Interview & Porträt

Klavier – nichts anderes!

Von
Christoph Vratz
Erschienen in der Printausgabe im
Mai 2021
Lesezeit ca.
…
Minuten
Foto: Vitùc & Martin Teschner
Foto: Vitùc & Martin Teschner

Eines Tages kam eine Nachricht: Ob sie sich vorstellen könne, seine Musik zu spielen? Absender war der französische Komponist Nicolas Bacri. „Es gab zu diesem Zeitpunkt bereits eine Einspielung seiner dritten Sonate“, erzählt Pianistin Sabine Weyer, „die habe ich mir dann angehört. Ich habe mir Partituren besorgt, auch von Bacris zweiter Sonate.“ Weyer fühlte sich hingezogen zu einer Musik, die „zwar von einem zeitgenössischen Komponisten stammt, gleichzeitig aber ausgesprochen lyrisch klingt, melodisch, zugleich kontrapunktisch. Sie basiert auf klassischen Formen und folgt dennoch einer modernen Tonsprache“. Diese Mischung, diese Art von Stilistik findet man heute nur sehr selten, behauptet Weyer, und das habe von Anfang an den Reiz für sie ausgemacht.

Sabine Weyer ist Luxemburgerin. Sie stammt aus Ville d’Esch-sur Alzette im südlichen Zipfel des Landes, unweit der A 31, auf der sich alljährlich Touristen in Richtung Südfrankreich in den Urlaub schlängeln. Mit sieben Jahren nahm sie erstmals Klavierunterricht, erst an der Musikschule, später am Konservatorium. Parallel zu ihrer Abitur-Vorbereitung fuhr sie für Musikkurse ins 50 km entfernte Metz. Nach der Schulzeit führte ihr Weg nach Brüssel, wo sie 2013 ihren Master machte.

Weyer ist in einem Nicht-Musiker- Haushalt aufgewachsen. „Meine Anreize waren Musik aus dem Radio oder auch CDs, die ich bei meinem Vater gehört habe. Ich fühlte mich schon mit sechs Jahren vom Klavier angezogen, optisch mit den vielen Tasten und auch vom Klang her. Deshalb stand für mich fest: Ich wollte nicht irgendein Instrument lernen oder Musik im Allgemeinen machen, nein, ich wollte Klavier lernen.“ Zwar hat sie auch anderes ausprobiert – Geige, Orgel, Gesang –, doch der Weg führte immer wieder zurück an die Tasten: „Klavier oder nichts, das war mir schnell klar.“

Dezent kamen immer wieder die Hinweise aus ihrem Elternhaus, dass man von einem Beruf auch leben müsse und dass ein Künstler-Dasein gewisse Risiken berge – „doch trotz dieser Mahnungen hatte ich für mich nie das Gefühl, wirklich eine Wahl zu haben. Für mich stand immer fest, dass ich Pianistin werde. Es gab nichts, was ich hätte infrage stellen wollen. Insofern gab es auch nie einen Moment, an dem ich mich bewusst für die Musik oder gegen etwas anderes entschieden habe.“ Sabine Weyer nennt ihren Werdegang einen „organischen Prozess“, der 2015 in einer Stelle am „Conservatoire de la Musique de la Ville de Luxembourg“ mündete. Gerade in Zeiten der Pandemie sieht sie in dieser Anstellung „ein großes Glück“, weil sie ihr Sicherheit gewährt, wenn keine Konzerte stattfinden können. „Daher rate ich jungen Menschen, dass sie immer auch ihre Nebenfächer im Blick behalten, Harmonielehre oder Kontrapunkt, oder auch die Pädagogik, um gegebenenfalls später davon leben zu können.“

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Sabine Weyer engagiert sich dieses Mal für selten gespieltes Repertoire.

