Das Detail als Ungeheuer
Antonello Manacorda gehört zu den Dirigenten der Stunde. Nun hat er mit der Kammerakademie Potsdam die drei letzten Sinfonien Mozarts aufgenommen. Ein Unterfangen, bei dem es auf den ständigen Ausgleich von Nähe und Distanz ankommt.

Die Teldex-Studios in Berlin-Lichterfelde im vergangenen November. Mit der Kammerakademie Potsdam nimmt Antonello Manacorda die letzten drei Sinfonien von Wolfgang Amadeus Mozart auf. Der zweite Lockdown ist gerade ein paar Wochen alt, das Tonstudio wird zur Oase, in der das kulturelle Leben der Musiker noch weitergeführt werden kann, auf Abstand gleichwohl, aber immerhin. Entsprechend engagiert wird vorgegangen – wobei sich mangelndes oder gedämpftes Engagement dem Potsdamer Ensemble auch sonst nicht vorwerfen lässt. Zu seinen Markenzeichen gehört Herzhaftigkeit und die Fähigkeit, auch mal ordentlich zupacken zu können, beweglich und schnell im athletisch abgespeckten Rahmen eines Kammerorchesters.
Die Musikerinnen und Musiker spielen sich warm an diesem kühlen Novembermorgen. Antonello Manacorda, der sein Hemd gleichwohl südländisch weit aufgeknöpft trägt, geht bei der Jupiter- Sinfonie noch einmal in dieses und jenes Detail. „Eine Energie, die nach oben, in die Höhe gerichtet ist“, fordert er für die Akkordschläge des ersten Themas im Kopfsatz, sie sollen bloß nicht in den Boden gerammt sein. Und ein Kontrabassist fordert die Mitspieler nach Unschärfen im Zusammenspiel auf, doch „enger an Antonellos Schlag“ zu spielen. Dass Manacorda diese Aufforderung nicht selbst ausspricht, sagt viel aus über die Art, wie hier zusammengearbeitet wird. Jedem steht offen, sich am Probenprozess zu beteiligen, gleichwohl bricht weder ein Diskussions-Durcheinander aus, noch bleibt ungewiss, wer am Ende die Fäden zusammenführt: Antonello Manacorda natürlich, der die Beteiligung aus dem Orchester gut aushalten und bündeln kann. Es ist ein Arbeitsstil, der in elf Jahren gewachsen ist, die Manacorda Chef in Potsdam ist. Selbstverständlichkeit ist daraus erwachsen, ungute Routine offenbar nicht.
Zwei Wochen später in einer Loftwohnung im Dach eines ehemaligen Lagerhauses in Berlin-Kreuzberg. Die Partitur von Webers „Freischütz“ liegt auf dem Küchentresen (drei Monate später wird Manacorda die Neuinszenierung des Werkes an der Münchner Staatsoper dirigieren), eine handgroße Wagner-Büste steht auf einer Kommode, was im Umfeld der stilbewusst eingerichteten Wohnung durchaus als ironische Brechung wahrzunehmen ist, aber auch seinen ernsten Kern hat: Manacorda brennt darauf, Wagner zu dirigieren. Mit der ihm eigenen Behändigkeit bereitet der Dirigent zwei Espressi zu, nimmt zufrieden zur Kenntnis, dass auch der Besucher keinen Zucker in den Kaffee möchte und freut sich, über Musik reden zu können, gedankenschnell, sehr sympathisch, niemals dozierend. Von den Schwierigkeiten etwa, mit Mozart ins Aufnahmestudio zu gehen, wobei er Mitsuko Uchida zitiert (mit der er im Dezember beim Zürcher Tonhalle-Orchester debütieren wird): „Mozart ist toll, bis man anfängt, ihn aufzunehmen.“ Wie finstere Ungeheuer drohen dann die Details seiner Musik, die beim Aufnahmeprozess wegen des Perfektionsanspruchs in den Vordergrund drängen. „Man kann dabei verrückt werden“, sagt Manacorda und plädiert für Live-Aufnahmen von Mozarts Werken. Auch weil damit dem dramatischen, immer an der Oper ausgerichteten Charakter seiner Musik entsprochen würde: Das Opernhafte von Mozarts Musik sei ja nicht denkbar ohne ein Publikum, dem das Musikalisch-Theatralische im energetischen Hin und Her zwischen Bühne und Zuschauerraum dargeboten werde. Corona kam dazwischen, der eigentlich geplante Live-Mitschnitt aus dem Pierre Boulez Saal in Berlin musste gestrichen werden, im Aufnahmestudio ist nun wieder die Fähigkeit gefragt, sich aus dem Detail zu den großen Zusammenhängen von Mozarts Musik aufzuschwingen.

