Interview & Porträt

Bild einer Reise

Von
Dagmar Leischow
Erschienen in der Printausgabe im
September 2021
Lesezeit ca.
…
Minuten
Foto: Yulia Mahr / Deutsche Grammophon
Foto: Yulia Mahr / Deutsche Grammophon

Herr Richter, wenn Sie zu „Exiles“, dem 33-minütigen Titelstück Ihres Albums, einen Film drehen würden, welche Handlung hätte er?

Der Film wäre wohl eine Art Roadmovie. Einfach, weil die Musik das Bild einer Reise durch alle möglichen Landschaft en heraufbeschwört. Sie erweckt das Gefühl des Unterwegsseins.

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Sie bezeichnen „Exiles“ als Auseinandersetzung mit der Migrantenkrise. Kann reine Instrumentalmusik tatsächlich politische oder sozialkritische Inhalte widerspiegeln?

Mit dieser interessanten Frage hat sich zum Beispiel Strawinsky beschäftigt. Er behauptete, das sei unmöglich. Musik könne nichts als sich selbst ausdrücken. Dem stimme ich nicht zu. Off en gestanden glaube ich nicht, dass Strawinsky, der ein sehr widersprüchlicher Mensch war, diese Aussage wirklich ernst gemeint hat. Musik bewegt uns. Sie hat eine Wirkung auf unsere Gefühle, auf unsere Psyche – allerdings ist diese recht schwierig zu messen. Erlebt hat diesen Moment aber wahrscheinlich jeder schon einmal. Man geht die Straße runter, hört ein Stück und ist plötzlich zu Tränen gerührt. Warum? Weil etwas Magisches passiert. Die Magie der Musik ist jedoch unsichtbar. Genau wie elektromagnetische Wellen.

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Wie viel Einfluss hat die Magie der Musik auf einen Film?

Wer jemals einen Sergio-Leone-Western gesehen hat, weiß: Bisweilen zeigt eine Kameraeinstellung fünf Minuten lang lediglich eine öde Wüstenlandschaft. Wenn diese Szene bei den Zuschauern trotzdem Emotionen auslöst, ist das vor allem Ennio Morricones Musik geschuldet. Sie macht aus den Bildern etwas Außergewöhnliches.

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Zählen Filmkomponisten wie Ennio Morricone zu Ihren Vorbildern?

Meine Liebe zur Musik erweckten Komponisten wie Bach oder Beethoven. Ich entdeckte zunächst klassische Musik. Dennoch finde ich es spannend, mich damit zu beschäftigen, wie Komponisten im Laufe der Jahre auf das Kino reagiert haben. Tatsache ist: Im Film kann man sehr viel mehr experimentieren und Dinge ausprobieren, die das Publikum im Konzertsaal nicht akzeptieren würde.

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Nutzen Sie diese Chance vor allem in der britischen Fernsehserie „Taboo“, bei der Sie für die Musik zuständig sind?

Dieses Projekt des Schauspielers Tom Hardy hat beinahe etwas Opernhaft es. Die Geschichte handelt von einem Briten, der nach einem zehnjährigen Aufenthalt in Afrika nach London zurückkehrt, um das Erbe seines Vaters anzutreten und dessen Tod zu rächen. Alles ist übertrieben, die Emotionen sind sehr aufgeladen. Dazu kann ich richtig verrückte Musik machen. Sie steht im Zentrum, statt hinter die Bilder zurückzutreten.

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Ihren ersten Soundtrack komponierten Sie für „Waltz With Bashir“. Warum hat Sie der Regisseur Ari Folman für seinen Animations-Dokumentarfi lm engagiert?

2004 oder 2005 bekam ich eine amüsante E-Mail von Ari Folman. Er schrieb mir, er habe ununterbrochen mein Album „The Blue Notebooks“ gehört, während er am „Waltz With Bashir“-Drehbuch gearbeitet habe. Darum müsse ich nun den Filmscore komponieren. Ich wusste gar nicht, wie ich mich dem Soundtrack annähern sollte, hatte aber großes Interesse an Aris Angebot. Also schaute ich mir einen Animationsclip an und las das Drehbuch. Danach begann ich zu komponieren.

