Interview & Porträt

Aus der Stille geboren

Von
Manuel Brug
Erschienen in der Printausgabe im
März 2021
Lesezeit ca.
…
Minuten
Fotos: Alexander Thompson / Sony Classical
Fotos: Alexander Thompson / Sony Classical

Zur Person

Sonya Yoncheva wurde 1981 im bulgarischen Plowdiw geboren. Die Mutter entschied früh, dass sie und ihr jüngerer Bruder Marin Künstler werden sollten und steckte alles Geld in Noten und den Unterricht. Im Alter von 15 Jahren entdeckte sie ihr großes musikalisches Potenzial. Nach dem Konzertexamen als Pianistin und Sängerin wechselte sie mit 19 Jahren nach Genf, wo sie bis 2009 studierte. Schon vorher hatte Sonya Yoncheva als junges Talent ihre eigene TV-Show moderiert und gewann zusammen mit ihrem Bruder einen Wettbewerb des nationalen Fernsehens; so kam es auch zu Auftritten an der Seite von Popmusikern wie Sting und Elvis Costello. Im „Jardin des Voix“, der Graduiertenplattform von William Christie, wurde sie als Barocksängerin geformt. Nach dem Gewinn des von Plácido Domingo ausgerichteten Operalia-Wettbewerbs im Jahr 2010 standen ihr plötzlich die Türen großer Opernhäuser offen. 2012 hatte sie ihren Durchbruch in Frankreich, mit zwei so unterschiedlichen Rollen wie Monteverdis Poppea und Donizettis blutiger Belcanto-Fee Lucia di Lammermoor. Einen großen Erfolg erlebte Sonya Yoncheva 2013 an der New Yorker Met, wo sie als Gilda in „Rigoletto“ engagiert wurde; im folgenden Jahr debütierte sie dort als Mimì in „La Bohème“ und als Violetta in Verdis „La Traviata“. Mit dieser Rolle gelang ihr der internationale Durchbruch, sie debütierte in München, Berlin, am Teatro Real in Madrid, an der Mailänder Scala, der Wiener Staatsoper, dem Royal Opera House Covent Garden in London und an der Opéra national de Paris. Ebenso gastierte sie in Baden-Baden, Frankfurt und Hamburg, in Brüssel, Zürich, Moskau und St. Petersburg. Sie eroberte sich russisches Repertoire wie Tschaikowskis „Iolanta“ und „Eugen Onegin“, aber auch die schweren Belcanto-Partien Bellinis wie Norma und Imogene in „Il pirata“, Cherubinis „Medée“, Verdis „Luisa Miller“ oder die Tosca.

Sonya Yoncheva kann Mutter und Megäre, Machthaberin und Mätresse sein, sie ist gleißend absolutistisch, mit hohen C-Schleudern, aber auch von fraulich durchscheinender Weichheit. Sie lässt den Strom der Töne fließen, gliedert unaufdringlich ihr wohliges Legato, kann sich pianosicher zurücknehmen, liebt, leidet, langt zu. Und ist doch immer wunderbar weibliche, warm klingende Frau.

Kein Wunder, dass die Opernwelt sich nach ihr verzehrt. Zu Weihnachten hat die bulgarische Starsopranistin für den Bundespräsidenten gesungen, im Februar 2021 folgte ein mehrmals verschobenes TV-Konzert: Im Rahmen der gestreamten Solistenreihe der geschlossenen New Yorker Metropolitan Opera ist sie im schwäbischen Kloster Schussenried aufgetreten. Der Grund für die vorangegangenen Terminwechsel war eine verschleppte Bronchitis, die Yoncheva um ihr Debüt als Wagners Elsa im neuen „Lohengrin“ der Berliner Staatsoper gebracht hat. Und natürlich sind ihr, die sich in kurzer Zeit als internationaler Opernstar etablieren konnte und mit ihrem Mann, dem Dirigenten Domingo Hidoyan und zwei Kindern bei Montreux lebt, seit März 2020 auch sonst viele Termine abgesagt worden. Einer aber, ein ganz besonderer, fand statt. Und er war für sie, wie sie im Interview erzählt, wie eine Wiedergeburt: Deshalb auch trägt ihr jüngstes Album mit dem damals gesungenen Repertoire sehr zu Recht den Titel „Rebirth“.

