enthält: Es ist also möglich, in knappster Form Meisterwerke zu schaffen!“

Das Quartett ging mit dieser Idee an die Öffentlichkeit und erhielt eine phänomenale Resonanz: Sowohl Schüler als auch Hobbymusiker bis hin zu gestandenen, renommierten Komponisten wie Volans, Brett Dean oder Bruno Mantovani haben die Herausforderung angenommen, mit höchstens 140 musikalischen Zeichen eine sinnvolle musikalische Aussage zu machen. Auf der Homepage des Signum Quartetts ist eine Auswahl der eingesandten Kompositionen zu hören, aus der ersichtlich wird, „wie sehr unterschiedlich die Menschen mit der Notwendigkeit umgehen, sich wirklich kurz fassen zu müssen“. Für van Dijk sind die #quartweets vergleichbar mit einer Anthologie von Gedichten, die einen Überblick über einen bestimmten kulturellen Moment bietet.

Das Signum Quartett versteht sich als „ein klassisch ausgebildetes Ensemble“, dem jedoch die herkömmliche Programmzusammenstellung à la „Haydn – Modernes Werk – Beethoven“ zu einfältig ist. Zudem sieht es die neuere Musik, die ein Eckpfeiler seines Repertoires darstellt, nicht als etwas, das irgendwie anders anzugehen sei. Für sie ist ein „fürchterlich kompliziert geschriebenes“ Werk wie etwa „Arcadiana“ von Thomas Adès auch „klassische Musik“, wenn man es nur organisch angeht, mit denselben Mitteln, die man auch bei Schubert anwendet: „Denn wir machen ja Musik, um andere Menschen anzusprechen, sie anzurühren mit menschlichen Gesten, und da ist es nebensächlich, in welchem Stil die Musik geschrieben ist.“

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Der Finalsatz von Franz Schuberts Streichquartett in d-Moll („Der Tod und das Mädchen“) ist ein Musterbeispiel musikalischer Schauerromantik mit seinem unaufhaltsam vorwärtsschreitenden Rhythmus, bei dem man sich einen durch den finsteren Wald galoppierenden Wilden Reiter vorstellen kann. Im größtmöglichen Kontrast hierzu dringt heute die Musik zu mir, während ich in der warmen Mittagssonne eines spätsommerlichen Tages auf den Eingangsstufen eines Hauses sitze. Drinnen probt das Signum Quartett. Ich kann die Musiker durch das Fenster sehen, bringe es aber nicht fertig, mich bemerkbar zu machen, bevor der Satz zu Ende gespielt und die Mittagspause eingeläutet wird. Wenn dann in konzertierter Aktion der Tisch gedeckt und eine Riesenportion Spaghetti zubereitet wird, unterhalten wir uns über die anstehende zweite Folge des Schubert-Projektes.

„Der Vorschlag, den großen späten Streichquartetten von Schubert seine frühen, viel weniger bekannten Werke in dieser Gattung gegenüberzustellen, kam vom Label Pentatone“, erzählt der Bratschist Xandi van Dijk. „Bei den Überlegungen, wie wir diesem Vorhaben eine besondere Note geben könnten, haben wir uns von dem Wissen leiten lassen, dass Schubert oft musikalisches Material aus seinen Liedern in seine kammermusikalischen Werke hat einfließen lassen. Wir gehen jetzt den umgekehrten Weg und lassen einige seiner Lieder Streichquartettmusik werden.“ Die Übertragung der Schubert-Lieder auf das neue Medium liegt in den Händen van Dijks, der auch Komponist und zudem ein „musikalischer Allesfresser“ ist, wie ihm seine Mitstreiter attestieren. In den Worten des Cellisten Thomas Schmitz hat er „ein Gefühl dafür entwickelt, wie etwas am besten zu setzen sei, wo eine Textur ausgedünnt werden sollte, welche Tonart die günstigste für ein bestimmtes Lied ist. Denn das Ganze soll eine geschlossene Dramaturgie, eine in jeder Hinsicht harmonische Entwicklung ergeben.“

„Ich finde, dass die Lieder in dieser Form ein eigenes Leben bekommen haben“, ergänzt der Primarius Florian Donderer, „wobei wir ihre ursprüngliche Gestalt stets vor Augen haben und uns – auch interpretatorisch – von den Liedtexten beeinflussen lassen.“ Donderer findet die Abfolge der Werke jetzt „noch zwingender“ als beim vorausgegangenen, mehrfach prämierten Album „Aus der Ferne“. Dieses Mal hätten sie sich nämlich „mehr getraut“, etwa indem sie den Übergang vom frühen zum späten Schubert mit einem Ausschnitt aus dem Lied „Der Tod und das Mädchen“ markiert haben, und zwar mit dem Teil, der im gleichnamigen Streichquartett nicht berücksichtigt wird. „Wir haben uns zwar Sorgen gemacht, ob das ,erlaubt‘ sei, aber es passte einfach so wunderbar! Dadurch wird das Ganze zu einer durchgehenden, sehr spannenden Sequenz.“ Van Dijk zieht eine Parallele zu Hector Berlioz’ „Episode aus dem Leben eines Künstlers“: Nachdem die „Symphonie Fantastique“ erklungen ist, erscheint das Alter Ego des Komponisten auf der Bühne und erklärt alles Vorausgegangene zu einem Traum. In der Schubert’schen Dramaturgie des Signum Quartetts lassen die atemlosen Phrasen von „Vorüber, ach vorüber“ gleichsam die Wolken heraufziehen, leiten nach dem heiteren Jugendwerk die gespenstische Welt des Todes und des Mädchens ein.

