Interview & Porträt

„Dieses Instrument ist meine Stimme“

Von
Martin Demmler
Erschienen in der Printausgabe im
Juli 2021
Lesezeit ca.
…
Minuten
Foto: Ute Freund
Foto: Ute Freund

Ausladende, fein abgestufte melodische Bögen, zarteste Wendungen im delikaten Pianissimo – niemand bringt das Fagott so eindrucksvoll zum Singen wie die junge Französin Sophie Dervaux. Erst 29 Jahre alt, hat sie bereits eine atemberaubende Karriere hinter sich. 2013 wurde sie Solo-Fagottistin bei den Berliner Philharmonikern, seit sechs Jahren ist sie in gleicher Position bei der Konkurrenz aus Wien unter Vertrag.

Doch wie kommt ein junges Mädchen – Dervaux begann im Alter von zwölf Jahren mit dem Fagottspiel – zu einem Instrument, das als eher schwerfällig und unhandlich gilt? „Ich habe zunächst Klarinette gelernt“, erzählt die Musikerin. „Damals hatte ich noch keine Ahnung, was ein Fagott überhaupt ist. Doch als ich das erste Mal eines in der Hand hatte, war mir schnell klar, dass ich dieses Instrument spielen wollte. Ich habe sofort einen ganz speziellen Zugang zum Fagott gefunden, habe immer gern geübt.“

1991 in Paris geboren, studierte Sophie Dervaux zunächst am Konservatorium in Lyon und später an der Hochschule für Musik „Hanns Eisler“ in Berlin. Auszeichnungen bei zahlreichen renommierten internationalen Wettbewerben folgten. Die Aufnahme in die Karajan-Akademie der Berliner Philharmoniker wurde dann zum Sprungbrett für ihre weitere Karriere. Heute tritt sie neben ihren Verpflichtungen als Solo-Fagottistin der Wiener Philharmoniker und des Staatsopernorchesters weltweit als Solistin auf. Dabei musste sie feststellen, dass ihr Instrument auch heute noch häufi g unterschätzt wird: „Manchmal ist es schwer, als Fagottistin ernst genommen zu werden. Es gibt noch viele Vorurteile, und es war auch als Frau in diesem Geschäft nicht immer leicht. Aber da tut sich etwas, und ich glaube, dass wir auf einem guten Weg sind.“ Um diese Vorurteile abzubauen, unterrichtet Sophie Dervaux heute selbst an einer Wiener Hochschule und gibt Meisterkurse in aller Welt. „Wir Fagottisten müssen unser Instrument einfach mehr präsentieren, auf höchstem Niveau. Das sehe ich auch als meine Aufgabe an.“

Wenn Sophie Dervaux von ihrem Instrument spricht, gerät sie schnell ins Schwärmen: „Ich liebe die Wärme des Klangs und die Flexibilität des Fagotts. Wie dieses Instrument singen kann, das ist einfach einmalig. Es hat eine unglaubliche Vielfalt an Artikulationsmöglichkeiten und Klangfarben. Dieses Instrument ist meine Stimme. Ich kann nicht schön singen, aber mit dem Instrument geht es. Singen ist wirklich das Wort: Das versuche ich mit meinem Spiel. Das Fagott ist sehr nah an der menschlichen Stimme. Das hat etwas ganz Wunderbares.“

Ihr kürzlich erschienenes Debüt-Album „Impressions“ ist Werken französischer Komponisten gewidmet. Das ist kein Zufall, denn Ausgangspunkt der Auswahl war die Fagott-Sonate von Camille Saint-Saëns, die der Musikerin besonders am Herzen liegt. „Es ist wirklich eines der meisterhaften Stücke in unserem Fagott-Repertoire. Dieser Sonate wollte ich dann Werke mit einer ähnlichen klanglichen Vorstellung zur Seite stellen und habe dabei sofort an die französischen Impressionisten gedacht. Ich glaube, es ist kein Zufall, dass Komponisten wie Ravel so viel für Fagott geschrieben haben. In vielen seiner groß besetzten Werke ist die Rolle dieses Instruments eine tragende. Auch Debussy und Poulenc hatten geplant, Stücke für Fagott zu schreiben. Leider sind sie gestorben, bevor sie diese Projekte realisieren konnten.“

