Der Meister der Vokale
Seit 53 Jahren leitet Frieder Bernius den Kammerchor Stuttgart, eines der weltweit besten Ensembles seiner Art. Nach seiner Gesamtaufnahme der Werke von Felix Mendelssohn hat er jetzt nochmals dessen „Te Deum“ und „Hora est“ aufgenommen.

Wer gut hört, ist klar im Vorteil. Wenn Frieder Bernius dirigiert, können einem die Ohren aufgehen. Gibt es ein Sänger-Ensemble, das reiner intoniert als der Kammerchor Stuttgart? Und, vor allem, gibt es eines, dem die Sorgfalt der musikalischen Arbeit, ja der unbändige Drang zur Perfektion so deutlich anzuhören ist wie diesem? Die neu erschienene Aufnahme von Felix Mendelssohns „Te Deum“ und „Hora est“ liegt auf dem Schreibtisch – rein damit in den CD-Player.
Das Staunen beginnt sofort, und es beginnt bei den Vokalen. Die stehen deutlich im klanglichen Vordergrund und sind sehr deutsch: Hier heißt es „Te De-um“ (mit zwei gleichen, langen e-Lauten und keinem modisch italianisierten „Dä-um“); das End-s des „laudamus“ ist, so wie später das x beim Wort „rex“, eher eine Ahnung als ein Zischen. Im Wort „gloriae“ klingt das „o“ nicht lang und geschlossen wie etwa beim „Floh“, sondern offen und kurz wie bei „Gott“. Das Klangwunder fußt darin, dass sich diese ausgefeilte Vokalbehandlung durchzieht. Sie ist nicht bloße Idee, sondern – zusammen mit der oft unfassbar reinen Intonation – tief verinnerlichte Basis und Struktur.
Und sie ist Alleinstellungsmerkmal des Chores, den der mittlerweile 74-jährige Dirigent als 21-jähriger Student gründete und seither leitet. Unermüdlich und immer wieder neu baut er den Klang seines Ensembles. Das muss er tun, denn kein Sänger kann es sich leisten, ausschließlich beim Kammerchor dabei zu sein, und der Wettkampf um gute Vokalsolisten ist groß. Zu Bernius kommen sie, weil sie bei ihm viel lernen. Und weil das Ergebnis so exzellent ist. Die Basis des Chorklangs, sagt Frieder Bernius selbst, sei für ihn „die absolute Klangtreue eines jeden hochdeutschen Vokals“: „Eine Verfärbung von Vokalklängen, nur damit der Klang dann vielleicht ein bisschen mehr Resonanz hat, sodass dann statt Herz ‚Hörz‘ zu hören ist – das ist für mich unmöglich.“ Sänger, die so singen, nimmt er nicht auf. Der Stuttgarter Kammerchor ist ewig jung und arm an Vibrato. „Ich will“, so Bernius, „Stimmen dazu bringen, wie Instrumente zu klingen – und Instrumente wiederum sollen kantabel spielen, also das Singen nachahmen – so wie es die barocken Kompositionslehren schon vorgeben. Nur dann entsteht ein homogenes Zusammenwirken von Gesang und Instrumentalspiel.“
Wäre der Dirigent nicht auch das, was man einen Kontrollfreak nennt, käme ein Klang wie der seine allerdings nicht zustande. Der Stuttgarter Kammerchor verdankt seine Exzellenz auch dieser Eigenschaft seines Gründers und künstlerischen Leiters. „Ich wollte“, stellt dieser im Rückblick fest, „etwas erreichen, das meine Handschrift besitzt“ – und das neue Erkenntnisse und Ideen mit einem Prozess der fortlaufenden Verfeinerungen verschmelze. Seit etwa 35 Jahren gehört auch die historische Aufführungspraxis unbedingt dazu. Was all das bedeutet? Frieder Bernius könnte zum Beispiel ohne Ende über den Mittelvokal unbetonter deutscher Silben, das sogenannte e-Schwa, reden. Wie genau spricht und, vor allem wie singt man die Endsilben der Verben essen, lesen, beten? Und was ist mit dem a-Schwa bei Wörtern wie Vater oder Lehrer?

Der Dirigent macht es sich aber auch in der Auswahl seines Repertoires nicht leicht. Er liebt Werke, die noch keiner liebt – weil sie noch keiner (bei Neuer Musik) oder noch kaum einer kennt. Seit jeher ist Frieder Bernius auch als Wiederentdecker bekannt. Gerade hat er das Melodram „Electra“ von Christian Cannabich herausgebracht, eine hier exzellent unter Spannung gesetzte, dramatische Seelenschau; zuvor entriss er mit Kunst und Liebe Werke von Johann Adolph Hasse, Ignaz Holzbauer, Niccolò Jommelli, Justin Heinrich Knecht, Johann Wenzel Kalliwoda, Johann Gottlieb Naumann, Franz Danzi oder Johann Rudolf Zumsteeg ebenso dem Vergessen wie etwa Schuberts Opernfragment „Sakontala“.
