Der Pandemie abgetrotzt
Es war ein Mammutprojekt: Für das Beethoven-Jahr 2020 wollte der israelische Pianist Boris Giltburg sämtliche Klaviersonaten in chronologischer Reihenfolge einspielen. Dann kam Corona, und alle Pläne schienen sich in Luft aufzulösen. Trotzdem ist es Giltburg gelungen, den Zyklus „Beethoven 32“ erfolgreich abzuschließen.

Beweisen muss sich der 1984 in Moskau geborene Boris Giltburg nichts mehr, seit er im Sommer 2013 den Internationalen Königin-Elisabeth-Wettbewerb in Brüssel gewann. Längst zählt er zu den führenden Pianisten der jüngeren Generation und konzertiert regelmäßig mit den renommiertesten Orchestern in aller Welt. Aufgewachsen in Tel Aviv, studierte er Klavier bei Arie Vardi und ging bereits als Teenager mit dem Israel Chamber Orchestra auf Tournee. Das BBC Music Magazine bezeichnete ihn als „einen der aufregendsten jungen Pianisten unserer Zeit“, viele sehen in ihm „den nächsten Arthur Rubinstein aus Tel Aviv“. In den vergangenen Jahren ist es ihm gelungen, mit seinen Interpretationen ein weltweit stetig wachsendes Publikum zu begeistern.
Giltburgs Ausdrucksspektrum ist immens, vom zartesten Pianissimo bis zum donnernden Fortissimo. Dabei wirken die dynamischen Effekte stets sehr kontrolliert. Sein äußerst farbenreiches Spiel, das belegen etwa seine Einspielungen der russischen Spätromantiker, korrespondiert mit einer Klarheit des Diskurses, der immer wieder beeindruckt.
Giltburg ist umtriebig. Und ehrgeizig. Das zeigt vor allem seine Idee, sämtliche Beethoven-Sonaten innerhalb eines Jahres einzustudieren und aufzunehmen, obwohl er zu diesem Zeitpunkt 23 von ihnen nie gespielt hatte: „Anfang 2019 tigerte ich durch mein Hotelzimmer in Seoul, als sich plötzlich ein Schalter in meinem Kopf umlegte – anders kann ich es nicht beschreiben. Hatte ich bis damals geglaubt, niemals all diese Sonaten spielen zu können, war ich mir plötzlich sicher, dass das doch klappen könnte. Und das Beethoven-Jahr 2020 bot sich für ein Projekt dieser Größenordnung ja geradezu an.“
Eine besondere Herausforderung war es, sämtliche Sonaten in chronologischer Reihenfolge aufzunehmen und per Video verfügbar zu machen, aber Giltburg findet diese Herangehensweise in sich schlüssig: „Ich wollte Beethoven aus seiner kompositorischen Entwicklung heraus begreifen. Mit den Sonaten op. 2 zu starten und sich dann vorwärtszubewegen, hat mir ein besseres Verständnis der außergewöhnlichen musikalischen Welten etwa der Sonaten op. 26, 27 und 28 ermöglicht. Das wäre ganz anders gewesen, wenn ich mit der ‚Waldsteinsonate‘ oder der ‚Appassionata‘ begonnen hätte. Ähnlich ging es mir mit der Hammerklaviersonate op. 106 und den letzten drei Sonaten. Das titanische kreative Ringen in der ‚Hammerklaviersonate‘ war für Beethoven nötig, um die transzendente Poesie und Schönheit der drei letzten Sonaten zu erreichen.“
Im Februar 2020 hatte Boris Giltburg bereits elf Sonaten aufgenommen. Dann kam Corona, und das Projekt drohte zu platzen: „Ab März war unser Vorhaben nicht mehr von der Pandemie zu trennen. Die Lockdowns diktierten unseren Film- und Aufnahmeplan. Publikum gab es nur noch online, und ich war zum ersten Mal seit Jahren monatelang zu Hause, was mein Üben stark beeinflusst hat. Im Sommer 2020 haben wir dann dreizehn Sonaten an nur neun Tagen aufgezeichnet. Wir haben es unseren ‚Beethoven-Sommerirrsinn‘ genannt. Die übrigen Sonaten folgten dann im September und November. Am Ende haben wir es trotzdem geschafft, wenn auch ganz anders als ursprünglich geplant.“