Welch großes Ausdrucksspektrum sich auf dem Fagott darstellen lässt, zeigt Sophie Dervaux auf diesem Album exemplarisch. Die zartesten Seiten ihres Instruments werden etwa in dem innigen Nocturne aus Charles Koechlins Sonate op. 71 oder Gabriel Faurés berühmten „Après un rêve“ hörbar, von dem die Künstlerin sagt: „Das muss man mit sehr viel Zärtlichkeit im Ton spielen, um diese ganz spezielle Stimmung beim Aufwachen hinzukriegen.“ Dass sie aber auch ganz anders kann, offenbart sich etwa in Roger Boutrys „Interférences“ mit seinen wilden, motorischen Jazzanklängen.

Dieses erste Album war für Sophie Dervaux auch eine Herausforderung: „Jetzt habe ich mich endlich getraut, meine Musik festzuhalten. Zunächst hat mich die Vorstellung geschreckt, etwas für die Ewigkeit zu machen. Das ist doch etwas anderes als ein Live-Konzert. Aber inzwischen bin ich da lockerer und bin froh, dass ich losgelassen habe und jetzt nicht mehr hinter diesen Punkt zurückgehen kann.“

Die Corona-Krise hat auch ihr Leben komplett durcheinandergewirbelt: „Mein Alltag hat sich total verändert. Normalerweise gebe ich etwa 150 Konzerte im Jahr. Ein freier Tag ist immer eher die Ausnahme gewesen. Natürlich vermisse ich die Konzerte sehr und das Publikum, die Reisen und die vielen Begegnungen mit Menschen. Es ist schwierig für mich, damit umzugehen. Aber ich versuche trotzdem, meinen Weg weiter zu verfolgen und auch die positiven Aspekte der Krise zu sehen. Ich hatte noch nie so viel Zeit für mich selbst.“

Ausladende, fein abgestufte melodische Bögen, zarteste Wendungen im delikaten Pianissimo – niemand bringt das Fagott so eindrucksvoll zum Singen wie die junge Französin Sophie Dervaux. Erst 29 Jahre alt, hat sie bereits eine atemberaubende Karriere hinter sich. 2013 wurde sie Solo-Fagottistin bei den Berliner Philharmonikern, seit sechs Jahren ist sie in gleicher Position bei der Konkurrenz aus Wien unter Vertrag.

Doch wie kommt ein junges Mädchen – Dervaux begann im Alter von zwölf Jahren mit dem Fagottspiel – zu einem Instrument, das als eher schwerfällig und unhandlich gilt? „Ich habe zunächst Klarinette gelernt“, erzählt die Musikerin. „Damals hatte ich noch keine Ahnung, was ein Fagott überhaupt ist. Doch als ich das erste Mal eines in der Hand hatte, war mir schnell klar, dass ich dieses Instrument spielen wollte. Ich habe sofort einen ganz speziellen Zugang zum Fagott gefunden, habe immer gern geübt.“

1991 in Paris geboren, studierte Sophie Dervaux zunächst am Konservatorium in Lyon und später an der Hochschule für Musik „Hanns Eisler“ in Berlin. Auszeichnungen bei zahlreichen renommierten internationalen Wettbewerben folgten. Die Aufnahme in die Karajan-Akademie der Berliner Philharmoniker wurde dann zum Sprungbrett für ihre weitere Karriere. Heute tritt sie neben ihren Verpflichtungen als Solo-Fagottistin der Wiener Philharmoniker und des Staatsopernorchesters weltweit als Solistin auf. Dabei musste sie feststellen, dass ihr Instrument auch heute noch häufi g unterschätzt wird: „Manchmal ist es schwer, als Fagottistin ernst genommen zu werden. Es gibt noch viele Vorurteile, und es war auch als Frau in diesem Geschäft nicht immer leicht. Aber da tut sich etwas, und ich glaube, dass wir auf einem guten Weg sind.“ Um diese Vorurteile abzubauen, unterrichtet Sophie Dervaux heute selbst an einer Wiener Hochschule und gibt Meisterkurse in aller Welt. „Wir Fagottisten müssen unser Instrument einfach mehr präsentieren, auf höchstem Niveau. Das sehe ich auch als meine Aufgabe an.“

