Ein genialer Exzentriker
Zum Tode von Ivry Gitlis

Das weiße, schüttere Haar wild zerzaust, der Blick klar und durchdringend, und innendrin brodelte es. Ivry Gitlis stand noch auf dem Podium in einem Alter, wo andere Geiger den Bogen längst aus der Hand gelegt haben und kreierte magische Momente. Immer weiter hatte sich sein Spiel im Laufe der Jahre entfernt von genormten Interpretationsmustern, es wirkte manchmal wie improvisiert, zuweilen auch verfremdend und immer spontan aus dem Augenblick heraus empfunden. Gitlis folgte einem ganz eigenen Begriff von „Werktreue“, den er sich aus innerster Überzeugung selbst geschaffen hatte und der ihn völlig unabhängig machte vom Urteil der Kritik. Sein Spiel blieb unberechenbar und voller Überraschungsmomente. An Heiligabend des vergangenen Jahres starb dieser faszinierende Individualist unter den Geigern 98-jährig in seiner Wahlheimat Paris.
Wie alle bedeutenden Virtuosen begann Ivry Gitlis, der am 25. August 1922 in Haifa geboren wurde, sein Instrument im frühen Kindesalter zu erlernen, mit fünf. Bronislaw Huberman wurde auf den Hochbegabten aufmerksam und half mit, ihm ein Violinstudium am Pariser Konservatorium zu ermöglichen. George Enescu, Jacques Thibaud und auch noch Carl Flesch sollten seine prägenden Lehrer sein. Nach dem Zweiten Weltkrieg startete Gitlis durch in die Weltkarriere, er debütierte 1955 in den USA und zehn Jahre später bei den Berliner Philharmonikern.
Sein musikalischer Horizont war weit und offen, besonders im romantischen und virtuosen Repertoire leistete er Großartiges, aber auch neuere Werke, wie die Violinkonzerte von Berg, Bartók und Hindemith fanden in ihm einen flammenden Interpreten. Und gern entspannte er zwischendurch einmal und trat mit den Rolling Stones oder mit Stéphane Grappelli auf, oder beschäftigte sich mit Schauspielerei. Seine Recitals mit Martha Argerich sorgten für Sensationen. Gitlis war in jeder Hinsicht unangepasst, ein charismatischer Freidenker, dabei absolut authentisch und immer neugierig in der Kunst und auf das Leben. Er war auch jemand, der sich nicht so wichtig nahm, der gewaltig viel Humor hatte, den Schalk im Nacken. Gern empfing er junge Geigerinnen und Geiger in seinem Domizil in Paris zum Vorspiel, zum Reden über Musik, über Gott und die Welt. Sich Rat und Inspiration bei ihm zu holen vermochte nachhaltig zu beflügeln.
Das Spiel von Ivry Gitlis ist auf Tonträgern gut dokumentiert. Grandiose „Klassiker“ sind seine Aufnahmen aus den 1950er-Jahren, die immer noch erhältlich sind (Profil Hänssler). Die Violinkonzerte von Tschaikowski, Sibelius und Bartók (Nr. 2) etwa leben von einer vibrierenden Intensität, die bis ins Mark geht. Im Zenit seines geigerischen Könnens nahm Gitlis auch die beiden Wieniawski-Konzerte, die 24 Capricen und die Violinkonzerte Nr. 1 und Nr. 2 von Paganini für Phillips auf. Wenn Gitlis zirzensisch Paganini spielte, flogen die Fetzen, hier meinte man dem „Hexenmeister“ aus Genua persönlich zu begegnen. Für Violinenthusiasten unverzichtbar sind auch die Rundfunkproduktionen, die 2016 bei SWR Classic auf zwei CDs veröffentlicht wurden, außerdem die Live-Aufnahmen auf dem kanadischen Label Doremi.
Im Zeitalter eines uniformen geigerischen Perfektionismus wirken seine Interpretationen wie erfrischende Kontrapunkte. Dieser Mann liebte den Tanz auf dem Seil ohne Netz und doppelten Boden, auf seiner Geige wie auch im Leben. „An dem Tag, an dem ich nicht mehr Geige spiele, werde ich tot sein“, ließ Ivry Gitlis eine französische Zeitung wissen. Und so war es dann auch.