Wobei Manacorda die Zusammenhänge etwas weniger groß sieht als Nikolaus Harnoncourt, der die drei letzten Sinfonien Mozarts kurzerhand als ein einziges zusammenhängendes Riesenwerk verstand und die Sinfonien entsprechend attacca spielen ließ. Manacorda steht dieser Theorie skeptisch gegenüber, sieht aber dennoch einen Zusammenhang zwischen den drei Werken, die Mozart innerhalb von sechs Wochen schrieb. Massimo Mila, der große italienische Musikkritiker („der Joachim Kaiser Italiens“, wie Manacorda sagt), habe vorgeschlagen, die Stücke als These, Antithese und Synthese zu begreifen. Eine Vorstellung, der Manacorda gerne folgt, weil sie jedem der drei Werke seine Eigenständigkeit lasse. Der Dirigent, der in Turin zur Welt kam in einer italienisch-französischen Familie und in Amsterdam als Geiger ausgebildet wurde, hat vielerlei Arten kennengelernt, Mozart aufzuführen. Als Gründungsmitglied des Mahler Chamber Orchestra (und dessen Konzertmeister) spielte er unter anderem mit Marc Minkowski, Daniel Harding, Claudio Abbado. Zusammen mit seiner Beschäftigung mit der historischen Aufführungspraxis ist das die Basis, von der aus Manacorda seinen eigenen Stil entwickelte. Den vermag er bündig kurz zusammenzufassen: „Sag mir etwas!“ Darum gehe es doch in einem Konzert: den Hörer unmittelbar anzusprechen. Was auch bedeute, ihn als heutigen Menschen wahrzunehmen. „Wir müssen eine Verbindung schaff en vom Damals zum Heute“, sagt der Dirigent, weshalb die Beschäftigung mit der historischen Aufführungspraxis zwar wichtig sei, die Umsetzung aber nie dogmatisch erfolgen dürfe. Bloß kein „bewusstes“ Spiel („Ich hasse dieses Wort“), Leben soll im Musizieren sein, die Musiker sollen sich mit ganzem, heutigem Herzen einbringen. Ermüdet vom korrekten Einerlei vieler Alte-Musik-Ensembles erhalten so auch „historische“ Aufnahmen wieder neue Aufmerksamkeit. Für Manacorda etwa jene von Carlos Kleiber, bei dessen Beethoven-Einspielungen man doch höre, wie genau er die Originalquellen studiert habe.
Um die Ausdruckspalette möglichst groß zu halten, greifen Manacorda und die Potsdamer Kammerphilharmonie auf eine Mischung zurück: moderne Instrumente bei den Holzbläsern, historische beim Blech und bei der Pauke. Den direkteren, schlankeren Klang der Naturhörner und -trompeten nimmt er gerne mit, weil er sich so elegant auf den Streicherklang legt und die Transparenz des Gesamtklanges auch im Fortissimo nie gefährdet ist. Bei den Holzbläsern mag er nicht auf die dynamischen und farblichen Möglichkeiten der modernen Instrumente verzichten.
Die Kammerakademie bleibt derweil Fixpunkt in einem Dirigentenleben, das zunehmend an Fahrt gewinnt. „Figaro“ wie „Entführung“ dirigiert Manacorda in dieser Saison an der Wiener Staatsoper, in Covent Garden „La Traviata“, bei den Münchner Philharmonikern übernimmt er Beethovens 9. Und in Berlin stehen gleich zwei Debüts an: bei den Berliner Philharmonikern im Mai und an der Staatsoper im Januar, wo er „Ariadne auf Naxos“ leiten wird. Daniel Barenboim hält große Stücke auf Manacorda und hat sich bemüht, ihn für die Berliner Staatsoper zu engagieren. Dass der Dirigent bislang vor allem mit dem Repertoire der Klassik in Verbindung gebracht wird, mit Mozart, Schubert, Beethoven und Mendelssohn (er sei hier großzügig dazugezählt), verdeckt ein wenig, dass Manacorda längst zu den wenigen Universalisten des Betriebes zählt, denen man so ziemlich alles anvertrauen kann.
Im Fall von Richard Strauss etwa hat er sich längst bewiesen. Bei einer Aufführung der „Alpensinfonie“ zum Beispiel in Garmisch-Patenkirchen beim Richard-Strauss-Festival 2019. Manacorda dirigierte so sinnlich, wie es diese Musik verlangt und so überlegt, wie es die Komplexität und Dimension dieses Riesenstückes erfordert. Wieder einmal zeigte sich: Wer Mozart kann, ist auch für Richard Strauss gut gerüstet. Und für Richard Wagner vermutlich auch.
