Interview & Porträt

„Nichts ist schlimmer als Stillstand“

Von
Norbert Hornig
Erschienen in der Printausgabe im
August 2021
Lesezeit ca.
…
Minuten
Foto: Marco Borggreve
Foto: Marco Borggreve

Konzertmeisterin, Kammermusikerin, Solistin und Pädagogin – es geht aufregend bunt zu im Leben von Sarah Christian. Nur mit den Standardwerken der Violinliteratur im Gepäck als Solistin um die Welt zu reisen, wie es vielen hochbegabten Geigerinnen und Geigern vorschwebt, war nie ihre Sache. Ja, kurz hatte sie überlegt, vielleicht diesen Weg zu gehen, nach dem ermutigenden Erfolg beim prestigeträchtigen ARD-Musikwettbewerb 2017 in München. Der zweite Preis (ein erster wurde nicht vergeben) ermutigte für eine Solokarriere. Doch Sarah Christian ging einen anderen, ihren ganz persönlichen Weg.

Seit 2013 spielt sie bereits als Konzertmeisterin in der Deutschen Kammerphilharmonie Bremen, einem Spitzenensemble in der deutschen Orchesterlandschaft , das sich selbst verwaltet. „Was ich an diesem Orchester besonders finde, ist, dass jeder sich zum gleichen Teil darum bemüht. Allen ist alles wichtig, und es gibt niemanden, der sich heraushält. Dadurch entsteht ein Verantwortungsgefühl, sowohl bei den Proben als auch bei allem drumherum. Das schafft eine sehr starke Gemeinschaft . Und diese Energie wird dann in den Konzerten frei. Es ist manchmal wirklich bombastisch, wie man sich fühlt nach so einem Auftritt mit den Kollegen. Das schätze ich einfach enorm. Ich wurde auch vom Orchester immer sehr unterstützt, zum Beispiel bei dem CD-Projekt mit Tschaikowski. All das wollte ich nicht aufgeben“.

Schon früh, mitten im Studium, begann Sarah Christian als Konzertmeisterin bei der Kammerphilharmonie. Auch als dann nach dem ARD-Wettbewerb andere Verpflichtungen hinzukamen, blieb das Orchester Dreh- und Angelpunkt. Sarah Christian sucht ihre eigene Balance, in die verschleißenden „Mühlen“ des Musikbetriebes würde sie sich nie begeben. In ihrer Heimatstadt Augsburg ist sie künstlerische Leiterin einer Kammermusikreihe, mit dem von ihr gegründeten „Franz Ensemble“ widmet sie sich mit Kollegen aus der Kammerphilharmonie selten gespielter Kammermusik in diversen Besetzungen mit Streichern, Bläsern und Klavier. Das erste Album des Ensembles mit Werken von Franz Ries bei MDG fand große Anerkennung.

Seit 2019 ist Sarah Christian zudem Violinprofessorin an der Staatlichen Hochschule für Musik und Darstellende Kunst in Stuttgart. „Ich definiere mich genau über diese Vielfalt, weil mir jeder Bereich wirklich sehr wichtig ist. Und ich immer mehr merke, dass ich auf nichts davon verzichten möchte“, erklärt die Geigerin. „Natürlich frage ich mich, wo ich in zehn oder 20 Jahren stehen möchte. Abschreckend finde ich jedenfalls das Wort ‚Routine‘. Das ist eben das Schöne an dieser Mischung: Es wird nie langweilig, und die Bereiche befruchten sich gegenseitig. Ich merke das immer, wenn ich etwa nach einem inspirierenden Projekt mit der Kammerphilharmonie in Bremen oder nach einer intensiven solistischen Zeit wieder unterrichte. Dann hat der Unterricht eine etwas andere Perspektive oder einen anderen Schwerpunkt. Nichts ist schlimmer als Stillstand und zu festgefahrene Abläufe. Aber das kann mir wirklich nicht passieren im Moment“.

2017 machte Sarah Christian auf dem Label Genuin mit ihrer ersten Recital-CD „Gegenwelten“ auf sich aufmerksam. In Prokofjews Violinsonate Nr. 1 und Schuberts C-Dur-Fantasie profiliert sie sich als fantasievolle und feinsinnige Geigerin. Genauso wie in ihrem Debüt bei Berlin Classics mit Musik von Tschaikowski. Dessen Violinkonzert noch einmal einzuspielen ist mutig, die Konkurrenz ist hier übermächtig.