‍

Ihr neues Album heißt „Wiedergeburt“. Ist das angesichts der Ereignisse der letzten Monate so offensichtlich, wie es sich anhört?

In gewisser Weise schon. Aber das hat sich verändert, gleich dreifach.

‍

Inwiefern? Erzählen Sie!

Zunächst einmal gab es wirklich den Plan, nachdem ich mit meiner Händel-Platte sehr zufrieden war und auch auf positive Reaktionen gestoßen bin, in diesem Repertoirebereich weiterzumachen. Das war ja auch schon so eine Art Rückwärts, ein Reload, ein Wiederaufladen, weil ich meine Batterien nicht nur mit Belcanto- und Spinto-Partien verrauchen wollte.

‍

Also ein Rückkehren zu Ihren Anfängen bei William Christie?

Ganz genau. Heute sagt er zu mir, ich sei eine der schönsten Blüten seines „Jardin des Voix“ geworden, denn so nennt er ja, angelehnt an sein Orchester wie Chor Les Arts Florissants, sein wirklich blühendes Nachwuchsprogramm, in dem junge Stimmen so eine Art Praxisakademie durchlaufen, wo sie gleich in das kalte Wasser erster Auftritte hineingeworfen werden. Ich habe damals sehr viel von seinem Wissen profitiert, das mir auch in anderen Vokalregionen wunderbar geholfen hat.

‍

Ein Gang zum Vater, sozusagen.

Ja, es müssen ja nicht immer die Mütter sein! Und weil mir das gutgetan hat, sehr gut zu meiner Stimme passt, fast wie ein Reinigungsprogramm wirkt, wollte ich es für mein neues Plattenprojekt eigentlich wiederholen. Nur eben mit früherer Musik. Das Programm und das Ensemble waren fi x, es sollte im März aufgenommen werden. Die Idee dafür war sogar schon elf Jahre alt, als ich noch mitten in meinen Erfahrungen mit der Alten Musik schwelgte. Dann aber ging es los mit meiner Karriere, und ich hatte dauernd andere Dinge zu singen. Aber ich wollte unbedingt zurückkehren. Denn ich verstehe mich als Universalistin, als vielseitige Künstlerin, nicht als Spezialistin, die nur das macht, was sie am besten kann.

‍

Und dann kam Covid…

Genau. Alles musste geändert werden, das Programm und auch die Musiker. Aber sogar zum Besseren, wie ich finde. Nicht, dass die ursprüngliche Lautten Compagney schlechter wäre, aber der Fokus hat sich dann programmatisch etwas mehr ins Südländische verschoben. Ich bin sehr glücklich über diese CD, die eine wirklich besondere Zeit festhält, für mich immer auch ein autobiografisch klingender Momenteinschluss bleiben wird. Ich besann mich auf meinen alten, argentinischen Freund Leonardo García Alarcón, den ich ja als lehrenden Pianisten, Cembalisten und Dirigenten seit meinen Genfer Studientagen kannte. Er wohnt da immer noch, ich inzwischen in Montreux. Und auch er ist mit seiner Capella Mediterranea seither sehr berühmt geworden. Es kam noch der wunderbare Quito Gardo hinzu, der nicht nur ein Magier auf der Laute, der Gitarre und den Perkussionsinstrumenten ist, sondern auch ein grandioser Arrangeur. Und so setzte sich das neu zusammen.

‍

Wiedergeburt Eins also!

