Interview & Porträt

„Die Orgel definiert sich über ihren Spieler“

Von
Burkhard Schäfer
Erschienen in der Printausgabe im
März 2021
Lesezeit ca.
…
Minuten
Foto: Gregor Hohenberg / Sony Music Entertainment
Foto: Gregor Hohenberg / Sony Music Entertainment

Instrument des Jahres 2021: Die Orgel

Seit 2008 küren die Landesmusikräte ein „Instrument des Jahres“. 2021 hat die Orgel die Geige abgelöst. Zentralveranstaltung zum diesjährigen „Instrument des Jahres“ ist der Wettbewerb „Faszination Orgel“, der vom 9. bis 11. Juli stattfindet und gemeinsam vom Landesmusikrat Baden-Württemberg und dem Landeskantorat Nordbaden in der Christuskirche Mannheim veranstaltet wird. Das Projekt beleuchtet die vielen unterschiedlichen Facetten des Instruments – von der Literatur über Orgelunterricht, Konzerte, dem Instrumentenbau bis hin zum Orgelspiel. Unter der Schirmherrschaft von Ministerpräsident Winfried Kretschmann und in Kooperation mit den katholischen Diözesen sowie den evangelischen Landeskirchen wird ein Podium geschaffen, auf dem die Orgel als Konzertinstrument für ein Jahr in den Mittelpunkt rückt.

In der Ausstellung „Klang. Kunst. Konstruktion“ präsentiert das Berliner Musikinstrumenten- Museum vom 26. März bis zum 25. Juli 48 Orgeln aus dem 17. bis 20. Jahrhundert und beleuchtet die bautechnische und musikalische Vielfalt des Instruments.

Weitere Infos: www.instrument-des-jahres.de

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Herr Carpenter, die Orgel ist das „Instrument des Jahres“ 2021. Wie finden Sie das?

Das ist eine gute Wahl. Ich bin immer froh, wenn die Orgel in den Medien Aufmerksamkeit erfährt. Abgesehen davon denke ich, dass die Wahl auch deshalb Sinn macht, weil die Orgel ein Instrument ist, das aus der Entfernung heraus gespielt wird und dessen Schönheit miteinander aus der Distanz heraus geteilt werden kann. Insofern ist es ein passendes Instrument für die Tage des Social Distancing. Aber letztlich ist das Instrument immer sekundär zum Spieler. Für mich ist 2021 deshalb nicht das Jahr der Orgel, sondern das Jahr der Organisten.

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Im Allgemeinen gilt doch das Gegenteil: Der Organist ist sekundär zum Instrument.

Kein anderes Instrument verlangt seinen Spielern eine so große Aufmerksamkeit ab wie die Orgel. Zudem ist sie gedanklich mit der Kirche verbunden – und die tendiert dazu, die Identität des Organisten zu erdrücken. Es ist deshalb eine wunderbare Sache, über das Jahr der Orgel zu sprechen, aber es ist dabei wichtig, den Orgelspieler darüber nicht zu vergessen. Denn mehr als jedes andere Instrument definiert sich die Orgel über ihren Spieler.

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Aber kaum ein Klang ist doch so voluminös wie der einer Orgel…

Die Orgel hat keinen festgesetzten Sound. Die Klänge, die wir hören, resultieren letztlich aus den Entscheidungen, die der Organist trifft, bevor er die Orgel spielt. Wenn ich mich also nun hinsetze und für Sie die Orgel spiele, hören Sie die Orgel nur in der Art und Weise, wie ich als Organist mir wünsche, dass Sie sie hören. Und hierbei spreche ich nicht über eine subjektive Interpretation des Werkes, sondern über den objektiven Sound, den ich als Orgelspieler definiere. Genau darin liegt die große Faszination der Orgel: Sie hat keine Identität wie etwa das Klavier oder die Geige, sondern ist eine Tabula rasa.

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Dann ist die Orgel nichts und der Spieler alles? Es hat doch Tradition, dass der Organist, zumal der Kirchenorganist, demütig und klein hinter der großen „Königin“ verschwindet.