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Ob sie in frühen Jahren Visionen gehabt habe? Die einen träumen von einer Virtuosen-Karriere, andere sind einfach nur glücklich, wenn sie Musik machen können, in welcher Form auch immer. „Bei mir war es eindeutig das zweite“, gibt sie mit hörbarem Lächeln zu erkennen. „Mir war schnell klar, dass man bestimmte Verhaltensweisen anpassen muss, wenn man ein Lang Lang werden möchte: Wettbewerbe gewinnen, ständiges Reisen usw. – das entsprach damals schon nicht meiner Vorstellung von Lebensstil. Natürlich klingt das reizvoll, aber für mich war immer die Musik an sich das Wichtigste.“ Diese natürliche Haltung, die sich bei Weyer mit Zielstrebigkeit paart, hat frühzeitig jeden höheren Druck von ihr genommen, was ihr letztlich ermöglichte, den eigenen Weg erfolgreich zu bestreiten. „Mir geht es schlicht darum, dass Musik mein Wegbegleiter im Alltag ist.“ Sie verfolgt durchaus eine Karriere mit Ansprüchen an sich selbst, aber ohne Verbissenheit und nicht getrieben vom Wunsch eines Glamour-Lebens als Star.

Prägend war für Weyer die Erfahrung, als sie 2007 einen ihrer Lehrer verlor, der ihr Klavierspiel entscheidend gefördert hatte, technisch und musikalisch. „Er ist mit 39 Jahren plötzlich gestorben, und auf einmal stand ich allein. Ich musste alles infrage stellen und neu aufbauen. Da wurde mir bewusst, wie schwierig es sein kann und dass man ganz auf sich allein gestellt ist, wenn man keine Hilfe mehr von außen bekommt. Alles erschien mir in einem neuen Licht.“ Weyer hat ihren Weg gefunden, auch was Repertoire-Vorlieben betrifft. Natürlich rückt sie auch gern die großen Namen in den Fokus, Bach oder Debussy, doch schon mit ihrer ersten Aufnahme wollte sie ein persönliches Statement setzen: „Französische Musik ist mir sehr wichtig, daher wollte ich der Popularität Debussys Musik von Rameau entgegensetzen, die weniger bekannt ist – zumindest was das Spiel auf dem modernen Flügel betrifft.“ Weyers jüngste Einspielung erscheint gegenüber ihrem ersten Programm – mit Schwerpunkt auf dem Sensiblen, Introvertierten, Raffinierten – wie das komplette Gegenteil: ungleich expressiver, virtuoser, außerdem moderner und weniger bekannt. Neben zwei Sonaten und einer „Fantaisie“ von Nicolas Bacri hat sich Weyer für Musik des russischen Komponisten Nikolai Miaskowski entschieden. „Auch daran ist Bacri nicht ganz unschuldig, denn er hat seine dritte Sonate Miaskowski gewidmet. Ich hatte zwar von ihm gehört, doch ohne seine Werke näher zu kennen.“ So war Weyers Interesse geweckt. „Ich fand schließlich etliche Parallelen zwischen beiden Komponisten. Die Klangwelten ähneln einander.“ Miaskowski, 1881 in Polen geboren und 1950 in Moskau gestorben, hat als einziger Komponist fünfmal den Stalin-Preis der damaligen Sowjetunion erhalten, obwohl er Wert auf ästhetische Individualität legte. „Dass seine Musik in Europa heute so wenig bekannt ist, hängt damit zusammen, dass sie nach seinem Tod hinter dem Eisernen Vorhang zurückgehalten wurde“. Daran war seine Familie nicht ganz unschuldig, legte sie doch ihr Veto ein, nachdem ein französischer Verlag sich für eine Veröffentlichung stark gemacht hatte. Doch eine Notenausgabe in einem kapitalistischen Land? Das sei Verrat am kommunistischen Russland. Danach lag die Akte Miaskowski mehrere Jahrzehnte unter Verschluss …

Dieser Spagat zwischen französischer und russischer Musik ist bezeichnend für den Punkt, an dem sich Sabine Weyer selbst sieht. Sie habe sich pianistisch weiterentwickelt, und ihr gewachsenes musikalisches Selbstbewusstsein schlage sich auch in ihren Interpretationen nieder. „Außerdem lockt mich die hohe Dichte an Emotionen bei Komponisten aus diesen beiden Kulturkreisen“. Insofern steht zu erwarten, dass diese Entdeckungsreise für Sabine Weyer noch nicht abgeschlossen ist.

