Interview & Porträt

Zweifel sind ein gutes Zeichen

Von
Raoul Mörchen
Erschienen in der Printausgabe im
Juli 2021
Lesezeit ca.
…
Minuten
Fto: Igor Studio
Fto: Igor Studio

Vor zwei Jahren haben wir uns einmal persönlich getroffen. Es war im Garten von Manuel de Falla am Fuße der mächtigen Alhambra. Das winzige Wohnhaus des Komponisten stand in geradezu komischem Kontrast zur Monumentalität des arabischen Festungsbaus. Bei der gemeinsamen Besichtigung mit einer Gruppe von Journalisten musste sich Pablo Heras-Casado mehr als einmal dicht an die Wand drücken, damit wir anderen in den engen Räumen überhaupt vorbei konnten.

Unter Orangenbäumen hatte er zuvor ein neues Album präsentiert, zwei zentrale Werke seines Landsmanns de Falla darauf, eines davon, die fiebrige, flamencohafte Ballettmusik „El amor brujo“, wollte er spätabends Open Air dirigieren, beim Granada Festival, dessen Chef er damals noch war. Strawinskys „Pucinella“ stand auch auf dem Programm und ein neues Violinkonzert von Peter Eötvös, eigens geschrieben für den Ort seiner Uraufführung und nach ihm benannt.

Strawinsky und das „Alhambra Concerto“ mit der wunderbaren Isabelle Faust gingen nach mehreren Anläufen dann gerade noch über die Bühne, bei De Falla aber mussten Heras Casado und das Mahler Chamber Orchestra endgültig das Weite suchen: Ausgerechnet hier unten, in Andalusien, wo Wasser ein so kostbares, seltenes Gut ist, stürzte es jetzt wie aus Kübeln herab.

Heras-Casado lacht bei der Erinnerung an jene Nacht: „So etwas ist mir in meinem ganzen Leben noch nicht passiert!“ Jetzt sitzt er im Trockenen, bereitet sich seit Tagen schon in der Wiener Staatsoper auf eine tatsächliche historische Premiere vor. Noch nie in der 150-jährigen Geschichte des Hauses ist hier jemals eine Oper von Claudio Monteverdi gespielt worden. Die schiere Größe von Bühne und Auditorium sei der Grund dafür gewesen, heißt es, doch diesen Grund lässt Heras-Casado nicht gelten. „Ich habe Monteverdis ‚Orfeo‘ in Amsterdam und im Festspielhaus von Baden-Baden gemacht, die Bühnen sind nicht viel kleiner.“

Auch „Orfeo“ soll nach Wien kommen, genauso wie „Il ritorno d’Ulisse in patria“, den Anfang macht aber jetzt erst einmal das Spätwerk „Poppea“. „Als wir vor fünf Jahren begonnen haben, den Zyklus zu planen, war uns klar, dass wir zum einen Stimmen brauchen, die weit strahlen. Was das Orchester angeht, so wissen wir zum anderen, dass schon damals die Ensembles üppig besetzt gewesen sind. Die Theater, in denen die Stücke in Venedig aufgeführt wurden, boten Platz für 800 oder 900 Zuschauer, und wir können davon ausgehen, dass die – mitten in der turbulenten Karnevalssaison – eine Menge Krach gemacht haben. Die Musiker haben sich darauf eingestellt. Und das tun wir auch. Wir werden in Wien mit Instrumenten nicht knausern.“

Apropos Instrumente – da ist die andere Premiere, auch sie ist denkwürdig. Zum ersten Mal hat die Staatsoper den Concentus Musicus Wien eingeladen, Platz zu nehmen im Operngraben. Schade, dass Concentus-Gründer Nikolaus Harnoncourt das nicht mehr erleben durfte. Doch ein Glück, dass jetzt zumindest ein wirklich würdiger Nachfolger seine alte Mannschaft führt. Harnoncourt ist einer der ganz Großen für den Spanier Heras-Casado, und das beinahe seit Kindestagen. Die Fußstapfen Harnoncourts sind riesig, das weiß er, doch Respekt ist für Heras-Casado nie ein Grund gewesen, sich zurückzuziehen und aus Angst zu blockieren. „Immer wieder habe ich diese Situation erlebt, vor Orchestern zu stehen, die von legendären Dirigenten wie Karajan, Celibidache oder Stokowski geformt worden sind. Ich empfinde das als große Ehre, versuche es dann aber auch schnell wieder zu vergessen. Ich will ja etwas Eigenes machen.“

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Pablo Heras-Casado ist ein Alleskönner mit riesigem Repertoire.