Für junge Organisten ist es deshalb höchste Zeit, dass sie sich die Freiheit nehmen, ungezwungen auf das Instrument zuzugehen. Dass sie ihre Identität und Kreativität mit einbringen und aufhören, sich dafür zu entschuldigen, wie sie spielen. Lasst uns deshalb hoffen, dass das Jahr der Orgel hilft, diesen Trend zu verstärken.

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In konservativen und kirchlichen Zirkeln ist Ihre Art und Weise, die Orgel zu spielen, oft nicht wohl gelitten. Stört Sie das?

Nein, denn innerhalb von deren Weltsicht ist das für diese Leute der korrekte Schluss. Wenn Deine Vorstellung von der Orgel sich über die Kirche definiert, dann bist du zuallererst an etwas anderem interessiert als an dem Instrument. Aber die Orgel selbst ist viel zu reich und divers, als durch solch eine enge Sicht begrenzt zu werden. Wenn man glaubt, dass die Orgel ihre Wurzeln in der Kirche hat, dann hat man leider überhaupt kein Wissen über dieses Instrument. Dafür demonstrieren diese Leute mit ihrer Sicht einfach nur ihre eigene Ignoranz.

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Die etablierte Orgelszene ist Ihnen ein Dorn im Auge?

Es macht mich wütend, wenn Organisten, die wichtige Stellen besetzen, weil sie etwa an einem Konservatorium lehren, ihre Machtposition gegenüber den Jüngeren ausspielen. Das ist wirklich eines der ganz großen Probleme, die wir derzeit mit der Orgel haben: die Kontrollausübung der etablierten, zumeist älteren, männlichen und weißen Wachhunde über den Nachwuchs. Die jungen Organisten sind typischerweise nicht so freimütig wie ich, nicht so säkular und auch nicht so technikaffin. Sie haben auch keine Verträge mit Major- Labeln und nicht die Möglichkeit, sich so frei zu äußern, da bin ich in einer privilegierteren Position.

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Und diese Wachhunde, wie Sie sie nennen, verhindern Orgel-Karrieren wie Ihre?

Man muss sich einfach vor Augen führen, dass Orgel-Professoren auch durch subtile Machtausübung massiven Einfluss ausüben können. Es sind ja zumeist junge Menschen, die im Studium nun weg sind von daheim. In der Regel sind sie nicht aus reichem Hause, viele junge Orgelschüler müssen sich mit einem oder zwei Jobs als Kirchenorganisten durchschlagen, um sich ihre Laufbahn am Konservatorium überhaupt verdienen zu können. Und dann ist es für diese Leute sehr schwierig, Zugang zu einem wirklichen Top-Instrument zu bekommen. Kein Wunder, dass es für den Nachwuchs kaum möglich ist, unter diesen Umständen eine eigene Stimme, ein eigenes Profil zu entwickeln. Wir stecken in vielen Belangen immer noch fest in den 1950er- und 1960er-Jahren, was die akademische Offenheit gegenüber Neuerungen, Progressivität und Kreativität betrifft.

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Konservative und klerikale Denkweisen sind also weit verbreitet?

Natürlich gibt es auch weltoffene und moderne Professoren, das möchte ich hier überhaupt nicht in Abrede stellen. Aber die meisten halten an dem Dogma fest, die Orgel sei ein religiöses Instrument. Sicherlich hat die Orgel in der Kirche eine Rolle gespielt und tut dies immer noch, aber es kann auch niemand leugnen, dass man sie nicht darauf beschränken kann. Die Vorstellung, dass die Orgel ein Instrument der reinen Lehre ist, auf der man tunlichst nur ernste Werke spielen soll, ist eine pseudo-intellektuelle Haltung aus Eitelkeit heraus. Diese Haltung hat auf Jahrzehnte hinaus das Publikum vertrieben.

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Was bedeutet das in der Praxis der jungen Organisten?