Eines Tages kam eine Nachricht: Ob sie sich vorstellen könne, seine Musik zu spielen? Absender war der französische Komponist Nicolas Bacri. „Es gab zu diesem Zeitpunkt bereits eine Einspielung seiner dritten Sonate“, erzählt Pianistin Sabine Weyer, „die habe ich mir dann angehört. Ich habe mir Partituren besorgt, auch von Bacris zweiter Sonate.“ Weyer fühlte sich hingezogen zu einer Musik, die „zwar von einem zeitgenössischen Komponisten stammt, gleichzeitig aber ausgesprochen lyrisch klingt, melodisch, zugleich kontrapunktisch. Sie basiert auf klassischen Formen und folgt dennoch einer modernen Tonsprache“. Diese Mischung, diese Art von Stilistik findet man heute nur sehr selten, behauptet Weyer, und das habe von Anfang an den Reiz für sie ausgemacht.

Sabine Weyer ist Luxemburgerin. Sie stammt aus Ville d’Esch-sur Alzette im südlichen Zipfel des Landes, unweit der A 31, auf der sich alljährlich Touristen in Richtung Südfrankreich in den Urlaub schlängeln. Mit sieben Jahren nahm sie erstmals Klavierunterricht, erst an der Musikschule, später am Konservatorium. Parallel zu ihrer Abitur-Vorbereitung fuhr sie für Musikkurse ins 50 km entfernte Metz. Nach der Schulzeit führte ihr Weg nach Brüssel, wo sie 2013 ihren Master machte.

Weyer ist in einem Nicht-Musiker- Haushalt aufgewachsen. „Meine Anreize waren Musik aus dem Radio oder auch CDs, die ich bei meinem Vater gehört habe. Ich fühlte mich schon mit sechs Jahren vom Klavier angezogen, optisch mit den vielen Tasten und auch vom Klang her. Deshalb stand für mich fest: Ich wollte nicht irgendein Instrument lernen oder Musik im Allgemeinen machen, nein, ich wollte Klavier lernen.“ Zwar hat sie auch anderes ausprobiert – Geige, Orgel, Gesang –, doch der Weg führte immer wieder zurück an die Tasten: „Klavier oder nichts, das war mir schnell klar.“

Dezent kamen immer wieder die Hinweise aus ihrem Elternhaus, dass man von einem Beruf auch leben müsse und dass ein Künstler-Dasein gewisse Risiken berge – „doch trotz dieser Mahnungen hatte ich für mich nie das Gefühl, wirklich eine Wahl zu haben. Für mich stand immer fest, dass ich Pianistin werde. Es gab nichts, was ich hätte infrage stellen wollen. Insofern gab es auch nie einen Moment, an dem ich mich bewusst für die Musik oder gegen etwas anderes entschieden habe.“ Sabine Weyer nennt ihren Werdegang einen „organischen Prozess“, der 2015 in einer Stelle am „Conservatoire de la Musique de la Ville de Luxembourg“ mündete. Gerade in Zeiten der Pandemie sieht sie in dieser Anstellung „ein großes Glück“, weil sie ihr Sicherheit gewährt, wenn keine Konzerte stattfinden können. „Daher rate ich jungen Menschen, dass sie immer auch ihre Nebenfächer im Blick behalten, Harmonielehre oder Kontrapunkt, oder auch die Pädagogik, um gegebenenfalls später davon leben zu können.“

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Sabine Weyer engagiert sich dieses Mal für selten gespieltes Repertoire.

