Das Beste aus zwei Welten
Warum der kolumbianische Barockcellist Nestór Fabián Cortés Garzón in Deutschland die Ensembles Los Temperamentos und Bremer Barockorchester gründete.

Eigentlich sollte Nestór Fabián Cortés Garzón Architekt werden. „Das war der Wunsch meiner Familie, das war auch mein Wunsch als kleines Kind.“ Aber dann kam alles anders, und daran hat auch die Familie einen gewissen Anteil. Vermutlich unbewusst. „Keiner hat direkt mit Musik zu tun. Es gibt Händler in der Familie, meine Mutter arbeitet in der Modebranche“, sagt Cortés. Musik sei einfach irgendwie immer dagewesen, verrät der heute 38-jährige Barockcellist. Sie wird sich wie ein Zaubertrank allmählich in jedem Winkel seines Körpers eingenistet haben. Die Mutter, die Tante, die Nachbarn, sie hörten die populäre Musik Kolumbiens, lateinamerikanische, tropische Rhythmen. „Und nachmittags, wenn nur mein Großvater da war, habe ich viel traditionelle Musik gehört, auch Tango.“
Ein Sammelsurium der Einflüsse. Aber woher kommt dann seine Leidenschaft für die europäische Musik des 17. und 18. Jahrhunderts? Wie gelangt einer von Kolumbien ins hanseatische Bremen und gründet dort zwei erfolgreiche Originalklang-Ensembles, Los Temperamentos und das Bremer Barockorchester?
Die spanischen Eroberer brachten vor Jahrhunderten ihre Musik mit, auch nach Kolumbien. Sie vermischte sich mit der Musik der indigenen Völker und dann auch mit afrikanischen Einflüssen, mit Musik der Sklaven. Rhythmus spielte eine entscheidende Rolle, etwas, das Nestór Fabián Cortés Garzón immer wieder aufs Neue fasziniert. „Typisch für lateinamerikanische Barockmusik ist die Verschmelzung von Rhythmen. Im europäischen Barock ist der Dreiertakt dominierend, er symbolisiert die christliche ‚Dreieinigkeit‘. Für die lateinamerikanische und afrikanische Musik sind binäre Rhythmen, also der Zweiertakt, charakteristisch. Die Kombination von beiden macht eine typische Farbe der lateinamerikanischen Barockmusik aus.“

Kontrast und Kombination von Rhythmen, zwei gegen drei, oder besser zwei mit drei. Neue Welt und alte Welt. Wenn man so will, liegt hier auch die Formel für das künstlerische Wirken von Nestór Fabián Cortés Garzón, in den Konzertprogrammen, die er mit seinen beiden Ensembles konzipiert, und in den bisher erschienenen fünf CDs. Bis auf das jüngste Album mit dem Bremer Barockorchester („Bach To The Roots!“) dreht es sich hier um den musikalischen Austausch von europäischem und lateinamerikanischem Barock, die Titel lauten etwa „De la conquista y otros Demonios“ (Von der Eroberung und anderen Dämonen), „Navidad indigena“ (Indigene Weihnacht) oder „El Galeón 1600“ (Die Galeone, das Segelschiff spanischer Eroberer).
Der Weg begann für Nestór Fabián Cortés Garzón in der knapp eine halbe Million Einwohner zählenden Stadt Pereira – rund 70 Kilometer westlich von Bogotá. Schon als Kind lernte er verschiedene traditionelle Perkussions- und Gitarreninstrumente. „Es waren sehr spezielle Perkussionsinstrumente, von denen schon in den alten Traktaten wie dem Codex ‚Martínez y Compañón‘ berichtet wird.“ Besagter Baltasar Jaime Martínez Compañón war ein spanischer Geistlicher, der im 18. Jahrhundert in Bogotá Erzbischof wurde. Sein Codex ist eine der wertvollsten Quellen über die lateinamerikanische Kultur und Musik der Zeit. Auch Nestór Cortés wird hier bis heute immer wieder fündig. Zu seinem Instrument kam der Zwölfjährige dann fast zufällig. Eigentlich wollte er in Bogotá Geige studieren, aber die Schwester eines Freundes überredete ihn in letzter Minute zum Cello. Er bekam einen von zwei Studienplätzen für ganz Kolumbien.
