Interview & Porträt

Uneitler Klangveredler

Von
Josef Oehrlein
Erschienen in der Printausgabe im
Dezember 2021
Lesezeit ca.
…
Minuten
Foto Peter Meisel / BR
Foto Peter Meisel / BR

Nach dem düsteren Beginn nimmt mit dem Hauptthema im ersten Satz Tschaikowskis fünfte Sinfonie Fahrt auf, die Erregung steigt, die Musiker legen sich ins Zeug, fachen ein wahres Klangfeuer an. „Das war schon ganz gut“, bedeutet ihnen Mariss Jansons am Dirigentenpult, „aber Sie spielen die Noten noch immer ein bisschen automatisch“. Es gehe hier nicht um äußerliche Effekte, sondern um die innere Welt des Komponisten, eines unglücklichen Menschen, um eine „seelische Tragödie“, die Tschaikowski in Töne gefasst hat. Jansons treibt das Orchester zu noch stärkerer Emphase an und hält dann inne für einen Exkurs. Er erinnert die Musiker daran, dass Tschaikowski unter seinen homosexuellen Neigungen extrem leiden musste, weil er sie im zaristischen Russland nicht ausleben konnte: ein innerliches Drama, das ihn fast in den Selbstmord getrieben habe.

Während der Proben unterbrach Jansons die musikalische Arbeit mit dem Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks gern immer wieder, um mit seinen Überlegungen, Erkenntnissen und Assoziationen die Musiker in die Klangwelt der Komposition hineinzugeleiten, an der gerade gearbeitet wurde. Mit diesen oft recht detaillierten, in eine bilderreiche, oft auch humorvolle Sprache gekleideten Erläuterungen erreichte er oft weit mehr als mit rein technischen Anweisungen, wie an dieser und jener Stelle zu spielen sei: Die Interpretation wurde mit einem Mal beseelt.

Jansons᾿ Probenmethode birgt einen Teil des Geheimnisses, das die Konzerte unter seiner Leitung immer wieder zu grandiosen Ereignissen werden ließ. Sie trug auch dazu bei, dass das BR-Orchester und Jansons als sein Chefdirigent über mehr als eineinhalb Jahrzehnte, von 2003 bis 2019, eine verschworene Gemeinschaft bildeten. Ihm ging es stets darum, eine ausgeklügelte Balance herzustellen zwischen dramatischem Ausdruck und Schönklang, extreme Ausbrüche und schroffe Stimmungswechsel waren seine Sache nicht. Jansons war ein unermüdlicher Klangveredler, ein Meister der akribischen Feinarbeit und der musikalischen Tiefenerkundung. Er konnte so lange an bestimmten Passagen feilen, bis selbst im feinsten Pianissimo die exakt passende Klangfarbe gefunden war. Andererseits gab er den Interpreten von Solostellen allenfalls „die Richtung vor“ und ließ ihnen ansonsten Raum für freie Gestaltung, zeigte sich offen für Hinweise und Vorschläge aus dem Orchester. Den Respekt, den Jansons den Musikern zollte, dankten sie ihm mit großem Eifer und einer nahezu bedingungslosen Gefolgschaft.

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Über eineinhalb Jahrzehnte war das BR-Symphonieorchester Jansons Klangkörper.

