Menschlich in jeder Hinsicht
Der Pianist David Fray über Bach, Covid und sein Festival „L’Offrande musciale“

Nicht alle Musiker glaubten an Gott, aber alle Musiker glaubten an Bach. Das meinte der Komponist Mauricio Kagel, und wer wollte ihm da widersprechen? Dem französischen Pianisten David Fray ist das zu einfach, er geht einen Schritt weiter: „Wenn ich Bach spiele, spüre ich eine große Herausforderung. Seine Musik ist so außerordentlich, so großartig, so komplex, dass man ihr kaum gerecht werden kann. Gleichzeitig muss man das Menschliche verstehen und herauskristallisieren. Bach nur als heiligen Text zu spielen, hieße Energie, Tanz, Freude, das Lyrische zu vernachlässigen.“
Hier setzt David Fray auch mit seiner jüngsten Bach-Einspielung an, den „Goldberg-Variationen“. Der Titel stammt nicht von Bach. Die Anekdote, dass der Cembalist und Bach-Schüler Johann Gottlieb Goldberg sie einem Grafen als Einschlafhilfe spielen musste, ist nicht gesichert. 1741 heißt es im Druck: „Clavier Ubung bestehend in einer ARIA mit verschiedenen Verænderungen vors Clavicimbal mit 2 Manualen“. Interessant ist der Zusatz auf dem Titelblatt, er gibt David Fray Recht: „Den Liebhabern zur Gemüthsergetzung verfertiget.“ Es geht also nicht nur um Verstand, sondern auch um Gefühl.
„Eine Schwierigkeit ist, jeder der 30 Variationen einen eigenen Charakter zu geben. Gleichzeitig muss man aber dem Gesamtwerk eine Einheit verleihen, der große Bogen darf nicht zerstört werden.“ Die Wahl der Tempi sei entscheidend. „Ich habe nach einer Logik von Variation zu Variation gesucht. Nehmen wir Variation 4; sie wird oft schneller gespielt, als ich es tue. Aber die virtuose Nummer 5 wird ebenfalls schnell gespielt, ohne eine Verbindung zwischen den beiden Variationen.“ Der Bass hat in Nummer 4 große Notenwerte, und so, wie David Fray diese Linie spielt, kann man sich Glockenschläge vorstellen. „Man muss eine lange Resonanz spüren. Bei Variation 5 nehme ich für einen Takt genau diesen Schlag von Variation 4 und spiele dort hinein die zwölf Sechzehntel!“ Er singt: „… dekedeke, dekedeke, dekedeke…, das ist genau das gleiche Tempo. Variation 5 entwickelt sich aus Variation 4!“
David Fray kennt selbstverständlich viele Einspielungen von Bachs legendären Variationen. Bei jeder schätzt er das eine oder andere Detail, aber er fand keine Aufnahme, die die Temporelationen hatte, die er sich vorstellte. „Bei Glenn Gould wird man einfach intelligent, man meint, das Stück nachkomponieren zu können, so klar hört man bei ihm die Architektur. Bei Wilhelm Kempff , der sowieso ein sehr wichtiger Pianist für mich ist, sprechen mich sein Klang und seine Musikalität an.“
Dass David Fray sich überhaupt die „Goldberg-Variationen“ vorgenommen hat, war ein Zufall. Ein Agent schlug es ihm für ein Recital vor. „Ich war mir nicht sicher, ob ich etwas Überzeugendes, etwas Neues aus dem Stück herausdestillieren könnte. Ich bin mir bis heute nicht sicher.“ Schlüssig und überzeugend ist Frays Interpretation allemal, reich an Farben und Artikulationsnuancen, ungeheuer klar in den Strukturen.
