Ungarischer Universalist
Er spielte Bebop und Swing, Free Jazz und Fusion, klassische Musik und zeitgenössische Avantgarde. Mit seinem faszinierend geschmeidigen Ton zählt der ungarische Klarinettist Lajos Dudas heute zu den bedeutendsten Vertretern seines Instruments weltweit. Am 18. Februar wird der vielseitige Musiker 80 Jahre alt.

Die Bedeutung des Radios für die jüngere Musikgeschichte ist keinesfalls zu unterschätzen. Unzählige Jazzer verliebten sich vor den knisternden Geräten in ihr späteres Sujet. So auch Lajos Dudas, der auf Wunsch seiner Mutter eigentlich Klavier lernen sollte. Was er eher lustlos auch einige Zeit tat, bis im Alter von zwölf Jahren der Sound eines ihm unbekannten Instruments sein Interesse weckte. „Benny Goodman oder Artie Shaw, einer von beiden wird’s gewesen sein“, so Dudas’ lakonische Reaktion auf die Frage, wer ihn denn damals so begeistert habe. „Ich wollte dann Klarinette spielen und habe auch eine bekommen. Eine ganz billige aus der Tschechei. Ich habe damit später sogar noch meine Konzerte gespielt, mit diesem Schrotthaufen, aber es gab einfach nichts Besseres zu kaufen, damals in Ungarn.“
Obwohl er schon früh wusste, dass er Jazzmusiker werden wollte, lernte Dudas ganz klassisch Klarinette, von 1958 bis 1963 am Béla-Bartók-Konservatorium und an der Franz-Liszt-Musikhochschule in seiner Heimatstadt Budapest. „Kluge Leute haben meine Eltern aufgeklärt, dass es so etwas wie eine Jazzausbildung nicht gebe und empfahlen eine fundierte klassische Ausbildung“, so Dudas über seine Anfänge: „Ich solle meine Ohren weit aufsperren, was die Jazzmusik betrifft. Das müsse reichen. Und eigentlich hat’s auch gereicht.“ Wie er des Jazzers Handwerk lernte, erzählte Dudas dem Musikjournalisten und Klarinettisten Hans Kumpf: „Mit 15 oder 16 Jahren bekam ich ein Altsaxofon von meinen Eltern. Zwei, drei Wochen später stand ich schon mit meinem Toneking auf der Bühne und habe ,gejazzt‘. Ich habe mir irgendwie alles selbst beigebracht, anscheinend war das gar nicht so schwer. In den 1950er-Jahren wurde überall Jazz gespielt, obwohl Jazzunterricht gänzlich unbekannt war. Unser Pianist hämmerte im Proberaum stundenlang Akkorde, bis wir die ,changes‘ draufhatten. Jazz durch Hören zu lernen – da muss man schon eine gesunde Portion eigenes Feeling mitbringen, sonst kannst du es vergessen.“
Das bis heute kontinuierlich verfeinerte Feeling hatte Lajos Dudas schon Anfang der Sechziger, als seine Karriere als Freelancer Fahrt aufnahm. An der Hochschule spielte er Mozart, Webern, Strawinsky, in Theatern, Varietés, Kaffeehäusern und Clubs alle Arten von Musik, was er mal als „on the job training“ bezeichnete. „Fast jede Nacht habe ich gespielt und tagsüber geschlafen. Damals spielte ich alle Saxofone, habe teilweise auch eine Flöte mitgeschleppt, die Klarinette natürlich, und dann peu à peu abgespeckt. Es ist nur das Altsaxofon übriggeblieben, von allem anderen habe ich mich befreit.“ Auf dem Alt sei er wohl ganz gut gewesen, so Dudas: „Eines der schwersten Stücke für dieses Instrument, das Konzert für Orchester und Altsaxofon von Alexander Glasunow, das habe ich draufgehabt und auch mehrfach aufgeführt. Die Leute haben gesagt: Du spielst gut Saxofon. Da habe ich das auch geglaubt“, sagt er und lacht.