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Mariss Jansons ist am 1. Dezember 2019 im Alter von 76 Jahren gestorben. Mit dem BR-Orchester ist eine beachtliche Zahl an Konzertmitschnitten entstanden, die das Kontinuum seiner Arbeit mit den Münchner Musikern bezeugen. Das Label BR-Klassik veröffentlicht jetzt eine monumentale Box mit unvergesslichen Aufführungen, allein 15 der 57 CDs enthalten bislang unveröffentlichte Aufnahmen, dazu kommen zwei DVDs und elf SACDs. Die drei CDs mit Tonaufnahmen von den Proben zu der „Symphonie phantastique“ von Héctor Berlioz, dem „Till Eulenspiegel“ von Richard Strauss und eben auch der fünften Sinfonie von Tschaikowski sind weit mehr als „Bonus“- Scheiben. Sie dokumentieren anschaulich die von den Musikern als so anregend wie produktiv empfundene Arbeitsweise unter Jansons. Die Box enthält Werke von 42 Komponisten, vor allem anderen klassisch-romantische Großsinfonik, sämtliche Sinfonien von Beethoven, Brahms und Mahler. Bruckners sinfonisches Schaffen ist relativ komplett repräsentiert, es fehlen lediglich die erste, zweite und fünfte Sinfonie, aber es wurde immerhin eine bislang unveröffentlichte Aufführung von Bruckners Messe Nr. 3 f-Moll beigefügt. Tschaikowski ist nur mit den Sinfonien fünf und sechs vertreten, dafür aber auch mit einem auf drei CDs verteilten kompletten Mitschnitt einer konzertanten Aufführung der Oper „Pique Dame“, der Jansons bei der in seinem Schaffen eher seltenen Aktivität als Operndirigent zeigt. Die beiden DVDs enthalten Video-Aufnahmen von Konzerten mit Haydns Harmoniemesse B-Dur und Arnold Schönbergs „Gurre-Liedern“.

Der Lette Jansons, der seinen Lebensmittelpunkt in der russischen Metropole Sankt Petersburg fand und dort auch gestorben ist, unterhielt eine besonders enge Beziehung zum Werk von Dmitri Schostakowitsch, Aufführungen von dessen Sinfonien gerieten unter ihm zu aufwühlenden Konzertabenden. Umso bedauerlicher ist, dass nur fünf der 15 Sinfonien von Schostakowitsch (die fünfte, sechste, siebte, neunte und zehnte) Eingang in die Box gefunden haben. Jansons hat zwar auch die übrigen dirigiert, doch Aufnahmen davon sind bei anderen Klassik-Labeln veröffentlicht worden. Wohl aus dem gleichen Grund fehlen auch die großen Solokonzerte.

Werke der Wiener Klassik hat Jansons nur sehr sparsam aufgeführt, Barockkompositionen so gut wie gar nicht, auch in die zeitgenössische Musik jenseits von Schostakowitsch hat er sich nur zaghaft vorgewagt. Umso verdienstvoller ist, dass er zweieinhalb Jahre vor seinem Tod mit den „Requiem- Strophen“ von Wolfgang Rihm noch ein höchst komplexes Werk eines zwar in der Tradition verwurzelten, aber sich in einer radikal modernen Tonsprache äußernden Komponisten mit BR-Chor und -Orchester sowie den Solisten Anna Prohaska, Mojca Erdmann und Hanno Müller-Brachmann einstudierte und uraufführte. Unter der Nummer 41 hat die grandiose Interpretation des Auftragswerks der Konzertreihe musica viva des BR in der Box Platz gefunden.

Mit dem Tod Jansons᾿ ist beim BR-Sinfonieorchester ein besonders harmonischer Abschnitt in der Geschichte des Klangkörpers zu Ende gegangen. Die vier Vorgänger Jansons᾿ haben, angefangen mit dem von 1949 bis 1960 tätigen Gründer-Chef Eugen Jochum, der das Fundament für eine gedeihliche Entwicklung legte, auf einem jeweils anderen Gebiet das Repertoire erweitert. Rafael Kubelik (1961- 1979; bis 1985 ständiger Gastdirigent) erschloss dem Orchester vor allem die slawische Musikwelt, bei Colin Davis (1983-1992) bildeten die Wiener Klassik und englische Komponisten wie Elgar, Tippett und Vaughan Williams den Schwerpunkt. Lorin Maazel (1992 bis 2002) brachte das BR-Orchester technisch auf ein außerordentlich hohes Niveau, baute in kürzester Zeit ein gewaltiges Repertoire auf, Brillanz und Perfektion waren die Devise. Es war eine sehr geschäftige Phase, in der das Orchester erheblich an internationaler Reputation zulegte.

