„Ich bin der Kleptomanie schuldig“
Er hat sein Instrument, die Oboe, so populär gemacht wie keiner vor ihm. Nach 29 Jahren als erster Solo-Oboist der Berliner Philharmoniker legt Albrecht Mayer jetzt sein erstes reines Mozart-Album vor. Mit ungewöhnlichen Arrangements – auch von Konzertarien.

Wie geht es einem Spitzenmusiker wie Ihnen in Zeiten von Corona?
Schlecht, natürlich. Warum soll es mir gut gehen, wenn es so vielen selbstständigen Kollegen so schlecht geht, wie sie sich das in ihrem Leben niemals vorstellen konnten? Wir hatten zwei Weltkriege und dachten uns: Das war es dann für die Menschheit, schlimmer kann es nicht mehr kommen. Aber dass ohne Cholera, ohne Pest so etwas ausgelöst wird, dass quasi die ganze Welt in eine Untergangsstimmung versetzt wird, das hätte sich wahrscheinlich niemand in den kühnsten Träumen ausmalen können.
Was macht Corona mit der Kultur?
Wir hatten schon früh Hygienekonzepte für die Konzertsäle und die Theater, und bisher wurde auch kein einziger Infektionsfall in einem Konzertsaal oder einem Theater nachgewiesen. Trotzdem sind wir auf Einzelhaft beschränkt worden, und das ist für einen selbstständigen Musiker in zweierlei Hinsicht fatal: moralisch und existenziell. Wir haben diesen Beruf gewählt, damit wir vor Publikum auftreten, wir brauchen das Publikum so sehr wie andere ein schönes Bier oder ein Schweineschnitzel. Deswegen fangen wir schon als Kinder mit diesem Beruf an. Wir können doch jetzt nicht innerhalb von drei Monaten komplett umsatteln! Es ist ein wirklich schlimmes Szenario.
Wie hat sich Ihr Alltag verändert durch die Pandemie?
Ich war ja auch auf Kurzarbeit mit meinem Orchester, den Philharmonikern, und habe mich dadurch finanziell retten können. Schlimm ist es, dass ich den ganzen Tag zu Hause sein muss, ich darf nicht raus. Da- bei bin ich schon mit zwölf Jahren durch die Weltgeschichte gefahren. Jetzt habe ich so viele Internet- und Streaming-Konzerte gegeben wie in den 40 Jahren davor nicht. Und das nur, um meine geistige Gesundheit zu retten. Wir haben das eigentlich nur gemacht, damit wir zum Spielen kommen. Das Networking war in diesem Corona-Jahr sehr wichtig, die Interaktion unter Freunden hat uns moralisch sehr gestützt.
Bietet diese Situation des Abgeschottetseins auch Chancen?
Witzigerweise wurde ich das jetzt schon ziemlich oft gefragt. Ich wiederhole mal die Worte meines überaus geschätzten Flötenkollegen Emmanuel Pahud nach den ersten drei Monaten der Pandemie: „So viel wie jetzt habe ich seit meiner Kindheit nicht mehr geübt.“ Wir sind verdammt in unsere Übezelle, man kann ja nicht zwei Jahre pausieren und dann wieder anfangen – das funktioniert einfach nicht. Das hätte auch bei Michael Schumacher oder Boris Becker nicht funktioniert. Das heißt, wir müssen jeden Tag arbeiten, und wir wissen nie, ob wir vielleicht im nächsten Monat schon wieder ein Konzert spielen können.
Sie betreuen auch viele junge Musiker, Studenten. Wie kommen die mit der Situation zurecht?
Für die ist es ganz besonders schlimm, weil sie gar keine Perspektive haben. Sie können nicht irgendwo jobben, um ihr Studium zu finanzieren. Sie können nicht spielen, keine Mucke machen, die haben nichts: keine Probespiele, keine Wettbewerbe. Für die Studenten dieser Generation, die im letzten Jahr am Ende ihres Studiums angekommen waren, ist es moralisch-ethisch eine absolute Katastrophe. Und ich betone: Das Virus hat damit nichts zu tun, es hat nur die Politik etwas damit zu tun.
Sehen Sie denn Licht am Ende des Tunnels?
Wenn in einem halben Jahr oder einem Dreivierteljahr das erste Konzerthaus wieder öffnet: Wo wird dann das Publikum sein? Dann haben wir die Menschen eineinhalb Jahre allein gelassen. Alle, die mit dem Musikbetrieb zu tun haben auf der ganzen Welt, haben sich gewünscht, nach Deutschland zu kommen, weil hier noch das gelobte Land war, was die Kultur anging. Das ist leider Vergangenheit. 1989, nach der Wende, hatten wir noch 188 Kulturorchester. Dann wurden wir durch die Wiedervereinigung „gesund geschrumpft “, auf fast die Hälft e. Und ich habe die Befürchtung, dass solch ein Schrumpfen jetzt wieder erfolgen könnte.