Das weiße, schüttere Haar wild zerzaust, der Blick klar und durchdringend, und innendrin brodelte es. Ivry Gitlis stand noch auf dem Podium in einem Alter, wo andere Geiger den Bogen längst aus der Hand gelegt haben und kreierte magische Momente. Immer weiter hatte sich sein Spiel im Laufe der Jahre entfernt von genormten Interpretationsmustern, es wirkte manchmal wie improvisiert, zuweilen auch verfremdend und immer spontan aus dem Augenblick heraus empfunden. Gitlis folgte einem ganz eigenen Begriff von „Werktreue“, den er sich aus innerster Überzeugung selbst geschaffen hatte und der ihn völlig unabhängig machte vom Urteil der Kritik. Sein Spiel blieb unberechenbar und voller Überraschungsmomente. An Heiligabend des vergangenen Jahres starb dieser faszinierende Individualist unter den Geigern 98-jährig in seiner Wahlheimat Paris.
Wie alle bedeutenden Virtuosen begann Ivry Gitlis, der am 25. August 1922 in Haifa geboren wurde, sein Instrument im frühen Kindesalter zu erlernen, mit fünf. Bronislaw Huberman wurde auf den Hochbegabten aufmerksam und half mit, ihm ein Violinstudium am Pariser Konservatorium zu ermöglichen. George Enescu, Jacques Thibaud und auch noch Carl Flesch sollten seine prägenden Lehrer sein. Nach dem Zweiten Weltkrieg startete Gitlis durch in die Weltkarriere, er debütierte 1955 in den USA und zehn Jahre später bei den Berliner Philharmonikern.
Sein musikalischer Horizont war weit und offen, besonders im romantischen und virtuosen Repertoire leistete er Großartiges, aber auch neuere Werke, wie die Violinkonzerte von Berg, Bartók und Hindemith fanden in ihm einen flammenden Interpreten. Und gern entspannte er zwischendurch einmal und trat mit den Rolling Stones oder mit Stéphane Grappelli auf, oder beschäftigte sich mit Schauspielerei. Seine Recitals mit Martha Argerich sorgten für Sensationen. Gitlis war in jeder Hinsicht unangepasst, ein charismatischer Freidenker, dabei absolut authentisch und immer neugierig in der Kunst und auf das Leben. Er war auch jemand, der sich nicht so wichtig nahm, der gewaltig viel Humor hatte, den Schalk im Nacken. Gern empfing er junge Geigerinnen und Geiger in seinem Domizil in Paris zum Vorspiel, zum Reden über Musik, über Gott und die Welt. Sich Rat und Inspiration bei ihm zu holen vermochte nachhaltig zu beflügeln.
Das Spiel von Ivry Gitlis ist auf Tonträgern gut dokumentiert. Grandiose „Klassiker“ sind seine Aufnahmen aus den 1950er-Jahren, die immer noch erhältlich sind (Profil Hänssler). Die Violinkonzerte von Tschaikowski, Sibelius und Bartók (Nr. 2) etwa leben von einer vibrierenden Intensität, die bis ins Mark geht. Im Zenit seines geigerischen Könnens nahm Gitlis auch die beiden Wieniawski-Konzerte, die 24 Capricen und die Violinkonzerte Nr. 1 und Nr. 2 von Paganini für Phillips auf. Wenn Gitlis zirzensisch Paganini spielte, flogen die Fetzen, hier meinte man dem „Hexenmeister“ aus Genua persönlich zu begegnen. Für Violinenthusiasten unverzichtbar sind auch die Rundfunkproduktionen, die 2016 bei SWR Classic auf zwei CDs veröffentlicht wurden, außerdem die Live-Aufnahmen auf dem kanadischen Label Doremi.
Im Zeitalter eines uniformen geigerischen Perfektionismus wirken seine Interpretationen wie erfrischende Kontrapunkte. Dieser Mann liebte den Tanz auf dem Seil ohne Netz und doppelten Boden, auf seiner Geige wie auch im Leben. „An dem Tag, an dem ich nicht mehr Geige spiele, werde ich tot sein“, ließ Ivry Gitlis eine französische Zeitung wissen. Und so war es dann auch.
