Graziöses Duo
Harfe und Klavier: eine extrem seltene Kombination. Zum 100. Geburtstags von Astor Piazolla wendet sich das Duo Praxedis dem Tango Nuevo zu.

Jetzt also Tango Nuevo. Das schweizerische Duo Praxedis hat für seine neue Einspielung „Piazolla“ 18 Stücke des gleichnamigen Tango-Innovators ausgewählt, um sie stilistisch und klanglich neu zu interpretieren. Konzertflügel und Konzertharfe sind Ausgangspunkt für zarte Melodiegeflechte, temperamentvolle Rhythmik und graziöse Verzierungen. Wie bereits in anderen Programmen kombinieren Praxedis Hug-Rütti und ihre Tochter Praxedis Hug oft Gespieltes mit wenig Gehörtem, bekannte Stücke wie „Fuga y Misterio“, „Libertango“ und „Adiós Nonino“ stehen neben der „Suite Porteña de Ballet“. Eine wichtige Inspiration war neben den Originalen des Astor Piazolla Quintetts das Klavierduo von Pablo Ziegler und Emanuel Ax. Ziegler, selbst über Jahre Mitglied in besagtem Quintett, erstellte mit Ax viele Tango-Nuevo-Arrangements an zwei Flügeln. Für Praxedis bearbeitete er „Oblivion“; alles Weitere adaptierten die beiden selbst.
Klavier und Harfe, eine rare kammermusikalische Besetzung – mag man denken. Die Musikerinnen selbst haben eine etwas andere Sicht, wie sie Mitte Juni im Videointerview von ihrem Zuhause in Adliswil beim Zürichsee berichten. „Harfe und Klavier, das ist nicht Kammermusik, das sind zwei Soloinstrumente“, bringt es Praxedis junior auf den Punkt, denn beide sehen sich als gleichermaßen verantwortliche Solistinnen. Harfenistin Praxedis senior konzertierte oft als Solistin, in Ensembles und mit Orchestern. Auf Praxedis junior, die sich für das Klavier entschied, trifft das inzwischen ebenfalls zu.
Die Musikerinnen haben es sich zur Aufgabe gemacht, Repertoire von Barock über Klassik bis hin zur Romantik neu zu beleben. Es ist vor allem die Jüngere, die in Archiven und Bibliotheken beharrlich nach Stücken sucht, die zunächst unauffindbar schienen. Letztlich erarbeiten beide ihr Programm aber zusammen – inklusive Frust über fehlende Seiten, verschwundene Teilstimmen oder unlesbare Notenschrift en. Mag auch ab und an ein Stück dauerhaft unvollständig sein, so haben sie dennoch schon einen beachtlichen Fundus beisammen.
Es brauchte einige Wendungen, damit dieses Duo entstehen konnte. Die Mutter studierte zunächst im Hauptfach Klavier in Zürich und ging anschließend nach England, um ihr Können zu verfeinern. Da sie mit der Lernmethode ihrer Dozentin nicht viel anfangen konnte, kehrte sie aber bald wieder in die Schweiz zurück, und die Harfe wurde zu ihrem Hauptinstrument. Umgekehrt war Tochter Praxedis Hug in ganz jungen Jahren von der Harfe begeistert, fing dann aber als Fünfjährige mit dem Klavier an – und blieb dabei. Sie studierte in der Schweiz und Italien, erspielte sich als Solistin ein breites Repertoire. Das war auch ihrer Mutter ein Anliegen. „Ich wollte nicht, dass sie von mir beeinflusst wird“, stellt diese fest. „Sie sollte wirklich allein studieren und Karriere machen als Solistin.“ Inzwischen hat sich Praxedis junior besonders auf Musik von Liszt spezialisiert. Dass sie in Italien die Liszt-Technik am Klavier lernte, ist bei Konzerten sofort zu erkennen: hohes Handgelenk, aufgefächerte Finger, ein heute seltener Ansatz.