Welche Einflüsse bei ihm spürbar seien, wisse er nicht: „Ich habe zum Beispiel gern Charles Lloyd gehört, und von den Klarinettisten hat mir Tony Scott sehr gut gefallen. Vom Westcoast-Jazz mit Chet Baker oder Stan Getz hatte ich mich schon in den Sechzigerjahren in eine andere Richtung bewegt und Ornette Coleman gehört. Das war ein erster, etwas unsicherer Schritt Richtung freie Musik, die ich dann in den Siebziger- und Achtzigerjahren viel gemacht habe.“ Melodisch und rhythmisch habe er allerdings immer ein wenig zurückgegriffen, erklärt Dudas: „Wie Miles Davis mal gesagt hat: Entweder hast du Rhythmus oder eine Melodie. Fehlen beide, ist es kein Jazz.“
Wer ihn auf jeden Fall schwer beeindruckt habe, war der amerikanische Tenorsaxofonist Benny Wallace, den er um 1977 live erlebte: „Der war ganz verrückt, mit riesigen Intervallsprüngen. Da dachte ich, das ist interessant für die Klarinette, und dann habe ich mich da richtig reingekniet herauszufinden, wie er das macht.“ Die Begegnung mit Wallace sei der Anlass gewesen, das Altsaxofon endgültig in die Ecke zu legen: „Damals gab es viele gute Saxofonspieler, und ich wollte nicht einer von vielen sein. Ich wollte zur Handvoll der Besten gehören und wusste, das kann ich nur mit der Klarinette erreichen.“
Ökonomisch abgesichert durch eine Lehrtätigkeit an der Neusser Musikschule, die er von 1973 bis 2004 ausübte, konnte Dudas unbeschwert seinen quer durch alle Lagen reichenden, warm singenden und hochgeschmeidigen Klarinettensound entwickeln, den Kollegen wie Kritiker als einzigartig bezeichnen. Nach höher, weiter, schneller war ihm dabei nie: „Wenn man in den höchsten Registern spielt, klingt das rasch unangenehm, das wollen aber viele Klarinettisten nicht wahrhaben. Oben herumzuturnen, habe ich immer abgelehnt.“ Stattdessen lebte er seine Virtuosität in unterschiedlichsten Stilistiken aus, spielte Swing und Bebop ebenso wie Klassik und E-Musik, Fusion und Free Jazz, was die in unseren Hörtipps genannten Alben in beeindruckender Bandbreite über 60 Jahre widerspiegeln. Etwa mit Attila Zoller oder dem langjährigen Gitarrenpartner Philipp van Endert, mit Vibrafonisten wie Karl Berger und Tommy Vigt sowie zahlreichen Bassisten, für die Dudas schon immer ein Faible hatte.
Auf „Return To The Future“ gibt es außerdem ein Wiederhören mit dem bedeutendsten Ensemble, an dem der inzwischen am Bodensee lebende Ungar jemals beteiligt war – dem Klarinettenquartett CL-4 von Theo Jörgensmann. „Das war auf einem sehr hohen Niveau, wir waren definitiv besser als die Amerikaner. Es war eher E-Musik als jazzig. Unser Versuch, damit in den besser bezahlten Klassikbereich zu kommen, scheiterte allerdings, weil wir auch improvisierten. Wir saßen halt zwischen allen Stühlen. Ich habe es genossen und bin dann doch ausgestiegen, weil ich mehr Jazz spielen wollte.“
Was der vielseitige Klarinettist denn über Jahrzehnte auch tat, ohne jemals die ihm gebührende internationale Anerkennung zu finden. Dass er bis heute ein „musician’s musician“ sei, liege vor allem daran, dass er nie in Amerika gelebt habe, befindet Dudas mit leicht resigniertem Unterton. Und ist dennoch mit sich im Reinen, weshalb er seinen 80. Geburtstag ganz entspannt „mit einem Glas Wein und einer guten Zigarre“ feiern wird. Gratulálok és hosszú életet, Lajos!
