Einfach die Beste
Erinnerungen an die Mezzosopranistin Christa Ludwig, die im Alter von 93 Jahren gestorben ist – und in ihren Aufnahmen unsterblich bleibt.

Als Christa Ludwig zum letzten Mal als Sängerin aufgetreten ist, bei einem Liederabend im Großen Musikvereinssaal in Wien am 24. April 1994, da gab es ganz zum Schluss der Zugaben ein Lied von Johannes Brahms – wie so oft in ihrer beinahe 50 Jahre währenden Karriere. Ludwig sang dieses „Wiegenlied“ mit schlackenloser Tongebung, schlicht, innig und doch in jedes Wort sanfte Bedeutung legend. Bei den Schlussversen stand die Zeit still: „Schlaf nun selig und süß,/schau im Traum ’s Paradies.“ Da verabschiedete sich eine 66-jährige, im Herzen jung gebliebene Künstlerin mit reifer Wehmut, aber unsentimental, leicht, mit hellem Blick – und vokal völlig Herrin der Stimme. Sodass ihr treues Publikum seufzte: Warum hört sie denn jetzt schon auf?
Diese Beherrschung der Mittel im Dienste eines oft wie spontan und natürlich wirkenden Ausdrucks war mehr als 30 Jahre vorher in Gefahr. Zu Beginn der 1960er-Jahre hatte sich die Mezzosopranistin in Repertoirebereiche gewagt, die ebenso Herausforderung wie Überlastung der natürlichen stimmlichen Anlagen darstellten. Begonnen hatte Christa Ludwig als Cherubino und Octavian, als Dorabella und Rosina in Rossinis „Il barbiere di Siviglia“, ihr Debüt fand 1946 als Orlofsky in der „Fledermaus“ in Frankfurt statt. Nachdem sie Walter Legge, der EMI-Produzent auf Empfehlung seiner Frau Elisabeth Schwarzkopf gehört und gleich als Talent erkannt hatte, entwickelte sich Ludwigs Karriere auf der Bühne und im Schallplattenstudio rasant. Ihre erste EMI-Produktion war im Dezember 1956 der von Herbert von Karajan dirigierte „Rosenkavalier“ in London, für den Irmgard Seefried, ursprünglich als Octavian verpflichtet, schnöde abserviert worden war; Ludwig hat diese Machenschaften im Nachhinein selbst sehr kritisch gesehen, zumal Seefried für sie in der Rolle ein Vorbild gewesen ist.
Gesegnet mit robustem Material, einem außergewöhnlichen und dazu unverwechselbaren Timbre, das wie Perlmutt sanft glänzte, manchmal auch opak-geheimnisvoll dicht wirkte, sowie sicherer Technik, geformt unter der Obhut ihrer Mutter, der Mezzosopranistin Eugenie Besalla-Ludwig – sie blieb Ludwigs einzige Lehrerin –, waren Ausflüge ins Sopranregister möglich. In der bei Decca erschienenen Aufnahme von Béla Bartóks „Herzog Blaubarts Burg“ unter der Leitung István Kertész, an der Seite ihres damaligen Ehemanns Walter Berry singt Ludwig beim Öffnen der fünften Tür ein hohes C, das einen überwältigt.
Das schuf früh in ihrer Laufbahn Begehrlichkeiten bei den Dirigenten; Anfang der 1960er-Jahre begann der eklatante Mangel an genuin hochdramatischen Sopranen. Und so kam es, dass Ludwig für schwerere Partien angefragt wurde. Die Adalgisa an der Seite von Maria Callas in deren zweiten „Norma“-Aufnahme 1960 war da eher ein Aperçu – zumal die ansonsten enorm vielseitige Ludwig dem Belcanto-Repertoire wenig abgewann. Nun kamen Amneris, Eboli, später Lady Macbeth, Marie im „Wozzeck“ und Wagner: Waltraute, Fricka, Ortrud. Eines Tages erzählte Ludwig Karl Böhm, dass ihr Karajan die Isolde angetragen habe. Worauf Böhm grantelnd zischte: Dieser Verbrecher! Nach einer Pause meinte er mit verschwörerisch gesenkter Stimme: Aber mit mir könntest Du᾿s versuchen.
