Meister der Gelssenheit
Zum Tode von James Levine

Ein Musiker hatte mir, einem Bayreuth-Novizen, im Festspielsommer 1982 Zugang zur Generalprobe des nagelneu von Götz Friedrich inszenierten „Parsifal“ verschafft, und was ich dann erlebte, verschlug mir den Atem. Aus dem mystischen Abgrund glühten die Vorspielklänge in den dunklen Zuschauerraum wie ein sich träge dahinwälzender Lavastrom, aus allerzartestem Pianissimo gipfelten sich in spannungsreicher Steigerung Klanggebirge von äußerster Transparenz und Plastizität auf und versanken wieder in abgeklärter Zeitlosigkeit. Am Pult stand damals als Bayreuth-Debütant James Levine, seit Hermann Levi der erste jüdische Dirigent in Bayreuth und der erste amerikanische dazu. Sein extrem langsam dirigierter „Parsifal“ verstörte Publikum und Presse, erwies sich schließlich jedoch als wegweisend.
Levine war mit etwa 4:37 Stunden zu dem bis dahin gemächlichsten „Parsifal“ von Arturo Toscanini (4:48 Stunden) fast gleichauf. Ihm ging es, wie er bekannte, darum, dieser Musik die ihr innewohnende große Ruhe und den Frieden zu entlocken. Besonnenheit und Konzentration, aber auch eine gewisse Nonchalance kennzeichneten Levines Arbeitsstil, eine Mischung, mit der er sogleich zum Lieblingsdirigenten der Bayreuther Musiker avancierte. Die heiklen Aufführungsbedingungen im Festspielhaus, an denen mancher seiner renommierten Kollegen scheiterte, nicht zuletzt Solti, waren für ihn kein Hindernis. Immerhin kam er 16 Jahre lang auf den Grünen Hügel. Nach dem „Parsifal“ dirigierte er von 1994 an Wagners „Ring“ in der Inszenierung von Alfred Kirchner mit so kräftig pastos wie subtil aufgetragener Klangfarbenmalerei, mit ebenfalls bedächtigen, doch kaum je schleppenden Tempi.
Die Hauptwirkungsstätte Levines war freilich die New Yorker Met. Dort gab er 1971 mit Puccinis „Tosca“ seinen Einstand, und gerade das italienische Opernfach pflegte er dort mit ebensolcher Intensität wie Wagner, er öffnete aber, wenn auch nur behutsam, das Repertoire für die Moderne, mit Alban Bergs „Wozzeck“ und „Lulu“ oder Schönbergs „Moses und Aron“. Dass der bis zum Exzess betriebene Sängerstarkult in klamottig-altbackenen, teils jahrzehntealten Inszenierungen zelebriert wurde und die Met sich Innovationen in der szenischen Gestaltung der Opernaufführungen weitgehend verweigerte, störte Levine offenbar nicht. Er blieb dem Haus 45 Jahre lang treu.
Levine war gern gesehener Gast am Pult bei den Salzburger Festspielen und pflegte in den Konzertsälen der Welt hauptsächlich das (spät)romantische sinfonische Repertoire, besonders gern Brahms und Mahler, aber auch neuere amerikanische Musik von Gershwin, Schuller oder Wuorinen. Von 1999 bis 2004 ließ er sich als Chefdirigent an die Münchner Philharmoniker binden. Daraus wurde eine eher glücklose Beziehung. Kurioserweise dirigierte er in den Konzerten im Gasteig besonders gern Opern konzertant, Verdis „Otello“ etwa, Beethovens „Fidelio“, Strawinskys Opern-Oratorium „Oedipus Rex“ oder, was wunder, Wagners „Parsifal“. Um Bruckner, der zum Kernprogramm der Münchner zählt, machte Levine eher einen Bogen. Beim Boston Symphony Orchestra, zu dem er anschließend wieder zurückkehrte, fühlte er sich offenbar besser aufgehoben.
James Levine ist am 9. März im Alter von 77 Jahren an den Folgen seiner Parkinsonerkrankung gestorben, die ihn zuletzt in den Rollstuhl gezwungen hatte. In den Nachrufen wurde die Würdigung seiner Leistung als einer der führenden (und teuersten) Dirigenten in seinen letzten Lebensjahren überlagert von der bisweilen ausgiebig, gar hämisch kommentierten Aufdeckung seiner pädophilen Neigungen, die 2016 zum vorübergehenden und im März 2018 endgültigen Hinauswurf aus der Met führte, schließlich in einem für ihn finanziell durchaus vorteilhaften Vergleich endete.