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Das Verhältnis zum Concentus ist dennoch ein besonderes: Harnoncourt hatte vor seinem Tod Heras-Casado noch persönlich engagiert, das Ensemble zu dirigieren, auch damals stand schon Monteverdi auf dem Programm. Und der strenge Harnoncourt war sichtlich angetan von der Kunst seines jungen Kollegen. Als er später aus gesundheitlichen Gründen ein Dirigat der Wiener Philharmoniker absagen musste, wählte er wieder Heras-Casado, um an seine Stelle zu treten. Das zählt umso mehr, als Harnoncourt Grund gehabt hätte, die Karriere von Heras-Casado mit Skepsis, vielleicht auch mit Neid zu verfolgen. Schritt für Schritt hatte er sich selbst mühsam durch die Epochen der Musikgeschichte vorangearbeitet, von Monteverdi zu Bach zu Mozart und Schubert, zu Brahms und Bruckner, um nach vielen Jahrzehnten dann doch nur bis Bartok und Berg zu kommen.

Pablo Heras-Casado hat gleich alles gemacht und alles gekonnt. Man kann es nicht anders sagen. Ob Monteverdi oder Eötvös, Mozart oder Boulez, Praetorius oder Debussy, Mendelssohn oder Strawinsky – es gibt keinen anderen Dirigenten derzeit und hat vielleicht auch keinen anderen bisher gegeben mit so einem riesigen Repertoire. Vor allem keinen, der dieses Repertoire nicht einfach als genialer Allrounder verwaltet, sondern als Spezialist. Egal, wo man hinschaut und hinhört, man erwischt Heras-Casado nie auf dem falschen Fuß. Strawinskys „Sacre du Printemps“ hat eine fantastische Wucht, ist athletisch und reaktionsschnell, die Musik springt einen an wie ein wildes Tier, in De Fallas „El amor brujo“ kocht die rohe Hitze Andalusiens, Mendelssohns „Hebriden-Ouvertüre“ ist ein Naturereignis, die Linien sind klar gezeichnet, die Klänge wie Farben auf einem Aquarell – es schimmert stets der Himmel als Hintergrund hindurch. Und das Finale von Beethovens Neunter? Wirkt so extravagant und pathetisch, dass wir plötzlich nicht mehr sicher sind, ob wir diesen Satz jemals gemocht haben. „Das ist doch ein gutes Zeichen, wenn Sie meine Aufnahme hören und plötzlich anfangen zu zweifeln“, freut sich Heras-Casado.

Der liebt es überhaupt, zu zweifeln, weil es ihn anspornt, nachzufassen, noch tiefer in den Archiven zu graben, bessere Quellen zu suchen, noch einmal andere Experten zu konsultieren, noch einmal den Notentext zu revidieren. Diese Akribie hat nicht nur Harnoncourt imponiert, sondern auch dem Dirigenten und Komponisten Pierre Boulez. Auch der hat ihn am Ende seines Lebens einmal gebeten, für ihn einzuspringen. In Luzern hat Heras-Casado dann – neben den Konzerten, für die er selbst verpflichtet war – auch noch die beiden Programme des Franzosen einstudiert, darunter zwei kaum bekannte Stücke aus dessen eigener Feder: die Kantate „Le Soleil des eaux“ und das Chorwerk „Cummings ist der Dichter“. „Manches ist mir nicht klar gewesen, und ich wollte es natürlich genauso machen, wie er es sich gedacht hatte. Zumal er ja dabei saß bei den Proben. Da gab es so viele parallel laufende Sachen, hier Instrumente, dort Gesang, sehr kompliziert. Boulez hat mir gesagt: Dirigier᾿ es einfach so wie andere Musik auch, als sei es ein Stück Tradition.“

Und das war dann wieder ganz einfach für ihn. Denn im Grunde, sagt Pablo Heras-Casado, sei er überzeugt: Alle Musik hat ihren Ursprung in der Stimme und unserem Körper. „Manchmal lenkt uns die Komplexität der Partituren für einen Moment davon ab. Doch wenn wir die technischen Schwierigkeiten überwunden haben, erklärt sich das meiste andere ganz von allein.“