Sein Cello-Studium schloss Nestór Cortés mit Auszeichnung ab. Er spielte auch im Philharmonischen Orchester von Bogotá. „Ich mag das klassisch-romantische Repertoire. Aber ich habe dafür nie so tiefe Gefühle gehabt wie für die Musik des 17. und 18. Jahrhunderts, da fühle ich mich zuhause.“ Nestór Cortés wagte den Sprung über den großen Teich und studierte in Bremen an der Hochschule für Künste Barockcello. Das war 2008. Deutsch musste gelernt, neue Eindrücke verarbeitet werden. „In Lateinamerika fährt man tausende Kilometer, überall spricht man spanisch. Von Bremen aus ist man in zwei Stunden in Holland, in drei, vier Stunden in Dänemark oder Polen. Diese verschiedenen Kulturen auf engem Raum waren anfangs ein kleiner Schock. Aber es macht reicher im Kopf, und irgendwann ist es schön.“
Schon ein Jahr nach seiner Ankunft in Bremen gründete Nestór Cortés sein eigenes Barock-Ensemble. „In Kolumbien hatten wir im Studium sieben Stunden wöchentlich Ensemblespiel in der Alten Musik. In Bremen gab es nur vereinzelte Projekte. Ich weiß nicht, wie einige Menschen hier damit leben? Ich kann es ohne zu spielen nicht aushalten, in mir lauert immer etwas, ich muss spielen.“ Mit der Cembalistin Nadine Remmert, der Flötistin Annika Fohgrub und der Sopranistin Swantje Tams Freier entstand so die Urzelle des Ensembles Los Temperamentos. Heute gehören neun Musiker zum Kern. Sie kommen aus Kolumbien, Chile, Mexiko, Portugal, Ungarn, Japan und Deutschland.

Auch hier treffen sich also wieder zwei und mehr Welten. Man liegt vermutlich nicht ganz falsch, wenn man so dessen ungeheure Vitalität erklärt. Präzises Zusammenspiel, rhythmischer Puls, blitzsaubere Intonation sind selbstverständlich. Ensemblegeist vermittelt sich, ein Brennen für die Sache. „Bei einem Ensemble muss es gleich ‚klick machen‘. Wenn das nicht der Fall ist, geht es schnell wieder auseinander. Aber glücklicherweise fühlte es sich von Anfang an gut an. Ich lerne sehr viel von allen, und ich habe zumindest das Gefühl, dass sie auch etwas von mir lernen.“
Neugier treibt Nestór Fabián Cortés Garzón an, unermüdlich sucht er nach neuer Barockmusik aus Lateinamerika, aber vor allem nach ihren europäischen Wurzeln. Charakteristische Harmoniefolgen wie bei dem berühmten „La Follia“ oder dem Lied „Greensleaves“ gelangten in die „Neue Welt“. Es gibt in Lateinamerika traditionelle Musik, die auf diesen harmonischen Schemata basiert. Aber Nestór Cortés sucht auch in der europäischen Barockmusik nach Raritäten jenseits von Bach, Händel oder Vivaldi. In Bremen rief er die Konzertreihe „Barock & Umzu“ ins Leben. Da hört man auch einmal Komponisten wie Georg Daniel Speer, Henrico Giovanni Albicastro oder Johann Gottfried Müthel.
„Barockmusik, das sind 250 bis 300 Jahre Musik. Es gab unzählige Komponisten, die man heute kaum kennt. Zum Teil haben sie wirkliche Juwelen geschrieben. Das wollte ich mir nicht entgehen lassen.“ Ein Grund für Nestór Cortés, 2014 noch das Bremer Barockorchester zu gründen, ein großes Ensemble, das sich vor allem der Orchestermusik widmet. „Für unsere Debüt-CD haben wir absichtlich Bach genommen. Es ist leichter mit etwas Bekanntem zu beginnen, dort anzuknüpfen und dann Neues zu zeigen. Das ist ein sanfterer Weg, als mit Unbekanntem zu verwirren.“ Hört man genauer zu, entdeckt man eigenwillige Übergänge zwischen den Sätzen. Das Violinkonzert BWV 1052R rekonstruierte Nestór Cortés aus einem Cembalokonzert Bachs. „Streng betrachtet spielen wir nichts, was sich nicht aus den erhaltenen Noten ergibt. Wir haben den Continuo-Part des Violinkonzerts bearbeitet, aber auf Grundlage der Quellen von Bach selbst, seinen Söhnen und von Kopisten.“
Für die Zukunft hat Nestór Fabián Cortés Garzón Visionen: „Mein Traum ist, dass aus dem Bremer Barockorchester einmal eine Institution wird.“ Noch arbeitet man als Gesellschaft bürgerlichen Rechts mit frei schaffenden Musikern. Und zur Zeit müssen auch alle Kräfte gebündelt werden, um die durch Corona bedingte Krise zu meistern. „Ich kenne Musiker, die unglaublich gut sind, die umgestiegen sind, die ihren Beruf aufgegeben haben. Wir Musiker haben einen inneren Drang zu spielen, zu entdecken, und viele machen es fantastisch. Aber diese Situation zeigt uns, wie sensibel unser Dasein als Künstler ist.“
Eigentlich sollte Nestór Fabián Cortés Garzón Architekt werden. „Das war der Wunsch meiner Familie, das war auch mein Wunsch als kleines Kind.“ Aber dann kam alles anders, und daran hat auch die Familie einen gewissen Anteil. Vermutlich unbewusst. „Keiner hat direkt mit Musik zu tun. Es gibt Händler in der Familie, meine Mutter arbeitet in der Modebranche“, sagt Cortés. Musik sei einfach irgendwie immer dagewesen, verrät der heute 38-jährige Barockcellist. Sie wird sich wie ein Zaubertrank allmählich in jedem Winkel seines Körpers eingenistet haben. Die Mutter, die Tante, die Nachbarn, sie hörten die populäre Musik Kolumbiens, lateinamerikanische, tropische Rhythmen. „Und nachmittags, wenn nur mein Großvater da war, habe ich viel traditionelle Musik gehört, auch Tango.“
Ein Sammelsurium der Einflüsse. Aber woher kommt dann seine Leidenschaft für die europäische Musik des 17. und 18. Jahrhunderts? Wie gelangt einer von Kolumbien ins hanseatische Bremen und gründet dort zwei erfolgreiche Originalklang-Ensembles, Los Temperamentos und das Bremer Barockorchester?