Dass Levine mutmaßlich Knaben und Jugendlichen Karrierevorteile als Gegenleistung für sexuelle Gefälligkeiten versprochen hat, ist verwerflich, war als strafbares Vergehen freilich zum Zeitpunkt der Enthüllungen bereits verjährt. Schon sehr früh war er derlei schändlicher Taten verdächtigt worden, ihm wurde aber eine Art Narrenfreiheit zugestanden, weil man auf seine Zugkraft als geniale Künstlerpersönlichkeit nicht verzichten wollte. Mit seiner stattlichen Statur samt Wuschelkopf, seinem saloppen Auftreten – stets das sorgfältig gefaltete, je nach Stimmung in passender Farbe ausgewählte Frottee-Schweißtuch über der Schulter – wirkte er ja auch wie ein unbeschwerter Wonneproppen, dem man nichts Böses zutrauen konnte.
Auch wenn Levine in seinen letzten Lebensjahren verstummt war, ist auf einer schier unübersehbaren Zahl von Tonträgern das eindrucksvolle Spektrum seiner persönlichen Klangwelt dokumentiert. Besonders schön, dass ein Mitschnitt jenes „Parsifal“ erhalten ist, mit dem er seinerzeit in Bayreuth Maßstäbe setzte. Den natürlichen Schwerpunkt der Langspielplatten, CDs und Videos bilden indes die Mitschnitte jener Opernaufführungen, bei denen er in der Met am Pult stand. Sinfonische Werke hat er vorwiegend mit dem Boston Symphony Orchestra eingespielt, viel Mozart, Beethoven, Brahms und Mahler. Vor allem erscheint er auch als versierter Pianist in kammermusikalischen Werken, Schubert etwa musizierte er im „Forellenquintett“ oder vierhändig mit Evgeny Kissin.
Levine war nicht zuletzt ein einfühlsamer Liedbegleiter, gestaltete mustergültig den Klavierpart von Schuberts „Winterreise“ in einer ungewöhnlichen Aufnahme mit Christa Ludwig. In die Interpretation der Wesendonck-Lieder mit Jessye Norman konnte er seine überaus reiche Wagner-Erfahrung einfließen lassen.
Ein Musiker hatte mir, einem Bayreuth-Novizen, im Festspielsommer 1982 Zugang zur Generalprobe des nagelneu von Götz Friedrich inszenierten „Parsifal“ verschafft, und was ich dann erlebte, verschlug mir den Atem. Aus dem mystischen Abgrund glühten die Vorspielklänge in den dunklen Zuschauerraum wie ein sich träge dahinwälzender Lavastrom, aus allerzartestem Pianissimo gipfelten sich in spannungsreicher Steigerung Klanggebirge von äußerster Transparenz und Plastizität auf und versanken wieder in abgeklärter Zeitlosigkeit. Am Pult stand damals als Bayreuth-Debütant James Levine, seit Hermann Levi der erste jüdische Dirigent in Bayreuth und der erste amerikanische dazu. Sein extrem langsam dirigierter „Parsifal“ verstörte Publikum und Presse, erwies sich schließlich jedoch als wegweisend.
Levine war mit etwa 4:37 Stunden zu dem bis dahin gemächlichsten „Parsifal“ von Arturo Toscanini (4:48 Stunden) fast gleichauf. Ihm ging es, wie er bekannte, darum, dieser Musik die ihr innewohnende große Ruhe und den Frieden zu entlocken. Besonnenheit und Konzentration, aber auch eine gewisse Nonchalance kennzeichneten Levines Arbeitsstil, eine Mischung, mit der er sogleich zum Lieblingsdirigenten der Bayreuther Musiker avancierte. Die heiklen Aufführungsbedingungen im Festspielhaus, an denen mancher seiner renommierten Kollegen scheiterte, nicht zuletzt Solti, waren für ihn kein Hindernis. Immerhin kam er 16 Jahre lang auf den Grünen Hügel. Nach dem „Parsifal“ dirigierte er von 1994 an Wagners „Ring“ in der Inszenierung von Alfred Kirchner mit so kräftig pastos wie subtil aufgetragener Klangfarbenmalerei, mit ebenfalls bedächtigen, doch kaum je schleppenden Tempi.