Nach Jansons᾿ Amtsantritt 2003 geschah Wundersames. Er ging mit ungewohnter Leidenschaft ans Werk, arbeitete so intensiv wie kaum einer seiner Vorgänger an jenem warmtönigen, farbenreichen, hochgesättigten Klangbild, das als unverwechselbares Markenzeichen des BR-Orchesters gilt. Er schlug große, weite Bögen, führte mit klarer Linie durch das Dickicht von Klangballungen. Mit einem Mal war in dem Verhältnis zwischen Musikern und Dirigent von Harmonie, Menschlichkeit und gar Liebe die Rede. Wie das? „Jansons war ein unglaublich großzügiger Mensch“, erinnert sich der erste Konzertmeister Anton Barakhovsky. Nie habe er den großen Maestro herausgekehrt. „Ich habe ihn nie wütend oder schlecht gelaunt erlebt, obwohl er viele Probleme in administrativen Angelegenheiten zu bewältigen hatte.“

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Die oft anstrengenden Proben fanden in entspannter Atmosphäre statt.

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Von autoritärem Herumbrüllen am Pult hielt Jansons tatsächlich nie etwas, er war überzeugt, dass man damit gar nichts erreicht. „Er hat das Orchester geliebt, wir haben das gespürt, und wir haben ihn auch geliebt“, sagt Barakhovsky. Die Tür zu Jansons᾿ Zimmer sei immer offen gewesen, und wenn jemand hereinkam, habe er dem Besucher immer zuerst eine Leckerei angeboten. Jansons sei es nie nur um „tolle Konzerte mit uns“ gegangen, „er hat sich mit Haut und Haar für uns eingesetzt“, ergänzt die Geigerin Anne Schoenholtz, und auch sie betont, wie entspannt und gar fröhlich die Atmosphäre in den von Jansons präzise vorbereiteten, oft genug anstrengenden Proben meist gewesen sei.

Dass sich Jansons weitgehend auf die klassisch-romantische Großsinfonik konzentriert hat, empfinden die BR-Musiker nicht als Nachteil, das sei eben sein ureigenes Terrain gewesen. Unter den zahlreichen Gastdirigenten, die die übrigen Konzerte bestritten, hatten sie ausreichend Gelegenheit, Musik aus anderen Epochen und Gattungen zu spielen. Und dennoch freuen sie sich darauf, unter Jansons᾿ designiertem Nachfolger Simon Rattle demnächst ein sehr viel weiter gespanntes Repertoire zu beackern. „Rattle ist in allen Epochen zu Hause, vom Barock über die frühe Klassik bis zur zeitgenössischen Musik, er wird das auch vom Orchester fordern“, sagt Anne Schoenholtz. Von Rattle erhofft sich das Orchester nicht nur ein intensives Engagement in der musikalischen Bildung von Jugendlichen, es vertraut auch darauf, dass er sich mit seinem internationalen Renommee für die Vollendung des Projekts eines eigenen Konzertsaals für das BR-Orchester in München einsetzt, für das Jansons jahrelang vehement gekämpft hatte.

Rattle hat auch früher schon das BR-Orchester dirigiert. Da war offenbar bereits der Funke übergesprungen. Jansons habe sich geradezu enthusiastisch über Rattle als seinen möglichen Nachfolger geäußert, bestätigt Anton Barakhovsky. Er habe mit Rattle bei einem persönlichen Treffen über den von 2024 an geplanten Stabwechsel sprechen wollen. Dazu ist es nicht mehr gekommen. Obwohl sich die Vertragsverhandlungen recht lange hinzogen, kommt Rattle nun sogar ein Jahr früher, zur Saison 2023/24.

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Startschuss am 20.10.2003: Beginn der ersten Probe des Chefdirigenten Mariss Jansons in der Philharmonie

