Interview & Porträt

Phantom und Phänomen

Von
Christoph Vratz
Erschienen in der Printausgabe im
Juli 2021
Lesezeit ca.
…
Minuten
Daniel Barenboim und Martha Argerich nach einem Auftritt in Buenos Aires.
Daniel Barenboim und Martha Argerich nach einem Auftritt in Buenos Aires.

Eine Sphinx. Sie kann alles sein. Diva und Divo, launisch und göttlich. Herzlich und unnahbar. Zahm und kratzig. Ergeben und unberechenbar. Ein Leben zwischen Krisen und rührender Hilfestellung, zwischen chronischer Sorge und angstvoller Zuwendung.

Wer, wie wir, die wir über sie schreiben und berichten möchten, sich ihr nähern darf, weiß nie, was kommt. Hat sie ein Interview zugesagt, kann es sein, dass man tausende von Flugkilometern absolviert, um dann zu hören: Sie will nicht, tut uns leid! Oder man muss sich mit betont einsilbigen Sätzen zufriedengeben, die niemanden zufriedenstellen können. Oder fast wider Erwarten dann doch kleine, prägnante Hilfestellungen, die kurze Einblicke gewähren. Doch sie, die Sprachgewandte, sagt immer nur wenig, am wenigsten über sich. Einer ihrer ehemaligen Agenten hat einmal den vielsagenden Satz formuliert: „Martha hat alles getan, ihre Karriere zu ruinieren, aber es ist ihr nie gelungen.“ Auch das Wort vom „monstre sacrée“, dem heiligen Monster, kursiert bisweilen.

Die wichtigste Geschichte aus ihrer Anfangszeit ist oft erzählt worden. Die junge Martha, die Hoch- und Frühbegabte aus Buenos Aires, angetrieben durch ihre Mutter Juanita, lernt als Mädchen Friedrich Gulda kennen. Er, der Exot, der sich allem Regelhaften erfolgreich und mit Wiener Schmäh widersetzt, trifft während einer Südamerika- Tour auf „Marthita“, die – als sie ihm vorspielen soll – keinen Ton aus dem Klavier herausbekommt. Doch Gulda bietet ihr an, sie zu unterrichten, in Wien! Doch dafür fehlt das Geld. Erst als der damalige argentinische Staatspräsident sich einsetzt, kann die Familie nach Europa übersiedeln. Nun wäre Gulda nicht Gulda, und Argerich nicht Argerich, wenn sich daraus ein klassisches Lehrer-Schüler-Verhältnis ergeben hätte. Hier trafen sich zwei, die Misstrauen gegenüber dem Musikbetrieb hegten und pflegten. Zugleich Tüftler, die in allen musikalischen Dingen rigoros vorgehen und sich gegenseitig inspirieren konnten. Wer, wenn nicht Gulda, durft e sie eine „Wilde“ nennen, eine „Verrückte“? Wer, wenn nicht Gulda, durfte sie ungalant fragen, mit wem sie gerade das Bett teile, um anschließend vielsagend tuschelnd die Botschaft zu verbreiten?

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Konzert mit Mischa Maisky beim Klavier-Festival Ruhr, wo sie regelmäßig zu Gast ist.

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Noch etwas bringt Argerich aus Buenos Aires mit: die Bekanntschaft mit einem fast Gleichaltrigen: „Ich war damals sieben, sie acht Jahre alt“, hat Daniel Barenboim einmal erzählt, „und wir haben, wie es Kinder tun, unter dem Klavier gespielt“. Zwei Sonderbegabungen unter einem Resonanzboden vereint. Heute sind sie wieder des Öfteren vereint, oberhalb des Resonanzbodens, als vierhändiges Duo … In Europa setzt jedoch nach ihrer Erstankunft ein Prozess des plötzlichen Sich-Verkrümelns ein. Martha Argerich wird immer wieder von der ihr eigenen Scheu erfasst, etwa als sie einen Termin mit der EMI und Walter Legge sausen lässt oder als sie ein Vertragsangebot der Deutschen Grammophon zurückweist. Veranstalter und Intendanten erzählen bis heute davon, dass sie nie ganz sicher sein können, ob Argerich tatsächlich gleich eine Bühne betritt oder ob doch ihre Zweifel im letzten Moment siegen und sie den Rückzug antritt.