Ludwig verzichtete klug, den Liebestod aber hat sie im Konzert gesungen und mit Otto Klemperer aufgenommen – nicht eine ihrer besten Platten. Das dramatische Temperament hätte sie für die Partie besessen, wie auch für die Elektra. Sie hat 1964, da war sie 36, mit Berry als Orest die Erkennungsszene aufgenommen: ekstatisch, hinreißend. Ihre ahnungsvolle Frage „Wer bist denn Du“ ist einer dieser Momente szenischer Wahrheit, die unter die Haut gehen. Und welche Sinnlichkeit legte sie in die Lockungen der Venus im „Tannhäuser“, der Kundry im „Parsifal“, beide Male mit Georg Solti am Pult (Decca).
Neben Böhm und Karajan war Otto Klemperer ein wichtiger Dirigent. Mit ihm entstanden diskografische Klassiker: Brahms᾿ „Alt-Rhapsodie“, die „Matthäus-Passion“, der „Fidelio“ und, besonders berührend, von Gustav Mahler die „Kindertotenlieder“, Lieder eines fahrenden Gesellen, drei Rückert-Lieder und schließlich das „Lied von der Erde“ mit Fritz Wunderlich.
Mahler bildete die starke Verbindung zu Ludwigs Lieblingsdirigenten, Leonard Bernstein. Für ihn sang sie oft das Solo in der 2. Sinfonie. Für ihn wagte sie die Marschallin im „Rosenkavalier“ an der Wiener Staatsoper, und sie war kurz vor seinem Tod, bei Konzerten in London, eine girrend-temperamentvolle Old Lady in seiner Operette „Candide“. Im Gegenzug begleitete Bernstein sie bei Liederabenden am Klavier. So im Mai 1972, als sie im Konzerthaus in Wien Brahms-Lieder aufführten, live wurde das von Columbia mitgeschnitten (wiederveröffentlicht in der empfehlenswerten Warner-Box „Christa Ludwig – Th e Complete Recitals“, 11 CDs). Bei den Zigeunerliedern op. 103 wird verständlich, warum die Sängerin von ihrer „erotischen Beziehung“ zu Lenny gesprochen hat: Das blitzt und vibriert, gleicht einem Wettrennen ins Schlafzimmer. Da verzeiht man Ludwigs heftiges Tremolo, das verstimmte Klavier und Bernsteins krachend-heftige Akkorde – das ist Liederkunst ohne sicherndes Netz.
Überhaupt, die Liedersängerin. Peter Schreier, Jessye Norman, Fischer-Dies- kau, Elisabeth Schwarzkopf – auf deren Verehrer kommen mindestens so viele Kritiker. Nicht bei Christa Ludwig, bei ihr waren sich alle einig, ob sie Schumann oder Wolf sang. Wo andere jede Silbe bis zur Manier ausleuchteten, setzte sie auf Fluss, melodischen Bogen, in den die Worte eingebettet waren. Nach Elena Gerhardt und Lotte Lehmann hat sie sich Schuberts „Winterreise“ angenommen und bewiesen, dass den Männer-Liedern der Genderstern gut ansteht. Mit James Levine hat sie den Zyklus im Studio dokumentiert (Deutsche Grammophon). Für Brigitte Fassbaender war die bewunderte Kollegin ein Role Model, ihretwegen wagte Fassbaender selbst sich an Schuberts „schaurige Lieder“.
Ihren Lebenserinnerungen hat Ludwig den Titel gegeben „...und ich wäre so gern Primadonna gewesen“. Das war eine Anspielung auf die dramatischen Partien, die sie nicht gesungen, die sie sich versagt hat, Tosca, Elektra, Brünnhilde. Die Färberin in der „Frau ohne Schatten“, die Leonore im „Fidelio“, beides für sie Grenzpartien, hat sie auf der Bühne verkörpert, aber sie zahlte einen Preis. In einem Interview blickte sie mit klarer Einschätzung zurück: „Ich wäre nie eine echte Hochdramatische geworden. Ich weiß noch, dass ich nach jedem ,Fidelio‘ heiser war und oft beim Arzt hockte.“
Ludwig war alles andere als eine Primadonna. Vor vielen Jahren saß ich durch Zufall bei einer Premiere der Salzburger Festspiele neben der großen Sängerin. Eine Gelegenheit, die man sich nicht entgehen lässt. Und weil es nun eine solche großartige Zeugin gibt, fragt man nach Maria Callas, mit der Ludwig gesungen hat. Jede andere wäre möglicherweise beleidigt gewesen, dass man sie nicht auf ihre eigenen Großtaten anspricht. Nicht Christa Ludwig, bereitwillig und farbig berichtete sie von Aufnahmesitzungen in Mailand und meinte abschließend: Die Callas sei die größte Sängerin gewesen, mit der sie gearbeitet habe. Punkt.