Seit David Fray Bachs Matthäus-Passion als Kind gehört hat, ist er nicht mehr von ihm losgekommen. Und dass Bach, Mozart, Beethoven, Schubert seine wichtigsten Komponisten sind – aufgenommen hat er auch Chopin und Boulez –, ist ihm in gewisser Weise in die Wiege gelegt worden. „Mein Repertoire war von Anfang an österreichisch-deutsch ausgerichtet. Diese Kultur war zu Hause sehr präsent. Meine Mutter ist Deutsch-Lehrerin, mein Vater Philosophie-Lehrer. Bei russischer Musik beispielsweise habe ich nicht wirklich das Gefühl, etwas Besonderes sagen zu können.“
David Fray möchte berühren mit seiner Kunst, ihre Schönheit beleuchten, ihre verbindende Kraft nutzen, um sie möglichst vielen Menschen nahezubringen. Das war ein Grund, weshalb er in den „Hautes Pyrénées“ rund um Tarbes – wo er aufgewachsen ist und heute wieder lebt – ein kleines Festival mit einem „bachschen Titel“ ins Leben rief: „L’Off rande Musicale“ (Das musikalische Opfer). In diesem Jahr konnte es zum ersten Mal stattfinden. Es sei ein ganz traditionelles Festival, in einer wunderschönen, aber zu wenig bekannten Gegend, sagt der Künstler. Einerseits sollen große Künstler hier auftreten. Als Jugendlicher musste David Fray bis ins 150 Kilometer entfernte Toulouse fahren, um Konzerte zu hören. Andererseits solle aber – und das macht das kleine Festival wirklich besonders – die Aufmerksamkeit auf das Leben behinderter Menschen gelenkt werden. Sie werden zu den Konzerten des Festivals eingeladen, Begegnungen und Verständnis sollen ermöglicht, Sichtweisen verändert werden.
Wie wichtig das ist, weiß David Fray, er kennt die Situation aus seinem Umfeld. „Wir reservieren 20 Prozent der Plätze kostenlos für Behinderte. Dann ermöglichen wir Menschen, die aus verschiedensten Gründen nicht in der Lage sind, ein langes Konzert zu besuchen, zu den Proben zu kommen. Sie können so lange bleiben, wie sie möchten, seien es 15 Minuten oder eine Stunde.“ Der direkte Kontakt mit der Musik sei wichtig. „Das Live-Konzert ist das natürliche Biotop der Musik. Nicht die CD, Fernsehen, Radio oder Streaming. Zu erleben, wie Klang entsteht, dafür gibt es keinen Ersatz!“ Gerade nach der langen Zwangspause durch die Corona-Pandemie werde dies besonders deutlich. David Fray gerät merklich in Rage. „Ich habe extrem darunter gelitten, wie Musik und Kultur in diesen zwei Jahren behandelt wurde. Ein Albtraum, eine riesengroße Desillusionierung! Bei allem Verständnis für die Beschränkungen. Aber Musik, Malerei, Architektur, sie dienen nicht nur der Unterhaltung, sie sind unser kulturelles Fundament und damit essenziell! Wenn es das einzige Ziel ist, den Supermarkt zu besuchen, weil Regierungen es so bestimmen, dann setze ich nicht mehr viel auf unsere Zivilisation.“
Nicht alle Musiker glaubten an Gott, aber alle Musiker glaubten an Bach. Das meinte der Komponist Mauricio Kagel, und wer wollte ihm da widersprechen? Dem französischen Pianisten David Fray ist das zu einfach, er geht einen Schritt weiter: „Wenn ich Bach spiele, spüre ich eine große Herausforderung. Seine Musik ist so außerordentlich, so großartig, so komplex, dass man ihr kaum gerecht werden kann. Gleichzeitig muss man das Menschliche verstehen und herauskristallisieren. Bach nur als heiligen Text zu spielen, hieße Energie, Tanz, Freude, das Lyrische zu vernachlässigen.“
Hier setzt David Fray auch mit seiner jüngsten Bach-Einspielung an, den „Goldberg-Variationen“. Der Titel stammt nicht von Bach. Die Anekdote, dass der Cembalist und Bach-Schüler Johann Gottlieb Goldberg sie einem Grafen als Einschlafhilfe spielen musste, ist nicht gesichert. 1741 heißt es im Druck: „Clavier Ubung bestehend in einer ARIA mit verschiedenen Verænderungen vors Clavicimbal mit 2 Manualen“. Interessant ist der Zusatz auf dem Titelblatt, er gibt David Fray Recht: „Den Liebhabern zur Gemüthsergetzung verfertiget.“ Es geht also nicht nur um Verstand, sondern auch um Gefühl.