Sie haben jetzt Ihr erstes reines Mozart-Album vorgelegt. 2015, bei Ihrem Album „Lost And Found“ mit Werken unbekannterer Mozart-Zeitgenossen, wurden Sie mit den Worten zitiert: „Es muss nicht immer Mozart sein.“ Jetzt doch?
Seitdem sind sechs Jahre ins Land gegangen, und Sie kennen das ja: Die Slogans werden immer gerne weitergereicht. Ich sage nur „Make America great again“ – das wird wahrscheinlich für alle Zeiten eingehämmert in den Olymp der Dämlichkeiten. Damals wollte ich zeigen, dass Komponisten wie Hoff meister und Kozeluch bestehen können neben vielen Werken von Mozart. Dieses Album ist etwas vollkommen anderes. Ich habe für mich die schönsten Stücke von Mozart, die sich für mein Instrument eignen könnten, gesucht und die einfach ganz frech mit einem der besten Orchester der Welt, der Deutschen Kammerphilharmonie Bremen, zusammen eingespielt. Das ist ein großer Wunschtraum von mir gewesen. Es ist fast 20 Jahre her, dass ich die Arie „Non temer, amato bene“ KV 505 zum ersten Mal mit Daniel Barenboim und Cecilia Bartoli gehört habe, und diese Musik hat mich damals sehr berührt, interpretiert von diesen beiden Monolithen des Musikmachens. Seitdem habe ich mir gewünscht: Das wäre doch mal was für meine Oboe d’amore. Ich bin also der Kleptomanie schuldig.
Warum haben Sie so lange gewartet mit Ihrem ersten reinen Mozart-Album?
Es gibt von Mozart das berühmte Oboenkonzert und das berühmte Oboenquartett F-Dur, zwei wunderbare Werke, aber natürlich habe ich die in meinem Leben sehr häufig gespielt. Insofern ist das echte Mozart-Repertoire erschöpft gewesen. Ich habe nun gesucht, was sich von Mozart für mein Instrument eignen würde. Wenn ich zurückreisen könnte in die Zeit und Mozarttreffen könnte bei zwei, drei, vier Flaschen Marzemino und vielleicht zwischen Kasino-Besuch und Billiard zwei Stunden mit ihm sprechen könnte, dann hätte ich ihn vielleicht überreden können, diese Werke, die ich hier spiele, tatsächlich für mich zu arrangieren. Ich kann mir sehr gut vorstellen, dass er darauf eingegangen wäre. Insofern habe ich nur Werke ausgewählt, bei denen ich das Gefühl hatte, die hätten vielleicht sein Placet bekommen.
War jetzt für Sie persönlich die Zeit reif für dieses Album?
Wenn man meine Dramaturgie kennt und wenn man mich kennt, dann weiß man, dass ich an den Alben jahrelang arbeite. Ich bin also ganz weit davon entfernt, einen Schnellschuss zu machen, weil noch mal eben ein Album ansteht. Insofern kann ich das positiv beantworten. Die Zeit war reif. Ich bin Vater geworden vor sieben Jahren, und ich bin nicht mehr ganz jung. Ich habe sehr, sehr vieles gesehen, ich habe sehr viel recherchiert in Mozarts Zeit, was auch extrem wichtig war. Das heißt: Ich habe schon viel gelernt über Mozart.
Sie spielen jetzt Mozarts Konzert für Flöte und Harfe mit Oboe und Cembalo. Hört man da auch neu?
(Lacht) Es wäre sehr vermessen zu sagen: Ich wollte es einfach einmal richtig machen. Aber ernsthaft: Ich habe mein Leben lang dieses wunderschöne Doppelkonzert angehört, vielleicht auch neidisch angehört, das kann durchaus sein. Aber ich habe mir immer gedacht, vielleicht kann man das noch irgendwie anders darbieten, und jetzt habe ich mich getraut, das zu machen.
Sie haben nächstes Jahr Ihr 30-jähriges Dienstjubiläum bei den Berliner Philharmonikern. Gibt es da etwas Besonderes?
(Lacht) Wahrscheinlich eine kleine, unscheinbare Anstecknadel, das ist normal, und vielleicht zwei dienstfreie Tage, aber normalerweise wird das eher vergessen. Mein 25-jähriges Dienstjubiläum wurde auch schon vergessen, also könnte es gut sein, dass es diesmal auch sang- und klanglos vorbeigeht. Wenn ich etwas Positives sagen darf: Es ist etwas Wunderschönes, 29 Jahre lang mit diesen herrlichen Kollegen musizieren zu dürfen. Das ist ein Gottesgeschenk, und dafür bin ich unendlich dankbar.