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Besonders populär bei Regisseuren ist Ihre Komposition „On The Nature Of Daylight“. Wie erklären Sie sich das?

Anscheinend finden viele Filmemacher einen Bezug zu diesem Stück. Es stammt von meinem Album „The Blue Notebooks“, mit dem ich 2003 gegen den Irakkrieg protestierte. Ich sehe es in der Tradition von Woody Guthrie und Bob Dylan. Deshalb hat es sich beispielsweise gut in Denis Villeneuves Antikriegsfilm „Arrival“ eingefügt.

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Auch Martin Scorsese hat sich für Ihr Werk begeistert.

Als er „On The Nature Of Daylight“ für „Shutter Island“ auswählte, war mein Leben im Wesentlichen erfüllt. (lacht) Im Ernst: Robbie Robertson, einst Mitglied von Bob Dylans The Band, zeichnete bei diesem Film für die Musik verantwortlich. Das war für mich als Dylan-Verehrer das Größte. Zumal ich selber damals noch relativ unbekannt war.

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Was bedeutet es Ihnen heute, sich an einem Film zu beteiligen?

Das ist ein Ausgleich zu meiner sonstigen Arbeit, bei der ich meistens auf mich allein gestellt bin. Bei einem Kinoprojekt kooperiere ich dagegen mit anderen Menschen.

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Inwiefern setzt ein Film ganz realistisch betrachtet auf Teamwork? Haben nicht der Regisseur oder der Produzent immer das letzte Wort?

Ein Filmscore ist natürlich keine Sinfonie, sondern ein Teil eines Projekts. Sie haben recht: Schlussendlich entscheidet der Regisseur, wie sich die einzelnen Elemente vom Drehbuch über die Schauspieler bis zur Musik zusammenfügen. Ich empfinde das durchaus als angenehm. Wenn ich zu 100 Prozent meine eigenen Ideen realisieren will, kann ich mich ja auf meine Soloarbeit fokussieren.

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Wie bereiten Sie sich auf einen Soundtrack vor?

Ich lese auf jeden Fall das Drehbuch, es ist für mich aussagekräftiger als die Bilder. Anhand des Skripts komme ich dem wahren Thema des Films näher. So kann ich mit der Musik die Handlung unterstützen und auf der emotionalen Ebene noch ein bisschen tiefer gehen.

Herr Richter, wenn Sie zu „Exiles“, dem 33-minütigen Titelstück Ihres Albums, einen Film drehen würden, welche Handlung hätte er?

Der Film wäre wohl eine Art Roadmovie. Einfach, weil die Musik das Bild einer Reise durch alle möglichen Landschaft en heraufbeschwört. Sie erweckt das Gefühl des Unterwegsseins.

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Sie bezeichnen „Exiles“ als Auseinandersetzung mit der Migrantenkrise. Kann reine Instrumentalmusik tatsächlich politische oder sozialkritische Inhalte widerspiegeln?

Mit dieser interessanten Frage hat sich zum Beispiel Strawinsky beschäftigt. Er behauptete, das sei unmöglich. Musik könne nichts als sich selbst ausdrücken. Dem stimme ich nicht zu. Off en gestanden glaube ich nicht, dass Strawinsky, der ein sehr widersprüchlicher Mensch war, diese Aussage wirklich ernst gemeint hat. Musik bewegt uns. Sie hat eine Wirkung auf unsere Gefühle, auf unsere Psyche – allerdings ist diese recht schwierig zu messen. Erlebt hat diesen Moment aber wahrscheinlich jeder schon einmal. Man geht die Straße runter, hört ein Stück und ist plötzlich zu Tränen gerührt. Warum? Weil etwas Magisches passiert. Die Magie der Musik ist jedoch unsichtbar. Genau wie elektromagnetische Wellen.

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Wie viel Einfluss hat die Magie der Musik auf einen Film?

Wer jemals einen Sergio-Leone-Western gesehen hat, weiß: Bisweilen zeigt eine Kameraeinstellung fünf Minuten lang lediglich eine öde Wüstenlandschaft. Wenn diese Szene bei den Zuschauern trotzdem Emotionen auslöst, ist das vor allem Ennio Morricones Musik geschuldet. Sie macht aus den Bildern etwas Außergewöhnliches.