Mit seinem Publikum nur noch online korrespondieren zu können, war für Giltburg zunächst ein harter Schlag. Doch das änderte sich schon bald: „Die Wärme und mentale Unterstützung des Online-Publikums, das spontane Feedback haben mir über die ersten Monate des Lockdowns geholfen. Und als wir im Sommer 2020 weitermachen konnten, wurde das Online-Publikum ein untrennbarer Teil des Projekts. Ich habe alles ins Netz gestellt, von der ersten Beschäftigung mit einer Sonate bis zum letzten Durchspielen vor den Filmaufnahmen. Diese Verbindung hält bis heute. Ich streame nicht mehr so viel wie im vergangenen Jahr, aber immer noch regelmäßig. Die Reaktionen der Zuschauer und ihre Unterstützung sind mir sehr wichtig.“
Eingespielt hat Giltburg sämtliche Sonaten auf einem Flügel der italienischen Firma Fazioli, für die er eine besondere Vorliebe entwickelt hat: „Ich habe erstmals 2011 einen Fazioli gespielt. Und wann immer ich die Möglichkeit habe, bevorzuge ich es, auf einem dieser Instrumente zu spielen. Sie haben einen so leichten und präzisen Anschlag, sodass sie auf jeden Wechsel des Tons und der Klangfarbe zu reagieren scheinen. Und das in Kombination mit einer großartigen Klarheit und einem wunderschönen singenden Ton.“
Zu jeder der Sonaten hat Giltburg einen längeren Kommentar verfasst. Es sind gut lesbare, substanzielle Artikel, die viel zum Verständnis des jeweiligen Werkes beitragen. „Ich liebe es, über klassische Musik zu schreiben“, erklärt Giltburg. „Und vieles an dieser Musik war so frisch und neu für mich, dass mir diese Texte geholfen haben, meine Gedanken zu jedem Stück zu strukturieren. Mitunter hat mir das Schreiben auch geholfen, meine musikalischen Interpretationen zu verdeutlichen.“ Ein Jahr konzentrierter Beschäftigung mit den Beethoven-Sonaten, das hat bei Boris Giltburg Spuren hinterlassen. So hat sich sein Blick auf den Komponisten deutlich verändert: „Im Laufe dieses Jahres habe ich mehr und mehr verstanden, welche unglaubliche Energie und Lebendigkeit jede Note durchdringt, die Beethoven geschrieben hat. Und ich erkannte die unglaubliche Schönheit der langsamen Sätze, die seine Musik geradezu leuchten lassen. Vor diesem Jahr war Beethoven ein Komponist für mich, den ich zutiefst respektierte und verehrte. Jetzt ist es ein Komponist, den ich leidenschaftlich liebe. Nach diesem Jahr kann ich mir mein Leben ohne seine Musik nicht mehr vorstellen.“
Beweisen muss sich der 1984 in Moskau geborene Boris Giltburg nichts mehr, seit er im Sommer 2013 den Internationalen Königin-Elisabeth-Wettbewerb in Brüssel gewann. Längst zählt er zu den führenden Pianisten der jüngeren Generation und konzertiert regelmäßig mit den renommiertesten Orchestern in aller Welt. Aufgewachsen in Tel Aviv, studierte er Klavier bei Arie Vardi und ging bereits als Teenager mit dem Israel Chamber Orchestra auf Tournee. Das BBC Music Magazine bezeichnete ihn als „einen der aufregendsten jungen Pianisten unserer Zeit“, viele sehen in ihm „den nächsten Arthur Rubinstein aus Tel Aviv“. In den vergangenen Jahren ist es ihm gelungen, mit seinen Interpretationen ein weltweit stetig wachsendes Publikum zu begeistern.
Giltburgs Ausdrucksspektrum ist immens, vom zartesten Pianissimo bis zum donnernden Fortissimo. Dabei wirken die dynamischen Effekte stets sehr kontrolliert. Sein äußerst farbenreiches Spiel, das belegen etwa seine Einspielungen der russischen Spätromantiker, korrespondiert mit einer Klarheit des Diskurses, der immer wieder beeindruckt.
