Interview & Porträt

Magie der tiefen Töne

Von
Eva Blaskewitz
Erschienen in der Printausgabe im
Dezember 2021
Lesezeit ca.
…
Minuten
Foto: Maria Frodl
Foto: Maria Frodl

Ein entnervter Musiker beklagt sich in Patrick Süskinds Monolog „Der Kontrabass“ über sein widerborstiges Instrument. Kostprobe: „Ich habe auch anfangs nicht viel Kraft gehabt im rechten Arm, was man haben müsste für den Bogen, weil sonst kriegen Sie keinen Ton heraus aus dem Dreckskasten, einen schönen schon gar nicht. Das heißt, einen schönen Ton kriegen Sie überhaupt nicht heraus, weil ein schöner Ton ist da nicht drin.“

Dominik Wagner lacht, wenn man ihn mit der Passage konfrontiert. Er finnde das Stück sehr lustig, sagt er, und habe sich schon mal überlegt, es selbst aufzuführen. Allerdings mit musikalischen Einlagen, „um zu zeigen, dass man auch ein schönes und nicht frustriertes Leben mit dem Bass haben kann“. Sein Blick auf den Kontrabass und dessen Klang ist natürlich ein ganz anderer: Es ist gerade „der volle, warme, weiche Ton“, der ihn für den Bass begeistert hat, „diese Klangwolke, dieses Universum in jedem einzelnen Ton“.

Dominik Wagner, der 1997 als Sohn des Komponisten Wolfram Wagner in Wien geboren wurde, hat als fünfjähriger Knirps zunächst zum Cello gegriffen. Mit neun kam er zu den Wiener Sängerknaben, mit zehn entdeckte er den Kontrabass für sich. Und eroberte das Instrument im Sturm. Bekam einen Platz als Jungstudent an der Universität für Musik und darstellende Kunst in Wien und später in der Kaderschmiede von Dorin Marc an der Hochschule für Musik Nürnberg. Sahnte Preise bei großen Wettbewerben ab: ARD-Wettbewerb, Eurovision Young Musicians, ECHO Klassik. Wurde Stipendiat der Anne-Sophie Mutter Stiftung.

Jahrelang schien ihm das Kontrabassspiel nur so zuzufliegen. „Ich war eine Naturbegabung“, erzählt er, „und bin einfach schnell besser geworden, ohne zu wissen, wie“. Bis es damit auf einen Schlag vorbei war. „Da konnte ich auf einmal fast nicht mehr spielen. Ich konnte nicht einmal den Bogen von einem Ende bis zum anderen durchziehen und den Ton halten, dabei kann das jeder Mensch, der noch nie Bass gespielt hat, wenn ich ihm einen Bogen in die Hand drücke.“ Physiotherapeuten, Chiropraktiker, Sportärzte: Niemand vermochte ihm zu helfen. Bis er in einem Artikel über Musikerkrankheiten auf die Diagnose Fokale Dystonie stieß. Und eine Spezialistin fand, mit deren Hilfe er das Bassspielen buchstäblich neu erlernte. „Dank ihr bin ich jetzt noch Musiker, wieder Musiker, und ein sehr glücklicher Musiker.“

Gerade hat er seine erste eigene CD vorgelegt, eine Hommage an Giovanni Bottesini, den berühmtesten Kontrabassisten der Geschichte, dessen Geburtstag sich in diesem Jahr zum 200. Mal jährt.  Bottesini: einer der erfolgreichsten Künstler seiner Zeit, als reisender Virtuose in Europa, den USA und Südamerika gefeiert, Komponist von mehr als einem Dutzend Opern (deren erste er für das Teatro Imperial in Havanna schrieb), international gefragter Dirigent, der die „Aida“ seines Freundes Giuseppe Verdi aus der Taufe hob. Schon zu Lebzeiten hat man ihn mit Paganini verglichen; durchaus passend, findet Dominik Wagner: „In seinen Werken ist er wie Paganini meilenweit vor dem, was irgendjemand anderes bis dahin auch nur erdacht hatte. Wie er die Flageoletts ausnutzt, wie er die Register ausnutzt, das gab es vorher nicht einmal ansatzweise. Was er geschaffen hat, ist wirklich revolutionär.“ Es ist aber in erster Linie nicht die funkelnde Virtuosität, die den ehemaligen Wiener Sängerknaben an Bottesini reizt, sondern „dass er mit seinen Werken den Bass zum Singen brachte wie niemand vor und niemand nach ihm“.