„Eine Schwierigkeit ist, jeder der 30 Variationen einen eigenen Charakter zu geben. Gleichzeitig muss man aber dem Gesamtwerk eine Einheit verleihen, der große Bogen darf nicht zerstört werden.“ Die Wahl der Tempi sei entscheidend. „Ich habe nach einer Logik von Variation zu Variation gesucht. Nehmen wir Variation 4; sie wird oft schneller gespielt, als ich es tue. Aber die virtuose Nummer 5 wird ebenfalls schnell gespielt, ohne eine Verbindung zwischen den beiden Variationen.“ Der Bass hat in Nummer 4 große Notenwerte, und so, wie David Fray diese Linie spielt, kann man sich Glockenschläge vorstellen. „Man muss eine lange Resonanz spüren. Bei Variation 5 nehme ich für einen Takt genau diesen Schlag von Variation 4 und spiele dort hinein die zwölf Sechzehntel!“ Er singt: „… dekedeke, dekedeke, dekedeke…, das ist genau das gleiche Tempo. Variation 5 entwickelt sich aus Variation 4!“
David Fray kennt selbstverständlich viele Einspielungen von Bachs legendären Variationen. Bei jeder schätzt er das eine oder andere Detail, aber er fand keine Aufnahme, die die Temporelationen hatte, die er sich vorstellte. „Bei Glenn Gould wird man einfach intelligent, man meint, das Stück nachkomponieren zu können, so klar hört man bei ihm die Architektur. Bei Wilhelm Kempff , der sowieso ein sehr wichtiger Pianist für mich ist, sprechen mich sein Klang und seine Musikalität an.“
Dass David Fray sich überhaupt die „Goldberg-Variationen“ vorgenommen hat, war ein Zufall. Ein Agent schlug es ihm für ein Recital vor. „Ich war mir nicht sicher, ob ich etwas Überzeugendes, etwas Neues aus dem Stück herausdestillieren könnte. Ich bin mir bis heute nicht sicher.“ Schlüssig und überzeugend ist Frays Interpretation allemal, reich an Farben und Artikulationsnuancen, ungeheuer klar in den Strukturen.
Seit David Fray Bachs Matthäus-Passion als Kind gehört hat, ist er nicht mehr von ihm losgekommen. Und dass Bach, Mozart, Beethoven, Schubert seine wichtigsten Komponisten sind – aufgenommen hat er auch Chopin und Boulez –, ist ihm in gewisser Weise in die Wiege gelegt worden. „Mein Repertoire war von Anfang an österreichisch-deutsch ausgerichtet. Diese Kultur war zu Hause sehr präsent. Meine Mutter ist Deutsch-Lehrerin, mein Vater Philosophie-Lehrer. Bei russischer Musik beispielsweise habe ich nicht wirklich das Gefühl, etwas Besonderes sagen zu können.“
David Fray möchte berühren mit seiner Kunst, ihre Schönheit beleuchten, ihre verbindende Kraft nutzen, um sie möglichst vielen Menschen nahezubringen. Das war ein Grund, weshalb er in den „Hautes Pyrénées“ rund um Tarbes – wo er aufgewachsen ist und heute wieder lebt – ein kleines Festival mit einem „bachschen Titel“ ins Leben rief: „L’Off rande Musicale“ (Das musikalische Opfer). In diesem Jahr konnte es zum ersten Mal stattfinden. Es sei ein ganz traditionelles Festival, in einer wunderschönen, aber zu wenig bekannten Gegend, sagt der Künstler. Einerseits sollen große Künstler hier auftreten. Als Jugendlicher musste David Fray bis ins 150 Kilometer entfernte Toulouse fahren, um Konzerte zu hören. Andererseits solle aber – und das macht das kleine Festival wirklich besonders – die Aufmerksamkeit auf das Leben behinderter Menschen gelenkt werden. Sie werden zu den Konzerten des Festivals eingeladen, Begegnungen und Verständnis sollen ermöglicht, Sichtweisen verändert werden.
Wie wichtig das ist, weiß David Fray, er kennt die Situation aus seinem Umfeld. „Wir reservieren 20 Prozent der Plätze kostenlos für Behinderte. Dann ermöglichen wir Menschen, die aus verschiedensten Gründen nicht in der Lage sind, ein langes Konzert zu besuchen, zu den Proben zu kommen. Sie können so lange bleiben, wie sie möchten, seien es 15 Minuten oder eine Stunde.“ Der direkte Kontakt mit der Musik sei wichtig. „Das Live-Konzert ist das natürliche Biotop der Musik. Nicht die CD, Fernsehen, Radio oder Streaming. Zu erleben, wie Klang entsteht, dafür gibt es keinen Ersatz!“ Gerade nach der langen Zwangspause durch die Corona-Pandemie werde dies besonders deutlich. David Fray gerät merklich in Rage. „Ich habe extrem darunter gelitten, wie Musik und Kultur in diesen zwei Jahren behandelt wurde. Ein Albtraum, eine riesengroße Desillusionierung! Bei allem Verständnis für die Beschränkungen. Aber Musik, Malerei, Architektur, sie dienen nicht nur der Unterhaltung, sie sind unser kulturelles Fundament und damit essenziell! Wenn es das einzige Ziel ist, den Supermarkt zu besuchen, weil Regierungen es so bestimmen, dann setze ich nicht mehr viel auf unsere Zivilisation.“