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„Jedes Konzert mit Jansons, wirklich jedes, war ein Erlebnis“, resümiert Barakhovsky. „Spielen Sie das Konzert, als sei es Ihr letztes“, habe Jansons den Musikern immer wieder ans Herz gelegt. „Für ihn war gefühlt jedes Konzert wie sein letztes.“ Jansons᾿ wirklich letztes Konzert fand mit dem BR-Orchester am 8. November 2019, drei Wochen vor seinem Tod, auf einer Tournee in der New Yorker Carnegie Hall statt, in der Box ist es auf der CD 13 dokumentiert. Eine 2018 erlittene Virusinfektion hatte Jansons zusätzlich zu seiner ohnehin angegriffenen Gesundheit erheblich geschwächt. Gegen ärztlichen Rat kehrte er nach der Pause an das Pult zurück, um die vierte Sinfonie seines geliebten Brahms zu dirigieren, langsamer und schwergängiger als sonst, aber getragen von seinen Musikern, die aus unzähligen Proben und Konzerten geübt waren, seine Wünsche selbst kleinsten Gesten abzulesen. Im Brahms᾿schen Klangkosmos machten sie es ihm leicht, sich auf sanften Streicherwogen von aller Erdenschwere zu lösen.

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Kommentar von Wilhelm Meister

Der Tonmeister hat die meisten Aufnahmen betreut

Es ist in der Zeit von 2003 bis 2019 ein Vertrauensverhältnis zwischen Mariss Jansons und mir entstanden, das eine gute und unbedingt erforderliche Voraussetzung für die Zusammenarbeit war. Die meisten CD-Aufnahmen sind Konzertmitschnitte, die von Jansons wegen ihres Live-Charakters und der musikalischen Spannung gegenüber Studioproduktionen bevorzugt wurden. Um eine möglichst hohe Perfektion zu erreichen und Huster und andere Störgeräusche zu eliminieren, konnten wir in der Regel auf zwei Konzertmitschnitte und eine Generalprobe zurückgreifen, um eine „Best version“ zu erhalten. Jansons hat großen Wert darauf gelegt, die Produktionen, die auf CD veröffentlicht werden sollten, mit mir zusammen abzuhören und freizugeben. Dabei konnte er sich manchmal schwer entscheiden, welcher Übergang oder welches Tempo am besten für die CD gewählt werden sollten. Ich habe in diesen Fällen versucht, ihm klarzumachen, dass eine CD immer nur eine Momentaufnahme darstellt und keine Gültigkeit für alle Zeiten haben kann. Es war ihm wichtig, dass das Orchester in der Aufnahme in höchster Transparenz und maximaler Dynamik wiedergegeben wurde.

Nach dem düsteren Beginn nimmt mit dem Hauptthema im ersten Satz Tschaikowskis fünfte Sinfonie Fahrt auf, die Erregung steigt, die Musiker legen sich ins Zeug, fachen ein wahres Klangfeuer an. „Das war schon ganz gut“, bedeutet ihnen Mariss Jansons am Dirigentenpult, „aber Sie spielen die Noten noch immer ein bisschen automatisch“. Es gehe hier nicht um äußerliche Effekte, sondern um die innere Welt des Komponisten, eines unglücklichen Menschen, um eine „seelische Tragödie“, die Tschaikowski in Töne gefasst hat. Jansons treibt das Orchester zu noch stärkerer Emphase an und hält dann inne für einen Exkurs. Er erinnert die Musiker daran, dass Tschaikowski unter seinen homosexuellen Neigungen extrem leiden musste, weil er sie im zaristischen Russland nicht ausleben konnte: ein innerliches Drama, das ihn fast in den Selbstmord getrieben habe.

Während der Proben unterbrach Jansons die musikalische Arbeit mit dem Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks gern immer wieder, um mit seinen Überlegungen, Erkenntnissen und Assoziationen die Musiker in die Klangwelt der Komposition hineinzugeleiten, an der gerade gearbeitet wurde. Mit diesen oft recht detaillierten, in eine bilderreiche, oft auch humorvolle Sprache gekleideten Erläuterungen erreichte er oft weit mehr als mit rein technischen Anweisungen, wie an dieser und jener Stelle zu spielen sei: Die Interpretation wurde mit einem Mal beseelt.

