Facettenreiche Charakterstudien
Sie kommt aus der Karibik. Für eine Sängerin, die es in der Oper schon recht weit gebracht hat, ist das immer noch eine Seltenheit. Jetzt legt Jeanine de Bique ihr erstes Solorezital vor, das Frauenfiguren aus Händel-Opern wie Rodelinda oder Agrippina den Vertonungen anderer Komponisten gegenüberstellt.

Heimat ist für Jeanine de Bique im Augenblick Barbados, wo ihre Mutter ein Haus hat. Dorthin zieht sie sich zurück, wenn sie mal nicht arbeitet, wenn sie in Ruhe Musik lernen will. Wie aber kommt man in einer Region ohne Oper zum Musiktheater? „Indem man singt“, erzählt De Bique fast trocken. „Ähnlich wie in Südafrika gehören vor allem Chöre inzwischen zu unserer Kulturtradition, ich bin anglikanischen Glaubens, da ist das noch stärker verwurzelt. Wir haben auf Trinidad sogar zwei Chorfestivals, da gehört einerseits unsere Folklore, etwa der Calypso, zum Repertoire, aber auch ganz viel Klassik.“
Singen und Klavierspielen, überhaupt ein solide musikalische Grundausbildung, war Teil ihrer Erziehung. Als sie 18 Jahre alt war, meinte ihre Klavierlehrerin, sie solle doch versuchen, Singen zum Beruf zu machen. Das war freilich zunächst jenseits ihres Horizonts. Jeanine de Bique wollte damals eher Psychologin werden oder Anwältin, bis heute liebt sie Sprachen und europäische Geschichte. Ein paar Sänger aus Trinidad sind vor ihr in die USA gegangen, wurden Profis, aber kamen wieder zurück und haben in der Heimat Chöre gegründet. Also war klar, wenn sie es ausprobieren will, dann muss sie nach Amerika. Und so hat sie ein paar Probeaufnahmen an verschiedene Hochschulen geschickt und bekam gleich mehrere Angebote. Schließlich landete sie auf der Manhattan School of Music, ein Elevenjahr im Ensemble der Wiener Staatsoper schloss sich an.
Jeanine de Bique findet, sie sei nicht ehrgeizig, aber fokussiert: „Einerseits kann ich spontan und lazy sein, nennen Sie es karibisch, andererseits rational. Ich stecke gern meine Möglichkeiten ab. Gemeinsam mit meiner Gesangslehrerein, bei der ich mich nach wie vor weiter perfektioniere, habe ich analysiert, was ich kann und was andere weniger besetzen. Natürlich wollte man von mir immer wieder die Aida, der normale Alltagsrassismus in der Klassik eben, aber die bin ich vom Stimmtypus her gar nicht. Also musste ich meine Nischen finden. Barockmusik war so ein Gebiet, und obwohl ich von dem Repertoire zunächst keine Ahnung hatte, war es mir durch den Kirchengesang technisch gar nicht so fern.“ Mit ihrer versatilen, gut durchgebildeten Stimme, die voll klingt und doch im Kern lyrisch geblieben ist, scheint ihr solches gelungen.
Aber auch Webers Agathe, diese urdeutsche Frau, meisterte sie anlässlich der Jubiläumsaufführung des „Freischütz“ zum 200. Geburtstag des Berliner Konzerthauses ziemlich souverän – ähnlich übrigens wie die Südafrikanerin Golda Schultz bei der Münchner Premiere vor Kurzem. Und keiner fand das außergewöhnlich: Es ging nur um das Singen. Jeanine de Bique findet, dass Agathe gerade in ihrem Glauben Stärke zeige: „Sie hat viel Zuversicht, aber ich denke, in den Arien hört man auch Zweifel, das wollte ich herausarbeiten, Christoph Eschenbach hat mich dabei sehr bestärkt. Obwohl es natürlich sehr schwierig war, in dieser komplizierten, nur für die Kameras inszenierten Produktion von La Furadels Baus. Da waren wir Sänger oft so weit weg vom Orchester. Und ich habe gemerkt, dass Agathe eine satte Mittellage braucht. So wie auch die Barockmusik, wo dann aber noch eine flüssige Koloratur dazukommen soll. Die habe ich sehr hart geübt.“
Nachzuhören jetzt auf ihrem ersten Rezital-Album „Mirrors“. De Biques Berliner Agentur fand nämlich, sie müsse endlich eine Soloplatte machen, denn die DVD ihrer „Rodelinda“ aus Lille habe gut funktioniert. Und weil sie zudem die Cleopatra in „Giulio Cesare“ gesungen hatte und die Alcina an der Pariser Oper ansteht, sollte schnell in Richtung Händel etwas hochgezogen werden. Concerto Köln ist bei derselben Agentur, so kam es unkompliziert zum Kontakt, und auch zu Berlin Classcis gibt es gute Beziehungen. Zudem fanden sich rasch Aufnahmemöglichkeiten.