Wer eine Soziologie der Gesangskunst, ihrer Sängerinnen und Sänger verfasst, wird Ludwig mehr als eine Fußnote zubilligen müssen. Als Sozial-Typus war sie modern und intelligent, direkt und off en. Wenige ihres Fachs haben so bereitwillig auch über Persönliches gesprochen, offenbart, welche Disziplin und damit Opfer ein solcher Weg bedeutet: Vor einer abendlichen Aufführung den ganzen Tag nicht reden dürfen; die Probleme, die mit der Menopause entstehen, wenn der Körper sich verändert; Stimmkrisen durch platzende Kapillargefäße; Ehekrisen, wenn beide Partner Sänger sind.
Nicht zuletzt auch über Abhängigkeiten und Friktionen hinter der Bühne sprach Ludwig frei. Georg Solti, mit dem sie in Paris eine „Walküren“-Produktion probte, schildert in seinen Memoiren, wie sie den Regisseur Klaus Michael Grüber mit den Worten unterbrach: „Herr Grüber, alles, was Sie mir da sagen, ist zwar Quatsch, aber ich mache alles, was Sie sagen, weil ich dafür gut bezahlt werde.“
Nach dem Ende ihrer Bühnenauftritte hat sie sich nicht zurückgezogen. Stand für Interviews zur Verfügung und hat bis ins hohe Alter Meisterkurse gegeben, in New York in lustigem Kauderwelsch- Englisch. Vieles findet sich im Internet, dabei kommt Ludwigs Sprechstimme ins Ohr, die Lebendigkeit ihres Aachener Singsangs. Dort ist sie aufgewachsen. Geboren wurde sie in Berlin; nur damit der Ort im Pass steht, ist ihre Mutter Anfang 1928 in die Hauptstadt gefahren. Wien, wo ihrer Eltern herstammten, war ihr geistiges und musikalisches Zuhause von Mozart bis Mahler. Zuletzt lebte Ludwig in Klosterneuburg, 15 Kilometer nördlich von Wien, dort ist sie am 24. April gestorben. Sie bleibt in Erinnerung derer, die sie erlebt haben, und mit ihren vielen unvergleichlichen Aufnahmen.
Zu ihren Lebzeiten bemerkte Leonard Bernstein, nachdem er sich vergeblich gefragt hatte, ob ihr nun der Thron für ihren Brahms-, Strauss-, Wagner- oder Bernstein-Gesang gebühre: „Sie war einfach die Beste“.
Als Christa Ludwig zum letzten Mal als Sängerin aufgetreten ist, bei einem Liederabend im Großen Musikvereinssaal in Wien am 24. April 1994, da gab es ganz zum Schluss der Zugaben ein Lied von Johannes Brahms – wie so oft in ihrer beinahe 50 Jahre währenden Karriere. Ludwig sang dieses „Wiegenlied“ mit schlackenloser Tongebung, schlicht, innig und doch in jedes Wort sanfte Bedeutung legend. Bei den Schlussversen stand die Zeit still: „Schlaf nun selig und süß,/schau im Traum ’s Paradies.“ Da verabschiedete sich eine 66-jährige, im Herzen jung gebliebene Künstlerin mit reifer Wehmut, aber unsentimental, leicht, mit hellem Blick – und vokal völlig Herrin der Stimme. Sodass ihr treues Publikum seufzte: Warum hört sie denn jetzt schon auf?
Diese Beherrschung der Mittel im Dienste eines oft wie spontan und natürlich wirkenden Ausdrucks war mehr als 30 Jahre vorher in Gefahr. Zu Beginn der 1960er-Jahre hatte sich die Mezzosopranistin in Repertoirebereiche gewagt, die ebenso Herausforderung wie Überlastung der natürlichen stimmlichen Anlagen darstellten. Begonnen hatte Christa Ludwig als Cherubino und Octavian, als Dorabella und Rosina in Rossinis „Il barbiere di Siviglia“, ihr Debüt fand 1946 als Orlofsky in der „Fledermaus“ in Frankfurt statt. Nachdem sie Walter Legge, der EMI-Produzent auf Empfehlung seiner Frau Elisabeth Schwarzkopf gehört und gleich als Talent erkannt hatte, entwickelte sich Ludwigs Karriere auf der Bühne und im Schallplattenstudio rasant. Ihre erste EMI-Produktion war im Dezember 1956 der von Herbert von Karajan dirigierte „Rosenkavalier“ in London, für den Irmgard Seefried, ursprünglich als Octavian verpflichtet, schnöde abserviert worden war; Ludwig hat diese Machenschaften im Nachhinein selbst sehr kritisch gesehen, zumal Seefried für sie in der Rolle ein Vorbild gewesen ist.