Ganz genau. So wurde das ursprüngliche Konzept, diese Musik als Brücke aus der Geschichte einer fernen Repertoirevergangenheit ins Heute zu begreifen, etwas Unsterbliches, Zeitloses, noch stärker und deutlicher. Im Juni konnten wir es aufnehmen. Wir waren also alle sehr tief und sehr frisch in diese Stücke eingetaucht. Die zweite Wiedergeburt erlebten wir dann, als wir mit diesem eben neueingespielten Programm erstmals wieder vor ein Publikum treten durften. Das war Mitte August bei den so mutig stattfindenden Salzburger Festspielen. Ja, das war wirklich eine Renaissance und mit der richtigen Musik! Das Publikum hat uns mit seinen Emotionen überwältigt. Es hat sich wie ein Schwamm mit unseren Klängen vollgesogen, das war förmlich zu greifen. Auch deshalb war es für uns alle so besonders, und so intensiv zu spüren. Weil wir es so vermisst hatten! Natürlich kann ich als Sängerin im Studio ein akustisches Kunstprodukt kreieren. Das ist auch spannend und Grenzen erweiternd. Aber richtig fühlt es sich nur an, wenn ich diese Erfahrung und diese Ergebnisse dann später mit wirklichen Zuhörern teilen kann. Wie haben wir alle uns danach gesehnt!

‍

‍

Also das Live-Konzert als reines Aphrodisiakum?

Ja, durchaus mit einem Kloß im Hals. Wie wird es gehen, sind wir nicht alle eingerostet? Haben wir noch die magischen Funken? Aber die sind sofort übergesprungen, es hat „Klick“ gemacht und diese besondere Verabredung in einem Konzertsaal, diese Magie aus Geben und Nehmen, sie war gleich wieder und sehr beglückend da. Wir hatten alle Gänsehaut und haben euphorisch weitergesungen und gespielt.

‍

Auch weil dieses Programm ja eher zurückhaltend ist, klein besetzt, und zum genauen Zuhören auffordert? Und sich Ihre Stimme dabei warm und ungeschützt entfalten kann?

Keiner kann sich hier verstecken. Wir sind so wenige, sind wie ein Körper auf der Bühne und auch vor den Studiomikrofonen in den alten Philips-Aufnahmehallen von La Chaux-de-Fonds im Schweizer Jura. Es spielen höchstens zehn Musiker. Das Programm ist aus der Stille geboren, aus dem Atmen, der Klang wird. Das ist so pur und auf den emotionalen Punkt gebracht. Da kann man nicht mit Tricks arbeiten. Da muss man sich total öffnen. Und gerade zu diesem Zeitpunkt war ich wie ein Gefäß, total durchlässig, hypersensibilisiert.

‍

Und die dritte Wiedergeburt?

Die erfolgt jetzt mit der Veröffentlichung, ein halbes Jahr später als geplant. Und nachdem ich im Herbst schwer erkrankte wie noch nie. Ich hatte eine schlimme Bronchitis, fast wie Asthma, ich konnte kaum atmen. Hinterher hat mein Arzt, die sind eben so, sehr makaber gewitzelt, wenn ich mir dann noch den Corona-Virus eingefangen hätte, dann wäre es wohl mein Schwanengesang geworden. Jetzt aber ist es auf einer dritten Bedeutungsebene für mich eine „Rebirth“.

‍

Italienisches, Englisches, Bulgarisches – und Abba als Zugabe. Ist das nicht ein wenig Tuttifrutti?

Im Gegenteil. Ich wollte wirklich die Zeitlosigkeit dieser Musik vorführen. Unterschiedliche Kulturräume wie Italien und England sind sich im Klang sehr nahe, ebenso dieses mir sehr vertraute bulgarische Lied, das sich aus einem Land speist, das von den Griechen, Römern, Thrakern und Türken regiert wurde. Und in dem es keine zentraleuropäische Renaissance gab. Der von mir so geschätzte Jordi Savall hat auch hier schon Wurzeln und Verbindungen untersucht. Und als ich in letzter Minute von einem Freund von Benny Andersson selbst einmal auf dieses unbekannte Juwel aus dem Abba-Katalog hingewiesen wurde, stellte ich erstaunt fest, wie sehr es harmonisch zur Musik am Übergang von der Renaissance zum Barock passt. Es ähnelt harmonisch sogar einem Monteverdi-Madrigal, ist einfach, ehrlich und sehr schön. Natürlich auch, weil es von Quito Gardo so raffiniert und könnerisch in diesen Klangrahmen eingepasst wurde.