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Ob sie in frühen Jahren Visionen gehabt habe? Die einen träumen von einer Virtuosen-Karriere, andere sind einfach nur glücklich, wenn sie Musik machen können, in welcher Form auch immer. „Bei mir war es eindeutig das zweite“, gibt sie mit hörbarem Lächeln zu erkennen. „Mir war schnell klar, dass man bestimmte Verhaltensweisen anpassen muss, wenn man ein Lang Lang werden möchte: Wettbewerbe gewinnen, ständiges Reisen usw. – das entsprach damals schon nicht meiner Vorstellung von Lebensstil. Natürlich klingt das reizvoll, aber für mich war immer die Musik an sich das Wichtigste.“ Diese natürliche Haltung, die sich bei Weyer mit Zielstrebigkeit paart, hat frühzeitig jeden höheren Druck von ihr genommen, was ihr letztlich ermöglichte, den eigenen Weg erfolgreich zu bestreiten. „Mir geht es schlicht darum, dass Musik mein Wegbegleiter im Alltag ist.“ Sie verfolgt durchaus eine Karriere mit Ansprüchen an sich selbst, aber ohne Verbissenheit und nicht getrieben vom Wunsch eines Glamour-Lebens als Star.

Prägend war für Weyer die Erfahrung, als sie 2007 einen ihrer Lehrer verlor, der ihr Klavierspiel entscheidend gefördert hatte, technisch und musikalisch. „Er ist mit 39 Jahren plötzlich gestorben, und auf einmal stand ich allein. Ich musste alles infrage stellen und neu aufbauen. Da wurde mir bewusst, wie schwierig es sein kann und dass man ganz auf sich allein gestellt ist, wenn man keine Hilfe mehr von außen bekommt. Alles erschien mir in einem neuen Licht.“ Weyer hat ihren Weg gefunden, auch was Repertoire-Vorlieben betrifft. Natürlich rückt sie auch gern die großen Namen in den Fokus, Bach oder Debussy, doch schon mit ihrer ersten Aufnahme wollte sie ein persönliches Statement setzen: „Französische Musik ist mir sehr wichtig, daher wollte ich der Popularität Debussys Musik von Rameau entgegensetzen, die weniger bekannt ist – zumindest was das Spiel auf dem modernen Flügel betrifft.“ Weyers jüngste Einspielung erscheint gegenüber ihrem ersten Programm – mit Schwerpunkt auf dem Sensiblen, Introvertierten, Raffinierten – wie das komplette Gegenteil: ungleich expressiver, virtuoser, außerdem moderner und weniger bekannt. Neben zwei Sonaten und einer „Fantaisie“ von Nicolas Bacri hat sich Weyer für Musik des russischen Komponisten Nikolai Miaskowski entschieden. „Auch daran ist Bacri nicht ganz unschuldig, denn er hat seine dritte Sonate Miaskowski gewidmet. Ich hatte zwar von ihm gehört, doch ohne seine Werke näher zu kennen.“ So war Weyers Interesse geweckt. „Ich fand schließlich etliche Parallelen zwischen beiden Komponisten. Die Klangwelten ähneln einander.“ Miaskowski, 1881 in Polen geboren und 1950 in Moskau gestorben, hat als einziger Komponist fünfmal den Stalin-Preis der damaligen Sowjetunion erhalten, obwohl er Wert auf ästhetische Individualität legte. „Dass seine Musik in Europa heute so wenig bekannt ist, hängt damit zusammen, dass sie nach seinem Tod hinter dem Eisernen Vorhang zurückgehalten wurde“. Daran war seine Familie nicht ganz unschuldig, legte sie doch ihr Veto ein, nachdem ein französischer Verlag sich für eine Veröffentlichung stark gemacht hatte. Doch eine Notenausgabe in einem kapitalistischen Land? Das sei Verrat am kommunistischen Russland. Danach lag die Akte Miaskowski mehrere Jahrzehnte unter Verschluss …

Dieser Spagat zwischen französischer und russischer Musik ist bezeichnend für den Punkt, an dem sich Sabine Weyer selbst sieht. Sie habe sich pianistisch weiterentwickelt, und ihr gewachsenes musikalisches Selbstbewusstsein schlage sich auch in ihren Interpretationen nieder. „Außerdem lockt mich die hohe Dichte an Emotionen bei Komponisten aus diesen beiden Kulturkreisen“. Insofern steht zu erwarten, dass diese Entdeckungsreise für Sabine Weyer noch nicht abgeschlossen ist.