Aufgrund der traditionellen Verkrustungen haben junge Organisten im Vergleich zu anderen Instrumentalisten nicht die Möglichkeit, mit ihrer eigenen Stimme ihre Karriere aufzubauen. Wenn Sie als Geiger oder Pianist an ihrer Karriere arbeiten, dann haben Sie dabei immer eine bestimmte Ambition, etwa in der Carnegie Hall zu spielen. Ein Organist wünscht sich das genauso sehr wie ein anderer Musiker, in der Tat vielleicht sogar noch mehr. Aus den genannten Beschränkungen heraus wird sich der Wunsch nach gefüllten Konzerthallen bei den allermeisten Organisten nie erfüllen. Da sie in der Regel auch kein eigenes Instrument haben, können sie sich nie ihr Publikum erspielen. Nur ein Student, der es schafft, mit seinem Lehrer neue Wege einzuschlagen, hat überhaupt eine Chance auf solch eine Organisten-Karriere.

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Sie selbst haben es ja geschafft. Und mit ihrer mobilen „International Touring Organ“ haben Sie auch Ihr eigenes Instrument. Ihre Fans sind begeistert, es gibt aber auch viele Neider, oder?

Eine Person wie ich, die Dinge tut, die andere Nachwuchsorganisten vielleicht auch gerne einmal ausprobieren würden, wird leicht zum emotionalen Auslöser für all das, was im Leben dieser jungen Leute fehlt. Dann kommt es oft zu psychologischen Ersatzhandlungen, die das, was ich mache, mit Diskriminierung und Verachtung abstrafen. Jedes Mal, wenn du als Organist hörst, dass du dich auf dem angeblich falschen Weg befindest, weil es nur den einen richtigen Weg gibt, solltest du auf der Hut sein.

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Angeblich kommen Ihre Fans nur Ihretwegen ins Konzert und interessieren sich ansonsten wenig bis gar nicht für die Orgel, schon gar nicht für andere Organisten und Orgelreihen…

Ich gebe Leuten, die diese Meinung verbreiten, keine Schuld, glaube aber, dass dies kein vernünftiges Argument ist. Lassen Sie uns annehmen, sie hätten Recht. Wie können dann 3000 Menschen in Taipeh in mein Konzert kommen? Wie können sie alle Besucher in der Hinsicht kategorisieren, dass diese Leute sonst nie Orgel hören? Woher nehmen sie dieses Recht und das Wissen? Dieses Argument entbehrt, wenn man alles aufschlüsselt, deshalb jeder Logik und fällt zurück auf die pseudo-akademische Haltung der Organistenszene. Ich selbst kann damit leben, schade ist nur, dass ein junger Organist, der diese Vorurteile über mich hört, dann noch zögerlicher wird, aus seiner eigenen Komfortzone herauszugehen.

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Worin liegt der tiefere Unterschied zwischen dem Klavier und der Orgel?

In der Zeit. Eine Note, die auf einem Klavier oder von der menschlichen Stimme gehalten wird, kann in dieser Welt nur ein paar Sekunden existieren. Und wenn man nun die Analogie erlaubt, dass die einzelne Note als Symbol steht für ein einzelnes Leben, dann muss sie genau wie dieses enden. Auf der Orgel hingegen kann ein Ton sozusagen eine Ewigkeit lang angehalten werden. Ein Stück wie „ASLSP – As Slow As Possible“ von John Cage ist deshalb adäquat nur auf einer Orgel darstellbar.

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Sind wir damit am Schluss dann doch wieder bei der Orgel als einem sakralen Instrument, das mit dem Ewigen im Bunde ist?

Die Orgel ist zunächst einmal binär, ein musikalischer Computer. Es gibt eine festgelegte Anzahl von Registrierungsmöglichkeiten, auch wenn diese, wie vor allem bei großen Orgeln, gigantisch ist. Die meisten Menschen, die der Orgel eine Seele zuschreiben, lehnen es ab, dass die Orgel eine aus Naturwissenschaft und Technik hervorgegangene Maschine ist. Wer behauptet, dass die Orgel eine Seele hat, gibt den viel spannenderen Aspekt auf, den die Orgel als Computer, als Maschine besitzt.