Wie geht es einem Spitzenmusiker wie Ihnen in Zeiten von Corona?
Schlecht, natürlich. Warum soll es mir gut gehen, wenn es so vielen selbstständigen Kollegen so schlecht geht, wie sie sich das in ihrem Leben niemals vorstellen konnten? Wir hatten zwei Weltkriege und dachten uns: Das war es dann für die Menschheit, schlimmer kann es nicht mehr kommen. Aber dass ohne Cholera, ohne Pest so etwas ausgelöst wird, dass quasi die ganze Welt in eine Untergangsstimmung versetzt wird, das hätte sich wahrscheinlich niemand in den kühnsten Träumen ausmalen können.
Was macht Corona mit der Kultur?
Wir hatten schon früh Hygienekonzepte für die Konzertsäle und die Theater, und bisher wurde auch kein einziger Infektionsfall in einem Konzertsaal oder einem Theater nachgewiesen. Trotzdem sind wir auf Einzelhaft beschränkt worden, und das ist für einen selbstständigen Musiker in zweierlei Hinsicht fatal: moralisch und existenziell. Wir haben diesen Beruf gewählt, damit wir vor Publikum auftreten, wir brauchen das Publikum so sehr wie andere ein schönes Bier oder ein Schweineschnitzel. Deswegen fangen wir schon als Kinder mit diesem Beruf an. Wir können doch jetzt nicht innerhalb von drei Monaten komplett umsatteln! Es ist ein wirklich schlimmes Szenario.
Wie hat sich Ihr Alltag verändert durch die Pandemie?
Ich war ja auch auf Kurzarbeit mit meinem Orchester, den Philharmonikern, und habe mich dadurch finanziell retten können. Schlimm ist es, dass ich den ganzen Tag zu Hause sein muss, ich darf nicht raus. Da- bei bin ich schon mit zwölf Jahren durch die Weltgeschichte gefahren. Jetzt habe ich so viele Internet- und Streaming-Konzerte gegeben wie in den 40 Jahren davor nicht. Und das nur, um meine geistige Gesundheit zu retten. Wir haben das eigentlich nur gemacht, damit wir zum Spielen kommen. Das Networking war in diesem Corona-Jahr sehr wichtig, die Interaktion unter Freunden hat uns moralisch sehr gestützt.
Bietet diese Situation des Abgeschottetseins auch Chancen?
Witzigerweise wurde ich das jetzt schon ziemlich oft gefragt. Ich wiederhole mal die Worte meines überaus geschätzten Flötenkollegen Emmanuel Pahud nach den ersten drei Monaten der Pandemie: „So viel wie jetzt habe ich seit meiner Kindheit nicht mehr geübt.“ Wir sind verdammt in unsere Übezelle, man kann ja nicht zwei Jahre pausieren und dann wieder anfangen – das funktioniert einfach nicht. Das hätte auch bei Michael Schumacher oder Boris Becker nicht funktioniert. Das heißt, wir müssen jeden Tag arbeiten, und wir wissen nie, ob wir vielleicht im nächsten Monat schon wieder ein Konzert spielen können.
Sie betreuen auch viele junge Musiker, Studenten. Wie kommen die mit der Situation zurecht?
Für die ist es ganz besonders schlimm, weil sie gar keine Perspektive haben. Sie können nicht irgendwo jobben, um ihr Studium zu finanzieren. Sie können nicht spielen, keine Mucke machen, die haben nichts: keine Probespiele, keine Wettbewerbe. Für die Studenten dieser Generation, die im letzten Jahr am Ende ihres Studiums angekommen waren, ist es moralisch-ethisch eine absolute Katastrophe. Und ich betone: Das Virus hat damit nichts zu tun, es hat nur die Politik etwas damit zu tun.
Sehen Sie denn Licht am Ende des Tunnels?
Wenn in einem halben Jahr oder einem Dreivierteljahr das erste Konzerthaus wieder öffnet: Wo wird dann das Publikum sein? Dann haben wir die Menschen eineinhalb Jahre allein gelassen. Alle, die mit dem Musikbetrieb zu tun haben auf der ganzen Welt, haben sich gewünscht, nach Deutschland zu kommen, weil hier noch das gelobte Land war, was die Kultur anging. Das ist leider Vergangenheit. 1989, nach der Wende, hatten wir noch 188 Kulturorchester. Dann wurden wir durch die Wiedervereinigung „gesund geschrumpft “, auf fast die Hälft e. Und ich habe die Befürchtung, dass solch ein Schrumpfen jetzt wieder erfolgen könnte.