Die Teldex-Studios in Berlin-Lichterfelde im vergangenen November. Mit der Kammerakademie Potsdam nimmt Antonello Manacorda die letzten drei Sinfonien von Wolfgang Amadeus Mozart auf. Der zweite Lockdown ist gerade ein paar Wochen alt, das Tonstudio wird zur Oase, in der das kulturelle Leben der Musiker noch weitergeführt werden kann, auf Abstand gleichwohl, aber immerhin. Entsprechend engagiert wird vorgegangen – wobei sich mangelndes oder gedämpftes Engagement dem Potsdamer Ensemble auch sonst nicht vorwerfen lässt. Zu seinen Markenzeichen gehört Herzhaftigkeit und die Fähigkeit, auch mal ordentlich zupacken zu können, beweglich und schnell im athletisch abgespeckten Rahmen eines Kammerorchesters.
Die Musikerinnen und Musiker spielen sich warm an diesem kühlen Novembermorgen. Antonello Manacorda, der sein Hemd gleichwohl südländisch weit aufgeknöpft trägt, geht bei der Jupiter- Sinfonie noch einmal in dieses und jenes Detail. „Eine Energie, die nach oben, in die Höhe gerichtet ist“, fordert er für die Akkordschläge des ersten Themas im Kopfsatz, sie sollen bloß nicht in den Boden gerammt sein. Und ein Kontrabassist fordert die Mitspieler nach Unschärfen im Zusammenspiel auf, doch „enger an Antonellos Schlag“ zu spielen. Dass Manacorda diese Aufforderung nicht selbst ausspricht, sagt viel aus über die Art, wie hier zusammengearbeitet wird. Jedem steht offen, sich am Probenprozess zu beteiligen, gleichwohl bricht weder ein Diskussions-Durcheinander aus, noch bleibt ungewiss, wer am Ende die Fäden zusammenführt: Antonello Manacorda natürlich, der die Beteiligung aus dem Orchester gut aushalten und bündeln kann. Es ist ein Arbeitsstil, der in elf Jahren gewachsen ist, die Manacorda Chef in Potsdam ist. Selbstverständlichkeit ist daraus erwachsen, ungute Routine offenbar nicht.
Zwei Wochen später in einer Loftwohnung im Dach eines ehemaligen Lagerhauses in Berlin-Kreuzberg. Die Partitur von Webers „Freischütz“ liegt auf dem Küchentresen (drei Monate später wird Manacorda die Neuinszenierung des Werkes an der Münchner Staatsoper dirigieren), eine handgroße Wagner-Büste steht auf einer Kommode, was im Umfeld der stilbewusst eingerichteten Wohnung durchaus als ironische Brechung wahrzunehmen ist, aber auch seinen ernsten Kern hat: Manacorda brennt darauf, Wagner zu dirigieren. Mit der ihm eigenen Behändigkeit bereitet der Dirigent zwei Espressi zu, nimmt zufrieden zur Kenntnis, dass auch der Besucher keinen Zucker in den Kaffee möchte und freut sich, über Musik reden zu können, gedankenschnell, sehr sympathisch, niemals dozierend. Von den Schwierigkeiten etwa, mit Mozart ins Aufnahmestudio zu gehen, wobei er Mitsuko Uchida zitiert (mit der er im Dezember beim Zürcher Tonhalle-Orchester debütieren wird): „Mozart ist toll, bis man anfängt, ihn aufzunehmen.“ Wie finstere Ungeheuer drohen dann die Details seiner Musik, die beim Aufnahmeprozess wegen des Perfektionsanspruchs in den Vordergrund drängen. „Man kann dabei verrückt werden“, sagt Manacorda und plädiert für Live-Aufnahmen von Mozarts Werken. Auch weil damit dem dramatischen, immer an der Oper ausgerichteten Charakter seiner Musik entsprochen würde: Das Opernhafte von Mozarts Musik sei ja nicht denkbar ohne ein Publikum, dem das Musikalisch-Theatralische im energetischen Hin und Her zwischen Bühne und Zuschauerraum dargeboten werde. Corona kam dazwischen, der eigentlich geplante Live-Mitschnitt aus dem Pierre Boulez Saal in Berlin musste gestrichen werden, im Aufnahmestudio ist nun wieder die Fähigkeit gefragt, sich aus dem Detail zu den großen Zusammenhängen von Mozarts Musik aufzuschwingen.