Jansons᾿ Probenmethode birgt einen Teil des Geheimnisses, das die Konzerte unter seiner Leitung immer wieder zu grandiosen Ereignissen werden ließ. Sie trug auch dazu bei, dass das BR-Orchester und Jansons als sein Chefdirigent über mehr als eineinhalb Jahrzehnte, von 2003 bis 2019, eine verschworene Gemeinschaft bildeten. Ihm ging es stets darum, eine ausgeklügelte Balance herzustellen zwischen dramatischem Ausdruck und Schönklang, extreme Ausbrüche und schroffe Stimmungswechsel waren seine Sache nicht. Jansons war ein unermüdlicher Klangveredler, ein Meister der akribischen Feinarbeit und der musikalischen Tiefenerkundung. Er konnte so lange an bestimmten Passagen feilen, bis selbst im feinsten Pianissimo die exakt passende Klangfarbe gefunden war. Andererseits gab er den Interpreten von Solostellen allenfalls „die Richtung vor“ und ließ ihnen ansonsten Raum für freie Gestaltung, zeigte sich offen für Hinweise und Vorschläge aus dem Orchester. Den Respekt, den Jansons den Musikern zollte, dankten sie ihm mit großem Eifer und einer nahezu bedingungslosen Gefolgschaft.

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Über eineinhalb Jahrzehnte war das BR-Symphonieorchester Jansons Klangkörper.

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Mariss Jansons ist am 1. Dezember 2019 im Alter von 76 Jahren gestorben. Mit dem BR-Orchester ist eine beachtliche Zahl an Konzertmitschnitten entstanden, die das Kontinuum seiner Arbeit mit den Münchner Musikern bezeugen. Das Label BR-Klassik veröffentlicht jetzt eine monumentale Box mit unvergesslichen Aufführungen, allein 15 der 57 CDs enthalten bislang unveröffentlichte Aufnahmen, dazu kommen zwei DVDs und elf SACDs. Die drei CDs mit Tonaufnahmen von den Proben zu der „Symphonie phantastique“ von Héctor Berlioz, dem „Till Eulenspiegel“ von Richard Strauss und eben auch der fünften Sinfonie von Tschaikowski sind weit mehr als „Bonus“- Scheiben. Sie dokumentieren anschaulich die von den Musikern als so anregend wie produktiv empfundene Arbeitsweise unter Jansons. Die Box enthält Werke von 42 Komponisten, vor allem anderen klassisch-romantische Großsinfonik, sämtliche Sinfonien von Beethoven, Brahms und Mahler. Bruckners sinfonisches Schaffen ist relativ komplett repräsentiert, es fehlen lediglich die erste, zweite und fünfte Sinfonie, aber es wurde immerhin eine bislang unveröffentlichte Aufführung von Bruckners Messe Nr. 3 f-Moll beigefügt. Tschaikowski ist nur mit den Sinfonien fünf und sechs vertreten, dafür aber auch mit einem auf drei CDs verteilten kompletten Mitschnitt einer konzertanten Aufführung der Oper „Pique Dame“, der Jansons bei der in seinem Schaffen eher seltenen Aktivität als Operndirigent zeigt. Die beiden DVDs enthalten Video-Aufnahmen von Konzerten mit Haydns Harmoniemesse B-Dur und Arnold Schönbergs „Gurre-Liedern“.

Der Lette Jansons, der seinen Lebensmittelpunkt in der russischen Metropole Sankt Petersburg fand und dort auch gestorben ist, unterhielt eine besonders enge Beziehung zum Werk von Dmitri Schostakowitsch, Aufführungen von dessen Sinfonien gerieten unter ihm zu aufwühlenden Konzertabenden. Umso bedauerlicher ist, dass nur fünf der 15 Sinfonien von Schostakowitsch (die fünfte, sechste, siebte, neunte und zehnte) Eingang in die Box gefunden haben. Jansons hat zwar auch die übrigen dirigiert, doch Aufnahmen davon sind bei anderen Klassik-Labeln veröffentlicht worden. Wohl aus dem gleichen Grund fehlen auch die großen Solokonzerte.

