In memoriam

Güte und Dankbarkeit

Von
Christoph Vratz
Erschienen in der Printausgabe im
Juli 2023
Lesezeit ca.
…
Minuten

Es ist die finale Phase in Mozarts Rondo KV 511, melancholisches Moll. Erst schwebt das Thema durch den Diskant, wird verziert, dann tritt die Bassstimme mit sonorem Eigengewicht hinzu. Alles im gemäßigten Tempo. Melancholie und Behagen im Einklang. Die Welt übt sich in trüber Gelassenheit.

Er war fast 90 Jahre alt, als Menahem Pressler dieses Rondo aufgenommen hat. Ein Leben lang hatte er fast nur Kammermusik gespielt, aber im fortgeschrittenen Rentenalter trat er vermehrt solistisch auf. Dann sah man diesen kleinen Mann, kaum 1,60 Meter groß, allein die Bühne betreten und merkte schnell: Mit seinem Blick konnte er mehr bewegen als mancher Staatschef mit der Fülle von Macht. Denn in diesem Blick paarten sich Glut und Güte, Wachheit und Milde. Selbstdarstellung schien ihm dabei ein Fremdwort.

Nur wenige Monate fehlten ihm. Im Dezember wäre Menahem Pressler 100 Jahre alt geworden. Doch der Tod kam am 6. Mai, in London. Geboren wurde er als Max Jacob Pressler am 16. Dezember 1923 in Magdeburg als Sohn eines stadtanerkannten Herrenausstatters. Doch es war eine rapide sich verdunkelnde Zeit, und so wurde Pressler zum Zeitzeugen jener Jahre, die sich so tief ins Weltgedächtnis eingraben sollten. Als jüdisches Kind wurde er zunächst vom Gymnasium verbannt, nach der Pogromnacht 1938 verließ er das Land, in dem er aufgewachsen war. Während seine Großeltern und andere Verwandte Opfer des Holocaust wurden, gelangte Pressler mit Familie ins heutige Israel, danach siedelte er in die USA über, nachdem er dort einen Wettbewerb gewonnen hatte. Fortan nannte Max sich Menahem.

Berühmt wurde er als Spiritus Rector des Beaux Arts Trios, jener 1955 von ihm gegründeten und mit Strenge und Hingabe geformten Kammermusikformation, die als Ensemble Musikgeschichte geschrieben und Presslers musikalisches Leben maßgeblich geprägt hat. Beaux Arts: ein Name wie ein Programm, mit einem Kunstideal, das sich an oberster Stelle am Schönen orientiert. Das Trio reiste mit selten wechselnden Besetzungen und immer mit Pressler vorneweg rund um den Erdball und produzierte Aufnahmen von zeitloser Gültigkeit, gerade im romantischen Repertoire. 2009 ging dieses Kapitel zu Ende.

Als Grandseigneur und als Weltbürger kehrte Pressler nun als Solist nach Deutschland zurück – seine hierzulande eingespielten Honorare überwies er immer sorgsam nach Israel, dem einstigen Wunsch seiner Frau folgend. Mit über 90 debütierte er 2014 bei den Berliner Philharmonikern. Als den „ältesten Teenager der Welt“ hat ihn Simon Rattle einmal bezeichnet und meinte damit wohl Presslers jungenhafte, manchmal bübisch verschmitzte Art, seine Neugierde und seine schwärmerisch tiefe Liebe zur Musik.

Seine späten Auftritte und Aufnahmen lassen vergessen, dass Läufe immer gleichmäßig schnurren und perlen müssen. Auf ihre Botschaft kommt es an. Und so zementierte Pressler seine lebenslange Verbundenheit mit Mozart, Beethoven, Schubert, ohne irgendjemandem noch irgendetwas beweisen zu müssen. Schon zu Trio-Zeiten, aber im Alter essenzartig verdichtet, besaß sein Spiel immer viel von Geschmeidigkeit, von Wahrhaftigkeit und Zuversicht, selbst in traurigen Momenten. Er habe so viel Glück gehabt im Leben, hat Menahem Pressler mehrfach behauptet. Und wer ihn jemals live erlebt hat, war verblüfft und berührt, wie dieser Mann mit all seinem Charme und der ihm eigenen pianistischen Eleganz alles im Griff hatte – seine Partner auf der Bühne ebenso wie das Publikum, dem er so immer das Gefühl von Dankbarkeit und Zuneigung vermitteln konnte.

