Unerhört farbig
Die Cembalistin Mitzi Meyerson

Als im Mai 2021 ein neues Album der Cembalistin Mitzi Meyerson erschien, war etwas anders. Nicht etwa, dass es Musik Joseph Anton Steffans enthielt, brillanter, aber vergessener Schüler Georg Christoph Wagenseils und Lehrer Marie Antoinettes; denn Meyerson liebt es, Unbekanntes auszugraben. Nein: Das Cover war es. Meyersons elegant produzierte Alben zeigen sonst Gesellschaftsszenen aus der Zeit der Komponisten. Hier ist es ein mythologisches Sujet: Leda, die sich lächelnd dem Schwan zuwendet. „Leda war mir nicht so wichtig“, sagt Meyerson, „eher der Schwan. Vielleicht ist diese Aufnahme mein Schwanengesang.“ Sie sieht die Zukunft aufwendig produzierter Alben skeptisch, das Streaming nehme überhand. „Das ist auch etwas schade“. Dabei ist es Zufall, dass sie ihr Leben dem Cembalo-Spiel gewidmet hat. Ein Rückblick.
Zufallsbekanntschaft Cembalo
Mit 16 Jahren hat sie genug. Die begabte Pianistin aus Chicago, die bereits mit sieben Jahren debütierte, ist von Wettbewerb zu Wettbewerb gehetzt. Dieser, so hat man ihr versprochen, soll der letzte sein. Das Versprechen wird gebrochen. Da gibt Mitzi Meyerson die Musik auf. Einige Jahre verfolgt sie neue Ziele, unter anderem Schauspiel. Dann entdeckt sie die Alte Musik als neues Spielfeld und beginnt das Blockflötenspiel. Als sie bei einem Sommerkurs in Oberlin (Ohio) in einem Warteraum sitzt, steht da ein Cembalo herum. Meyerson fühlt sich vom Instrument angezogen, probiert es aus – und entscheidet sich. Sie studiert in Chicago und Oberlin, gründet in London mit Geigerin Monica Huggett und Cellistin Sarah Cunningham das Trio Sonnerie, konzertiert, spielt zahlreiche Aufnahmen ein und unterrichtet.
Seit 1990 nun in Berlin lehrt Meyerson Cembalo an der Universität der Künste – auf einer Professur, die 1913 für Wanda Landowska eingerichtet wurde. Ihre Studierenden regt sie gezielt zu eigener Kreativität an. „Ich frage dann: Wie sieht diese Emotion aus? Welche Farbe hat sie?“ Jedes Mittel ist recht: „Wenn man Gefühle wirkungsvoll vermitteln will, sollte man Seifenopern in fremden Sprachen schauen. Die Dialoge sind egal – die Emotionen zählen.“ Ihre Lehrtätigkeit vergleicht sie mit ihrer Erfahrung als Doula. In dieser Tätigkeit unterstützt sie Schwangere, Gebärende und junge Mütter seelisch und praktisch. Wie ihre Studierenden die Musik an den Tasten formen wollen, müssen sie selber herausfinden – die Professorin kann dabei nur anregen und begleiten.
Der satte Klang
Aus Meyersons Aufnahmen springt er einen geradezu an: der satte, kernige Sound von fesselnder Farbigkeit. „Viele Spieler kümmern sich wenig um den Klang“, sagt sie. Dabei will er aktiv geformt sein: durch Anschlag, Artikulation und Verzierungen, durch das Auffüllen oder Aushöhlen von Akkorden und sorgfältige Registrierung. Uninteressant findet sie gleichförmiges Brechen, lohnend das volle Hineingehen ins Instrument. Etwa beim exzentrischen Gambisten Forqueray, dessen Musik wohl von seinem Sohn aufs Cembalo übertragen wurde. Bei Meyersons Spiel jedenfalls kann die Musik ihre ganze Drastik und Emotionalität entfalten.
„Ich bin froh, dass ich eine Tonmeisterin gefunden habe, die mich versteht.“ Meyerson meint die Berlinerin Maria Suschke. Für die Aufnahmen wird jeweils ein für Instrument und Musik geeigneter Raum gesucht und mit äußerster Sorgfalt das Aufnahmesetting konstruiert. Die empfindlichen Mikrofone schweben über dem Instrument. Meyerson lässt sich beim Spielen den Klang auf geschlossene Kopfhörer übertragen, so laut, dass der Fokus auf dem Klang liegt, wie ihn spätere Hörerinnen und Hörer über Kopfhörer oder HiFi-Anlage erleben – und nicht so, wie er sich im Aufnahmeraum entfaltet. Das Setting ist derart empfindlich, dass bei einer nächtlichen Aufnahme das Knistern ferner Flammen auffiel und ein Brand verhindert werden konnte.