‍

Jenseits der verlorenen Engagements, wie haben Sie den Lockdown empfunden?

Wenn ich mal das verlorene Geld beiseitelasse und die Möglichkeiten, meinen Beruf auszuüben und mich als Künstlerin weiterzuentwickeln, was für meinen Mann als Dirigenten ebenso gilt, wussten wir die geschenkte Zeit zu genießen. Ich konnte mich als Mensch neu spüren, alles Künstliche wieder mal hinter mir lassen. Wir sind eine junge Familie mit zwei kleinen Kindern, und diese viele Zeit mit ihnen, es wirklich genießen zu können, wie sie wachsen, lernen, weinen, sich freuen – und nicht nur das stressige Leben zweier international reisender Eltern zu organisieren, das war wunderbar. Ich habe mich sogar noch ein zweites Mal in Domingo verliebt. Doch der zweite Lockdown ist leider viel depressiver. Gegenwärtig lerne ich Rollen. In aller Ruhe. Ich sollte ja in „Trovatore“ und „Rusalka“ debütieren. Nichts hat bisher stattgefunden. Und auch nicht meine New Yorker „Manon Lescaut“.

‍

Sie wechseln zwischen vielen Rollenfächern. Sind Sie eine abenteuerliche Sängerin?

Ich bin eine Musikerin. Und ich will möglichst viel ausprobieren. Ich folge keiner Karrierelinie, sondern nur meinem Pfad. Deshalb diese manchen unorthodox vorkommende Rollenauswahl. Ich hoff e, dass ich nach meiner Salzburger Poppea irgendwann einmal auch noch Händels Alcina angeboten bekomme. Immerhin gibt es ein filmisches Projekt über Purcells Dido. Ich möchte so gern wieder mal eine große Barockpartie singen. Denn auch da kann man das, was ich am liebsten tue – Geschichten erzählen, menschliche Schicksale transportieren. Für mich machen alle meine Projekte viel Sinn und sind gesund für meine Balance.

‍

Auf was freuen Sie sich?

Ich hoff e, dass die an der Scala ausgefallene „Fedora“ nachgeholt wird, denn Verismo finde ich ebenso interessant wie Jazz. Und dann begeistert mich die große Sängerin Pauline Viardot-Garcia, eine der wichtigsten Stimmen des 19. Jahrhunderts, die ja auch komponierte. Da sitze ich lange schon an einem Programm über sie und die Freundschaft zu Clara Schumann. Es sollen auch noch weitere Komponistinnen wie Nadja Boulanger und Carlotta Ferrari zu hören sein. Und meine nächste CD, die wird dann sowieso eine Überraschung.

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Sie arbeiten eher wenig mit Ihrem Mann zusammen…

…was aber nicht heißt, dass wir nicht genau schauen, was der andere macht und auch darin involviert sind. Wir haben nur sehr früh beschlossen, dass wir nicht unbedingt als Paar im Doppelpack auftreten wollen. Wir respektieren uns gegenseitig zu sehr als Musiker, als dass wir nur im Schatten des anderen existieren wollen. So sind wir sehr komplett. Wir müssen nicht 24 Stunden am Tag zusammen sein. Zu Hause hat übrigens auch jeder seinen eigenen Bereich. Aber wenn wir dann gemeinsame Zeit verbringen, dann haben wir sehr viel mehr Spaß.

‍

Wie kamen Sie eigentlich auf den Bibliothekssaal Schussenried als Met- Ersatzkonzertort?

