Interview & Porträt

Brücke ins Jetzt

Von
David Renke
Erschienen in der Printausgabe im
März 2021
Lesezeit ca.
…
Minuten
Foto: Marco Borggreve
Foto: Marco Borggreve

Würde Mozart zu einem Konzert kommen, wenn er wüsste, dass neben seiner eigenen Musik auch die von Sergei Prokofjew gespielt würde? Vielleicht gäbe es ja sogar Streit: Der Russe könnte dem Österreicher vorwerfen, er schreibe langweilige Musik und Mozart Prokofjew wegen all der Dissonanzen kurzerhand für verrückt erklären. Oder würden sich beide vielleicht sogar ganz gut verstehen? Bei seinen Konzerten stellt das Parfenov Duo seinem Publikum immer wieder diese Fragen – mit einem Augenzwinkern versteht sich.

Statt starrem Konzertieren geht es André Parfenov (Klavier) und Iuliana Münch (Violine) bei ihren Konzerten darum, dem Publikum die Komponisten näherzubringen. „Wir wollen nicht zum 100. Mal eine Brahms- oder Beethovensonate spielen“, erklärt Parfenov, „es geht vielmehr darum, jedes Stück auf neue Weise erfahrbar zu machen“. Daher das Motto „Der Komponist auf der Bühne“, das bewusst doppeldeutig ist. Einerseits sitzt dort André Parfenov, der Komponist seiner eigenen Werke, andererseits geht es dem Duo um eine Art Musikvermittlung. Quasi eine moderne Hommage an legendäre Musikmomente, als Franz Liszt seine Zugaben per Zuruf aus dem Publikum entgegennahm und daraus teuflische Piano-Improvisationen bastelte oder die Komponistenkonzerte, die Sergei Prokofjew weltweit gemeinsam mit seiner ersten Frau Lina gab. Wenn das Parfenov Duo konzertiert, geht es ihm immer auch um das Überraschende in der Musik. Dafür arrangiert Parfenov Werke für die Violine und das Klavier um und kreiert eine andere Sicht auf ein altes Werk mit modernen Mitteln. Dass es dabei manchmal auf der Bühne auch zu Improvisationen kommt, ist eingeplant und bedeutet für die beiden die ultimative musikalische Freiheit.

Eine Freiheit, die durch jahrzehntelange harte Arbeit bezahlt ist. Parfenov und Münch kommen beide schon mit jungen Jahren in die strengen osteuropäischen Musikschulen. Parfenov im russischen Ufa, später am renommierten Tschaikowski-Konservatorium, Münch im Bukarester Konservatorium. Mit 22 Jahren ziehen beide nach Deutschland und setzen ihre Ausbildung an den Hochschulen für Musik in Essen und Aachen fort. „Für mich war es eine große Umstellung, das deutsche Hochschulsystem kennenzulernen, und dann kam ja auch noch erschwerend hinzu, dass ich die deutsche Sprache überhaupt erst lernen musste. Einen Vorteil hatte ich vielleicht dadurch, dass ich die Abläufe, die Übungen zum Gehörtraining, die Technikübungen bereits durch meine lange Ausbildung am Musikgymnasium und dem Konservatorium kannte“, sagt Münch. Ob die strenge Schule nun positiv oder negativ war, will sie nicht beurteilen: „Ich nehme die Dinge an, ohne sie zu bewerten. Ich merke, dass ich heute weniger üben muss, das ist vielleicht das Positive.“

Außerdem hat die jahrzehntelange Musikausbildung auch bei der Gründung des Duos eine entscheidende Rolle gespielt. Denn bei ihrer ersten Begegnung probte Münch Tschaikowskis Violinkonzert. Als Parfenov das hörte, setzte er sich an den Flügel und begleitete sie auswendig. Er hatte das Konzert im Kopf, obwohl es ja eigentlich gar nicht Teil seines solopianistischen Repertoires war.

Durch die Lust an der Herausforderung gehen die beiden Musiker immer wieder gerne an ihre Grenzen. Im vergangenen Jahr hat das Duo ein Album mit Liszts „Mephisto-Walzern“ aufgenommen, die Parfenov für Violine und Klavier arrangierte. Beim überwiegenden Teil der Aufnahmen spielt Parfenov Wagners Steinway-Flügel, der im Bayreuther Haus Wahnfried steht und den auch Liszt seiner Zeit schon spielte. Ein besonderes Gefühl, findet Parfenov.