Raritäten und Geheimnisse
Forqueray ist noch einer der bekannteren Namen in ihrer Diskografie. „Ich suche Sachen, an die man nicht so einfach rankommt.“ Zum Beispiel die kurzweiligen Suiten („Lessons“) des Haydn-Zeitgenossen John Jones: Als ihr das Originalmanuskript angeboten wurde, schlug sie zu – die Gefahr war zu groß, dass es wieder in Privatbesitz verschwand. Oder Cembalosuiten von Richard Jones, die kaum hinter der Tastenmusik seines Zeitgenossen Händel zurückstehen. Seine Violinsonaten, ebenso Musik von Francoeur und Giovanni Battista Somis spielte sie mit der Geigerin Kreeta Maria Kentala und dem Cellisten Lauri Pulakka für Glossa ein – intim-kammermusikalisch, doch mit sprühender Lebendigkeit. „Auf jedem Album verstecke ich ein Geheimnis“, verrät Meyerson. Das kann das Herunterstimmen einer Saite am Ende einer dudelsackartigen Gavotte sein, ein Registriertrick in einem Kanonsatz oder das dezente Abschmieren von Geige und Cello.
Auch die Steff an-Sonaten der jüngsten Einspielung sind Raritäten. Entdeckt hat Meyerson sie bei einem ihrer Streifzüge durch die Berliner Staatsbibliothek. „Ich denke, dass dies wirklich bedeutende Musik ist, eine Art fehlendes Glied im Übergang vom Cembalo zum Klavier“, schreibt Meyerson im Booklet. Der elegant-wienerische Stil findet sich reich ausgeprägt, aber auch die Lust an Tonmalereien, drastischen Klängen und gleichsam orchestraler Dynamik – ein echter Fund.
„Als ich anfing, war noch alles unbekannt“, blickt sie abschließend auf ihre Karriere zurück. Aber auch wenn ein Hauch von Wehmut durch die Bemerkung weht, so verfliegt jede Melancholie, wenn man ihr kraft volles Spiel hört, die Wonne am akzentuierten Rhythmus, das offenkundige Schwelgen im unerhört bunten Cembaloklang.
Als im Mai 2021 ein neues Album der Cembalistin Mitzi Meyerson erschien, war etwas anders. Nicht etwa, dass es Musik Joseph Anton Steffans enthielt, brillanter, aber vergessener Schüler Georg Christoph Wagenseils und Lehrer Marie Antoinettes; denn Meyerson liebt es, Unbekanntes auszugraben. Nein: Das Cover war es. Meyersons elegant produzierte Alben zeigen sonst Gesellschaftsszenen aus der Zeit der Komponisten. Hier ist es ein mythologisches Sujet: Leda, die sich lächelnd dem Schwan zuwendet. „Leda war mir nicht so wichtig“, sagt Meyerson, „eher der Schwan. Vielleicht ist diese Aufnahme mein Schwanengesang.“ Sie sieht die Zukunft aufwendig produzierter Alben skeptisch, das Streaming nehme überhand. „Das ist auch etwas schade“. Dabei ist es Zufall, dass sie ihr Leben dem Cembalo-Spiel gewidmet hat. Ein Rückblick.
Zufallsbekanntschaft Cembalo
Mit 16 Jahren hat sie genug. Die begabte Pianistin aus Chicago, die bereits mit sieben Jahren debütierte, ist von Wettbewerb zu Wettbewerb gehetzt. Dieser, so hat man ihr versprochen, soll der letzte sein. Das Versprechen wird gebrochen. Da gibt Mitzi Meyerson die Musik auf. Einige Jahre verfolgt sie neue Ziele, unter anderem Schauspiel. Dann entdeckt sie die Alte Musik als neues Spielfeld und beginnt das Blockflötenspiel. Als sie bei einem Sommerkurs in Oberlin (Ohio) in einem Warteraum sitzt, steht da ein Cembalo herum. Meyerson fühlt sich vom Instrument angezogen, probiert es aus – und entscheidet sich. Sie studiert in Chicago und Oberlin, gründet in London mit Geigerin Monica Huggett und Cellistin Sarah Cunningham das Trio Sonnerie, konzertiert, spielt zahlreiche Aufnahmen ein und unterrichtet.