Es war also keineswegs so, dass die beiden zunächst ein besonderes Augenmerk auf Duos für Harfe und Klavier gehabt hätten. „Wir haben gar nicht gewusst, dass wir Literatur haben, die wir zusammen spielen können“, erinnert sich Praxedis senior. Die Wende kam, als sich Freunde zum Geburtstag 2010 ein Duo wünschten. Die Musikerinnen fanden eine passende Sonate für zwei Klaviere von Mozart und arrangierten sie um. Der Auftritt kam gut an und machte beiden Spaß. Als sie die ersten Originale aus dem 18. und 19. Jahrhundert für ihre Besetzung entdeckten, war der Anfang gemacht.
Inzwischen finden sich unbekannte wie weltberühmte Komponistinnen und Komponisten in ihrem Repertoire. Und was im Original nicht spielbar ist, wird passend gemacht, denn die zwei sind inzwischen geübte Arrangeurinnen. Aber auch zeitgenössische Musik macht einen Teil ihres Repertoires aus, wenn auch nicht den Schwerpunkt: „Wir finden, dass in der heutigen Zeit auch Originale für Harfe und Klavier in der Literatur vorhanden sein sollen“, so Praxedis junior. Daher sind sie mit Komponisten fast genauso lange im Austausch, wie es ihr Duo gibt.
Nicht wenige Werke haben sie inzwischen uraufgeführt, etwa von Walter Baer, Xavier Dayer, Richard Dubugnon, Albena Petrovic Vratchanska und Carl Rütti, dem Bruder von Praxedis senior. Ende Juni ist erstmals ein Werk des Chinesen Donald Yu dabei, Anfang Juli eines von Landsmann Hans Eugen Frischknecht. Wie so oft ist es das erste Mal, dass ein Komponist – Frischknecht in diesem Fall mit rüstigen 82 Jahren (!) – für eine solche Besetzung komponierte. Für das Engagement in der zeitgenössischen Musik erhielt das Duo 2014 einen Förderpreis der UBS Kulturstiftung. Und eines ihrer bisher zwölf Alben (mit meist älterem Repertoire) war 2019 in zwei Kategorien für den OPUS Klassik nominiert.
Nach der langen Covid-Pause, die sie mit Hauskonzerten und Videos überbrückten, standen sie Ende Mai endlich wieder auf der Bühne und spielten einstündige Konzerte vier Mal für je 40 Zuhörer – am selben Tag. Und der Tango? Das nächste Album ist in Arbeit, mit Tangos von Ernesto Nazareth.
Jetzt also Tango Nuevo. Das schweizerische Duo Praxedis hat für seine neue Einspielung „Piazolla“ 18 Stücke des gleichnamigen Tango-Innovators ausgewählt, um sie stilistisch und klanglich neu zu interpretieren. Konzertflügel und Konzertharfe sind Ausgangspunkt für zarte Melodiegeflechte, temperamentvolle Rhythmik und graziöse Verzierungen. Wie bereits in anderen Programmen kombinieren Praxedis Hug-Rütti und ihre Tochter Praxedis Hug oft Gespieltes mit wenig Gehörtem, bekannte Stücke wie „Fuga y Misterio“, „Libertango“ und „Adiós Nonino“ stehen neben der „Suite Porteña de Ballet“. Eine wichtige Inspiration war neben den Originalen des Astor Piazolla Quintetts das Klavierduo von Pablo Ziegler und Emanuel Ax. Ziegler, selbst über Jahre Mitglied in besagtem Quintett, erstellte mit Ax viele Tango-Nuevo-Arrangements an zwei Flügeln. Für Praxedis bearbeitete er „Oblivion“; alles Weitere adaptierten die beiden selbst.
Klavier und Harfe, eine rare kammermusikalische Besetzung – mag man denken. Die Musikerinnen selbst haben eine etwas andere Sicht, wie sie Mitte Juni im Videointerview von ihrem Zuhause in Adliswil beim Zürichsee berichten. „Harfe und Klavier, das ist nicht Kammermusik, das sind zwei Soloinstrumente“, bringt es Praxedis junior auf den Punkt, denn beide sehen sich als gleichermaßen verantwortliche Solistinnen. Harfenistin Praxedis senior konzertierte oft als Solistin, in Ensembles und mit Orchestern. Auf Praxedis junior, die sich für das Klavier entschied, trifft das inzwischen ebenfalls zu.
