Interview & Porträt

Wie eine Mutter trösten

Von
Clemens Haustein
Erschienen in der Printausgabe im
Januar 2022
Lesezeit ca.
…
Minuten

Das Schweigen nimmt zu. 81 Jahre alt ist Christoph Eschenbach, und seine Antworten im Gespräch werden knapper und knapper. Ein ums andere Mal versiegt das Sprechen allmählich (mag sein, dass auch die vorangegangene Probe an den Kräften des ansonsten Rüstigen gezehrt hat), Stille tritt ein, der Gesprächspartner bleibt im Vagen, ob der Dirigent noch weiter der Frage nachdenkt, oder ob die Antwort bereits abgeschlossen ist. Hält man die Stille aus (die hier im Dirigentenzimmer des Berliner Konzerthauses förmlich danach schreit, mit Musik gefüllt zu werden), kann es sein, dass Eschenbachs Augen, die ohnehin so weit sind, plötzlich noch weiter werden, weil ein neuer Gedanke zur Äußerung drängt.

So etwa, als man im Zusammenhang mit Johannes Brahms, dessen Sinfonien er gerade mit dem Konzerthausorchester aufgenommen hat, den Begriff „Trost“ ins Gespräch bringt: Ob es auch das Tröstliche an Brahms’ Musik sei, das ihm den Komponisten so naherückt? Eschenbach beginnt dann mit leuchtenden Augen aus dem „Deutschen Requiem“ zu zitieren: „Ich will euch trösten, wie einen seine Mutter tröstet“, und erzählt, wie er bei seiner Pflegemutter, der Pianistin und Sängerin Wallydore Eschenbach, zuerst mit der Musik von Brahms in Kontakt kam, besonders mit den Liedern. Das Tröstende dieser Musik, so berichtet er, erschloss sich ihm ganz unmittelbar, einem Jungen, der in erheblicher Weise des Trostes bedürftig war.

Eschenbachs Kindheit war traumatisch. Die Mutter starb bei seiner Geburt, der Vater an der Front, als Teil eines Strafbatallions, in das er als Gegner des Nationalsozialismus gezwungen worden war. Eschenbach war da keine fünf Jahre alt, seine Großmutter kümmerte sich nun um ihn und nahm ihn am Kriegsende mit aus der Geburtsstadt Breslau. Im Auffanglager brach Typhus aus, Eschenbach überlebte als Einziger und wurde nun von der Cousine seiner Mutter, Wallydore, aufgenommen. Die Musik, von der Eschenbach in ihrem Haus umgeben war, trug beim monatelang bettlägrigen, zwischenzeitlich verstummten Kind zur Heilung bei, wahrscheinlich war sie sogar die einzig hilfreiche Medizin.

Das mag zeitlich weit entfernt sein und ist es doch nicht, wenn der Dirigent erzählt (wobei sich die Augen plötzlich wieder weiten), dass im Alter Szenen der Kindheit plötzlich wieder näher rücken, dabei aber in einem neuen, geklärteren Licht erscheinen. Und dass er manche traumatische Szene, die er verdrängt habe, nun erst zulassen könne. Man ahnt da, wie überlebenswichtig Musik für Christoph Eschenbach bis heute ist. Und sieht man ihn im Dirigentenzimmer sitzen, nach der Probe einen rosafarbenen Pullover übergezogen aus weicher Wolle, die unbequemen Schuhe ausgezogen (wofür er sich entschuldigt), dann muss man, umgeben von der Stille dieses Raumes, an den Fisch denken, dem das Wasser abhanden gekommen ist, das ihn eben noch so lebendig umflossen hat. Gerade fand die Generalprobe statt für das Konzert am Abend mit Werken von Antonín Dvořák und Brahms – zwei Komponisten, die Eschenbach besonders nahestehen.

Brahms’ 4. Sinfonie erschien hier im geklärten Licht: weniger dramatisch als lyrisch verstanden, ganz nach innen genommen, moderat in den Tempi, dabei aber nie schwer. Das Gleiche gilt für die übrigen drei Sinfonien, die teils live, teils unter Studiobedingungen aufgenommen wurden: Es ist der Reichtum inneren Fühlens und Empfindens, den der Dirigent offenlegt. Eschenbach nimmt sich dabei Zeit für das sprechende, erzählerische Moment. Mit besonderer Sorgfalt zeichnen die Musikerinnen und Musiker des Konzerthausorchesters (das der Dirigent in höchsten Tönen lobt) Phrasierung und Agogik dieser Musik nach – ohne dass sich dabei die Dogmatik historischer Auff ührungspraxis einstellen würde. Dass die 4. Sinfonie einst von der Meininger Hofk apelle uraufgeführt wurde, Brahms’ Lieblingsorchester, das gerade einmal halb so groß war wie ein heutiges Sinfonieorchester – das interessiert Eschenbach nicht allzu sehr. Und braucht es wohl auch nicht, so durchhörbar und beweglich das Orchester unter seiner Leitung spielt.

Wobei vieles ganz intuitiv vor sich zu gehen scheint: Eschenbachs Zeichen sind sparsam, frei von unmittelbar erkennbaren Extremen und Härten. Es überwiegt die weiche, liebevolle Geste. Ganz unnachahmlich gelingt ihm dabei der Beginn der 4. Sinfonie. Eschenbach dirigiert ihn wie eine Kostbarkeit: Anrührende Zärtlichkeit spricht aus den absteigenden Terzen dieses Beginns, der zu den wenigen Stellen gehört, die der Dirigent am Ende des Durchlaufs noch einmal wiederholen lässt: Um die insgesamt nachlassende Gestik der ersten Takte noch deutlicher werden zu lassen. Das Vertrauen in das intuitive Zusammenwirken mit dem Orchester ist so groß, dass die Probe schon eine Stunde vor dem eigentlich anvisierten Schluss zu Ende ist. Alles scheint gesagt, und das ist bei Eschenbach nicht viel: Die Stille, die den Grundton des Gesprächs bildet mit dem Journalisten, wirkt auch als Basis für die Probe. Vielleicht ergibt sich daraus die besondere Wachheit der Orchestermusiker, die auf Eschenbachs minimale Zeichen reagieren – und auf vieles, was er nicht erkennbar zeigt, aber wohl auf sonst einem Weg mitteilt. Das Mysterium einer zeichenlosen Kommunikation zwischen Dirigent und Orchester: Im Berliner Konzerthaus lässt es sich derzeit gut erleben.