Es sollte das Bode-Museum in Berlin sein. Aber das konnten wir dann wegen des Lockdowns nicht nutzen. Met-Intendant Peter Gelb hat aber offenbar private Kontakte in die Gegend, die ihm den herrlichen Barocksaal empfohlen haben.

Zur Person

Sonya Yoncheva wurde 1981 im bulgarischen Plowdiw geboren. Die Mutter entschied früh, dass sie und ihr jüngerer Bruder Marin Künstler werden sollten und steckte alles Geld in Noten und den Unterricht. Im Alter von 15 Jahren entdeckte sie ihr großes musikalisches Potenzial. Nach dem Konzertexamen als Pianistin und Sängerin wechselte sie mit 19 Jahren nach Genf, wo sie bis 2009 studierte. Schon vorher hatte Sonya Yoncheva als junges Talent ihre eigene TV-Show moderiert und gewann zusammen mit ihrem Bruder einen Wettbewerb des nationalen Fernsehens; so kam es auch zu Auftritten an der Seite von Popmusikern wie Sting und Elvis Costello. Im „Jardin des Voix“, der Graduiertenplattform von William Christie, wurde sie als Barocksängerin geformt. Nach dem Gewinn des von Plácido Domingo ausgerichteten Operalia-Wettbewerbs im Jahr 2010 standen ihr plötzlich die Türen großer Opernhäuser offen. 2012 hatte sie ihren Durchbruch in Frankreich, mit zwei so unterschiedlichen Rollen wie Monteverdis Poppea und Donizettis blutiger Belcanto-Fee Lucia di Lammermoor. Einen großen Erfolg erlebte Sonya Yoncheva 2013 an der New Yorker Met, wo sie als Gilda in „Rigoletto“ engagiert wurde; im folgenden Jahr debütierte sie dort als Mimì in „La Bohème“ und als Violetta in Verdis „La Traviata“. Mit dieser Rolle gelang ihr der internationale Durchbruch, sie debütierte in München, Berlin, am Teatro Real in Madrid, an der Mailänder Scala, der Wiener Staatsoper, dem Royal Opera House Covent Garden in London und an der Opéra national de Paris. Ebenso gastierte sie in Baden-Baden, Frankfurt und Hamburg, in Brüssel, Zürich, Moskau und St. Petersburg. Sie eroberte sich russisches Repertoire wie Tschaikowskis „Iolanta“ und „Eugen Onegin“, aber auch die schweren Belcanto-Partien Bellinis wie Norma und Imogene in „Il pirata“, Cherubinis „Medée“, Verdis „Luisa Miller“ oder die Tosca.

Sonya Yoncheva kann Mutter und Megäre, Machthaberin und Mätresse sein, sie ist gleißend absolutistisch, mit hohen C-Schleudern, aber auch von fraulich durchscheinender Weichheit. Sie lässt den Strom der Töne fließen, gliedert unaufdringlich ihr wohliges Legato, kann sich pianosicher zurücknehmen, liebt, leidet, langt zu. Und ist doch immer wunderbar weibliche, warm klingende Frau.

Kein Wunder, dass die Opernwelt sich nach ihr verzehrt. Zu Weihnachten hat die bulgarische Starsopranistin für den Bundespräsidenten gesungen, im Februar 2021 folgte ein mehrmals verschobenes TV-Konzert: Im Rahmen der gestreamten Solistenreihe der geschlossenen New Yorker Metropolitan Opera ist sie im schwäbischen Kloster Schussenried aufgetreten. Der Grund für die vorangegangenen Terminwechsel war eine verschleppte Bronchitis, die Yoncheva um ihr Debüt als Wagners Elsa im neuen „Lohengrin“ der Berliner Staatsoper gebracht hat. Und natürlich sind ihr, die sich in kurzer Zeit als internationaler Opernstar etablieren konnte und mit ihrem Mann, dem Dirigenten Domingo Hidoyan und zwei Kindern bei Montreux lebt, seit März 2020 auch sonst viele Termine abgesagt worden. Einer aber, ein ganz besonderer, fand statt. Und er war für sie, wie sie im Interview erzählt, wie eine Wiedergeburt: Deshalb auch trägt ihr jüngstes Album mit dem damals gesungenen Repertoire sehr zu Recht den Titel „Rebirth“.