Alle Mitglieder des Signum Quartetts sind sich darüber einig, dass die oft unterschätzten frühen Streichquartette von Schubert eine besondere Faszination ausüben. „Sie haben ihre eigene Sprache, die man erlernen muss, um diese Einfachheit darstellen zu können“, meint die Geigerin Annette Walther, wobei Donderer ergänzt, dass ihnen diese Sprache durchaus liege, denn sie sind ein klassisch orientiertes Ensemble, das „von Haydn kommt“, und gerade das D-Dur-Quartett (D 74), das auf dem neuen Album enthalten ist, „hat etwas Haydn’sches an sich“. „Dieser langsame Satz!“, schwärmt van Dijk: „Das mag kein später Beethoven sein von der Reife her, aber er ist genauso tiefgehend.“ „Und dabei war er erst um die 15 Jahre alt“, erinnert sich Schmitz und merkt an, dass Schuberts frühe Streichquartette genauso viel Vorbereitungszeit und -arbeit erfordern wie ihre berühmteren Schwesterwerke.

Eine dritte Folge der Schubert-Reihe ist bereits in Planung; darin soll Schuberts letztes Streichquartett mit dessen allererstem Werk derselben Gattung kombiniert und somit eine „Trilogie“ abgeschlossen werden. „Da das große G-Dur-Quartett so lang ist, wird auf der CD wenig Platz für Lied-Bearbeitungen übrig bleiben“, sagt van Dijk und ergänzt augenzwinkernd, dass es auch sehr kurze Schubert-Lieder gibt. „Je mehr wir seine Lieder spielen“, fährt er fort, „desto mehr merken wir die gegenseitige Befruchtung, die sich zwischen den beiden musikalischen Welten des Liedes und der Instrumentalmusik bei ihm ergab. Jedes Ensemble, das Schubert spielt, sollte sich mit seinen Liedern beschäftigen, denn das bereichert unermesslich das Verständnis seiner Streichquartette!“ Das Signum Quartett wurde 1994 gegründet und spielt seit 2015 in der jetzigen Besetzung. Im Laufe der Jahre hat das Ensemble – das mehrere Preise und Auszeichnungen gewonnen hat – über ein Dutzend CDs eingespielt. Allein 2019 wurden neben dem Schubert-Album auch Werke von Ludwig van Beethoven (sein op. 130 samt „Großer Fuge“), Erkki-Sven Tüür und Kevin Volans aufgenommen, ein Beweis dafür, dass sich die vier gerade auf einem regelrechten Höhenflug befinden. Der letztgenannte Komponist ist übrigens nur einer von vielen, die Werke für das Signum Quartett geschrieben haben.

Mit der Absicht, den Puls der kompositorischen Gegenwart genau zu verfolgen, hat das rührige Ensemble das fortlaufende Projekt #quartweet ins Leben gerufen. „Möglichst viele Komponisten und kompositorische Richtungen kennenzulernen geht nur, wenn die einzelnen Stücke nicht zu lang sind“, erläutert Schmitz. „Im modernen Leben steht bekanntlich Twitter dafür, in aller Kürze etwas mitzuteilen. Die Maximallänge eines Tweets lag ursprünglich bei 140 Zeichen; zudem haben wir festgestellt, dass keine der „Bagatellen“ für Streichquartett von Anton Webern mehr als 140 Noten enthält: Es ist also möglich, in knappster Form Meisterwerke zu schaffen!“

Das Quartett ging mit dieser Idee an die Öffentlichkeit und erhielt eine phänomenale Resonanz: Sowohl Schüler als auch Hobbymusiker bis hin zu gestandenen, renommierten Komponisten wie Volans, Brett Dean oder Bruno Mantovani haben die Herausforderung angenommen, mit höchstens 140 musikalischen Zeichen eine sinnvolle musikalische Aussage zu machen. Auf der Homepage des Signum Quartetts ist eine Auswahl der eingesandten Kompositionen zu hören, aus der ersichtlich wird, „wie sehr unterschiedlich die Menschen mit der Notwendigkeit umgehen, sich wirklich kurz fassen zu müssen“. Für van Dijk sind die #quartweets vergleichbar mit einer Anthologie von Gedichten, die einen Überblick über einen bestimmten kulturellen Moment bietet.

Das Signum Quartett versteht sich als „ein klassisch ausgebildetes Ensemble“, dem jedoch die herkömmliche Programmzusammenstellung à la „Haydn – Modernes Werk – Beethoven“ zu einfältig ist. Zudem sieht es die neuere Musik, die ein Eckpfeiler seines Repertoires darstellt, nicht als etwas, das irgendwie anders anzugehen sei. Für sie ist ein „fürchterlich kompliziert geschriebenes“ Werk wie etwa „Arcadiana“ von Thomas Adès auch „klassische Musik“, wenn man es nur organisch angeht, mit denselben Mitteln, die man auch bei Schubert anwendet: „Denn wir machen ja Musik, um andere Menschen anzusprechen, sie anzurühren mit menschlichen Gesten, und da ist es nebensächlich, in welchem Stil die Musik geschrieben ist.“

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