Aber auch da ist Sarah Christian selbstbewusst. Mit der klein besetzten, enorm flexiblen Kammerphilharmonie entstand eine Aufnahme abseits des Mainstream. „Ich liebe dieses Konzert sehr. Man ist so gewöhnt an diese alten Aufnahmen, die natürlich toll sind und absolut ihre Berechtigung haben. Als ich dann die neue Henle-Urtextausgabe gesehen habe, musste ich erst einmal versuchen, meinen Kopf irgendwie zu neutralisieren von dem Tschaikowski, den ich im Ohr hatte. Vieles, was da steht, hat mit Aufnahmen, die man kennt, nicht so viel zu tun hat. Es geht um Kleinigkeiten, es geht um Dynamik zum Beispiel, um Tempofragen und Timing. Und ich finde es wichtig, Tschaikowski nicht nur als diese virtuose Musik zu begreifen, die es natürlich auch ist. Aber dann gibt es da diese unglaublich langen Linien. Und gerade das Violinkonzert ist sehr verbunden mit Ballett, Tanz und Leichtigkeit“.

Ungewöhnlich ist die Kopplung mit dem Streichsextett „Souvenir de Florence“, für Sarah Christian macht sie Sinn. „Ich wollte einfach auch meine Vielseitigkeit zeigen. Weil ich das bin. Und die beiden Stücke passen sehr gut zusammen. Es gibt nicht viele Aufnahmen, die Kammermusik und Solokonzerte tatsächlich verknüpfen“.

Die Aufnahmen entstanden im November und Oktober 2020, kurz vor dem zweiten Corona- Lockdown. Natürlich mit Abstand, jeder hatte sein eigenes Pult. „Das war eine große Herausforderung für alle“, erklärt Sarah Christian. „Man muss anders fühlen vom Timing her und sich wirklich auf eine komplett andere Situation einstellen. Aber das hat uns allen sehr viel gebracht, sich einfach wieder ganz intensiv mit Musik zu beschäftigen. Das hat mich über eine lange Zeit noch getragen“.

Konzertmeisterin, Kammermusikerin, Solistin und Pädagogin – es geht aufregend bunt zu im Leben von Sarah Christian. Nur mit den Standardwerken der Violinliteratur im Gepäck als Solistin um die Welt zu reisen, wie es vielen hochbegabten Geigerinnen und Geigern vorschwebt, war nie ihre Sache. Ja, kurz hatte sie überlegt, vielleicht diesen Weg zu gehen, nach dem ermutigenden Erfolg beim prestigeträchtigen ARD-Musikwettbewerb 2017 in München. Der zweite Preis (ein erster wurde nicht vergeben) ermutigte für eine Solokarriere. Doch Sarah Christian ging einen anderen, ihren ganz persönlichen Weg.

Seit 2013 spielt sie bereits als Konzertmeisterin in der Deutschen Kammerphilharmonie Bremen, einem Spitzenensemble in der deutschen Orchesterlandschaft , das sich selbst verwaltet. „Was ich an diesem Orchester besonders finde, ist, dass jeder sich zum gleichen Teil darum bemüht. Allen ist alles wichtig, und es gibt niemanden, der sich heraushält. Dadurch entsteht ein Verantwortungsgefühl, sowohl bei den Proben als auch bei allem drumherum. Das schafft eine sehr starke Gemeinschaft . Und diese Energie wird dann in den Konzerten frei. Es ist manchmal wirklich bombastisch, wie man sich fühlt nach so einem Auftritt mit den Kollegen. Das schätze ich einfach enorm. Ich wurde auch vom Orchester immer sehr unterstützt, zum Beispiel bei dem CD-Projekt mit Tschaikowski. All das wollte ich nicht aufgeben“.