Die Bedeutung des Radios für die jüngere Musikgeschichte ist keinesfalls zu unterschätzen. Unzählige Jazzer verliebten sich vor den knisternden Geräten in ihr späteres Sujet. So auch Lajos Dudas, der auf Wunsch seiner Mutter eigentlich Klavier lernen sollte. Was er eher lustlos auch einige Zeit tat, bis im Alter von zwölf Jahren der Sound eines ihm unbekannten Instruments sein Interesse weckte. „Benny Goodman oder Artie Shaw, einer von beiden wird’s gewesen sein“, so Dudas’ lakonische Reaktion auf die Frage, wer ihn denn damals so begeistert habe. „Ich wollte dann Klarinette spielen und habe auch eine bekommen. Eine ganz billige aus der Tschechei. Ich habe damit später sogar noch meine Konzerte gespielt, mit diesem Schrotthaufen, aber es gab einfach nichts Besseres zu kaufen, damals in Ungarn.“
Obwohl er schon früh wusste, dass er Jazzmusiker werden wollte, lernte Dudas ganz klassisch Klarinette, von 1958 bis 1963 am Béla-Bartók-Konservatorium und an der Franz-Liszt-Musikhochschule in seiner Heimatstadt Budapest. „Kluge Leute haben meine Eltern aufgeklärt, dass es so etwas wie eine Jazzausbildung nicht gebe und empfahlen eine fundierte klassische Ausbildung“, so Dudas über seine Anfänge: „Ich solle meine Ohren weit aufsperren, was die Jazzmusik betrifft. Das müsse reichen. Und eigentlich hat’s auch gereicht.“ Wie er des Jazzers Handwerk lernte, erzählte Dudas dem Musikjournalisten und Klarinettisten Hans Kumpf: „Mit 15 oder 16 Jahren bekam ich ein Altsaxofon von meinen Eltern. Zwei, drei Wochen später stand ich schon mit meinem Toneking auf der Bühne und habe ,gejazzt‘. Ich habe mir irgendwie alles selbst beigebracht, anscheinend war das gar nicht so schwer. In den 1950er-Jahren wurde überall Jazz gespielt, obwohl Jazzunterricht gänzlich unbekannt war. Unser Pianist hämmerte im Proberaum stundenlang Akkorde, bis wir die ,changes‘ draufhatten. Jazz durch Hören zu lernen – da muss man schon eine gesunde Portion eigenes Feeling mitbringen, sonst kannst du es vergessen.“
Das bis heute kontinuierlich verfeinerte Feeling hatte Lajos Dudas schon Anfang der Sechziger, als seine Karriere als Freelancer Fahrt aufnahm. An der Hochschule spielte er Mozart, Webern, Strawinsky, in Theatern, Varietés, Kaffeehäusern und Clubs alle Arten von Musik, was er mal als „on the job training“ bezeichnete. „Fast jede Nacht habe ich gespielt und tagsüber geschlafen. Damals spielte ich alle Saxofone, habe teilweise auch eine Flöte mitgeschleppt, die Klarinette natürlich, und dann peu à peu abgespeckt. Es ist nur das Altsaxofon übriggeblieben, von allem anderen habe ich mich befreit.“ Auf dem Alt sei er wohl ganz gut gewesen, so Dudas: „Eines der schwersten Stücke für dieses Instrument, das Konzert für Orchester und Altsaxofon von Alexander Glasunow, das habe ich draufgehabt und auch mehrfach aufgeführt. Die Leute haben gesagt: Du spielst gut Saxofon. Da habe ich das auch geglaubt“, sagt er und lacht.