Argerich ist rastlos, sie zieht in die Schweiz, später nach London, Paris, Brüssel. Vor allem aber zieht sie sich immer wieder zurück. Als 16-Jährige will sie nicht als Wunderkind auf dem Konzertsilbertablett herumgereicht werden, sie sucht neue Impulse. Bei Madeleine Lipatti, Nikita Magaloff , Arturo Benedetti Michelangeli (die Lektion hat wohl nie stattgefunden), Stefan Askenase – und sie fliegt nach New York zu Horowitz, der ihr jedoch die Audienz verweigert. Nach mehrjähriger Abstinenz meldet sie sich 1965 zurück: Sie gewinnt den Warschau- er Chopin-Wettbewerb und knapp 2000 Dollar. An selber Stelle sorgt sie 1980 wieder für Schlagzeilen: Unter großem Aplomb verlässt sie die Jury, weil man ihrem Kandidaten, Ivo Pogorelich, den Einzug in die nächste Runde verwehrt hatte: Für Pogorelich war der Skandal ein Segen. Er erhielt einen Plattenvertrag. Die Musik Chopins hat Argerich begleitet über viele Jahre, sie steht repräsentativ für ihr Spiel: ihre Glut, ihr fiebriges Spiel, das sich nie verliert, sondern unbestechlich klar bleibt. Sie wahrt ihre Eleganz, aber dringt auch in die Bezirke des Unheimlichen vor. Bei Argerich liegen Chopins Nervosität, seine Nuancen, sein Hang zur Verdichtung wie auf dem Mikroskop.

Als sie 34 Jahre alt ist, erzählt Tochter Stéphanie, war Argerich bereits zweimal geschieden, hatte drei Töchter und mehrere renommierte internationale Preise – und trotzdem kein Selbstvertrauen. Nach ihrer Scheidung von Dirigent Charles Dutoit findet sie Halt bei ihrem Pianistenkollegen Stephen Kovacevich, obwohl beide völlig unterschiedlichen Lebensrhythmen folgen: Kovacevich, Amerikaner mit kroatischen Wurzeln, ist diszipliniert, Argerich, Tochter italienisch- argentinischer Eltern, lebt in einer individuellen Form von Chaos. Sie kommt notorisch zu spät, wäscht sich zu den seltsamsten Zeiten die Haare und arbeitet am liebsten nur nachts. Ihren Alltag beginnt sie lange Zeit erst um 14 Uhr mit ein paar Tassen Kaffee. Mitte der 1990er-Jahre dann der Schock: Man stellt erst einen aggressiven, wiederkehrenden Hautkrebs fest, dann den Befall der Lunge. In Los Angeles wird sie operiert. Bei der Genesung helfen Ärzte – und die Musik.

Will man der Unnahbaren ein Stück näherkommen, so kann man sich zwei Hilfsmitteln anvertrauen. Olivier Bellamy, französischer Musikjournalist und Filmemacher, hat vor zehn Jahren eine (autorisierte) Biografie über „La Martha“ verfasst. Er erzählt ihr Leben spannend und unterhaltend, kurzweilig, ergreifend, schockierend, berührend. Ergänzend dazu liefert der Film „Bloody Daughter“ Einblicke, vor allem in die private Welt der Martha Argerich. Gedreht hat ihn ihre Tochter Stéphanie. Sie stellt Fragen, die wohl kein Journalist stellen würde: Ob sie während ihrer Schwangerschaft anders Klavier gespielt habe? Antwort: Ein wenig langsamer! Sie habe nicht ganz so agiert wie sonst, nicht so geradeaus und nach vorn gerichtet. – Diese Dokumentation erzählt Geschichten über Sehnsüchte und Talente, Passionen, Rückschläge und Verletztheiten. „Ich habe keine Person um mich, für die ich wirklich wichtig bin“, sagt Argerich. – Die große Pianistin, ein einsamer Mensch?!

Es war auch ihre Erscheinung, mit der Argerich ab den 1960er-Jahren das Publikum regelmäßig verzückte: mit ihren langen, schwarzen Haaren, die beim Verbeugen rapunzelnd bis zum Boden herabreichten, mit ihrem mal verklärten, mal melancholischen Blick. Das Entfesselte ihres Spiels und ihr feenhaftes Auftreten bildeten oft eine gegensätzliche Allianz des Unergründlichen. Ausgeliefert ihrer eigenen Persönlichkeit, folgt sie musikalisch in erster Linie ihren Urinstinkten, einer Suche nach Wahrhaftigkeit, die Kompromisse nicht zulässt.

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Klavierduo mit Sergio Tiempo anlässlich des 30-jährigen Jubiläums des KFR.