Werke der Wiener Klassik hat Jansons nur sehr sparsam aufgeführt, Barockkompositionen so gut wie gar nicht, auch in die zeitgenössische Musik jenseits von Schostakowitsch hat er sich nur zaghaft vorgewagt. Umso verdienstvoller ist, dass er zweieinhalb Jahre vor seinem Tod mit den „Requiem- Strophen“ von Wolfgang Rihm noch ein höchst komplexes Werk eines zwar in der Tradition verwurzelten, aber sich in einer radikal modernen Tonsprache äußernden Komponisten mit BR-Chor und -Orchester sowie den Solisten Anna Prohaska, Mojca Erdmann und Hanno Müller-Brachmann einstudierte und uraufführte. Unter der Nummer 41 hat die grandiose Interpretation des Auftragswerks der Konzertreihe musica viva des BR in der Box Platz gefunden.

Mit dem Tod Jansons᾿ ist beim BR-Sinfonieorchester ein besonders harmonischer Abschnitt in der Geschichte des Klangkörpers zu Ende gegangen. Die vier Vorgänger Jansons᾿ haben, angefangen mit dem von 1949 bis 1960 tätigen Gründer-Chef Eugen Jochum, der das Fundament für eine gedeihliche Entwicklung legte, auf einem jeweils anderen Gebiet das Repertoire erweitert. Rafael Kubelik (1961- 1979; bis 1985 ständiger Gastdirigent) erschloss dem Orchester vor allem die slawische Musikwelt, bei Colin Davis (1983-1992) bildeten die Wiener Klassik und englische Komponisten wie Elgar, Tippett und Vaughan Williams den Schwerpunkt. Lorin Maazel (1992 bis 2002) brachte das BR-Orchester technisch auf ein außerordentlich hohes Niveau, baute in kürzester Zeit ein gewaltiges Repertoire auf, Brillanz und Perfektion waren die Devise. Es war eine sehr geschäftige Phase, in der das Orchester erheblich an internationaler Reputation zulegte.

Nach Jansons᾿ Amtsantritt 2003 geschah Wundersames. Er ging mit ungewohnter Leidenschaft ans Werk, arbeitete so intensiv wie kaum einer seiner Vorgänger an jenem warmtönigen, farbenreichen, hochgesättigten Klangbild, das als unverwechselbares Markenzeichen des BR-Orchesters gilt. Er schlug große, weite Bögen, führte mit klarer Linie durch das Dickicht von Klangballungen. Mit einem Mal war in dem Verhältnis zwischen Musikern und Dirigent von Harmonie, Menschlichkeit und gar Liebe die Rede. Wie das? „Jansons war ein unglaublich großzügiger Mensch“, erinnert sich der erste Konzertmeister Anton Barakhovsky. Nie habe er den großen Maestro herausgekehrt. „Ich habe ihn nie wütend oder schlecht gelaunt erlebt, obwohl er viele Probleme in administrativen Angelegenheiten zu bewältigen hatte.“

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Die oft anstrengenden Proben fanden in entspannter Atmosphäre statt.

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Von autoritärem Herumbrüllen am Pult hielt Jansons tatsächlich nie etwas, er war überzeugt, dass man damit gar nichts erreicht. „Er hat das Orchester geliebt, wir haben das gespürt, und wir haben ihn auch geliebt“, sagt Barakhovsky. Die Tür zu Jansons᾿ Zimmer sei immer offen gewesen, und wenn jemand hereinkam, habe er dem Besucher immer zuerst eine Leckerei angeboten. Jansons sei es nie nur um „tolle Konzerte mit uns“ gegangen, „er hat sich mit Haut und Haar für uns eingesetzt“, ergänzt die Geigerin Anne Schoenholtz, und auch sie betont, wie entspannt und gar fröhlich die Atmosphäre in den von Jansons präzise vorbereiteten, oft genug anstrengenden Proben meist gewesen sei.