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Ihr neues Album heißt „Wiedergeburt“. Ist das angesichts der Ereignisse der letzten Monate so offensichtlich, wie es sich anhört?

In gewisser Weise schon. Aber das hat sich verändert, gleich dreifach.

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Inwiefern? Erzählen Sie!

Zunächst einmal gab es wirklich den Plan, nachdem ich mit meiner Händel-Platte sehr zufrieden war und auch auf positive Reaktionen gestoßen bin, in diesem Repertoirebereich weiterzumachen. Das war ja auch schon so eine Art Rückwärts, ein Reload, ein Wiederaufladen, weil ich meine Batterien nicht nur mit Belcanto- und Spinto-Partien verrauchen wollte.

‍

Also ein Rückkehren zu Ihren Anfängen bei William Christie?

Ganz genau. Heute sagt er zu mir, ich sei eine der schönsten Blüten seines „Jardin des Voix“ geworden, denn so nennt er ja, angelehnt an sein Orchester wie Chor Les Arts Florissants, sein wirklich blühendes Nachwuchsprogramm, in dem junge Stimmen so eine Art Praxisakademie durchlaufen, wo sie gleich in das kalte Wasser erster Auftritte hineingeworfen werden. Ich habe damals sehr viel von seinem Wissen profitiert, das mir auch in anderen Vokalregionen wunderbar geholfen hat.

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Ein Gang zum Vater, sozusagen.

Ja, es müssen ja nicht immer die Mütter sein! Und weil mir das gutgetan hat, sehr gut zu meiner Stimme passt, fast wie ein Reinigungsprogramm wirkt, wollte ich es für mein neues Plattenprojekt eigentlich wiederholen. Nur eben mit früherer Musik. Das Programm und das Ensemble waren fi x, es sollte im März aufgenommen werden. Die Idee dafür war sogar schon elf Jahre alt, als ich noch mitten in meinen Erfahrungen mit der Alten Musik schwelgte. Dann aber ging es los mit meiner Karriere, und ich hatte dauernd andere Dinge zu singen. Aber ich wollte unbedingt zurückkehren. Denn ich verstehe mich als Universalistin, als vielseitige Künstlerin, nicht als Spezialistin, die nur das macht, was sie am besten kann.

‍

Und dann kam Covid…

Genau. Alles musste geändert werden, das Programm und auch die Musiker. Aber sogar zum Besseren, wie ich finde. Nicht, dass die ursprüngliche Lautten Compagney schlechter wäre, aber der Fokus hat sich dann programmatisch etwas mehr ins Südländische verschoben. Ich bin sehr glücklich über diese CD, die eine wirklich besondere Zeit festhält, für mich immer auch ein autobiografisch klingender Momenteinschluss bleiben wird. Ich besann mich auf meinen alten, argentinischen Freund Leonardo García Alarcón, den ich ja als lehrenden Pianisten, Cembalisten und Dirigenten seit meinen Genfer Studientagen kannte. Er wohnt da immer noch, ich inzwischen in Montreux. Und auch er ist mit seiner Capella Mediterranea seither sehr berühmt geworden. Es kam noch der wunderbare Quito Gardo hinzu, der nicht nur ein Magier auf der Laute, der Gitarre und den Perkussionsinstrumenten ist, sondern auch ein grandioser Arrangeur. Und so setzte sich das neu zusammen.

‍

Wiedergeburt Eins also!