Die Hauptwirkungsstätte Levines war freilich die New Yorker Met. Dort gab er 1971 mit Puccinis „Tosca“ seinen Einstand, und gerade das italienische Opernfach pflegte er dort mit ebensolcher Intensität wie Wagner, er öffnete aber, wenn auch nur behutsam, das Repertoire für die Moderne, mit Alban Bergs „Wozzeck“ und „Lulu“ oder Schönbergs „Moses und Aron“. Dass der bis zum Exzess betriebene Sängerstarkult in klamottig-altbackenen, teils jahrzehntealten Inszenierungen zelebriert wurde und die Met sich Innovationen in der szenischen Gestaltung der Opernaufführungen weitgehend verweigerte, störte Levine offenbar nicht. Er blieb dem Haus 45 Jahre lang treu.
Levine war gern gesehener Gast am Pult bei den Salzburger Festspielen und pflegte in den Konzertsälen der Welt hauptsächlich das (spät)romantische sinfonische Repertoire, besonders gern Brahms und Mahler, aber auch neuere amerikanische Musik von Gershwin, Schuller oder Wuorinen. Von 1999 bis 2004 ließ er sich als Chefdirigent an die Münchner Philharmoniker binden. Daraus wurde eine eher glücklose Beziehung. Kurioserweise dirigierte er in den Konzerten im Gasteig besonders gern Opern konzertant, Verdis „Otello“ etwa, Beethovens „Fidelio“, Strawinskys Opern-Oratorium „Oedipus Rex“ oder, was wunder, Wagners „Parsifal“. Um Bruckner, der zum Kernprogramm der Münchner zählt, machte Levine eher einen Bogen. Beim Boston Symphony Orchestra, zu dem er anschließend wieder zurückkehrte, fühlte er sich offenbar besser aufgehoben.
James Levine ist am 9. März im Alter von 77 Jahren an den Folgen seiner Parkinsonerkrankung gestorben, die ihn zuletzt in den Rollstuhl gezwungen hatte. In den Nachrufen wurde die Würdigung seiner Leistung als einer der führenden (und teuersten) Dirigenten in seinen letzten Lebensjahren überlagert von der bisweilen ausgiebig, gar hämisch kommentierten Aufdeckung seiner pädophilen Neigungen, die 2016 zum vorübergehenden und im März 2018 endgültigen Hinauswurf aus der Met führte, schließlich in einem für ihn finanziell durchaus vorteilhaften Vergleich endete.
Dass Levine mutmaßlich Knaben und Jugendlichen Karrierevorteile als Gegenleistung für sexuelle Gefälligkeiten versprochen hat, ist verwerflich, war als strafbares Vergehen freilich zum Zeitpunkt der Enthüllungen bereits verjährt. Schon sehr früh war er derlei schändlicher Taten verdächtigt worden, ihm wurde aber eine Art Narrenfreiheit zugestanden, weil man auf seine Zugkraft als geniale Künstlerpersönlichkeit nicht verzichten wollte. Mit seiner stattlichen Statur samt Wuschelkopf, seinem saloppen Auftreten – stets das sorgfältig gefaltete, je nach Stimmung in passender Farbe ausgewählte Frottee-Schweißtuch über der Schulter – wirkte er ja auch wie ein unbeschwerter Wonneproppen, dem man nichts Böses zutrauen konnte.
Auch wenn Levine in seinen letzten Lebensjahren verstummt war, ist auf einer schier unübersehbaren Zahl von Tonträgern das eindrucksvolle Spektrum seiner persönlichen Klangwelt dokumentiert. Besonders schön, dass ein Mitschnitt jenes „Parsifal“ erhalten ist, mit dem er seinerzeit in Bayreuth Maßstäbe setzte. Den natürlichen Schwerpunkt der Langspielplatten, CDs und Videos bilden indes die Mitschnitte jener Opernaufführungen, bei denen er in der Met am Pult stand. Sinfonische Werke hat er vorwiegend mit dem Boston Symphony Orchestra eingespielt, viel Mozart, Beethoven, Brahms und Mahler. Vor allem erscheint er auch als versierter Pianist in kammermusikalischen Werken, Schubert etwa musizierte er im „Forellenquintett“ oder vierhändig mit Evgeny Kissin.
Levine war nicht zuletzt ein einfühlsamer Liedbegleiter, gestaltete mustergültig den Klavierpart von Schuberts „Winterreise“ in einer ungewöhnlichen Aufnahme mit Christa Ludwig. In die Interpretation der Wesendonck-Lieder mit Jessye Norman konnte er seine überaus reiche Wagner-Erfahrung einfließen lassen.