Die Gesellschaft für Musikgeschichte Baden-Württemberg hat ihn wegen seines Einsatzes für die Komponisten des Südwestens vor wenigen Wochen zu ihrem Präsidenten ernannt. Für 2023 ist Louis Spohrs Passionsoratorium „Des Heilands letzte Stunden“ angekündigt, und die „Missa Gratias agimus“ setzt Bernius’ Beschäftigung mit Jan Dismas Zelenka fort – auch die Wiederentdeckung dieses Komponisten ist eng mit dem Namen des Dirigenten verbunden. „Mich interessiert“, sagt er, „jedes Werk, das auf neue, eigenständige Weise Klang und Rhythmus, Wort und Musik kombiniert“.
Warum Bernius dies alles auf sich nimmt? Nur „den Erwartungen der Gesellschaft entgegenzukommen, die mit der Funktion von Musik als Fest oder Begleitmusik oder Sahnehäubchen zu tun haben“, liege ihm halt nicht. Und er will auch nicht „mit immer denselben Werken den Jahresfestkreis abschreiten“, denn bei den vielen Wiederholungen immer derselben Standardwerke sei die Gefahr sehr groß, dass diese „abgenutzt und ausgeleiert“ würden. Nur ein einziges Mal hat er deshalb in den letzten drei Jahrzehnten Bachs „Weihnachtsoratorium“ aufgeführt – und sich hinterher lange mit einer Kritikerin gestritten. Sie schrieb von analytisch-nüchterner Perfektion. Wer solches behaupte, so seine prompte Replik, sei voreingenommen, verhaftet in überkommenen Traditionen und Sentimentalitäten; er fühle sich gründlich missverstanden. Auch sprachlich agiert Bernius messerscharf.
Es lohnt, all dies mit seiner Leidenschaft für Mendelssohn zusammenzudenken. An den frühen Werken Mendelssohns, sagt Frieder Bernius, reize ihn die „stilistische Heterogenität“, die aus dem Wissen des Komponisten um barocke Stilistik erwachse: „Es interessiert mich, welches Werk eher mit Kenntnis der barocken Stilistik aufgeführt werden soll und wo Mendelssohn beginnt, sich davon zu emanzipieren.“ Aber seine Gesamtaufnahme sei auch dem Antrieb geschuldet, „als Nachkriegsmensch“ den lange Zeit so schlechten Ruf des Komponisten ändern zu wollen.
Wenn man das hört, dann versteht man, wie stark dieser Dirigent mit seiner vehementen Abneigung gegenüber festgefahrenen Aufführungstraditionen, Erwartungen und Schubladen jeder Art vom Geist der 1968er-Jahre imprägniert ist. Die Idee, Mendelssohn zu rehabilitieren, lässt sich bei ihm durchaus als künstlerischer Reflex auf die Diffamierung dieses Komponisten durch die Vätergeneration deuten. Passenderweise hat Bernius seinen Stuttgarter Kammerchor 1968 gegründet. Und bis heute verteidigt er seine Freiheit – obwohl sie (unter anderem) zur Folge hat, dass sein Büro, das Musikpodium Stuttgart, personell nur schwach besetzt ist.
Seine Gesamtaufnahme von Mendelssohns Chorwerken, die sich über einen Zeitraum von 25 Jahren erstreckte (bei Carus), hat Bernius 2012 abgeschlossen. Das „Te Deum“ und „Hora est“ hat er jetzt auch deshalb nochmals aufgenommen, weil sich der Chor und er seit der ersten Einspielung 1984 entwickelt haben. Außerdem habe er das sehr polyfon angelegte, vierchörige „Hora est“ jetzt in kleiner, 16-stimmiger Besetzung aufführen wollen: So verstehe man die Musik einfach besser.