Ganz genau. So wurde das ursprüngliche Konzept, diese Musik als Brücke aus der Geschichte einer fernen Repertoirevergangenheit ins Heute zu begreifen, etwas Unsterbliches, Zeitloses, noch stärker und deutlicher. Im Juni konnten wir es aufnehmen. Wir waren also alle sehr tief und sehr frisch in diese Stücke eingetaucht. Die zweite Wiedergeburt erlebten wir dann, als wir mit diesem eben neueingespielten Programm erstmals wieder vor ein Publikum treten durften. Das war Mitte August bei den so mutig stattfindenden Salzburger Festspielen. Ja, das war wirklich eine Renaissance und mit der richtigen Musik! Das Publikum hat uns mit seinen Emotionen überwältigt. Es hat sich wie ein Schwamm mit unseren Klängen vollgesogen, das war förmlich zu greifen. Auch deshalb war es für uns alle so besonders, und so intensiv zu spüren. Weil wir es so vermisst hatten! Natürlich kann ich als Sängerin im Studio ein akustisches Kunstprodukt kreieren. Das ist auch spannend und Grenzen erweiternd. Aber richtig fühlt es sich nur an, wenn ich diese Erfahrung und diese Ergebnisse dann später mit wirklichen Zuhörern teilen kann. Wie haben wir alle uns danach gesehnt!

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‍

Also das Live-Konzert als reines Aphrodisiakum?

Ja, durchaus mit einem Kloß im Hals. Wie wird es gehen, sind wir nicht alle eingerostet? Haben wir noch die magischen Funken? Aber die sind sofort übergesprungen, es hat „Klick“ gemacht und diese besondere Verabredung in einem Konzertsaal, diese Magie aus Geben und Nehmen, sie war gleich wieder und sehr beglückend da. Wir hatten alle Gänsehaut und haben euphorisch weitergesungen und gespielt.

‍

Auch weil dieses Programm ja eher zurückhaltend ist, klein besetzt, und zum genauen Zuhören auffordert? Und sich Ihre Stimme dabei warm und ungeschützt entfalten kann?

Keiner kann sich hier verstecken. Wir sind so wenige, sind wie ein Körper auf der Bühne und auch vor den Studiomikrofonen in den alten Philips-Aufnahmehallen von La Chaux-de-Fonds im Schweizer Jura. Es spielen höchstens zehn Musiker. Das Programm ist aus der Stille geboren, aus dem Atmen, der Klang wird. Das ist so pur und auf den emotionalen Punkt gebracht. Da kann man nicht mit Tricks arbeiten. Da muss man sich total öffnen. Und gerade zu diesem Zeitpunkt war ich wie ein Gefäß, total durchlässig, hypersensibilisiert.

‍

Und die dritte Wiedergeburt?

Die erfolgt jetzt mit der Veröffentlichung, ein halbes Jahr später als geplant. Und nachdem ich im Herbst schwer erkrankte wie noch nie. Ich hatte eine schlimme Bronchitis, fast wie Asthma, ich konnte kaum atmen. Hinterher hat mein Arzt, die sind eben so, sehr makaber gewitzelt, wenn ich mir dann noch den Corona-Virus eingefangen hätte, dann wäre es wohl mein Schwanengesang geworden. Jetzt aber ist es auf einer dritten Bedeutungsebene für mich eine „Rebirth“.

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Italienisches, Englisches, Bulgarisches – und Abba als Zugabe. Ist das nicht ein wenig Tuttifrutti?

Im Gegenteil. Ich wollte wirklich die Zeitlosigkeit dieser Musik vorführen. Unterschiedliche Kulturräume wie Italien und England sind sich im Klang sehr nahe, ebenso dieses mir sehr vertraute bulgarische Lied, das sich aus einem Land speist, das von den Griechen, Römern, Thrakern und Türken regiert wurde. Und in dem es keine zentraleuropäische Renaissance gab. Der von mir so geschätzte Jordi Savall hat auch hier schon Wurzeln und Verbindungen untersucht. Und als ich in letzter Minute von einem Freund von Benny Andersson selbst einmal auf dieses unbekannte Juwel aus dem Abba-Katalog hingewiesen wurde, stellte ich erstaunt fest, wie sehr es harmonisch zur Musik am Übergang von der Renaissance zum Barock passt. Es ähnelt harmonisch sogar einem Monteverdi-Madrigal, ist einfach, ehrlich und sehr schön. Natürlich auch, weil es von Quito Gardo so raffiniert und könnerisch in diesen Klangrahmen eingepasst wurde.