Vor zwei Jahren haben wir uns einmal persönlich getroffen. Es war im Garten von Manuel de Falla am Fuße der mächtigen Alhambra. Das winzige Wohnhaus des Komponisten stand in geradezu komischem Kontrast zur Monumentalität des arabischen Festungsbaus. Bei der gemeinsamen Besichtigung mit einer Gruppe von Journalisten musste sich Pablo Heras-Casado mehr als einmal dicht an die Wand drücken, damit wir anderen in den engen Räumen überhaupt vorbei konnten.

Unter Orangenbäumen hatte er zuvor ein neues Album präsentiert, zwei zentrale Werke seines Landsmanns de Falla darauf, eines davon, die fiebrige, flamencohafte Ballettmusik „El amor brujo“, wollte er spätabends Open Air dirigieren, beim Granada Festival, dessen Chef er damals noch war. Strawinskys „Pucinella“ stand auch auf dem Programm und ein neues Violinkonzert von Peter Eötvös, eigens geschrieben für den Ort seiner Uraufführung und nach ihm benannt.

Strawinsky und das „Alhambra Concerto“ mit der wunderbaren Isabelle Faust gingen nach mehreren Anläufen dann gerade noch über die Bühne, bei De Falla aber mussten Heras Casado und das Mahler Chamber Orchestra endgültig das Weite suchen: Ausgerechnet hier unten, in Andalusien, wo Wasser ein so kostbares, seltenes Gut ist, stürzte es jetzt wie aus Kübeln herab.

Heras-Casado lacht bei der Erinnerung an jene Nacht: „So etwas ist mir in meinem ganzen Leben noch nicht passiert!“ Jetzt sitzt er im Trockenen, bereitet sich seit Tagen schon in der Wiener Staatsoper auf eine tatsächliche historische Premiere vor. Noch nie in der 150-jährigen Geschichte des Hauses ist hier jemals eine Oper von Claudio Monteverdi gespielt worden. Die schiere Größe von Bühne und Auditorium sei der Grund dafür gewesen, heißt es, doch diesen Grund lässt Heras-Casado nicht gelten. „Ich habe Monteverdis ‚Orfeo‘ in Amsterdam und im Festspielhaus von Baden-Baden gemacht, die Bühnen sind nicht viel kleiner.“

Auch „Orfeo“ soll nach Wien kommen, genauso wie „Il ritorno d’Ulisse in patria“, den Anfang macht aber jetzt erst einmal das Spätwerk „Poppea“. „Als wir vor fünf Jahren begonnen haben, den Zyklus zu planen, war uns klar, dass wir zum einen Stimmen brauchen, die weit strahlen. Was das Orchester angeht, so wissen wir zum anderen, dass schon damals die Ensembles üppig besetzt gewesen sind. Die Theater, in denen die Stücke in Venedig aufgeführt wurden, boten Platz für 800 oder 900 Zuschauer, und wir können davon ausgehen, dass die – mitten in der turbulenten Karnevalssaison – eine Menge Krach gemacht haben. Die Musiker haben sich darauf eingestellt. Und das tun wir auch. Wir werden in Wien mit Instrumenten nicht knausern.“

Apropos Instrumente – da ist die andere Premiere, auch sie ist denkwürdig. Zum ersten Mal hat die Staatsoper den Concentus Musicus Wien eingeladen, Platz zu nehmen im Operngraben. Schade, dass Concentus-Gründer Nikolaus Harnoncourt das nicht mehr erleben durfte. Doch ein Glück, dass jetzt zumindest ein wirklich würdiger Nachfolger seine alte Mannschaft führt. Harnoncourt ist einer der ganz Großen für den Spanier Heras-Casado, und das beinahe seit Kindestagen. Die Fußstapfen Harnoncourts sind riesig, das weiß er, doch Respekt ist für Heras-Casado nie ein Grund gewesen, sich zurückzuziehen und aus Angst zu blockieren. „Immer wieder habe ich diese Situation erlebt, vor Orchestern zu stehen, die von legendären Dirigenten wie Karajan, Celibidache oder Stokowski geformt worden sind. Ich empfinde das als große Ehre, versuche es dann aber auch schnell wieder zu vergessen. Ich will ja etwas Eigenes machen.“

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Pablo Heras-Casado ist ein Alleskönner mit riesigem Repertoire.