Instrument des Jahres 2021: Die Orgel

Seit 2008 küren die Landesmusikräte ein „Instrument des Jahres“. 2021 hat die Orgel die Geige abgelöst. Zentralveranstaltung zum diesjährigen „Instrument des Jahres“ ist der Wettbewerb „Faszination Orgel“, der vom 9. bis 11. Juli stattfindet und gemeinsam vom Landesmusikrat Baden-Württemberg und dem Landeskantorat Nordbaden in der Christuskirche Mannheim veranstaltet wird. Das Projekt beleuchtet die vielen unterschiedlichen Facetten des Instruments – von der Literatur über Orgelunterricht, Konzerte, dem Instrumentenbau bis hin zum Orgelspiel. Unter der Schirmherrschaft von Ministerpräsident Winfried Kretschmann und in Kooperation mit den katholischen Diözesen sowie den evangelischen Landeskirchen wird ein Podium geschaffen, auf dem die Orgel als Konzertinstrument für ein Jahr in den Mittelpunkt rückt.

In der Ausstellung „Klang. Kunst. Konstruktion“ präsentiert das Berliner Musikinstrumenten- Museum vom 26. März bis zum 25. Juli 48 Orgeln aus dem 17. bis 20. Jahrhundert und beleuchtet die bautechnische und musikalische Vielfalt des Instruments.

Weitere Infos: www.instrument-des-jahres.de

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Herr Carpenter, die Orgel ist das „Instrument des Jahres“ 2021. Wie finden Sie das?

Das ist eine gute Wahl. Ich bin immer froh, wenn die Orgel in den Medien Aufmerksamkeit erfährt. Abgesehen davon denke ich, dass die Wahl auch deshalb Sinn macht, weil die Orgel ein Instrument ist, das aus der Entfernung heraus gespielt wird und dessen Schönheit miteinander aus der Distanz heraus geteilt werden kann. Insofern ist es ein passendes Instrument für die Tage des Social Distancing. Aber letztlich ist das Instrument immer sekundär zum Spieler. Für mich ist 2021 deshalb nicht das Jahr der Orgel, sondern das Jahr der Organisten.

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Im Allgemeinen gilt doch das Gegenteil: Der Organist ist sekundär zum Instrument.

Kein anderes Instrument verlangt seinen Spielern eine so große Aufmerksamkeit ab wie die Orgel. Zudem ist sie gedanklich mit der Kirche verbunden – und die tendiert dazu, die Identität des Organisten zu erdrücken. Es ist deshalb eine wunderbare Sache, über das Jahr der Orgel zu sprechen, aber es ist dabei wichtig, den Orgelspieler darüber nicht zu vergessen. Denn mehr als jedes andere Instrument definiert sich die Orgel über ihren Spieler.

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Aber kaum ein Klang ist doch so voluminös wie der einer Orgel…

Die Orgel hat keinen festgesetzten Sound. Die Klänge, die wir hören, resultieren letztlich aus den Entscheidungen, die der Organist trifft, bevor er die Orgel spielt. Wenn ich mich also nun hinsetze und für Sie die Orgel spiele, hören Sie die Orgel nur in der Art und Weise, wie ich als Organist mir wünsche, dass Sie sie hören. Und hierbei spreche ich nicht über eine subjektive Interpretation des Werkes, sondern über den objektiven Sound, den ich als Orgelspieler definiere. Genau darin liegt die große Faszination der Orgel: Sie hat keine Identität wie etwa das Klavier oder die Geige, sondern ist eine Tabula rasa.

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Dann ist die Orgel nichts und der Spieler alles? Es hat doch Tradition, dass der Organist, zumal der Kirchenorganist, demütig und klein hinter der großen „Königin“ verschwindet.