Für Münch ist das Liszt-Album das herausforderndste Projekt, das sie sich in ihrer Karriere vorgenommen hat. „Wenn die Pandemie irgendetwas Positives für mich gebracht hat, dann das, mehr Zeit für die neuen Stücke zu haben“, lacht Münch. Der Ehrgeiz der beiden verbietet es Parfenov aber, dass er etwas Bequemes schreibt. „Der erste ‚Mephisto-Walzer‘ ist in großen Teilen gleichgeblieben, da er genial ist. Aber sonst habe ich viel uminterpretiert, gebastelt, ja wirklich neue Werke geschaffen.“ Würde Parfenov mit Liszt sprechen, er ist sich sicher, der Meister würde „es ihm genehmigen“. Dasselbe hat Liszt ja auch bei seinen Transkriptionen gemacht. Die wiederum waren für Parfenov hilfreich, wenn es darum ging, die Walzer, die ja gerade die Vorzüge des Klaviers ausreizen, auf die Geige zu übertragen. „Das Klavier kann kein Legato, die Geige schon, warum sollte ich das also nicht für meine Bearbeitung ausnutzen?“, sagt Parfenov. Trotzdem ist es ihm wichtig, den Komponisten zu respektieren. Das gilt nicht nur, wenn er arrangiert, sondern auch, wenn er eigene Werke komponiert: „Natürlich kann ich auch atonal und am Computer komponieren, aber wo ist da der Sinn? Musik ist etwas Evolutionäres, das gewachsen ist. Man sollte nicht vergessen, wo die Dinge herkommen, und dann kann man moderne verrückte Sachen daraus machen.“

Bei seiner Arbeit geht es dem Parfenov Duo nicht darum, eine glänzend solistische Violine in den Mittelpunkt zu rücken, der ein redlich begleitendes Klavier an der Seite steht. Beide Spielpartner sind gleichberechtig. „Für mich ist es immer wieder überwältigend, welche Energie von André am Klavier ausgeht, wenn wir gemeinsam musizieren. Dagegen muss man überhaupt erst einmal bestehen“, sagt Münch. Beide sind überzeugt, dass das genau die Einzigartigkeit ihrer Musik ausmacht.

Wenn später im Jahr wieder Konzerte möglich sind, werden die beiden endlich auch den Liszt auf der Bühne spielen. Nicht alle Walzer auf einmal, das wäre nicht stemmbar, allerdings haben sie Saint-Saëns „Danse Macabre“ im Repertoire, der wiederum stark von den höllischen Liszt-Walzern beeinflusst ist. Und nach allem, was der Franzose über den Ungarn geschrieben hat, dürfte der auf jeden Fall begeistert sein, mit Liszt gemeinsam auf einem Programmzettel zu stehen.

Würde Mozart zu einem Konzert kommen, wenn er wüsste, dass neben seiner eigenen Musik auch die von Sergei Prokofjew gespielt würde? Vielleicht gäbe es ja sogar Streit: Der Russe könnte dem Österreicher vorwerfen, er schreibe langweilige Musik und Mozart Prokofjew wegen all der Dissonanzen kurzerhand für verrückt erklären. Oder würden sich beide vielleicht sogar ganz gut verstehen? Bei seinen Konzerten stellt das Parfenov Duo seinem Publikum immer wieder diese Fragen – mit einem Augenzwinkern versteht sich.

Statt starrem Konzertieren geht es André Parfenov (Klavier) und Iuliana Münch (Violine) bei ihren Konzerten darum, dem Publikum die Komponisten näherzubringen. „Wir wollen nicht zum 100. Mal eine Brahms- oder Beethovensonate spielen“, erklärt Parfenov, „es geht vielmehr darum, jedes Stück auf neue Weise erfahrbar zu machen“. Daher das Motto „Der Komponist auf der Bühne“, das bewusst doppeldeutig ist. Einerseits sitzt dort André Parfenov, der Komponist seiner eigenen Werke, andererseits geht es dem Duo um eine Art Musikvermittlung. Quasi eine moderne Hommage an legendäre Musikmomente, als Franz Liszt seine Zugaben per Zuruf aus dem Publikum entgegennahm und daraus teuflische Piano-Improvisationen bastelte oder die Komponistenkonzerte, die Sergei Prokofjew weltweit gemeinsam mit seiner ersten Frau Lina gab. Wenn das Parfenov Duo konzertiert, geht es ihm immer auch um das Überraschende in der Musik. Dafür arrangiert Parfenov Werke für die Violine und das Klavier um und kreiert eine andere Sicht auf ein altes Werk mit modernen Mitteln. Dass es dabei manchmal auf der Bühne auch zu Improvisationen kommt, ist eingeplant und bedeutet für die beiden die ultimative musikalische Freiheit.