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Das Verhältnis zum Concentus ist dennoch ein besonderes: Harnoncourt hatte vor seinem Tod Heras-Casado noch persönlich engagiert, das Ensemble zu dirigieren, auch damals stand schon Monteverdi auf dem Programm. Und der strenge Harnoncourt war sichtlich angetan von der Kunst seines jungen Kollegen. Als er später aus gesundheitlichen Gründen ein Dirigat der Wiener Philharmoniker absagen musste, wählte er wieder Heras-Casado, um an seine Stelle zu treten. Das zählt umso mehr, als Harnoncourt Grund gehabt hätte, die Karriere von Heras-Casado mit Skepsis, vielleicht auch mit Neid zu verfolgen. Schritt für Schritt hatte er sich selbst mühsam durch die Epochen der Musikgeschichte vorangearbeitet, von Monteverdi zu Bach zu Mozart und Schubert, zu Brahms und Bruckner, um nach vielen Jahrzehnten dann doch nur bis Bartok und Berg zu kommen.

Pablo Heras-Casado hat gleich alles gemacht und alles gekonnt. Man kann es nicht anders sagen. Ob Monteverdi oder Eötvös, Mozart oder Boulez, Praetorius oder Debussy, Mendelssohn oder Strawinsky – es gibt keinen anderen Dirigenten derzeit und hat vielleicht auch keinen anderen bisher gegeben mit so einem riesigen Repertoire. Vor allem keinen, der dieses Repertoire nicht einfach als genialer Allrounder verwaltet, sondern als Spezialist. Egal, wo man hinschaut und hinhört, man erwischt Heras-Casado nie auf dem falschen Fuß. Strawinskys „Sacre du Printemps“ hat eine fantastische Wucht, ist athletisch und reaktionsschnell, die Musik springt einen an wie ein wildes Tier, in De Fallas „El amor brujo“ kocht die rohe Hitze Andalusiens, Mendelssohns „Hebriden-Ouvertüre“ ist ein Naturereignis, die Linien sind klar gezeichnet, die Klänge wie Farben auf einem Aquarell – es schimmert stets der Himmel als Hintergrund hindurch. Und das Finale von Beethovens Neunter? Wirkt so extravagant und pathetisch, dass wir plötzlich nicht mehr sicher sind, ob wir diesen Satz jemals gemocht haben. „Das ist doch ein gutes Zeichen, wenn Sie meine Aufnahme hören und plötzlich anfangen zu zweifeln“, freut sich Heras-Casado.

Der liebt es überhaupt, zu zweifeln, weil es ihn anspornt, nachzufassen, noch tiefer in den Archiven zu graben, bessere Quellen zu suchen, noch einmal andere Experten zu konsultieren, noch einmal den Notentext zu revidieren. Diese Akribie hat nicht nur Harnoncourt imponiert, sondern auch dem Dirigenten und Komponisten Pierre Boulez. Auch der hat ihn am Ende seines Lebens einmal gebeten, für ihn einzuspringen. In Luzern hat Heras-Casado dann – neben den Konzerten, für die er selbst verpflichtet war – auch noch die beiden Programme des Franzosen einstudiert, darunter zwei kaum bekannte Stücke aus dessen eigener Feder: die Kantate „Le Soleil des eaux“ und das Chorwerk „Cummings ist der Dichter“. „Manches ist mir nicht klar gewesen, und ich wollte es natürlich genauso machen, wie er es sich gedacht hatte. Zumal er ja dabei saß bei den Proben. Da gab es so viele parallel laufende Sachen, hier Instrumente, dort Gesang, sehr kompliziert. Boulez hat mir gesagt: Dirigier᾿ es einfach so wie andere Musik auch, als sei es ein Stück Tradition.“

Und das war dann wieder ganz einfach für ihn. Denn im Grunde, sagt Pablo Heras-Casado, sei er überzeugt: Alle Musik hat ihren Ursprung in der Stimme und unserem Körper. „Manchmal lenkt uns die Komplexität der Partituren für einen Moment davon ab. Doch wenn wir die technischen Schwierigkeiten überwunden haben, erklärt sich das meiste andere ganz von allein.“