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Die „Times“ unterstellte ihrem Klavierspiel einmal ein „himmlisches Feuer“, Joachim Kaiser sinnierte, dass es ihr nicht „nur um richtige Töne“ gehe – „es geht ums Leben“. Die FAZ sah in ihr ein „Rennpferd“, der französische „Figaro“ mehr einen „Panther“, der „Spiegel“ wiederum erkannte in ihr die „Königin der Löwen“. Hinter aller stählernen Kraft, die Argerich ihren Steinways zu entlocken verstand, steckte gleichbleibend ein Seelen-Sensibelchen, so unberechenbar wie der „Scarbo“ von Ravel, den sie so unnachahmlich tanzen ließ. Anfangs schien sie ein breites Repertoire schultern zu wollen. Natürlich überstrahlten die Virtuosen-Nummern, die Konzerte von Liszt und Tschaikowsky, alles Kleine, Feine wie die Sammlung der 24 Préludes von Chopin. Wählerisch war Argerich immer: Schubert? Nur zu vier Händen! Brahms? Zwei Rhapso dien, sonst aber lieber Kammermusik, und keines der Konzerte. Beethoven-Sonaten? Solistisch nur als Ausnahmefall – dagegen mit Gidon Kremer geigend als Partner alle zehn. Die Konzerte? Nur bis zum dritten. Überhaupt hat sich Argerichs Solo-Repertoire immer mehr ausgedünnt. Solo-Auftritte gibt es nicht mehr. Am liebsten sieht sie sich als Teil einer Gemeinschaft , etwa bei ihrem erfolgreichen „Progetto“, das sie 14 Jahre in Lugano glanzvoll geleitet hat und wo sie teils wenig bekannten Künstlerinnen und Künstlern an ihrer Seite Aufstiegschancen ermöglicht hat: „Talentierte junge Künstler bekannt zu machen und zu unterstützen, ist ein wesentlicher und unverzichtbarer Teil meiner Arbeit“, so lautet einer ihrer allgemeingültigen Sätze. Programmatisches Neuland betritt sie nur noch an der Seite anderer – bis hin zu ihren jüngsten Einspielungen mit Beethovens „Pastorale“, bearbeitet von Selmar Bagge, im Duo mit Th eodosia Ntokou.

Argerich hat sich immer wieder auch locken lassen, etwa von Claudio Abbado – ein künstlerisches Pas de deux, wie es gegensätzlicher kaum sein könnte: hier die explosive Latina, dort der vorsichtig- abwartende Klangtüftler. Doch so unterschiedlich sie auch sein mochten, in der Musik – bei Prokofjew wie bei Mozart, bei Beethoven wie bei Ravel – wirken sie wie Vertraute, wie engste Weggefährten, die nichts voneinander trennen kann.

Argerich präsentiert sich oft als eine Pianistin, deren Kraft nie allein aus den Fingern, sondern aus den Armen, aus dem ganzen Körper erwächst. Den rauschenden Triolen am Beginn von Schumanns „Kreisleriana“ setzt sie die Oktaven im Bass entschlossen gegenüber. Doch entstehen ihre großen Bögen hier aus der Summe mehrerer kleiner Anläufe. Insofern darf man Argerichs Kunst nie allein auf das virtuos Vorwärtsstürmende reduzieren. In Liszts h-Moll-Sonate versucht sie dem Fantasie-Charakter des Werkes zu entsprechen, indem sie sich auffallende rhythmische Freiheiten gewährt, eingebettet in eine Tour de force, die Kopf, Herz und Finger gleichermaßen herausfordert. Zu ihren Freiheiten gehört, dass sie die von Liszt vorgeschriebene Pause vor Beginn des „Andante sostenuto“ nicht als Moment der Stille deutet, sondern als eine Phase des Hinübergleitens. Das ist eigenwillig und vielleicht nicht einmal mit dem Etikett „romantisch“ zu erklären. Doch Verneblung war nie eine ernste Versuchung für sie. Ob Schumann oder Chopin – nirgends wird man ein Zuviel an Pedal bei ihr finden. Sie kommt immer auf den Punkt. Ihre Pointen, ob herrisch oder heiter, ob humorvoll oder tragisch, sie sitzen. In der Musik geht sie so sehr auf, dass die Pianistin dahinter zu verschwinden droht.