Die spanischen Eroberer brachten vor Jahrhunderten ihre Musik mit, auch nach Kolumbien. Sie vermischte sich mit der Musik der indigenen Völker und dann auch mit afrikanischen Einflüssen, mit Musik der Sklaven. Rhythmus spielte eine entscheidende Rolle, etwas, das Nestór Fabián Cortés Garzón immer wieder aufs Neue fasziniert. „Typisch für lateinamerikanische Barockmusik ist die Verschmelzung von Rhythmen. Im europäischen Barock ist der Dreiertakt dominierend, er symbolisiert die christliche ‚Dreieinigkeit‘. Für die lateinamerikanische und afrikanische Musik sind binäre Rhythmen, also der Zweiertakt, charakteristisch. Die Kombination von beiden macht eine typische Farbe der lateinamerikanischen Barockmusik aus.“

Kontrast und Kombination von Rhythmen, zwei gegen drei, oder besser zwei mit drei. Neue Welt und alte Welt. Wenn man so will, liegt hier auch die Formel für das künstlerische Wirken von Nestór Fabián Cortés Garzón, in den Konzertprogrammen, die er mit seinen beiden Ensembles konzipiert, und in den bisher erschienenen fünf CDs. Bis auf das jüngste Album mit dem Bremer Barockorchester („Bach To The Roots!“) dreht es sich hier um den musikalischen Austausch von europäischem und lateinamerikanischem Barock, die Titel lauten etwa „De la conquista y otros Demonios“ (Von der Eroberung und anderen Dämonen), „Navidad indigena“ (Indigene Weihnacht) oder „El Galeón 1600“ (Die Galeone, das Segelschiff spanischer Eroberer).
Der Weg begann für Nestór Fabián Cortés Garzón in der knapp eine halbe Million Einwohner zählenden Stadt Pereira – rund 70 Kilometer westlich von Bogotá. Schon als Kind lernte er verschiedene traditionelle Perkussions- und Gitarreninstrumente. „Es waren sehr spezielle Perkussionsinstrumente, von denen schon in den alten Traktaten wie dem Codex ‚Martínez y Compañón‘ berichtet wird.“ Besagter Baltasar Jaime Martínez Compañón war ein spanischer Geistlicher, der im 18. Jahrhundert in Bogotá Erzbischof wurde. Sein Codex ist eine der wertvollsten Quellen über die lateinamerikanische Kultur und Musik der Zeit. Auch Nestór Cortés wird hier bis heute immer wieder fündig. Zu seinem Instrument kam der Zwölfjährige dann fast zufällig. Eigentlich wollte er in Bogotá Geige studieren, aber die Schwester eines Freundes überredete ihn in letzter Minute zum Cello. Er bekam einen von zwei Studienplätzen für ganz Kolumbien.