Letztlich ist es eine klug konzipierte, klingende Visitenkarte von schon Gesungenem und vielleicht Künftigem De-Bique-Repertoire geworden. Als Spezialistin auf einen Komponisten wollte sie sich dabei nicht verlegen, auch wenn Händel natürlich gut verkäuflich ist. Also hat sie mit dem Musikologie- Liebhaber Yannis François „um Händel etwas gebaut“, mit diversen anderen Tonsetzern, die die gleichen Opernstoff e vertont haben. Die komplexen Frauentypen ergänzen sich dabei zu facettenreichen Charakterstudien. Wobei genau abgewogen wurde, welche Arie von wem sein sollte, aus musikalischen Gründen, oder weil sie ihr gut in der Stimme liegt: „Ich bin hier wirklich total gefordert. Eine Tour de Force, aber eine, die sehr viel Spaß gemacht hat. Und mit der wir auch Konzerte geben werden.“
Und dann schwärmt Jeanine de Bique über Yannis François: „Der ist ein Schatz, wir sind wirklich ‚Soul Mates‘. Er stammt auch aus der Karibik, ist zudem Tänzer und Countertenor. Er arbeitet sehr eng mit Josef Jakub Orlinski zusammen, der in der ,Rodelinda‘ dabei war und uns vorgestellt hat. Yannis war total schüchtern, hatte aber einfach so bereits drei Konzertprogramme für mich zusammengestellt. Davon werde ich sicher für meine nächsten CDs profitieren.“
Schon 2017 hatte die Sopranistin unter Teodor Currentzis im Salzburger „Titus“ einen großen Erfolg. Aber Aufnahmepläne mit ihm gibt es nicht, denn ein Arienrezital wird er sicher nicht begleiten: „Vielleicht tauche ich aber mal auf einer CD als sein Gast auf “, lässt sie es off en. Im Augenblick möchte Jeannine de Bique wieder mehr Liederabende geben. Daran arbeitet sie intensiv mit dem Pianisten Gerold Huber, von dessen Wissen sie sehr profitiert. Und dabei schwärmt sie schon wieder.
Heimat ist für Jeanine de Bique im Augenblick Barbados, wo ihre Mutter ein Haus hat. Dorthin zieht sie sich zurück, wenn sie mal nicht arbeitet, wenn sie in Ruhe Musik lernen will. Wie aber kommt man in einer Region ohne Oper zum Musiktheater? „Indem man singt“, erzählt De Bique fast trocken. „Ähnlich wie in Südafrika gehören vor allem Chöre inzwischen zu unserer Kulturtradition, ich bin anglikanischen Glaubens, da ist das noch stärker verwurzelt. Wir haben auf Trinidad sogar zwei Chorfestivals, da gehört einerseits unsere Folklore, etwa der Calypso, zum Repertoire, aber auch ganz viel Klassik.“
Singen und Klavierspielen, überhaupt ein solide musikalische Grundausbildung, war Teil ihrer Erziehung. Als sie 18 Jahre alt war, meinte ihre Klavierlehrerin, sie solle doch versuchen, Singen zum Beruf zu machen. Das war freilich zunächst jenseits ihres Horizonts. Jeanine de Bique wollte damals eher Psychologin werden oder Anwältin, bis heute liebt sie Sprachen und europäische Geschichte. Ein paar Sänger aus Trinidad sind vor ihr in die USA gegangen, wurden Profis, aber kamen wieder zurück und haben in der Heimat Chöre gegründet. Also war klar, wenn sie es ausprobieren will, dann muss sie nach Amerika. Und so hat sie ein paar Probeaufnahmen an verschiedene Hochschulen geschickt und bekam gleich mehrere Angebote. Schließlich landete sie auf der Manhattan School of Music, ein Elevenjahr im Ensemble der Wiener Staatsoper schloss sich an.