Wie lange der 74-Jährige, dem sein Vertrag einen selbstbestimmten Abschied einräumt, noch weiterdirigieren will? Der 93-jährige Herbert Blomstedt, entgegnet Frieder Bernius, habe auf diese Frage die Gegenfrage gestellt: Sind Sie nicht zufrieden, wie ich dirigiere? Er selbst mache sich über den Abschied noch keine konkreten Gedanken. „Ich bin ein Spätzünder, habe erst mit den Jahren das gelernt, was ich heute über meine Bewegungen, meinen Körper und die Musik weiß, die ich interpretieren will. Und es gibt immer noch Entwicklungspotenzial.“ Dirigenten könnten reifen. Und: „Das Leben geht länger, wenn man noch Ziele hat.“
Wer gut hört, ist klar im Vorteil. Wenn Frieder Bernius dirigiert, können einem die Ohren aufgehen. Gibt es ein Sänger-Ensemble, das reiner intoniert als der Kammerchor Stuttgart? Und, vor allem, gibt es eines, dem die Sorgfalt der musikalischen Arbeit, ja der unbändige Drang zur Perfektion so deutlich anzuhören ist wie diesem? Die neu erschienene Aufnahme von Felix Mendelssohns „Te Deum“ und „Hora est“ liegt auf dem Schreibtisch – rein damit in den CD-Player.
Das Staunen beginnt sofort, und es beginnt bei den Vokalen. Die stehen deutlich im klanglichen Vordergrund und sind sehr deutsch: Hier heißt es „Te De-um“ (mit zwei gleichen, langen e-Lauten und keinem modisch italianisierten „Dä-um“); das End-s des „laudamus“ ist, so wie später das x beim Wort „rex“, eher eine Ahnung als ein Zischen. Im Wort „gloriae“ klingt das „o“ nicht lang und geschlossen wie etwa beim „Floh“, sondern offen und kurz wie bei „Gott“. Das Klangwunder fußt darin, dass sich diese ausgefeilte Vokalbehandlung durchzieht. Sie ist nicht bloße Idee, sondern – zusammen mit der oft unfassbar reinen Intonation – tief verinnerlichte Basis und Struktur.
Und sie ist Alleinstellungsmerkmal des Chores, den der mittlerweile 74-jährige Dirigent als 21-jähriger Student gründete und seither leitet. Unermüdlich und immer wieder neu baut er den Klang seines Ensembles. Das muss er tun, denn kein Sänger kann es sich leisten, ausschließlich beim Kammerchor dabei zu sein, und der Wettkampf um gute Vokalsolisten ist groß. Zu Bernius kommen sie, weil sie bei ihm viel lernen. Und weil das Ergebnis so exzellent ist. Die Basis des Chorklangs, sagt Frieder Bernius selbst, sei für ihn „die absolute Klangtreue eines jeden hochdeutschen Vokals“: „Eine Verfärbung von Vokalklängen, nur damit der Klang dann vielleicht ein bisschen mehr Resonanz hat, sodass dann statt Herz ‚Hörz‘ zu hören ist – das ist für mich unmöglich.“ Sänger, die so singen, nimmt er nicht auf. Der Stuttgarter Kammerchor ist ewig jung und arm an Vibrato. „Ich will“, so Bernius, „Stimmen dazu bringen, wie Instrumente zu klingen – und Instrumente wiederum sollen kantabel spielen, also das Singen nachahmen – so wie es die barocken Kompositionslehren schon vorgeben. Nur dann entsteht ein homogenes Zusammenwirken von Gesang und Instrumentalspiel.“
Wäre der Dirigent nicht auch das, was man einen Kontrollfreak nennt, käme ein Klang wie der seine allerdings nicht zustande. Der Stuttgarter Kammerchor verdankt seine Exzellenz auch dieser Eigenschaft seines Gründers und künstlerischen Leiters. „Ich wollte“, stellt dieser im Rückblick fest, „etwas erreichen, das meine Handschrift besitzt“ – und das neue Erkenntnisse und Ideen mit einem Prozess der fortlaufenden Verfeinerungen verschmelze. Seit etwa 35 Jahren gehört auch die historische Aufführungspraxis unbedingt dazu. Was all das bedeutet? Frieder Bernius könnte zum Beispiel ohne Ende über den Mittelvokal unbetonter deutscher Silben, das sogenannte e-Schwa, reden. Wie genau spricht und, vor allem wie singt man die Endsilben der Verben essen, lesen, beten? Und was ist mit dem a-Schwa bei Wörtern wie Vater oder Lehrer?

Der Dirigent macht es sich aber auch in der Auswahl seines Repertoires nicht leicht. Er liebt Werke, die noch keiner liebt – weil sie noch keiner (bei Neuer Musik) oder noch kaum einer kennt. Seit jeher ist Frieder Bernius auch als Wiederentdecker bekannt. Gerade hat er das Melodram „Electra“ von Christian Cannabich herausgebracht, eine hier exzellent unter Spannung gesetzte, dramatische Seelenschau; zuvor entriss er mit Kunst und Liebe Werke von Johann Adolph Hasse, Ignaz Holzbauer, Niccolò Jommelli, Justin Heinrich Knecht, Johann Wenzel Kalliwoda, Johann Gottlieb Naumann, Franz Danzi oder Johann Rudolf Zumsteeg ebenso dem Vergessen wie etwa Schuberts Opernfragment „Sakontala“.