Schon früh, mitten im Studium, begann Sarah Christian als Konzertmeisterin bei der Kammerphilharmonie. Auch als dann nach dem ARD-Wettbewerb andere Verpflichtungen hinzukamen, blieb das Orchester Dreh- und Angelpunkt. Sarah Christian sucht ihre eigene Balance, in die verschleißenden „Mühlen“ des Musikbetriebes würde sie sich nie begeben. In ihrer Heimatstadt Augsburg ist sie künstlerische Leiterin einer Kammermusikreihe, mit dem von ihr gegründeten „Franz Ensemble“ widmet sie sich mit Kollegen aus der Kammerphilharmonie selten gespielter Kammermusik in diversen Besetzungen mit Streichern, Bläsern und Klavier. Das erste Album des Ensembles mit Werken von Franz Ries bei MDG fand große Anerkennung.

Seit 2019 ist Sarah Christian zudem Violinprofessorin an der Staatlichen Hochschule für Musik und Darstellende Kunst in Stuttgart. „Ich definiere mich genau über diese Vielfalt, weil mir jeder Bereich wirklich sehr wichtig ist. Und ich immer mehr merke, dass ich auf nichts davon verzichten möchte“, erklärt die Geigerin. „Natürlich frage ich mich, wo ich in zehn oder 20 Jahren stehen möchte. Abschreckend finde ich jedenfalls das Wort ‚Routine‘. Das ist eben das Schöne an dieser Mischung: Es wird nie langweilig, und die Bereiche befruchten sich gegenseitig. Ich merke das immer, wenn ich etwa nach einem inspirierenden Projekt mit der Kammerphilharmonie in Bremen oder nach einer intensiven solistischen Zeit wieder unterrichte. Dann hat der Unterricht eine etwas andere Perspektive oder einen anderen Schwerpunkt. Nichts ist schlimmer als Stillstand und zu festgefahrene Abläufe. Aber das kann mir wirklich nicht passieren im Moment“.

2017 machte Sarah Christian auf dem Label Genuin mit ihrer ersten Recital-CD „Gegenwelten“ auf sich aufmerksam. In Prokofjews Violinsonate Nr. 1 und Schuberts C-Dur-Fantasie profiliert sie sich als fantasievolle und feinsinnige Geigerin. Genauso wie in ihrem Debüt bei Berlin Classics mit Musik von Tschaikowski. Dessen Violinkonzert noch einmal einzuspielen ist mutig, die Konkurrenz ist hier übermächtig.

Aber auch da ist Sarah Christian selbstbewusst. Mit der klein besetzten, enorm flexiblen Kammerphilharmonie entstand eine Aufnahme abseits des Mainstream. „Ich liebe dieses Konzert sehr. Man ist so gewöhnt an diese alten Aufnahmen, die natürlich toll sind und absolut ihre Berechtigung haben. Als ich dann die neue Henle-Urtextausgabe gesehen habe, musste ich erst einmal versuchen, meinen Kopf irgendwie zu neutralisieren von dem Tschaikowski, den ich im Ohr hatte. Vieles, was da steht, hat mit Aufnahmen, die man kennt, nicht so viel zu tun hat. Es geht um Kleinigkeiten, es geht um Dynamik zum Beispiel, um Tempofragen und Timing. Und ich finde es wichtig, Tschaikowski nicht nur als diese virtuose Musik zu begreifen, die es natürlich auch ist. Aber dann gibt es da diese unglaublich langen Linien. Und gerade das Violinkonzert ist sehr verbunden mit Ballett, Tanz und Leichtigkeit“.

Ungewöhnlich ist die Kopplung mit dem Streichsextett „Souvenir de Florence“, für Sarah Christian macht sie Sinn. „Ich wollte einfach auch meine Vielseitigkeit zeigen. Weil ich das bin. Und die beiden Stücke passen sehr gut zusammen. Es gibt nicht viele Aufnahmen, die Kammermusik und Solokonzerte tatsächlich verknüpfen“.

Die Aufnahmen entstanden im November und Oktober 2020, kurz vor dem zweiten Corona- Lockdown. Natürlich mit Abstand, jeder hatte sein eigenes Pult. „Das war eine große Herausforderung für alle“, erklärt Sarah Christian. „Man muss anders fühlen vom Timing her und sich wirklich auf eine komplett andere Situation einstellen. Aber das hat uns allen sehr viel gebracht, sich einfach wieder ganz intensiv mit Musik zu beschäftigen. Das hat mich über eine lange Zeit noch getragen“.