Sein Cello-Studium schloss Nestór Cortés mit Auszeichnung ab. Er spielte auch im Philharmonischen Orchester von Bogotá. „Ich mag das klassisch-romantische Repertoire. Aber ich habe dafür nie so tiefe Gefühle gehabt wie für die Musik des 17. und 18. Jahrhunderts, da fühle ich mich zuhause.“ Nestór Cortés wagte den Sprung über den großen Teich und studierte in Bremen an der Hochschule für Künste Barockcello. Das war 2008. Deutsch musste gelernt, neue Eindrücke verarbeitet werden. „In Lateinamerika fährt man tausende Kilometer, überall spricht man spanisch. Von Bremen aus ist man in zwei Stunden in Holland, in drei, vier Stunden in Dänemark oder Polen. Diese verschiedenen Kulturen auf engem Raum waren anfangs ein kleiner Schock. Aber es macht reicher im Kopf, und irgendwann ist es schön.“
Schon ein Jahr nach seiner Ankunft in Bremen gründete Nestór Cortés sein eigenes Barock-Ensemble. „In Kolumbien hatten wir im Studium sieben Stunden wöchentlich Ensemblespiel in der Alten Musik. In Bremen gab es nur vereinzelte Projekte. Ich weiß nicht, wie einige Menschen hier damit leben? Ich kann es ohne zu spielen nicht aushalten, in mir lauert immer etwas, ich muss spielen.“ Mit der Cembalistin Nadine Remmert, der Flötistin Annika Fohgrub und der Sopranistin Swantje Tams Freier entstand so die Urzelle des Ensembles Los Temperamentos. Heute gehören neun Musiker zum Kern. Sie kommen aus Kolumbien, Chile, Mexiko, Portugal, Ungarn, Japan und Deutschland.

Auch hier treffen sich also wieder zwei und mehr Welten. Man liegt vermutlich nicht ganz falsch, wenn man so dessen ungeheure Vitalität erklärt. Präzises Zusammenspiel, rhythmischer Puls, blitzsaubere Intonation sind selbstverständlich. Ensemblegeist vermittelt sich, ein Brennen für die Sache. „Bei einem Ensemble muss es gleich ‚klick machen‘. Wenn das nicht der Fall ist, geht es schnell wieder auseinander. Aber glücklicherweise fühlte es sich von Anfang an gut an. Ich lerne sehr viel von allen, und ich habe zumindest das Gefühl, dass sie auch etwas von mir lernen.“
Neugier treibt Nestór Fabián Cortés Garzón an, unermüdlich sucht er nach neuer Barockmusik aus Lateinamerika, aber vor allem nach ihren europäischen Wurzeln. Charakteristische Harmoniefolgen wie bei dem berühmten „La Follia“ oder dem Lied „Greensleaves“ gelangten in die „Neue Welt“. Es gibt in Lateinamerika traditionelle Musik, die auf diesen harmonischen Schemata basiert. Aber Nestór Cortés sucht auch in der europäischen Barockmusik nach Raritäten jenseits von Bach, Händel oder Vivaldi. In Bremen rief er die Konzertreihe „Barock & Umzu“ ins Leben. Da hört man auch einmal Komponisten wie Georg Daniel Speer, Henrico Giovanni Albicastro oder Johann Gottfried Müthel.
„Barockmusik, das sind 250 bis 300 Jahre Musik. Es gab unzählige Komponisten, die man heute kaum kennt. Zum Teil haben sie wirkliche Juwelen geschrieben. Das wollte ich mir nicht entgehen lassen.“ Ein Grund für Nestór Cortés, 2014 noch das Bremer Barockorchester zu gründen, ein großes Ensemble, das sich vor allem der Orchestermusik widmet. „Für unsere Debüt-CD haben wir absichtlich Bach genommen. Es ist leichter mit etwas Bekanntem zu beginnen, dort anzuknüpfen und dann Neues zu zeigen. Das ist ein sanfterer Weg, als mit Unbekanntem zu verwirren.“ Hört man genauer zu, entdeckt man eigenwillige Übergänge zwischen den Sätzen. Das Violinkonzert BWV 1052R rekonstruierte Nestór Cortés aus einem Cembalokonzert Bachs. „Streng betrachtet spielen wir nichts, was sich nicht aus den erhaltenen Noten ergibt. Wir haben den Continuo-Part des Violinkonzerts bearbeitet, aber auf Grundlage der Quellen von Bach selbst, seinen Söhnen und von Kopisten.“
Für die Zukunft hat Nestór Fabián Cortés Garzón Visionen: „Mein Traum ist, dass aus dem Bremer Barockorchester einmal eine Institution wird.“ Noch arbeitet man als Gesellschaft bürgerlichen Rechts mit frei schaffenden Musikern. Und zur Zeit müssen auch alle Kräfte gebündelt werden, um die durch Corona bedingte Krise zu meistern. „Ich kenne Musiker, die unglaublich gut sind, die umgestiegen sind, die ihren Beruf aufgegeben haben. Wir Musiker haben einen inneren Drang zu spielen, zu entdecken, und viele machen es fantastisch. Aber diese Situation zeigt uns, wie sensibel unser Dasein als Künstler ist.“