Viel Energie und Herzblut steckt in diesem Album, mit dem Dominik Wagner Bottesini ein musikalisches Denkmal gesetzt hat. Er hat alles selbst organisiert: ein Label gesucht, Solisten, ein Orchester, einen Dirigenten. Sponsoren akquiriert. Tonmeister engagiert. Noten beschafft. Die beiden „Grand Duos Concertants“ hat er mangels geeigneten Materials selbst für Streichorchester „arrangiert, layoutet und in den Computer getippt“. Alles in allem hunderte Stunden Arbeit. Das Projekt war ein Experiment, eine neue Erfahrung. Und: ein Prüfstein für die Zukunft. „Ich habe mir gesagt, wenn ich bei dieser Aufnahme wirklich tolle Musik machen kann, wenn ich das ausdrücken kann, was ich empfinde, dann versuche ich, meinen Weg als Solist zu gehen. Wenn nicht, wenn ich mich unwohl fühle und nicht das herauskommt, was ich eigentlich möchte, dann lasse ich eben das Solistische weiterhin nebenher laufen.“ Das Experiment ist gelungen, der Weg nun vorgezeichnet.

Das Bottesini-Album, so hofft Dominik Wagner, könnte dazu beitragen, bei Publikum und Veranstaltern die Skepsis gegenüber dem Kontrabass als Solo-Instrument abzubauen. Wie so vieles, was er tut, um den Bass ins Rampenlicht zu rücken. Er unterrichtet „mit großer Leidenschaft“, gibt Noten heraus, experimentiert mit ungewöhnlichen Kammermusikbesetzungen, etwa im Trio mit Violine, Kontrabass und Marimba. Komponiert und arrangiert. Taucht Beethovens „Gassenhauer-Trio“ oder das Klarinettentrio von Johannes Brahms mit dem Kontrabass anstelle des Cellos in ein dunkelsamtig schimmerndes Licht. Und hat sich Mstislaw Rostropowitsch zum Vorbild genommen, der die größten Komponisten seiner Zeit von Schostakowitsch bis Britten angeregt hat, für sein Instrument zu schreiben. „Auch nur einen Bruchteil davon für den Kontrabass zu erreichen, wäre ein Traum“, sagt er und setzt hinzu: „Da habe ich noch was vor mir. Langweilig wird es nie werden; davon bin ich überzeugt.“

Ein entnervter Musiker beklagt sich in Patrick Süskinds Monolog „Der Kontrabass“ über sein widerborstiges Instrument. Kostprobe: „Ich habe auch anfangs nicht viel Kraft gehabt im rechten Arm, was man haben müsste für den Bogen, weil sonst kriegen Sie keinen Ton heraus aus dem Dreckskasten, einen schönen schon gar nicht. Das heißt, einen schönen Ton kriegen Sie überhaupt nicht heraus, weil ein schöner Ton ist da nicht drin.“

Dominik Wagner lacht, wenn man ihn mit der Passage konfrontiert. Er finnde das Stück sehr lustig, sagt er, und habe sich schon mal überlegt, es selbst aufzuführen. Allerdings mit musikalischen Einlagen, „um zu zeigen, dass man auch ein schönes und nicht frustriertes Leben mit dem Bass haben kann“. Sein Blick auf den Kontrabass und dessen Klang ist natürlich ein ganz anderer: Es ist gerade „der volle, warme, weiche Ton“, der ihn für den Bass begeistert hat, „diese Klangwolke, dieses Universum in jedem einzelnen Ton“.

Dominik Wagner, der 1997 als Sohn des Komponisten Wolfram Wagner in Wien geboren wurde, hat als fünfjähriger Knirps zunächst zum Cello gegriffen. Mit neun kam er zu den Wiener Sängerknaben, mit zehn entdeckte er den Kontrabass für sich. Und eroberte das Instrument im Sturm. Bekam einen Platz als Jungstudent an der Universität für Musik und darstellende Kunst in Wien und später in der Kaderschmiede von Dorin Marc an der Hochschule für Musik Nürnberg. Sahnte Preise bei großen Wettbewerben ab: ARD-Wettbewerb, Eurovision Young Musicians, ECHO Klassik. Wurde Stipendiat der Anne-Sophie Mutter Stiftung.