Martha Argerich ist Phantom und Phänomen zugleich. Vielleicht wird man sie nie verstehen, vielleicht muss man wirklich nur ihre Musik sprechen lassen. Kein Wunder, dass diese Sphinx einmal programmatisch verlautbaren ließ: „Es gibt viele offene Fragen, ich beantworte sie nie.“

Eine Sphinx. Sie kann alles sein. Diva und Divo, launisch und göttlich. Herzlich und unnahbar. Zahm und kratzig. Ergeben und unberechenbar. Ein Leben zwischen Krisen und rührender Hilfestellung, zwischen chronischer Sorge und angstvoller Zuwendung.

Wer, wie wir, die wir über sie schreiben und berichten möchten, sich ihr nähern darf, weiß nie, was kommt. Hat sie ein Interview zugesagt, kann es sein, dass man tausende von Flugkilometern absolviert, um dann zu hören: Sie will nicht, tut uns leid! Oder man muss sich mit betont einsilbigen Sätzen zufriedengeben, die niemanden zufriedenstellen können. Oder fast wider Erwarten dann doch kleine, prägnante Hilfestellungen, die kurze Einblicke gewähren. Doch sie, die Sprachgewandte, sagt immer nur wenig, am wenigsten über sich. Einer ihrer ehemaligen Agenten hat einmal den vielsagenden Satz formuliert: „Martha hat alles getan, ihre Karriere zu ruinieren, aber es ist ihr nie gelungen.“ Auch das Wort vom „monstre sacrée“, dem heiligen Monster, kursiert bisweilen.

Die wichtigste Geschichte aus ihrer Anfangszeit ist oft erzählt worden. Die junge Martha, die Hoch- und Frühbegabte aus Buenos Aires, angetrieben durch ihre Mutter Juanita, lernt als Mädchen Friedrich Gulda kennen. Er, der Exot, der sich allem Regelhaften erfolgreich und mit Wiener Schmäh widersetzt, trifft während einer Südamerika- Tour auf „Marthita“, die – als sie ihm vorspielen soll – keinen Ton aus dem Klavier herausbekommt. Doch Gulda bietet ihr an, sie zu unterrichten, in Wien! Doch dafür fehlt das Geld. Erst als der damalige argentinische Staatspräsident sich einsetzt, kann die Familie nach Europa übersiedeln. Nun wäre Gulda nicht Gulda, und Argerich nicht Argerich, wenn sich daraus ein klassisches Lehrer-Schüler-Verhältnis ergeben hätte. Hier trafen sich zwei, die Misstrauen gegenüber dem Musikbetrieb hegten und pflegten. Zugleich Tüftler, die in allen musikalischen Dingen rigoros vorgehen und sich gegenseitig inspirieren konnten. Wer, wenn nicht Gulda, durft e sie eine „Wilde“ nennen, eine „Verrückte“? Wer, wenn nicht Gulda, durfte sie ungalant fragen, mit wem sie gerade das Bett teile, um anschließend vielsagend tuschelnd die Botschaft zu verbreiten?

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Konzert mit Mischa Maisky beim Klavier-Festival Ruhr, wo sie regelmäßig zu Gast ist.

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Noch etwas bringt Argerich aus Buenos Aires mit: die Bekanntschaft mit einem fast Gleichaltrigen: „Ich war damals sieben, sie acht Jahre alt“, hat Daniel Barenboim einmal erzählt, „und wir haben, wie es Kinder tun, unter dem Klavier gespielt“. Zwei Sonderbegabungen unter einem Resonanzboden vereint. Heute sind sie wieder des Öfteren vereint, oberhalb des Resonanzbodens, als vierhändiges Duo … In Europa setzt jedoch nach ihrer Erstankunft ein Prozess des plötzlichen Sich-Verkrümelns ein. Martha Argerich wird immer wieder von der ihr eigenen Scheu erfasst, etwa als sie einen Termin mit der EMI und Walter Legge sausen lässt oder als sie ein Vertragsangebot der Deutschen Grammophon zurückweist. Veranstalter und Intendanten erzählen bis heute davon, dass sie nie ganz sicher sein können, ob Argerich tatsächlich gleich eine Bühne betritt oder ob doch ihre Zweifel im letzten Moment siegen und sie den Rückzug antritt.