Gesegnet mit robustem Material, einem außergewöhnlichen und dazu unverwechselbaren Timbre, das wie Perlmutt sanft glänzte, manchmal auch opak-geheimnisvoll dicht wirkte, sowie sicherer Technik, geformt unter der Obhut ihrer Mutter, der Mezzosopranistin Eugenie Besalla-Ludwig – sie blieb Ludwigs einzige Lehrerin –, waren Ausflüge ins Sopranregister möglich. In der bei Decca erschienenen Aufnahme von Béla Bartóks „Herzog Blaubarts Burg“ unter der Leitung István Kertész, an der Seite ihres damaligen Ehemanns Walter Berry singt Ludwig beim Öffnen der fünften Tür ein hohes C, das einen überwältigt.
Das schuf früh in ihrer Laufbahn Begehrlichkeiten bei den Dirigenten; Anfang der 1960er-Jahre begann der eklatante Mangel an genuin hochdramatischen Sopranen. Und so kam es, dass Ludwig für schwerere Partien angefragt wurde. Die Adalgisa an der Seite von Maria Callas in deren zweiten „Norma“-Aufnahme 1960 war da eher ein Aperçu – zumal die ansonsten enorm vielseitige Ludwig dem Belcanto-Repertoire wenig abgewann. Nun kamen Amneris, Eboli, später Lady Macbeth, Marie im „Wozzeck“ und Wagner: Waltraute, Fricka, Ortrud. Eines Tages erzählte Ludwig Karl Böhm, dass ihr Karajan die Isolde angetragen habe. Worauf Böhm grantelnd zischte: Dieser Verbrecher! Nach einer Pause meinte er mit verschwörerisch gesenkter Stimme: Aber mit mir könntest Du᾿s versuchen.
Ludwig verzichtete klug, den Liebestod aber hat sie im Konzert gesungen und mit Otto Klemperer aufgenommen – nicht eine ihrer besten Platten. Das dramatische Temperament hätte sie für die Partie besessen, wie auch für die Elektra. Sie hat 1964, da war sie 36, mit Berry als Orest die Erkennungsszene aufgenommen: ekstatisch, hinreißend. Ihre ahnungsvolle Frage „Wer bist denn Du“ ist einer dieser Momente szenischer Wahrheit, die unter die Haut gehen. Und welche Sinnlichkeit legte sie in die Lockungen der Venus im „Tannhäuser“, der Kundry im „Parsifal“, beide Male mit Georg Solti am Pult (Decca).
Neben Böhm und Karajan war Otto Klemperer ein wichtiger Dirigent. Mit ihm entstanden diskografische Klassiker: Brahms᾿ „Alt-Rhapsodie“, die „Matthäus-Passion“, der „Fidelio“ und, besonders berührend, von Gustav Mahler die „Kindertotenlieder“, Lieder eines fahrenden Gesellen, drei Rückert-Lieder und schließlich das „Lied von der Erde“ mit Fritz Wunderlich.
Mahler bildete die starke Verbindung zu Ludwigs Lieblingsdirigenten, Leonard Bernstein. Für ihn sang sie oft das Solo in der 2. Sinfonie. Für ihn wagte sie die Marschallin im „Rosenkavalier“ an der Wiener Staatsoper, und sie war kurz vor seinem Tod, bei Konzerten in London, eine girrend-temperamentvolle Old Lady in seiner Operette „Candide“. Im Gegenzug begleitete Bernstein sie bei Liederabenden am Klavier. So im Mai 1972, als sie im Konzerthaus in Wien Brahms-Lieder aufführten, live wurde das von Columbia mitgeschnitten (wiederveröffentlicht in der empfehlenswerten Warner-Box „Christa Ludwig – Th e Complete Recitals“, 11 CDs). Bei den Zigeunerliedern op. 103 wird verständlich, warum die Sängerin von ihrer „erotischen Beziehung“ zu Lenny gesprochen hat: Das blitzt und vibriert, gleicht einem Wettrennen ins Schlafzimmer. Da verzeiht man Ludwigs heftiges Tremolo, das verstimmte Klavier und Bernsteins krachend-heftige Akkorde – das ist Liederkunst ohne sicherndes Netz.