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Zählen Filmkomponisten wie Ennio Morricone zu Ihren Vorbildern?

Meine Liebe zur Musik erweckten Komponisten wie Bach oder Beethoven. Ich entdeckte zunächst klassische Musik. Dennoch finde ich es spannend, mich damit zu beschäftigen, wie Komponisten im Laufe der Jahre auf das Kino reagiert haben. Tatsache ist: Im Film kann man sehr viel mehr experimentieren und Dinge ausprobieren, die das Publikum im Konzertsaal nicht akzeptieren würde.

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Nutzen Sie diese Chance vor allem in der britischen Fernsehserie „Taboo“, bei der Sie für die Musik zuständig sind?

Dieses Projekt des Schauspielers Tom Hardy hat beinahe etwas Opernhaft es. Die Geschichte handelt von einem Briten, der nach einem zehnjährigen Aufenthalt in Afrika nach London zurückkehrt, um das Erbe seines Vaters anzutreten und dessen Tod zu rächen. Alles ist übertrieben, die Emotionen sind sehr aufgeladen. Dazu kann ich richtig verrückte Musik machen. Sie steht im Zentrum, statt hinter die Bilder zurückzutreten.

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Ihren ersten Soundtrack komponierten Sie für „Waltz With Bashir“. Warum hat Sie der Regisseur Ari Folman für seinen Animations-Dokumentarfi lm engagiert?

2004 oder 2005 bekam ich eine amüsante E-Mail von Ari Folman. Er schrieb mir, er habe ununterbrochen mein Album „The Blue Notebooks“ gehört, während er am „Waltz With Bashir“-Drehbuch gearbeitet habe. Darum müsse ich nun den Filmscore komponieren. Ich wusste gar nicht, wie ich mich dem Soundtrack annähern sollte, hatte aber großes Interesse an Aris Angebot. Also schaute ich mir einen Animationsclip an und las das Drehbuch. Danach begann ich zu komponieren.

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Besonders populär bei Regisseuren ist Ihre Komposition „On The Nature Of Daylight“. Wie erklären Sie sich das?

Anscheinend finden viele Filmemacher einen Bezug zu diesem Stück. Es stammt von meinem Album „The Blue Notebooks“, mit dem ich 2003 gegen den Irakkrieg protestierte. Ich sehe es in der Tradition von Woody Guthrie und Bob Dylan. Deshalb hat es sich beispielsweise gut in Denis Villeneuves Antikriegsfilm „Arrival“ eingefügt.

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Auch Martin Scorsese hat sich für Ihr Werk begeistert.

Als er „On The Nature Of Daylight“ für „Shutter Island“ auswählte, war mein Leben im Wesentlichen erfüllt. (lacht) Im Ernst: Robbie Robertson, einst Mitglied von Bob Dylans The Band, zeichnete bei diesem Film für die Musik verantwortlich. Das war für mich als Dylan-Verehrer das Größte. Zumal ich selber damals noch relativ unbekannt war.

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Was bedeutet es Ihnen heute, sich an einem Film zu beteiligen?

Das ist ein Ausgleich zu meiner sonstigen Arbeit, bei der ich meistens auf mich allein gestellt bin. Bei einem Kinoprojekt kooperiere ich dagegen mit anderen Menschen.

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Inwiefern setzt ein Film ganz realistisch betrachtet auf Teamwork? Haben nicht der Regisseur oder der Produzent immer das letzte Wort?

Ein Filmscore ist natürlich keine Sinfonie, sondern ein Teil eines Projekts. Sie haben recht: Schlussendlich entscheidet der Regisseur, wie sich die einzelnen Elemente vom Drehbuch über die Schauspieler bis zur Musik zusammenfügen. Ich empfinde das durchaus als angenehm. Wenn ich zu 100 Prozent meine eigenen Ideen realisieren will, kann ich mich ja auf meine Soloarbeit fokussieren.

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Wie bereiten Sie sich auf einen Soundtrack vor?

Ich lese auf jeden Fall das Drehbuch, es ist für mich aussagekräftiger als die Bilder. Anhand des Skripts komme ich dem wahren Thema des Films näher. So kann ich mit der Musik die Handlung unterstützen und auf der emotionalen Ebene noch ein bisschen tiefer gehen.