Argerich ist rastlos, sie zieht in die Schweiz, später nach London, Paris, Brüssel. Vor allem aber zieht sie sich immer wieder zurück. Als 16-Jährige will sie nicht als Wunderkind auf dem Konzertsilbertablett herumgereicht werden, sie sucht neue Impulse. Bei Madeleine Lipatti, Nikita Magaloff , Arturo Benedetti Michelangeli (die Lektion hat wohl nie stattgefunden), Stefan Askenase – und sie fliegt nach New York zu Horowitz, der ihr jedoch die Audienz verweigert. Nach mehrjähriger Abstinenz meldet sie sich 1965 zurück: Sie gewinnt den Warschau- er Chopin-Wettbewerb und knapp 2000 Dollar. An selber Stelle sorgt sie 1980 wieder für Schlagzeilen: Unter großem Aplomb verlässt sie die Jury, weil man ihrem Kandidaten, Ivo Pogorelich, den Einzug in die nächste Runde verwehrt hatte: Für Pogorelich war der Skandal ein Segen. Er erhielt einen Plattenvertrag. Die Musik Chopins hat Argerich begleitet über viele Jahre, sie steht repräsentativ für ihr Spiel: ihre Glut, ihr fiebriges Spiel, das sich nie verliert, sondern unbestechlich klar bleibt. Sie wahrt ihre Eleganz, aber dringt auch in die Bezirke des Unheimlichen vor. Bei Argerich liegen Chopins Nervosität, seine Nuancen, sein Hang zur Verdichtung wie auf dem Mikroskop.

Als sie 34 Jahre alt ist, erzählt Tochter Stéphanie, war Argerich bereits zweimal geschieden, hatte drei Töchter und mehrere renommierte internationale Preise – und trotzdem kein Selbstvertrauen. Nach ihrer Scheidung von Dirigent Charles Dutoit findet sie Halt bei ihrem Pianistenkollegen Stephen Kovacevich, obwohl beide völlig unterschiedlichen Lebensrhythmen folgen: Kovacevich, Amerikaner mit kroatischen Wurzeln, ist diszipliniert, Argerich, Tochter italienisch- argentinischer Eltern, lebt in einer individuellen Form von Chaos. Sie kommt notorisch zu spät, wäscht sich zu den seltsamsten Zeiten die Haare und arbeitet am liebsten nur nachts. Ihren Alltag beginnt sie lange Zeit erst um 14 Uhr mit ein paar Tassen Kaffee. Mitte der 1990er-Jahre dann der Schock: Man stellt erst einen aggressiven, wiederkehrenden Hautkrebs fest, dann den Befall der Lunge. In Los Angeles wird sie operiert. Bei der Genesung helfen Ärzte – und die Musik.

Will man der Unnahbaren ein Stück näherkommen, so kann man sich zwei Hilfsmitteln anvertrauen. Olivier Bellamy, französischer Musikjournalist und Filmemacher, hat vor zehn Jahren eine (autorisierte) Biografie über „La Martha“ verfasst. Er erzählt ihr Leben spannend und unterhaltend, kurzweilig, ergreifend, schockierend, berührend. Ergänzend dazu liefert der Film „Bloody Daughter“ Einblicke, vor allem in die private Welt der Martha Argerich. Gedreht hat ihn ihre Tochter Stéphanie. Sie stellt Fragen, die wohl kein Journalist stellen würde: Ob sie während ihrer Schwangerschaft anders Klavier gespielt habe? Antwort: Ein wenig langsamer! Sie habe nicht ganz so agiert wie sonst, nicht so geradeaus und nach vorn gerichtet. – Diese Dokumentation erzählt Geschichten über Sehnsüchte und Talente, Passionen, Rückschläge und Verletztheiten. „Ich habe keine Person um mich, für die ich wirklich wichtig bin“, sagt Argerich. – Die große Pianistin, ein einsamer Mensch?!

Es war auch ihre Erscheinung, mit der Argerich ab den 1960er-Jahren das Publikum regelmäßig verzückte: mit ihren langen, schwarzen Haaren, die beim Verbeugen rapunzelnd bis zum Boden herabreichten, mit ihrem mal verklärten, mal melancholischen Blick. Das Entfesselte ihres Spiels und ihr feenhaftes Auftreten bildeten oft eine gegensätzliche Allianz des Unergründlichen. Ausgeliefert ihrer eigenen Persönlichkeit, folgt sie musikalisch in erster Linie ihren Urinstinkten, einer Suche nach Wahrhaftigkeit, die Kompromisse nicht zulässt.

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Klavierduo mit Sergio Tiempo anlässlich des 30-jährigen Jubiläums des KFR.