Die Musikerinnen haben es sich zur Aufgabe gemacht, Repertoire von Barock über Klassik bis hin zur Romantik neu zu beleben. Es ist vor allem die Jüngere, die in Archiven und Bibliotheken beharrlich nach Stücken sucht, die zunächst unauffindbar schienen. Letztlich erarbeiten beide ihr Programm aber zusammen – inklusive Frust über fehlende Seiten, verschwundene Teilstimmen oder unlesbare Notenschrift en. Mag auch ab und an ein Stück dauerhaft unvollständig sein, so haben sie dennoch schon einen beachtlichen Fundus beisammen.
Es brauchte einige Wendungen, damit dieses Duo entstehen konnte. Die Mutter studierte zunächst im Hauptfach Klavier in Zürich und ging anschließend nach England, um ihr Können zu verfeinern. Da sie mit der Lernmethode ihrer Dozentin nicht viel anfangen konnte, kehrte sie aber bald wieder in die Schweiz zurück, und die Harfe wurde zu ihrem Hauptinstrument. Umgekehrt war Tochter Praxedis Hug in ganz jungen Jahren von der Harfe begeistert, fing dann aber als Fünfjährige mit dem Klavier an – und blieb dabei. Sie studierte in der Schweiz und Italien, erspielte sich als Solistin ein breites Repertoire. Das war auch ihrer Mutter ein Anliegen. „Ich wollte nicht, dass sie von mir beeinflusst wird“, stellt diese fest. „Sie sollte wirklich allein studieren und Karriere machen als Solistin.“ Inzwischen hat sich Praxedis junior besonders auf Musik von Liszt spezialisiert. Dass sie in Italien die Liszt-Technik am Klavier lernte, ist bei Konzerten sofort zu erkennen: hohes Handgelenk, aufgefächerte Finger, ein heute seltener Ansatz.
Es war also keineswegs so, dass die beiden zunächst ein besonderes Augenmerk auf Duos für Harfe und Klavier gehabt hätten. „Wir haben gar nicht gewusst, dass wir Literatur haben, die wir zusammen spielen können“, erinnert sich Praxedis senior. Die Wende kam, als sich Freunde zum Geburtstag 2010 ein Duo wünschten. Die Musikerinnen fanden eine passende Sonate für zwei Klaviere von Mozart und arrangierten sie um. Der Auftritt kam gut an und machte beiden Spaß. Als sie die ersten Originale aus dem 18. und 19. Jahrhundert für ihre Besetzung entdeckten, war der Anfang gemacht.
Inzwischen finden sich unbekannte wie weltberühmte Komponistinnen und Komponisten in ihrem Repertoire. Und was im Original nicht spielbar ist, wird passend gemacht, denn die zwei sind inzwischen geübte Arrangeurinnen. Aber auch zeitgenössische Musik macht einen Teil ihres Repertoires aus, wenn auch nicht den Schwerpunkt: „Wir finden, dass in der heutigen Zeit auch Originale für Harfe und Klavier in der Literatur vorhanden sein sollen“, so Praxedis junior. Daher sind sie mit Komponisten fast genauso lange im Austausch, wie es ihr Duo gibt.
Nicht wenige Werke haben sie inzwischen uraufgeführt, etwa von Walter Baer, Xavier Dayer, Richard Dubugnon, Albena Petrovic Vratchanska und Carl Rütti, dem Bruder von Praxedis senior. Ende Juni ist erstmals ein Werk des Chinesen Donald Yu dabei, Anfang Juli eines von Landsmann Hans Eugen Frischknecht. Wie so oft ist es das erste Mal, dass ein Komponist – Frischknecht in diesem Fall mit rüstigen 82 Jahren (!) – für eine solche Besetzung komponierte. Für das Engagement in der zeitgenössischen Musik erhielt das Duo 2014 einen Förderpreis der UBS Kulturstiftung. Und eines ihrer bisher zwölf Alben (mit meist älterem Repertoire) war 2019 in zwei Kategorien für den OPUS Klassik nominiert.
Nach der langen Covid-Pause, die sie mit Hauskonzerten und Videos überbrückten, standen sie Ende Mai endlich wieder auf der Bühne und spielten einstündige Konzerte vier Mal für je 40 Zuhörer – am selben Tag. Und der Tango? Das nächste Album ist in Arbeit, mit Tangos von Ernesto Nazareth.