Überhaupt, die Liedersängerin. Peter Schreier, Jessye Norman, Fischer-Dies- kau, Elisabeth Schwarzkopf – auf deren Verehrer kommen mindestens so viele Kritiker. Nicht bei Christa Ludwig, bei ihr waren sich alle einig, ob sie Schumann oder Wolf sang. Wo andere jede Silbe bis zur Manier ausleuchteten, setzte sie auf Fluss, melodischen Bogen, in den die Worte eingebettet waren. Nach Elena Gerhardt und Lotte Lehmann hat sie sich Schuberts „Winterreise“ angenommen und bewiesen, dass den Männer-Liedern der Genderstern gut ansteht. Mit James Levine hat sie den Zyklus im Studio dokumentiert (Deutsche Grammophon). Für Brigitte Fassbaender war die bewunderte Kollegin ein Role Model, ihretwegen wagte Fassbaender selbst sich an Schuberts „schaurige Lieder“.
Ihren Lebenserinnerungen hat Ludwig den Titel gegeben „...und ich wäre so gern Primadonna gewesen“. Das war eine Anspielung auf die dramatischen Partien, die sie nicht gesungen, die sie sich versagt hat, Tosca, Elektra, Brünnhilde. Die Färberin in der „Frau ohne Schatten“, die Leonore im „Fidelio“, beides für sie Grenzpartien, hat sie auf der Bühne verkörpert, aber sie zahlte einen Preis. In einem Interview blickte sie mit klarer Einschätzung zurück: „Ich wäre nie eine echte Hochdramatische geworden. Ich weiß noch, dass ich nach jedem ,Fidelio‘ heiser war und oft beim Arzt hockte.“
Ludwig war alles andere als eine Primadonna. Vor vielen Jahren saß ich durch Zufall bei einer Premiere der Salzburger Festspiele neben der großen Sängerin. Eine Gelegenheit, die man sich nicht entgehen lässt. Und weil es nun eine solche großartige Zeugin gibt, fragt man nach Maria Callas, mit der Ludwig gesungen hat. Jede andere wäre möglicherweise beleidigt gewesen, dass man sie nicht auf ihre eigenen Großtaten anspricht. Nicht Christa Ludwig, bereitwillig und farbig berichtete sie von Aufnahmesitzungen in Mailand und meinte abschließend: Die Callas sei die größte Sängerin gewesen, mit der sie gearbeitet habe. Punkt.
Wer eine Soziologie der Gesangskunst, ihrer Sängerinnen und Sänger verfasst, wird Ludwig mehr als eine Fußnote zubilligen müssen. Als Sozial-Typus war sie modern und intelligent, direkt und off en. Wenige ihres Fachs haben so bereitwillig auch über Persönliches gesprochen, offenbart, welche Disziplin und damit Opfer ein solcher Weg bedeutet: Vor einer abendlichen Aufführung den ganzen Tag nicht reden dürfen; die Probleme, die mit der Menopause entstehen, wenn der Körper sich verändert; Stimmkrisen durch platzende Kapillargefäße; Ehekrisen, wenn beide Partner Sänger sind.
Nicht zuletzt auch über Abhängigkeiten und Friktionen hinter der Bühne sprach Ludwig frei. Georg Solti, mit dem sie in Paris eine „Walküren“-Produktion probte, schildert in seinen Memoiren, wie sie den Regisseur Klaus Michael Grüber mit den Worten unterbrach: „Herr Grüber, alles, was Sie mir da sagen, ist zwar Quatsch, aber ich mache alles, was Sie sagen, weil ich dafür gut bezahlt werde.“
Nach dem Ende ihrer Bühnenauftritte hat sie sich nicht zurückgezogen. Stand für Interviews zur Verfügung und hat bis ins hohe Alter Meisterkurse gegeben, in New York in lustigem Kauderwelsch- Englisch. Vieles findet sich im Internet, dabei kommt Ludwigs Sprechstimme ins Ohr, die Lebendigkeit ihres Aachener Singsangs. Dort ist sie aufgewachsen. Geboren wurde sie in Berlin; nur damit der Ort im Pass steht, ist ihre Mutter Anfang 1928 in die Hauptstadt gefahren. Wien, wo ihrer Eltern herstammten, war ihr geistiges und musikalisches Zuhause von Mozart bis Mahler. Zuletzt lebte Ludwig in Klosterneuburg, 15 Kilometer nördlich von Wien, dort ist sie am 24. April gestorben. Sie bleibt in Erinnerung derer, die sie erlebt haben, und mit ihren vielen unvergleichlichen Aufnahmen.
Zu ihren Lebzeiten bemerkte Leonard Bernstein, nachdem er sich vergeblich gefragt hatte, ob ihr nun der Thron für ihren Brahms-, Strauss-, Wagner- oder Bernstein-Gesang gebühre: „Sie war einfach die Beste“.