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Die „Times“ unterstellte ihrem Klavierspiel einmal ein „himmlisches Feuer“, Joachim Kaiser sinnierte, dass es ihr nicht „nur um richtige Töne“ gehe – „es geht ums Leben“. Die FAZ sah in ihr ein „Rennpferd“, der französische „Figaro“ mehr einen „Panther“, der „Spiegel“ wiederum erkannte in ihr die „Königin der Löwen“. Hinter aller stählernen Kraft, die Argerich ihren Steinways zu entlocken verstand, steckte gleichbleibend ein Seelen-Sensibelchen, so unberechenbar wie der „Scarbo“ von Ravel, den sie so unnachahmlich tanzen ließ. Anfangs schien sie ein breites Repertoire schultern zu wollen. Natürlich überstrahlten die Virtuosen-Nummern, die Konzerte von Liszt und Tschaikowsky, alles Kleine, Feine wie die Sammlung der 24 Préludes von Chopin. Wählerisch war Argerich immer: Schubert? Nur zu vier Händen! Brahms? Zwei Rhapso dien, sonst aber lieber Kammermusik, und keines der Konzerte. Beethoven-Sonaten? Solistisch nur als Ausnahmefall – dagegen mit Gidon Kremer geigend als Partner alle zehn. Die Konzerte? Nur bis zum dritten. Überhaupt hat sich Argerichs Solo-Repertoire immer mehr ausgedünnt. Solo-Auftritte gibt es nicht mehr. Am liebsten sieht sie sich als Teil einer Gemeinschaft , etwa bei ihrem erfolgreichen „Progetto“, das sie 14 Jahre in Lugano glanzvoll geleitet hat und wo sie teils wenig bekannten Künstlerinnen und Künstlern an ihrer Seite Aufstiegschancen ermöglicht hat: „Talentierte junge Künstler bekannt zu machen und zu unterstützen, ist ein wesentlicher und unverzichtbarer Teil meiner Arbeit“, so lautet einer ihrer allgemeingültigen Sätze. Programmatisches Neuland betritt sie nur noch an der Seite anderer – bis hin zu ihren jüngsten Einspielungen mit Beethovens „Pastorale“, bearbeitet von Selmar Bagge, im Duo mit Th eodosia Ntokou.

Argerich hat sich immer wieder auch locken lassen, etwa von Claudio Abbado – ein künstlerisches Pas de deux, wie es gegensätzlicher kaum sein könnte: hier die explosive Latina, dort der vorsichtig- abwartende Klangtüftler. Doch so unterschiedlich sie auch sein mochten, in der Musik – bei Prokofjew wie bei Mozart, bei Beethoven wie bei Ravel – wirken sie wie Vertraute, wie engste Weggefährten, die nichts voneinander trennen kann.

Argerich präsentiert sich oft als eine Pianistin, deren Kraft nie allein aus den Fingern, sondern aus den Armen, aus dem ganzen Körper erwächst. Den rauschenden Triolen am Beginn von Schumanns „Kreisleriana“ setzt sie die Oktaven im Bass entschlossen gegenüber. Doch entstehen ihre großen Bögen hier aus der Summe mehrerer kleiner Anläufe. Insofern darf man Argerichs Kunst nie allein auf das virtuos Vorwärtsstürmende reduzieren. In Liszts h-Moll-Sonate versucht sie dem Fantasie-Charakter des Werkes zu entsprechen, indem sie sich auffallende rhythmische Freiheiten gewährt, eingebettet in eine Tour de force, die Kopf, Herz und Finger gleichermaßen herausfordert. Zu ihren Freiheiten gehört, dass sie die von Liszt vorgeschriebene Pause vor Beginn des „Andante sostenuto“ nicht als Moment der Stille deutet, sondern als eine Phase des Hinübergleitens. Das ist eigenwillig und vielleicht nicht einmal mit dem Etikett „romantisch“ zu erklären. Doch Verneblung war nie eine ernste Versuchung für sie. Ob Schumann oder Chopin – nirgends wird man ein Zuviel an Pedal bei ihr finden. Sie kommt immer auf den Punkt. Ihre Pointen, ob herrisch oder heiter, ob humorvoll oder tragisch, sie sitzen. In der Musik geht sie so sehr auf, dass die Pianistin dahinter zu verschwinden droht.

Martha Argerich ist Phantom und Phänomen zugleich. Vielleicht wird man sie nie verstehen, vielleicht muss man wirklich nur ihre Musik sprechen lassen. Kein Wunder, dass diese Sphinx einmal programmatisch verlautbaren ließ: „Es gibt viele offene Fragen, ich beantworte sie nie.“