Dass sich Jansons weitgehend auf die klassisch-romantische Großsinfonik konzentriert hat, empfinden die BR-Musiker nicht als Nachteil, das sei eben sein ureigenes Terrain gewesen. Unter den zahlreichen Gastdirigenten, die die übrigen Konzerte bestritten, hatten sie ausreichend Gelegenheit, Musik aus anderen Epochen und Gattungen zu spielen. Und dennoch freuen sie sich darauf, unter Jansons᾿ designiertem Nachfolger Simon Rattle demnächst ein sehr viel weiter gespanntes Repertoire zu beackern. „Rattle ist in allen Epochen zu Hause, vom Barock über die frühe Klassik bis zur zeitgenössischen Musik, er wird das auch vom Orchester fordern“, sagt Anne Schoenholtz. Von Rattle erhofft sich das Orchester nicht nur ein intensives Engagement in der musikalischen Bildung von Jugendlichen, es vertraut auch darauf, dass er sich mit seinem internationalen Renommee für die Vollendung des Projekts eines eigenen Konzertsaals für das BR-Orchester in München einsetzt, für das Jansons jahrelang vehement gekämpft hatte.

Rattle hat auch früher schon das BR-Orchester dirigiert. Da war offenbar bereits der Funke übergesprungen. Jansons habe sich geradezu enthusiastisch über Rattle als seinen möglichen Nachfolger geäußert, bestätigt Anton Barakhovsky. Er habe mit Rattle bei einem persönlichen Treffen über den von 2024 an geplanten Stabwechsel sprechen wollen. Dazu ist es nicht mehr gekommen. Obwohl sich die Vertragsverhandlungen recht lange hinzogen, kommt Rattle nun sogar ein Jahr früher, zur Saison 2023/24.

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Startschuss am 20.10.2003: Beginn der ersten Probe des Chefdirigenten Mariss Jansons in der Philharmonie

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„Jedes Konzert mit Jansons, wirklich jedes, war ein Erlebnis“, resümiert Barakhovsky. „Spielen Sie das Konzert, als sei es Ihr letztes“, habe Jansons den Musikern immer wieder ans Herz gelegt. „Für ihn war gefühlt jedes Konzert wie sein letztes.“ Jansons᾿ wirklich letztes Konzert fand mit dem BR-Orchester am 8. November 2019, drei Wochen vor seinem Tod, auf einer Tournee in der New Yorker Carnegie Hall statt, in der Box ist es auf der CD 13 dokumentiert. Eine 2018 erlittene Virusinfektion hatte Jansons zusätzlich zu seiner ohnehin angegriffenen Gesundheit erheblich geschwächt. Gegen ärztlichen Rat kehrte er nach der Pause an das Pult zurück, um die vierte Sinfonie seines geliebten Brahms zu dirigieren, langsamer und schwergängiger als sonst, aber getragen von seinen Musikern, die aus unzähligen Proben und Konzerten geübt waren, seine Wünsche selbst kleinsten Gesten abzulesen. Im Brahms᾿schen Klangkosmos machten sie es ihm leicht, sich auf sanften Streicherwogen von aller Erdenschwere zu lösen.

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Kommentar von Wilhelm Meister

Der Tonmeister hat die meisten Aufnahmen betreut

Es ist in der Zeit von 2003 bis 2019 ein Vertrauensverhältnis zwischen Mariss Jansons und mir entstanden, das eine gute und unbedingt erforderliche Voraussetzung für die Zusammenarbeit war. Die meisten CD-Aufnahmen sind Konzertmitschnitte, die von Jansons wegen ihres Live-Charakters und der musikalischen Spannung gegenüber Studioproduktionen bevorzugt wurden. Um eine möglichst hohe Perfektion zu erreichen und Huster und andere Störgeräusche zu eliminieren, konnten wir in der Regel auf zwei Konzertmitschnitte und eine Generalprobe zurückgreifen, um eine „Best version“ zu erhalten. Jansons hat großen Wert darauf gelegt, die Produktionen, die auf CD veröffentlicht werden sollten, mit mir zusammen abzuhören und freizugeben. Dabei konnte er sich manchmal schwer entscheiden, welcher Übergang oder welches Tempo am besten für die CD gewählt werden sollten. Ich habe in diesen Fällen versucht, ihm klarzumachen, dass eine CD immer nur eine Momentaufnahme darstellt und keine Gültigkeit für alle Zeiten haben kann. Es war ihm wichtig, dass das Orchester in der Aufnahme in höchster Transparenz und maximaler Dynamik wiedergegeben wurde.