Wobei Manacorda die Zusammenhänge etwas weniger groß sieht als Nikolaus Harnoncourt, der die drei letzten Sinfonien Mozarts kurzerhand als ein einziges zusammenhängendes Riesenwerk verstand und die Sinfonien entsprechend attacca spielen ließ. Manacorda steht dieser Theorie skeptisch gegenüber, sieht aber dennoch einen Zusammenhang zwischen den drei Werken, die Mozart innerhalb von sechs Wochen schrieb. Massimo Mila, der große italienische Musikkritiker („der Joachim Kaiser Italiens“, wie Manacorda sagt), habe vorgeschlagen, die Stücke als These, Antithese und Synthese zu begreifen. Eine Vorstellung, der Manacorda gerne folgt, weil sie jedem der drei Werke seine Eigenständigkeit lasse. Der Dirigent, der in Turin zur Welt kam in einer italienisch-französischen Familie und in Amsterdam als Geiger ausgebildet wurde, hat vielerlei Arten kennengelernt, Mozart aufzuführen. Als Gründungsmitglied des Mahler Chamber Orchestra (und dessen Konzertmeister) spielte er unter anderem mit Marc Minkowski, Daniel Harding, Claudio Abbado. Zusammen mit seiner Beschäftigung mit der historischen Aufführungspraxis ist das die Basis, von der aus Manacorda seinen eigenen Stil entwickelte. Den vermag er bündig kurz zusammenzufassen: „Sag mir etwas!“ Darum gehe es doch in einem Konzert: den Hörer unmittelbar anzusprechen. Was auch bedeute, ihn als heutigen Menschen wahrzunehmen. „Wir müssen eine Verbindung schaff en vom Damals zum Heute“, sagt der Dirigent, weshalb die Beschäftigung mit der historischen Aufführungspraxis zwar wichtig sei, die Umsetzung aber nie dogmatisch erfolgen dürfe. Bloß kein „bewusstes“ Spiel („Ich hasse dieses Wort“), Leben soll im Musizieren sein, die Musiker sollen sich mit ganzem, heutigem Herzen einbringen. Ermüdet vom korrekten Einerlei vieler Alte-Musik-Ensembles erhalten so auch „historische“ Aufnahmen wieder neue Aufmerksamkeit. Für Manacorda etwa jene von Carlos Kleiber, bei dessen Beethoven-Einspielungen man doch höre, wie genau er die Originalquellen studiert habe.
Um die Ausdruckspalette möglichst groß zu halten, greifen Manacorda und die Potsdamer Kammerphilharmonie auf eine Mischung zurück: moderne Instrumente bei den Holzbläsern, historische beim Blech und bei der Pauke. Den direkteren, schlankeren Klang der Naturhörner und -trompeten nimmt er gerne mit, weil er sich so elegant auf den Streicherklang legt und die Transparenz des Gesamtklanges auch im Fortissimo nie gefährdet ist. Bei den Holzbläsern mag er nicht auf die dynamischen und farblichen Möglichkeiten der modernen Instrumente verzichten.
Die Kammerakademie bleibt derweil Fixpunkt in einem Dirigentenleben, das zunehmend an Fahrt gewinnt. „Figaro“ wie „Entführung“ dirigiert Manacorda in dieser Saison an der Wiener Staatsoper, in Covent Garden „La Traviata“, bei den Münchner Philharmonikern übernimmt er Beethovens 9. Und in Berlin stehen gleich zwei Debüts an: bei den Berliner Philharmonikern im Mai und an der Staatsoper im Januar, wo er „Ariadne auf Naxos“ leiten wird. Daniel Barenboim hält große Stücke auf Manacorda und hat sich bemüht, ihn für die Berliner Staatsoper zu engagieren. Dass der Dirigent bislang vor allem mit dem Repertoire der Klassik in Verbindung gebracht wird, mit Mozart, Schubert, Beethoven und Mendelssohn (er sei hier großzügig dazugezählt), verdeckt ein wenig, dass Manacorda längst zu den wenigen Universalisten des Betriebes zählt, denen man so ziemlich alles anvertrauen kann.
Im Fall von Richard Strauss etwa hat er sich längst bewiesen. Bei einer Aufführung der „Alpensinfonie“ zum Beispiel in Garmisch-Patenkirchen beim Richard-Strauss-Festival 2019. Manacorda dirigierte so sinnlich, wie es diese Musik verlangt und so überlegt, wie es die Komplexität und Dimension dieses Riesenstückes erfordert. Wieder einmal zeigte sich: Wer Mozart kann, ist auch für Richard Strauss gut gerüstet. Und für Richard Wagner vermutlich auch.