Welche Einflüsse bei ihm spürbar seien, wisse er nicht: „Ich habe zum Beispiel gern Charles Lloyd gehört, und von den Klarinettisten hat mir Tony Scott sehr gut gefallen. Vom Westcoast-Jazz mit Chet Baker oder Stan Getz hatte ich mich schon in den Sechzigerjahren in eine andere Richtung bewegt und Ornette Coleman gehört. Das war ein erster, etwas unsicherer Schritt Richtung freie Musik, die ich dann in den Siebziger- und Achtzigerjahren viel gemacht habe.“ Melodisch und rhythmisch habe er allerdings immer ein wenig zurückgegriffen, erklärt Dudas: „Wie Miles Davis mal gesagt hat: Entweder hast du Rhythmus oder eine Melodie. Fehlen beide, ist es kein Jazz.“
Wer ihn auf jeden Fall schwer beeindruckt habe, war der amerikanische Tenorsaxofonist Benny Wallace, den er um 1977 live erlebte: „Der war ganz verrückt, mit riesigen Intervallsprüngen. Da dachte ich, das ist interessant für die Klarinette, und dann habe ich mich da richtig reingekniet herauszufinden, wie er das macht.“ Die Begegnung mit Wallace sei der Anlass gewesen, das Altsaxofon endgültig in die Ecke zu legen: „Damals gab es viele gute Saxofonspieler, und ich wollte nicht einer von vielen sein. Ich wollte zur Handvoll der Besten gehören und wusste, das kann ich nur mit der Klarinette erreichen.“
Ökonomisch abgesichert durch eine Lehrtätigkeit an der Neusser Musikschule, die er von 1973 bis 2004 ausübte, konnte Dudas unbeschwert seinen quer durch alle Lagen reichenden, warm singenden und hochgeschmeidigen Klarinettensound entwickeln, den Kollegen wie Kritiker als einzigartig bezeichnen. Nach höher, weiter, schneller war ihm dabei nie: „Wenn man in den höchsten Registern spielt, klingt das rasch unangenehm, das wollen aber viele Klarinettisten nicht wahrhaben. Oben herumzuturnen, habe ich immer abgelehnt.“ Stattdessen lebte er seine Virtuosität in unterschiedlichsten Stilistiken aus, spielte Swing und Bebop ebenso wie Klassik und E-Musik, Fusion und Free Jazz, was die in unseren Hörtipps genannten Alben in beeindruckender Bandbreite über 60 Jahre widerspiegeln. Etwa mit Attila Zoller oder dem langjährigen Gitarrenpartner Philipp van Endert, mit Vibrafonisten wie Karl Berger und Tommy Vigt sowie zahlreichen Bassisten, für die Dudas schon immer ein Faible hatte.
Auf „Return To The Future“ gibt es außerdem ein Wiederhören mit dem bedeutendsten Ensemble, an dem der inzwischen am Bodensee lebende Ungar jemals beteiligt war – dem Klarinettenquartett CL-4 von Theo Jörgensmann. „Das war auf einem sehr hohen Niveau, wir waren definitiv besser als die Amerikaner. Es war eher E-Musik als jazzig. Unser Versuch, damit in den besser bezahlten Klassikbereich zu kommen, scheiterte allerdings, weil wir auch improvisierten. Wir saßen halt zwischen allen Stühlen. Ich habe es genossen und bin dann doch ausgestiegen, weil ich mehr Jazz spielen wollte.“
Was der vielseitige Klarinettist denn über Jahrzehnte auch tat, ohne jemals die ihm gebührende internationale Anerkennung zu finden. Dass er bis heute ein „musician’s musician“ sei, liege vor allem daran, dass er nie in Amerika gelebt habe, befindet Dudas mit leicht resigniertem Unterton. Und ist dennoch mit sich im Reinen, weshalb er seinen 80. Geburtstag ganz entspannt „mit einem Glas Wein und einer guten Zigarre“ feiern wird. Gratulálok és hosszú életet, Lajos!