Jahrelang schien ihm das Kontrabassspiel nur so zuzufliegen. „Ich war eine Naturbegabung“, erzählt er, „und bin einfach schnell besser geworden, ohne zu wissen, wie“. Bis es damit auf einen Schlag vorbei war. „Da konnte ich auf einmal fast nicht mehr spielen. Ich konnte nicht einmal den Bogen von einem Ende bis zum anderen durchziehen und den Ton halten, dabei kann das jeder Mensch, der noch nie Bass gespielt hat, wenn ich ihm einen Bogen in die Hand drücke.“ Physiotherapeuten, Chiropraktiker, Sportärzte: Niemand vermochte ihm zu helfen. Bis er in einem Artikel über Musikerkrankheiten auf die Diagnose Fokale Dystonie stieß. Und eine Spezialistin fand, mit deren Hilfe er das Bassspielen buchstäblich neu erlernte. „Dank ihr bin ich jetzt noch Musiker, wieder Musiker, und ein sehr glücklicher Musiker.“

Gerade hat er seine erste eigene CD vorgelegt, eine Hommage an Giovanni Bottesini, den berühmtesten Kontrabassisten der Geschichte, dessen Geburtstag sich in diesem Jahr zum 200. Mal jährt.  Bottesini: einer der erfolgreichsten Künstler seiner Zeit, als reisender Virtuose in Europa, den USA und Südamerika gefeiert, Komponist von mehr als einem Dutzend Opern (deren erste er für das Teatro Imperial in Havanna schrieb), international gefragter Dirigent, der die „Aida“ seines Freundes Giuseppe Verdi aus der Taufe hob. Schon zu Lebzeiten hat man ihn mit Paganini verglichen; durchaus passend, findet Dominik Wagner: „In seinen Werken ist er wie Paganini meilenweit vor dem, was irgendjemand anderes bis dahin auch nur erdacht hatte. Wie er die Flageoletts ausnutzt, wie er die Register ausnutzt, das gab es vorher nicht einmal ansatzweise. Was er geschaffen hat, ist wirklich revolutionär.“ Es ist aber in erster Linie nicht die funkelnde Virtuosität, die den ehemaligen Wiener Sängerknaben an Bottesini reizt, sondern „dass er mit seinen Werken den Bass zum Singen brachte wie niemand vor und niemand nach ihm“.

Viel Energie und Herzblut steckt in diesem Album, mit dem Dominik Wagner Bottesini ein musikalisches Denkmal gesetzt hat. Er hat alles selbst organisiert: ein Label gesucht, Solisten, ein Orchester, einen Dirigenten. Sponsoren akquiriert. Tonmeister engagiert. Noten beschafft. Die beiden „Grand Duos Concertants“ hat er mangels geeigneten Materials selbst für Streichorchester „arrangiert, layoutet und in den Computer getippt“. Alles in allem hunderte Stunden Arbeit. Das Projekt war ein Experiment, eine neue Erfahrung. Und: ein Prüfstein für die Zukunft. „Ich habe mir gesagt, wenn ich bei dieser Aufnahme wirklich tolle Musik machen kann, wenn ich das ausdrücken kann, was ich empfinde, dann versuche ich, meinen Weg als Solist zu gehen. Wenn nicht, wenn ich mich unwohl fühle und nicht das herauskommt, was ich eigentlich möchte, dann lasse ich eben das Solistische weiterhin nebenher laufen.“ Das Experiment ist gelungen, der Weg nun vorgezeichnet.

Das Bottesini-Album, so hofft Dominik Wagner, könnte dazu beitragen, bei Publikum und Veranstaltern die Skepsis gegenüber dem Kontrabass als Solo-Instrument abzubauen. Wie so vieles, was er tut, um den Bass ins Rampenlicht zu rücken. Er unterrichtet „mit großer Leidenschaft“, gibt Noten heraus, experimentiert mit ungewöhnlichen Kammermusikbesetzungen, etwa im Trio mit Violine, Kontrabass und Marimba. Komponiert und arrangiert. Taucht Beethovens „Gassenhauer-Trio“ oder das Klarinettentrio von Johannes Brahms mit dem Kontrabass anstelle des Cellos in ein dunkelsamtig schimmerndes Licht. Und hat sich Mstislaw Rostropowitsch zum Vorbild genommen, der die größten Komponisten seiner Zeit von Schostakowitsch bis Britten angeregt hat, für sein Instrument zu schreiben. „Auch nur einen Bruchteil davon für den Kontrabass zu erreichen, wäre ein Traum“, sagt er und setzt hinzu: „Da habe ich noch was vor mir. Langweilig wird es nie werden; davon bin ich überzeugt.“