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Jenseits der verlorenen Engagements, wie haben Sie den Lockdown empfunden?

Wenn ich mal das verlorene Geld beiseitelasse und die Möglichkeiten, meinen Beruf auszuüben und mich als Künstlerin weiterzuentwickeln, was für meinen Mann als Dirigenten ebenso gilt, wussten wir die geschenkte Zeit zu genießen. Ich konnte mich als Mensch neu spüren, alles Künstliche wieder mal hinter mir lassen. Wir sind eine junge Familie mit zwei kleinen Kindern, und diese viele Zeit mit ihnen, es wirklich genießen zu können, wie sie wachsen, lernen, weinen, sich freuen – und nicht nur das stressige Leben zweier international reisender Eltern zu organisieren, das war wunderbar. Ich habe mich sogar noch ein zweites Mal in Domingo verliebt. Doch der zweite Lockdown ist leider viel depressiver. Gegenwärtig lerne ich Rollen. In aller Ruhe. Ich sollte ja in „Trovatore“ und „Rusalka“ debütieren. Nichts hat bisher stattgefunden. Und auch nicht meine New Yorker „Manon Lescaut“.

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Sie wechseln zwischen vielen Rollenfächern. Sind Sie eine abenteuerliche Sängerin?

Ich bin eine Musikerin. Und ich will möglichst viel ausprobieren. Ich folge keiner Karrierelinie, sondern nur meinem Pfad. Deshalb diese manchen unorthodox vorkommende Rollenauswahl. Ich hoff e, dass ich nach meiner Salzburger Poppea irgendwann einmal auch noch Händels Alcina angeboten bekomme. Immerhin gibt es ein filmisches Projekt über Purcells Dido. Ich möchte so gern wieder mal eine große Barockpartie singen. Denn auch da kann man das, was ich am liebsten tue – Geschichten erzählen, menschliche Schicksale transportieren. Für mich machen alle meine Projekte viel Sinn und sind gesund für meine Balance.

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Auf was freuen Sie sich?

Ich hoff e, dass die an der Scala ausgefallene „Fedora“ nachgeholt wird, denn Verismo finde ich ebenso interessant wie Jazz. Und dann begeistert mich die große Sängerin Pauline Viardot-Garcia, eine der wichtigsten Stimmen des 19. Jahrhunderts, die ja auch komponierte. Da sitze ich lange schon an einem Programm über sie und die Freundschaft zu Clara Schumann. Es sollen auch noch weitere Komponistinnen wie Nadja Boulanger und Carlotta Ferrari zu hören sein. Und meine nächste CD, die wird dann sowieso eine Überraschung.

‍

Sie arbeiten eher wenig mit Ihrem Mann zusammen…

…was aber nicht heißt, dass wir nicht genau schauen, was der andere macht und auch darin involviert sind. Wir haben nur sehr früh beschlossen, dass wir nicht unbedingt als Paar im Doppelpack auftreten wollen. Wir respektieren uns gegenseitig zu sehr als Musiker, als dass wir nur im Schatten des anderen existieren wollen. So sind wir sehr komplett. Wir müssen nicht 24 Stunden am Tag zusammen sein. Zu Hause hat übrigens auch jeder seinen eigenen Bereich. Aber wenn wir dann gemeinsame Zeit verbringen, dann haben wir sehr viel mehr Spaß.

‍

Wie kamen Sie eigentlich auf den Bibliothekssaal Schussenried als Met- Ersatzkonzertort?

Es sollte das Bode-Museum in Berlin sein. Aber das konnten wir dann wegen des Lockdowns nicht nutzen. Met-Intendant Peter Gelb hat aber offenbar private Kontakte in die Gegend, die ihm den herrlichen Barocksaal empfohlen haben.