Eine Freiheit, die durch jahrzehntelange harte Arbeit bezahlt ist. Parfenov und Münch kommen beide schon mit jungen Jahren in die strengen osteuropäischen Musikschulen. Parfenov im russischen Ufa, später am renommierten Tschaikowski-Konservatorium, Münch im Bukarester Konservatorium. Mit 22 Jahren ziehen beide nach Deutschland und setzen ihre Ausbildung an den Hochschulen für Musik in Essen und Aachen fort. „Für mich war es eine große Umstellung, das deutsche Hochschulsystem kennenzulernen, und dann kam ja auch noch erschwerend hinzu, dass ich die deutsche Sprache überhaupt erst lernen musste. Einen Vorteil hatte ich vielleicht dadurch, dass ich die Abläufe, die Übungen zum Gehörtraining, die Technikübungen bereits durch meine lange Ausbildung am Musikgymnasium und dem Konservatorium kannte“, sagt Münch. Ob die strenge Schule nun positiv oder negativ war, will sie nicht beurteilen: „Ich nehme die Dinge an, ohne sie zu bewerten. Ich merke, dass ich heute weniger üben muss, das ist vielleicht das Positive.“

Außerdem hat die jahrzehntelange Musikausbildung auch bei der Gründung des Duos eine entscheidende Rolle gespielt. Denn bei ihrer ersten Begegnung probte Münch Tschaikowskis Violinkonzert. Als Parfenov das hörte, setzte er sich an den Flügel und begleitete sie auswendig. Er hatte das Konzert im Kopf, obwohl es ja eigentlich gar nicht Teil seines solopianistischen Repertoires war.

Durch die Lust an der Herausforderung gehen die beiden Musiker immer wieder gerne an ihre Grenzen. Im vergangenen Jahr hat das Duo ein Album mit Liszts „Mephisto-Walzern“ aufgenommen, die Parfenov für Violine und Klavier arrangierte. Beim überwiegenden Teil der Aufnahmen spielt Parfenov Wagners Steinway-Flügel, der im Bayreuther Haus Wahnfried steht und den auch Liszt seiner Zeit schon spielte. Ein besonderes Gefühl, findet Parfenov.

Für Münch ist das Liszt-Album das herausforderndste Projekt, das sie sich in ihrer Karriere vorgenommen hat. „Wenn die Pandemie irgendetwas Positives für mich gebracht hat, dann das, mehr Zeit für die neuen Stücke zu haben“, lacht Münch. Der Ehrgeiz der beiden verbietet es Parfenov aber, dass er etwas Bequemes schreibt. „Der erste ‚Mephisto-Walzer‘ ist in großen Teilen gleichgeblieben, da er genial ist. Aber sonst habe ich viel uminterpretiert, gebastelt, ja wirklich neue Werke geschaffen.“ Würde Parfenov mit Liszt sprechen, er ist sich sicher, der Meister würde „es ihm genehmigen“. Dasselbe hat Liszt ja auch bei seinen Transkriptionen gemacht. Die wiederum waren für Parfenov hilfreich, wenn es darum ging, die Walzer, die ja gerade die Vorzüge des Klaviers ausreizen, auf die Geige zu übertragen. „Das Klavier kann kein Legato, die Geige schon, warum sollte ich das also nicht für meine Bearbeitung ausnutzen?“, sagt Parfenov. Trotzdem ist es ihm wichtig, den Komponisten zu respektieren. Das gilt nicht nur, wenn er arrangiert, sondern auch, wenn er eigene Werke komponiert: „Natürlich kann ich auch atonal und am Computer komponieren, aber wo ist da der Sinn? Musik ist etwas Evolutionäres, das gewachsen ist. Man sollte nicht vergessen, wo die Dinge herkommen, und dann kann man moderne verrückte Sachen daraus machen.“

Bei seiner Arbeit geht es dem Parfenov Duo nicht darum, eine glänzend solistische Violine in den Mittelpunkt zu rücken, der ein redlich begleitendes Klavier an der Seite steht. Beide Spielpartner sind gleichberechtig. „Für mich ist es immer wieder überwältigend, welche Energie von André am Klavier ausgeht, wenn wir gemeinsam musizieren. Dagegen muss man überhaupt erst einmal bestehen“, sagt Münch. Beide sind überzeugt, dass das genau die Einzigartigkeit ihrer Musik ausmacht.

Wenn später im Jahr wieder Konzerte möglich sind, werden die beiden endlich auch den Liszt auf der Bühne spielen. Nicht alle Walzer auf einmal, das wäre nicht stemmbar, allerdings haben sie Saint-Saëns „Danse Macabre“ im Repertoire, der wiederum stark von den höllischen Liszt-Walzern beeinflusst ist. Und nach allem, was der Franzose über den Ungarn geschrieben hat, dürfte der auf jeden Fall begeistert sein, mit Liszt gemeinsam auf einem Programmzettel zu stehen.