Sie haben jetzt Ihr erstes reines Mozart-Album vorgelegt. 2015, bei Ihrem Album „Lost And Found“ mit Werken unbekannterer Mozart-Zeitgenossen, wurden Sie mit den Worten zitiert: „Es muss nicht immer Mozart sein.“ Jetzt doch?
Seitdem sind sechs Jahre ins Land gegangen, und Sie kennen das ja: Die Slogans werden immer gerne weitergereicht. Ich sage nur „Make America great again“ – das wird wahrscheinlich für alle Zeiten eingehämmert in den Olymp der Dämlichkeiten. Damals wollte ich zeigen, dass Komponisten wie Hoff meister und Kozeluch bestehen können neben vielen Werken von Mozart. Dieses Album ist etwas vollkommen anderes. Ich habe für mich die schönsten Stücke von Mozart, die sich für mein Instrument eignen könnten, gesucht und die einfach ganz frech mit einem der besten Orchester der Welt, der Deutschen Kammerphilharmonie Bremen, zusammen eingespielt. Das ist ein großer Wunschtraum von mir gewesen. Es ist fast 20 Jahre her, dass ich die Arie „Non temer, amato bene“ KV 505 zum ersten Mal mit Daniel Barenboim und Cecilia Bartoli gehört habe, und diese Musik hat mich damals sehr berührt, interpretiert von diesen beiden Monolithen des Musikmachens. Seitdem habe ich mir gewünscht: Das wäre doch mal was für meine Oboe d’amore. Ich bin also der Kleptomanie schuldig.
Warum haben Sie so lange gewartet mit Ihrem ersten reinen Mozart-Album?
Es gibt von Mozart das berühmte Oboenkonzert und das berühmte Oboenquartett F-Dur, zwei wunderbare Werke, aber natürlich habe ich die in meinem Leben sehr häufig gespielt. Insofern ist das echte Mozart-Repertoire erschöpft gewesen. Ich habe nun gesucht, was sich von Mozart für mein Instrument eignen würde. Wenn ich zurückreisen könnte in die Zeit und Mozarttreffen könnte bei zwei, drei, vier Flaschen Marzemino und vielleicht zwischen Kasino-Besuch und Billiard zwei Stunden mit ihm sprechen könnte, dann hätte ich ihn vielleicht überreden können, diese Werke, die ich hier spiele, tatsächlich für mich zu arrangieren. Ich kann mir sehr gut vorstellen, dass er darauf eingegangen wäre. Insofern habe ich nur Werke ausgewählt, bei denen ich das Gefühl hatte, die hätten vielleicht sein Placet bekommen.
War jetzt für Sie persönlich die Zeit reif für dieses Album?
Wenn man meine Dramaturgie kennt und wenn man mich kennt, dann weiß man, dass ich an den Alben jahrelang arbeite. Ich bin also ganz weit davon entfernt, einen Schnellschuss zu machen, weil noch mal eben ein Album ansteht. Insofern kann ich das positiv beantworten. Die Zeit war reif. Ich bin Vater geworden vor sieben Jahren, und ich bin nicht mehr ganz jung. Ich habe sehr, sehr vieles gesehen, ich habe sehr viel recherchiert in Mozarts Zeit, was auch extrem wichtig war. Das heißt: Ich habe schon viel gelernt über Mozart.
Sie spielen jetzt Mozarts Konzert für Flöte und Harfe mit Oboe und Cembalo. Hört man da auch neu?
(Lacht) Es wäre sehr vermessen zu sagen: Ich wollte es einfach einmal richtig machen. Aber ernsthaft: Ich habe mein Leben lang dieses wunderschöne Doppelkonzert angehört, vielleicht auch neidisch angehört, das kann durchaus sein. Aber ich habe mir immer gedacht, vielleicht kann man das noch irgendwie anders darbieten, und jetzt habe ich mich getraut, das zu machen.
Sie haben nächstes Jahr Ihr 30-jähriges Dienstjubiläum bei den Berliner Philharmonikern. Gibt es da etwas Besonderes?
(Lacht) Wahrscheinlich eine kleine, unscheinbare Anstecknadel, das ist normal, und vielleicht zwei dienstfreie Tage, aber normalerweise wird das eher vergessen. Mein 25-jähriges Dienstjubiläum wurde auch schon vergessen, also könnte es gut sein, dass es diesmal auch sang- und klanglos vorbeigeht. Wenn ich etwas Positives sagen darf: Es ist etwas Wunderschönes, 29 Jahre lang mit diesen herrlichen Kollegen musizieren zu dürfen. Das ist ein Gottesgeschenk, und dafür bin ich unendlich dankbar.