Wenn Sophie Dervaux von ihrem Instrument spricht, gerät sie schnell ins Schwärmen: „Ich liebe die Wärme des Klangs und die Flexibilität des Fagotts. Wie dieses Instrument singen kann, das ist einfach einmalig. Es hat eine unglaubliche Vielfalt an Artikulationsmöglichkeiten und Klangfarben. Dieses Instrument ist meine Stimme. Ich kann nicht schön singen, aber mit dem Instrument geht es. Singen ist wirklich das Wort: Das versuche ich mit meinem Spiel. Das Fagott ist sehr nah an der menschlichen Stimme. Das hat etwas ganz Wunderbares.“

Ihr kürzlich erschienenes Debüt-Album „Impressions“ ist Werken französischer Komponisten gewidmet. Das ist kein Zufall, denn Ausgangspunkt der Auswahl war die Fagott-Sonate von Camille Saint-Saëns, die der Musikerin besonders am Herzen liegt. „Es ist wirklich eines der meisterhaften Stücke in unserem Fagott-Repertoire. Dieser Sonate wollte ich dann Werke mit einer ähnlichen klanglichen Vorstellung zur Seite stellen und habe dabei sofort an die französischen Impressionisten gedacht. Ich glaube, es ist kein Zufall, dass Komponisten wie Ravel so viel für Fagott geschrieben haben. In vielen seiner groß besetzten Werke ist die Rolle dieses Instruments eine tragende. Auch Debussy und Poulenc hatten geplant, Stücke für Fagott zu schreiben. Leider sind sie gestorben, bevor sie diese Projekte realisieren konnten.“

Welch großes Ausdrucksspektrum sich auf dem Fagott darstellen lässt, zeigt Sophie Dervaux auf diesem Album exemplarisch. Die zartesten Seiten ihres Instruments werden etwa in dem innigen Nocturne aus Charles Koechlins Sonate op. 71 oder Gabriel Faurés berühmten „Après un rêve“ hörbar, von dem die Künstlerin sagt: „Das muss man mit sehr viel Zärtlichkeit im Ton spielen, um diese ganz spezielle Stimmung beim Aufwachen hinzukriegen.“ Dass sie aber auch ganz anders kann, offenbart sich etwa in Roger Boutrys „Interférences“ mit seinen wilden, motorischen Jazzanklängen.

Dieses erste Album war für Sophie Dervaux auch eine Herausforderung: „Jetzt habe ich mich endlich getraut, meine Musik festzuhalten. Zunächst hat mich die Vorstellung geschreckt, etwas für die Ewigkeit zu machen. Das ist doch etwas anderes als ein Live-Konzert. Aber inzwischen bin ich da lockerer und bin froh, dass ich losgelassen habe und jetzt nicht mehr hinter diesen Punkt zurückgehen kann.“

Die Corona-Krise hat auch ihr Leben komplett durcheinandergewirbelt: „Mein Alltag hat sich total verändert. Normalerweise gebe ich etwa 150 Konzerte im Jahr. Ein freier Tag ist immer eher die Ausnahme gewesen. Natürlich vermisse ich die Konzerte sehr und das Publikum, die Reisen und die vielen Begegnungen mit Menschen. Es ist schwierig für mich, damit umzugehen. Aber ich versuche trotzdem, meinen Weg weiter zu verfolgen und auch die positiven Aspekte der Krise zu sehen. Ich hatte noch nie so viel Zeit für mich selbst.“