Jeanine de Bique findet, sie sei nicht ehrgeizig, aber fokussiert: „Einerseits kann ich spontan und lazy sein, nennen Sie es karibisch, andererseits rational. Ich stecke gern meine Möglichkeiten ab. Gemeinsam mit meiner Gesangslehrerein, bei der ich mich nach wie vor weiter perfektioniere, habe ich analysiert, was ich kann und was andere weniger besetzen. Natürlich wollte man von mir immer wieder die Aida, der normale Alltagsrassismus in der Klassik eben, aber die bin ich vom Stimmtypus her gar nicht. Also musste ich meine Nischen finden. Barockmusik war so ein Gebiet, und obwohl ich von dem Repertoire zunächst keine Ahnung hatte, war es mir durch den Kirchengesang technisch gar nicht so fern.“ Mit ihrer versatilen, gut durchgebildeten Stimme, die voll klingt und doch im Kern lyrisch geblieben ist, scheint ihr solches gelungen.
Aber auch Webers Agathe, diese urdeutsche Frau, meisterte sie anlässlich der Jubiläumsaufführung des „Freischütz“ zum 200. Geburtstag des Berliner Konzerthauses ziemlich souverän – ähnlich übrigens wie die Südafrikanerin Golda Schultz bei der Münchner Premiere vor Kurzem. Und keiner fand das außergewöhnlich: Es ging nur um das Singen. Jeanine de Bique findet, dass Agathe gerade in ihrem Glauben Stärke zeige: „Sie hat viel Zuversicht, aber ich denke, in den Arien hört man auch Zweifel, das wollte ich herausarbeiten, Christoph Eschenbach hat mich dabei sehr bestärkt. Obwohl es natürlich sehr schwierig war, in dieser komplizierten, nur für die Kameras inszenierten Produktion von La Furadels Baus. Da waren wir Sänger oft so weit weg vom Orchester. Und ich habe gemerkt, dass Agathe eine satte Mittellage braucht. So wie auch die Barockmusik, wo dann aber noch eine flüssige Koloratur dazukommen soll. Die habe ich sehr hart geübt.“
Nachzuhören jetzt auf ihrem ersten Rezital-Album „Mirrors“. De Biques Berliner Agentur fand nämlich, sie müsse endlich eine Soloplatte machen, denn die DVD ihrer „Rodelinda“ aus Lille habe gut funktioniert. Und weil sie zudem die Cleopatra in „Giulio Cesare“ gesungen hatte und die Alcina an der Pariser Oper ansteht, sollte schnell in Richtung Händel etwas hochgezogen werden. Concerto Köln ist bei derselben Agentur, so kam es unkompliziert zum Kontakt, und auch zu Berlin Classcis gibt es gute Beziehungen. Zudem fanden sich rasch Aufnahmemöglichkeiten.
Letztlich ist es eine klug konzipierte, klingende Visitenkarte von schon Gesungenem und vielleicht Künftigem De-Bique-Repertoire geworden. Als Spezialistin auf einen Komponisten wollte sie sich dabei nicht verlegen, auch wenn Händel natürlich gut verkäuflich ist. Also hat sie mit dem Musikologie- Liebhaber Yannis François „um Händel etwas gebaut“, mit diversen anderen Tonsetzern, die die gleichen Opernstoff e vertont haben. Die komplexen Frauentypen ergänzen sich dabei zu facettenreichen Charakterstudien. Wobei genau abgewogen wurde, welche Arie von wem sein sollte, aus musikalischen Gründen, oder weil sie ihr gut in der Stimme liegt: „Ich bin hier wirklich total gefordert. Eine Tour de Force, aber eine, die sehr viel Spaß gemacht hat. Und mit der wir auch Konzerte geben werden.“
Und dann schwärmt Jeanine de Bique über Yannis François: „Der ist ein Schatz, wir sind wirklich ‚Soul Mates‘. Er stammt auch aus der Karibik, ist zudem Tänzer und Countertenor. Er arbeitet sehr eng mit Josef Jakub Orlinski zusammen, der in der ,Rodelinda‘ dabei war und uns vorgestellt hat. Yannis war total schüchtern, hatte aber einfach so bereits drei Konzertprogramme für mich zusammengestellt. Davon werde ich sicher für meine nächsten CDs profitieren.“
Schon 2017 hatte die Sopranistin unter Teodor Currentzis im Salzburger „Titus“ einen großen Erfolg. Aber Aufnahmepläne mit ihm gibt es nicht, denn ein Arienrezital wird er sicher nicht begleiten: „Vielleicht tauche ich aber mal auf einer CD als sein Gast auf “, lässt sie es off en. Im Augenblick möchte Jeannine de Bique wieder mehr Liederabende geben. Daran arbeitet sie intensiv mit dem Pianisten Gerold Huber, von dessen Wissen sie sehr profitiert. Und dabei schwärmt sie schon wieder.