Seit 1990 nun in Berlin lehrt Meyerson Cembalo an der Universität der Künste – auf einer Professur, die 1913 für Wanda Landowska eingerichtet wurde. Ihre Studierenden regt sie gezielt zu eigener Kreativität an. „Ich frage dann: Wie sieht diese Emotion aus? Welche Farbe hat sie?“ Jedes Mittel ist recht: „Wenn man Gefühle wirkungsvoll vermitteln will, sollte man Seifenopern in fremden Sprachen schauen. Die Dialoge sind egal – die Emotionen zählen.“ Ihre Lehrtätigkeit vergleicht sie mit ihrer Erfahrung als Doula. In dieser Tätigkeit unterstützt sie Schwangere, Gebärende und junge Mütter seelisch und praktisch. Wie ihre Studierenden die Musik an den Tasten formen wollen, müssen sie selber herausfinden – die Professorin kann dabei nur anregen und begleiten.
Der satte Klang
Aus Meyersons Aufnahmen springt er einen geradezu an: der satte, kernige Sound von fesselnder Farbigkeit. „Viele Spieler kümmern sich wenig um den Klang“, sagt sie. Dabei will er aktiv geformt sein: durch Anschlag, Artikulation und Verzierungen, durch das Auffüllen oder Aushöhlen von Akkorden und sorgfältige Registrierung. Uninteressant findet sie gleichförmiges Brechen, lohnend das volle Hineingehen ins Instrument. Etwa beim exzentrischen Gambisten Forqueray, dessen Musik wohl von seinem Sohn aufs Cembalo übertragen wurde. Bei Meyersons Spiel jedenfalls kann die Musik ihre ganze Drastik und Emotionalität entfalten.
„Ich bin froh, dass ich eine Tonmeisterin gefunden habe, die mich versteht.“ Meyerson meint die Berlinerin Maria Suschke. Für die Aufnahmen wird jeweils ein für Instrument und Musik geeigneter Raum gesucht und mit äußerster Sorgfalt das Aufnahmesetting konstruiert. Die empfindlichen Mikrofone schweben über dem Instrument. Meyerson lässt sich beim Spielen den Klang auf geschlossene Kopfhörer übertragen, so laut, dass der Fokus auf dem Klang liegt, wie ihn spätere Hörerinnen und Hörer über Kopfhörer oder HiFi-Anlage erleben – und nicht so, wie er sich im Aufnahmeraum entfaltet. Das Setting ist derart empfindlich, dass bei einer nächtlichen Aufnahme das Knistern ferner Flammen auffiel und ein Brand verhindert werden konnte.
Raritäten und Geheimnisse
Forqueray ist noch einer der bekannteren Namen in ihrer Diskografie. „Ich suche Sachen, an die man nicht so einfach rankommt.“ Zum Beispiel die kurzweiligen Suiten („Lessons“) des Haydn-Zeitgenossen John Jones: Als ihr das Originalmanuskript angeboten wurde, schlug sie zu – die Gefahr war zu groß, dass es wieder in Privatbesitz verschwand. Oder Cembalosuiten von Richard Jones, die kaum hinter der Tastenmusik seines Zeitgenossen Händel zurückstehen. Seine Violinsonaten, ebenso Musik von Francoeur und Giovanni Battista Somis spielte sie mit der Geigerin Kreeta Maria Kentala und dem Cellisten Lauri Pulakka für Glossa ein – intim-kammermusikalisch, doch mit sprühender Lebendigkeit. „Auf jedem Album verstecke ich ein Geheimnis“, verrät Meyerson. Das kann das Herunterstimmen einer Saite am Ende einer dudelsackartigen Gavotte sein, ein Registriertrick in einem Kanonsatz oder das dezente Abschmieren von Geige und Cello.
Auch die Steff an-Sonaten der jüngsten Einspielung sind Raritäten. Entdeckt hat Meyerson sie bei einem ihrer Streifzüge durch die Berliner Staatsbibliothek. „Ich denke, dass dies wirklich bedeutende Musik ist, eine Art fehlendes Glied im Übergang vom Cembalo zum Klavier“, schreibt Meyerson im Booklet. Der elegant-wienerische Stil findet sich reich ausgeprägt, aber auch die Lust an Tonmalereien, drastischen Klängen und gleichsam orchestraler Dynamik – ein echter Fund.
„Als ich anfing, war noch alles unbekannt“, blickt sie abschließend auf ihre Karriere zurück. Aber auch wenn ein Hauch von Wehmut durch die Bemerkung weht, so verfliegt jede Melancholie, wenn man ihr kraft volles Spiel hört, die Wonne am akzentuierten Rhythmus, das offenkundige Schwelgen im unerhört bunten Cembaloklang.