Es ist die finale Phase in Mozarts Rondo KV 511, melancholisches Moll. Erst schwebt das Thema durch den Diskant, wird verziert, dann tritt die Bassstimme mit sonorem Eigengewicht hinzu. Alles im gemäßigten Tempo. Melancholie und Behagen im Einklang. Die Welt übt sich in trüber Gelassenheit.

Er war fast 90 Jahre alt, als Menahem Pressler dieses Rondo aufgenommen hat. Ein Leben lang hatte er fast nur Kammermusik gespielt, aber im fortgeschrittenen Rentenalter trat er vermehrt solistisch auf. Dann sah man diesen kleinen Mann, kaum 1,60 Meter groß, allein die Bühne betreten und merkte schnell: Mit seinem Blick konnte er mehr bewegen als mancher Staatschef mit der Fülle von Macht. Denn in diesem Blick paarten sich Glut und Güte, Wachheit und Milde. Selbstdarstellung schien ihm dabei ein Fremdwort.

Nur wenige Monate fehlten ihm. Im Dezember wäre Menahem Pressler 100 Jahre alt geworden. Doch der Tod kam am 6. Mai, in London. Geboren wurde er als Max Jacob Pressler am 16. Dezember 1923 in Magdeburg als Sohn eines stadtanerkannten Herrenausstatters. Doch es war eine rapide sich verdunkelnde Zeit, und so wurde Pressler zum Zeitzeugen jener Jahre, die sich so tief ins Weltgedächtnis eingraben sollten. Als jüdisches Kind wurde er zunächst vom Gymnasium verbannt, nach der Pogromnacht 1938 verließ er das Land, in dem er aufgewachsen war. Während seine Großeltern und andere Verwandte Opfer des Holocaust wurden, gelangte Pressler mit Familie ins heutige Israel, danach siedelte er in die USA über, nachdem er dort einen Wettbewerb gewonnen hatte. Fortan nannte Max sich Menahem.

Berühmt wurde er als Spiritus Rector des Beaux Arts Trios, jener 1955 von ihm gegründeten und mit Strenge und Hingabe geformten Kammermusikformation, die als Ensemble Musikgeschichte geschrieben und Presslers musikalisches Leben maßgeblich geprägt hat. Beaux Arts: ein Name wie ein Programm, mit einem Kunstideal, das sich an oberster Stelle am Schönen orientiert. Das Trio reiste mit selten wechselnden Besetzungen und immer mit Pressler vorneweg rund um den Erdball und produzierte Aufnahmen von zeitloser Gültigkeit, gerade im romantischen Repertoire. 2009 ging dieses Kapitel zu Ende.

Als Grandseigneur und als Weltbürger kehrte Pressler nun als Solist nach Deutschland zurück – seine hierzulande eingespielten Honorare überwies er immer sorgsam nach Israel, dem einstigen Wunsch seiner Frau folgend. Mit über 90 debütierte er 2014 bei den Berliner Philharmonikern. Als den „ältesten Teenager der Welt“ hat ihn Simon Rattle einmal bezeichnet und meinte damit wohl Presslers jungenhafte, manchmal bübisch verschmitzte Art, seine Neugierde und seine schwärmerisch tiefe Liebe zur Musik.

Seine späten Auftritte und Aufnahmen lassen vergessen, dass Läufe immer gleichmäßig schnurren und perlen müssen. Auf ihre Botschaft kommt es an. Und so zementierte Pressler seine lebenslange Verbundenheit mit Mozart, Beethoven, Schubert, ohne irgendjemandem noch irgendetwas beweisen zu müssen. Schon zu Trio-Zeiten, aber im Alter essenzartig verdichtet, besaß sein Spiel immer viel von Geschmeidigkeit, von Wahrhaftigkeit und Zuversicht, selbst in traurigen Momenten. Er habe so viel Glück gehabt im Leben, hat Menahem Pressler mehrfach behauptet. Und wer ihn jemals live erlebt hat, war verblüfft und berührt, wie dieser Mann mit all seinem Charme und der ihm eigenen pianistischen Eleganz alles im Griff hatte – seine Partner auf der Bühne ebenso wie das Publikum, dem er so immer das Gefühl von Dankbarkeit und Zuneigung vermitteln konnte.