Für junge Organisten ist es deshalb höchste Zeit, dass sie sich die Freiheit nehmen, ungezwungen auf das Instrument zuzugehen. Dass sie ihre Identität und Kreativität mit einbringen und aufhören, sich dafür zu entschuldigen, wie sie spielen. Lasst uns deshalb hoffen, dass das Jahr der Orgel hilft, diesen Trend zu verstärken.

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In konservativen und kirchlichen Zirkeln ist Ihre Art und Weise, die Orgel zu spielen, oft nicht wohl gelitten. Stört Sie das?

Nein, denn innerhalb von deren Weltsicht ist das für diese Leute der korrekte Schluss. Wenn Deine Vorstellung von der Orgel sich über die Kirche definiert, dann bist du zuallererst an etwas anderem interessiert als an dem Instrument. Aber die Orgel selbst ist viel zu reich und divers, als durch solch eine enge Sicht begrenzt zu werden. Wenn man glaubt, dass die Orgel ihre Wurzeln in der Kirche hat, dann hat man leider überhaupt kein Wissen über dieses Instrument. Dafür demonstrieren diese Leute mit ihrer Sicht einfach nur ihre eigene Ignoranz.

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Die etablierte Orgelszene ist Ihnen ein Dorn im Auge?

Es macht mich wütend, wenn Organisten, die wichtige Stellen besetzen, weil sie etwa an einem Konservatorium lehren, ihre Machtposition gegenüber den Jüngeren ausspielen. Das ist wirklich eines der ganz großen Probleme, die wir derzeit mit der Orgel haben: die Kontrollausübung der etablierten, zumeist älteren, männlichen und weißen Wachhunde über den Nachwuchs. Die jungen Organisten sind typischerweise nicht so freimütig wie ich, nicht so säkular und auch nicht so technikaffin. Sie haben auch keine Verträge mit Major- Labeln und nicht die Möglichkeit, sich so frei zu äußern, da bin ich in einer privilegierteren Position.

‍

Und diese Wachhunde, wie Sie sie nennen, verhindern Orgel-Karrieren wie Ihre?

Man muss sich einfach vor Augen führen, dass Orgel-Professoren auch durch subtile Machtausübung massiven Einfluss ausüben können. Es sind ja zumeist junge Menschen, die im Studium nun weg sind von daheim. In der Regel sind sie nicht aus reichem Hause, viele junge Orgelschüler müssen sich mit einem oder zwei Jobs als Kirchenorganisten durchschlagen, um sich ihre Laufbahn am Konservatorium überhaupt verdienen zu können. Und dann ist es für diese Leute sehr schwierig, Zugang zu einem wirklichen Top-Instrument zu bekommen. Kein Wunder, dass es für den Nachwuchs kaum möglich ist, unter diesen Umständen eine eigene Stimme, ein eigenes Profil zu entwickeln. Wir stecken in vielen Belangen immer noch fest in den 1950er- und 1960er-Jahren, was die akademische Offenheit gegenüber Neuerungen, Progressivität und Kreativität betrifft.

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Konservative und klerikale Denkweisen sind also weit verbreitet?

Natürlich gibt es auch weltoffene und moderne Professoren, das möchte ich hier überhaupt nicht in Abrede stellen. Aber die meisten halten an dem Dogma fest, die Orgel sei ein religiöses Instrument. Sicherlich hat die Orgel in der Kirche eine Rolle gespielt und tut dies immer noch, aber es kann auch niemand leugnen, dass man sie nicht darauf beschränken kann. Die Vorstellung, dass die Orgel ein Instrument der reinen Lehre ist, auf der man tunlichst nur ernste Werke spielen soll, ist eine pseudo-intellektuelle Haltung aus Eitelkeit heraus. Diese Haltung hat auf Jahrzehnte hinaus das Publikum vertrieben.

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Was bedeutet das in der Praxis der jungen Organisten?