Die Gesellschaft für Musikgeschichte Baden-Württemberg hat ihn wegen seines Einsatzes für die Komponisten des Südwestens vor wenigen Wochen zu ihrem Präsidenten ernannt. Für 2023 ist Louis Spohrs Passionsoratorium „Des Heilands letzte Stunden“ angekündigt, und die „Missa Gratias agimus“ setzt Bernius’ Beschäftigung mit Jan Dismas Zelenka fort – auch die Wiederentdeckung dieses Komponisten ist eng mit dem Namen des Dirigenten verbunden. „Mich interessiert“, sagt er, „jedes Werk, das auf neue, eigenständige Weise Klang und Rhythmus, Wort und Musik kombiniert“.
Warum Bernius dies alles auf sich nimmt? Nur „den Erwartungen der Gesellschaft entgegenzukommen, die mit der Funktion von Musik als Fest oder Begleitmusik oder Sahnehäubchen zu tun haben“, liege ihm halt nicht. Und er will auch nicht „mit immer denselben Werken den Jahresfestkreis abschreiten“, denn bei den vielen Wiederholungen immer derselben Standardwerke sei die Gefahr sehr groß, dass diese „abgenutzt und ausgeleiert“ würden. Nur ein einziges Mal hat er deshalb in den letzten drei Jahrzehnten Bachs „Weihnachtsoratorium“ aufgeführt – und sich hinterher lange mit einer Kritikerin gestritten. Sie schrieb von analytisch-nüchterner Perfektion. Wer solches behaupte, so seine prompte Replik, sei voreingenommen, verhaftet in überkommenen Traditionen und Sentimentalitäten; er fühle sich gründlich missverstanden. Auch sprachlich agiert Bernius messerscharf.
Es lohnt, all dies mit seiner Leidenschaft für Mendelssohn zusammenzudenken. An den frühen Werken Mendelssohns, sagt Frieder Bernius, reize ihn die „stilistische Heterogenität“, die aus dem Wissen des Komponisten um barocke Stilistik erwachse: „Es interessiert mich, welches Werk eher mit Kenntnis der barocken Stilistik aufgeführt werden soll und wo Mendelssohn beginnt, sich davon zu emanzipieren.“ Aber seine Gesamtaufnahme sei auch dem Antrieb geschuldet, „als Nachkriegsmensch“ den lange Zeit so schlechten Ruf des Komponisten ändern zu wollen.
Wenn man das hört, dann versteht man, wie stark dieser Dirigent mit seiner vehementen Abneigung gegenüber festgefahrenen Aufführungstraditionen, Erwartungen und Schubladen jeder Art vom Geist der 1968er-Jahre imprägniert ist. Die Idee, Mendelssohn zu rehabilitieren, lässt sich bei ihm durchaus als künstlerischer Reflex auf die Diffamierung dieses Komponisten durch die Vätergeneration deuten. Passenderweise hat Bernius seinen Stuttgarter Kammerchor 1968 gegründet. Und bis heute verteidigt er seine Freiheit – obwohl sie (unter anderem) zur Folge hat, dass sein Büro, das Musikpodium Stuttgart, personell nur schwach besetzt ist.
Seine Gesamtaufnahme von Mendelssohns Chorwerken, die sich über einen Zeitraum von 25 Jahren erstreckte (bei Carus), hat Bernius 2012 abgeschlossen. Das „Te Deum“ und „Hora est“ hat er jetzt auch deshalb nochmals aufgenommen, weil sich der Chor und er seit der ersten Einspielung 1984 entwickelt haben. Außerdem habe er das sehr polyfon angelegte, vierchörige „Hora est“ jetzt in kleiner, 16-stimmiger Besetzung aufführen wollen: So verstehe man die Musik einfach besser.
Wie lange der 74-Jährige, dem sein Vertrag einen selbstbestimmten Abschied einräumt, noch weiterdirigieren will? Der 93-jährige Herbert Blomstedt, entgegnet Frieder Bernius, habe auf diese Frage die Gegenfrage gestellt: Sind Sie nicht zufrieden, wie ich dirigiere? Er selbst mache sich über den Abschied noch keine konkreten Gedanken. „Ich bin ein Spätzünder, habe erst mit den Jahren das gelernt, was ich heute über meine Bewegungen, meinen Körper und die Musik weiß, die ich interpretieren will. Und es gibt immer noch Entwicklungspotenzial.“ Dirigenten könnten reifen. Und: „Das Leben geht länger, wenn man noch Ziele hat.“