Giltburg ist umtriebig. Und ehrgeizig. Das zeigt vor allem seine Idee, sämtliche Beethoven-Sonaten innerhalb eines Jahres einzustudieren und aufzunehmen, obwohl er zu diesem Zeitpunkt 23 von ihnen nie gespielt hatte: „Anfang 2019 tigerte ich durch mein Hotelzimmer in Seoul, als sich plötzlich ein Schalter in meinem Kopf umlegte – anders kann ich es nicht beschreiben. Hatte ich bis damals geglaubt, niemals all diese Sonaten spielen zu können, war ich mir plötzlich sicher, dass das doch klappen könnte. Und das Beethoven-Jahr 2020 bot sich für ein Projekt dieser Größenordnung ja geradezu an.“
Eine besondere Herausforderung war es, sämtliche Sonaten in chronologischer Reihenfolge aufzunehmen und per Video verfügbar zu machen, aber Giltburg findet diese Herangehensweise in sich schlüssig: „Ich wollte Beethoven aus seiner kompositorischen Entwicklung heraus begreifen. Mit den Sonaten op. 2 zu starten und sich dann vorwärtszubewegen, hat mir ein besseres Verständnis der außergewöhnlichen musikalischen Welten etwa der Sonaten op. 26, 27 und 28 ermöglicht. Das wäre ganz anders gewesen, wenn ich mit der ‚Waldsteinsonate‘ oder der ‚Appassionata‘ begonnen hätte. Ähnlich ging es mir mit der Hammerklaviersonate op. 106 und den letzten drei Sonaten. Das titanische kreative Ringen in der ‚Hammerklaviersonate‘ war für Beethoven nötig, um die transzendente Poesie und Schönheit der drei letzten Sonaten zu erreichen.“
Im Februar 2020 hatte Boris Giltburg bereits elf Sonaten aufgenommen. Dann kam Corona, und das Projekt drohte zu platzen: „Ab März war unser Vorhaben nicht mehr von der Pandemie zu trennen. Die Lockdowns diktierten unseren Film- und Aufnahmeplan. Publikum gab es nur noch online, und ich war zum ersten Mal seit Jahren monatelang zu Hause, was mein Üben stark beeinflusst hat. Im Sommer 2020 haben wir dann dreizehn Sonaten an nur neun Tagen aufgezeichnet. Wir haben es unseren ‚Beethoven-Sommerirrsinn‘ genannt. Die übrigen Sonaten folgten dann im September und November. Am Ende haben wir es trotzdem geschafft, wenn auch ganz anders als ursprünglich geplant.“
Mit seinem Publikum nur noch online korrespondieren zu können, war für Giltburg zunächst ein harter Schlag. Doch das änderte sich schon bald: „Die Wärme und mentale Unterstützung des Online-Publikums, das spontane Feedback haben mir über die ersten Monate des Lockdowns geholfen. Und als wir im Sommer 2020 weitermachen konnten, wurde das Online-Publikum ein untrennbarer Teil des Projekts. Ich habe alles ins Netz gestellt, von der ersten Beschäftigung mit einer Sonate bis zum letzten Durchspielen vor den Filmaufnahmen. Diese Verbindung hält bis heute. Ich streame nicht mehr so viel wie im vergangenen Jahr, aber immer noch regelmäßig. Die Reaktionen der Zuschauer und ihre Unterstützung sind mir sehr wichtig.“
Eingespielt hat Giltburg sämtliche Sonaten auf einem Flügel der italienischen Firma Fazioli, für die er eine besondere Vorliebe entwickelt hat: „Ich habe erstmals 2011 einen Fazioli gespielt. Und wann immer ich die Möglichkeit habe, bevorzuge ich es, auf einem dieser Instrumente zu spielen. Sie haben einen so leichten und präzisen Anschlag, sodass sie auf jeden Wechsel des Tons und der Klangfarbe zu reagieren scheinen. Und das in Kombination mit einer großartigen Klarheit und einem wunderschönen singenden Ton.“
Zu jeder der Sonaten hat Giltburg einen längeren Kommentar verfasst. Es sind gut lesbare, substanzielle Artikel, die viel zum Verständnis des jeweiligen Werkes beitragen. „Ich liebe es, über klassische Musik zu schreiben“, erklärt Giltburg. „Und vieles an dieser Musik war so frisch und neu für mich, dass mir diese Texte geholfen haben, meine Gedanken zu jedem Stück zu strukturieren. Mitunter hat mir das Schreiben auch geholfen, meine musikalischen Interpretationen zu verdeutlichen.“ Ein Jahr konzentrierter Beschäftigung mit den Beethoven-Sonaten, das hat bei Boris Giltburg Spuren hinterlassen. So hat sich sein Blick auf den Komponisten deutlich verändert: „Im Laufe dieses Jahres habe ich mehr und mehr verstanden, welche unglaubliche Energie und Lebendigkeit jede Note durchdringt, die Beethoven geschrieben hat. Und ich erkannte die unglaubliche Schönheit der langsamen Sätze, die seine Musik geradezu leuchten lassen. Vor diesem Jahr war Beethoven ein Komponist für mich, den ich zutiefst respektierte und verehrte. Jetzt ist es ein Komponist, den ich leidenschaftlich liebe. Nach diesem Jahr kann ich mir mein Leben ohne seine Musik nicht mehr vorstellen.“