Aufgrund der traditionellen Verkrustungen haben junge Organisten im Vergleich zu anderen Instrumentalisten nicht die Möglichkeit, mit ihrer eigenen Stimme ihre Karriere aufzubauen. Wenn Sie als Geiger oder Pianist an ihrer Karriere arbeiten, dann haben Sie dabei immer eine bestimmte Ambition, etwa in der Carnegie Hall zu spielen. Ein Organist wünscht sich das genauso sehr wie ein anderer Musiker, in der Tat vielleicht sogar noch mehr. Aus den genannten Beschränkungen heraus wird sich der Wunsch nach gefüllten Konzerthallen bei den allermeisten Organisten nie erfüllen. Da sie in der Regel auch kein eigenes Instrument haben, können sie sich nie ihr Publikum erspielen. Nur ein Student, der es schafft, mit seinem Lehrer neue Wege einzuschlagen, hat überhaupt eine Chance auf solch eine Organisten-Karriere.

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Sie selbst haben es ja geschafft. Und mit ihrer mobilen „International Touring Organ“ haben Sie auch Ihr eigenes Instrument. Ihre Fans sind begeistert, es gibt aber auch viele Neider, oder?

Eine Person wie ich, die Dinge tut, die andere Nachwuchsorganisten vielleicht auch gerne einmal ausprobieren würden, wird leicht zum emotionalen Auslöser für all das, was im Leben dieser jungen Leute fehlt. Dann kommt es oft zu psychologischen Ersatzhandlungen, die das, was ich mache, mit Diskriminierung und Verachtung abstrafen. Jedes Mal, wenn du als Organist hörst, dass du dich auf dem angeblich falschen Weg befindest, weil es nur den einen richtigen Weg gibt, solltest du auf der Hut sein.

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Angeblich kommen Ihre Fans nur Ihretwegen ins Konzert und interessieren sich ansonsten wenig bis gar nicht für die Orgel, schon gar nicht für andere Organisten und Orgelreihen…

Ich gebe Leuten, die diese Meinung verbreiten, keine Schuld, glaube aber, dass dies kein vernünftiges Argument ist. Lassen Sie uns annehmen, sie hätten Recht. Wie können dann 3000 Menschen in Taipeh in mein Konzert kommen? Wie können sie alle Besucher in der Hinsicht kategorisieren, dass diese Leute sonst nie Orgel hören? Woher nehmen sie dieses Recht und das Wissen? Dieses Argument entbehrt, wenn man alles aufschlüsselt, deshalb jeder Logik und fällt zurück auf die pseudo-akademische Haltung der Organistenszene. Ich selbst kann damit leben, schade ist nur, dass ein junger Organist, der diese Vorurteile über mich hört, dann noch zögerlicher wird, aus seiner eigenen Komfortzone herauszugehen.

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Worin liegt der tiefere Unterschied zwischen dem Klavier und der Orgel?

In der Zeit. Eine Note, die auf einem Klavier oder von der menschlichen Stimme gehalten wird, kann in dieser Welt nur ein paar Sekunden existieren. Und wenn man nun die Analogie erlaubt, dass die einzelne Note als Symbol steht für ein einzelnes Leben, dann muss sie genau wie dieses enden. Auf der Orgel hingegen kann ein Ton sozusagen eine Ewigkeit lang angehalten werden. Ein Stück wie „ASLSP – As Slow As Possible“ von John Cage ist deshalb adäquat nur auf einer Orgel darstellbar.

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Sind wir damit am Schluss dann doch wieder bei der Orgel als einem sakralen Instrument, das mit dem Ewigen im Bunde ist?

Die Orgel ist zunächst einmal binär, ein musikalischer Computer. Es gibt eine festgelegte Anzahl von Registrierungsmöglichkeiten, auch wenn diese, wie vor allem bei großen Orgeln, gigantisch ist. Die meisten Menschen, die der Orgel eine Seele zuschreiben, lehnen es ab, dass die Orgel eine aus Naturwissenschaft und Technik hervorgegangene Maschine ist. Wer behauptet, dass die Orgel eine Seele hat, gibt den viel spannenderen Aspekt auf, den die Orgel als Computer, als Maschine besitzt.