Was die Brahms-Sinfonien angeht, habe man besonders schnell einen gemeinsamen Draht gefunden, erzählt Eschenbach. Was ihn nicht von der Feststellung abhält, dass es für eine gelungene Brahms-Aufführung keineswegs ein deutsches Orchester brauche, dass vielmehr Ensembles jeglicher Nationalität für diesen Komponisten geeignet seien – wenn man denn richtig mit ihnen arbeite. Das schwierige Verhältnis zu Brahms, das französischen Künstlern nachgesagt wird, kann Eschenbach, einst Chefdirigent des Orchestre de Paris, nicht bestätigen. Überhaupt reichen sich in Eschenbach die beiden Länder die Hand. Der französischen Musik ist der Dirigent seit jeher besonders zugetan, Paris ist nach wie vor sein Lebensmittelpunkt. Mit dem Houston Symphony Orchestra wiederum hat er 1988 seine erste Gesamtaufnahme der Brahms-Sinfonien vorgelegt, wobei er im Rückblick sagt, dass sich seine Vorstellung von Brahms’ Musik nicht wesentlich geändert habe. Vielleicht hat er den abendlichen Glanz und die Gelassenheit, die sich bei der neuen Aufnahme auf die Sinfonien gelegt haben, selbst noch gar nicht recht wahrgenommen.

Das Engagement des damals bereits 79-Jährigen beim Konzerthausorchester wurde kritisch beäugt. Was seine besonderen Neigungen angeht, darunter die Musik von Brahms, Dvořák und Schostakowitsch, darf das Experiment allerdings als sehr glücklich gelten. Eschenbach ist als das angetreten, was man in der katholischen Kirche einen Zwischenpapst nennt: Auf drei Jahre ließ er seinen Vertrag als Chefdirigent begrenzen und hing dann doch noch eine weitere Saison bis 2023 an. Danach wird ihn Joana Mallwitz als Chefin beerben.

Bis dahin beschwört Eschenbach die verbindende Kraft der Musik, über alle Nationalismen der Zeit und alle begrifflichen Spitzfindigkeiten hinweg. Wann wäre das nötiger gewesen als heute? Und vielleicht hat mit Eschenbachs Sehnsucht nach dem Verbindenden auch seine zunehmende Neigung zur Schweigsamkeit zu tun: Das Zergliedern in Begriff e kann wehtun, das Beschreiben von Musik, die im Erklingen doch alles sagt, überflüssig erscheinen. Nur die Musik soll sprechen, und das tut sie bei Eschenbach in einer Weise, wie sie selten zu erleben ist.

Das Schweigen nimmt zu. 81 Jahre alt ist Christoph Eschenbach, und seine Antworten im Gespräch werden knapper und knapper. Ein ums andere Mal versiegt das Sprechen allmählich (mag sein, dass auch die vorangegangene Probe an den Kräften des ansonsten Rüstigen gezehrt hat), Stille tritt ein, der Gesprächspartner bleibt im Vagen, ob der Dirigent noch weiter der Frage nachdenkt, oder ob die Antwort bereits abgeschlossen ist. Hält man die Stille aus (die hier im Dirigentenzimmer des Berliner Konzerthauses förmlich danach schreit, mit Musik gefüllt zu werden), kann es sein, dass Eschenbachs Augen, die ohnehin so weit sind, plötzlich noch weiter werden, weil ein neuer Gedanke zur Äußerung drängt.

So etwa, als man im Zusammenhang mit Johannes Brahms, dessen Sinfonien er gerade mit dem Konzerthausorchester aufgenommen hat, den Begriff „Trost“ ins Gespräch bringt: Ob es auch das Tröstliche an Brahms’ Musik sei, das ihm den Komponisten so naherückt? Eschenbach beginnt dann mit leuchtenden Augen aus dem „Deutschen Requiem“ zu zitieren: „Ich will euch trösten, wie einen seine Mutter tröstet“, und erzählt, wie er bei seiner Pflegemutter, der Pianistin und Sängerin Wallydore Eschenbach, zuerst mit der Musik von Brahms in Kontakt kam, besonders mit den Liedern. Das Tröstende dieser Musik, so berichtet er, erschloss sich ihm ganz unmittelbar, einem Jungen, der in erheblicher Weise des Trostes bedürftig war.

Eschenbachs Kindheit war traumatisch. Die Mutter starb bei seiner Geburt, der Vater an der Front, als Teil eines Strafbatallions, in das er als Gegner des Nationalsozialismus gezwungen worden war. Eschenbach war da keine fünf Jahre alt, seine Großmutter kümmerte sich nun um ihn und nahm ihn am Kriegsende mit aus der Geburtsstadt Breslau. Im Auffanglager brach Typhus aus, Eschenbach überlebte als Einziger und wurde nun von der Cousine seiner Mutter, Wallydore, aufgenommen. Die Musik, von der Eschenbach in ihrem Haus umgeben war, trug beim monatelang bettlägrigen, zwischenzeitlich verstummten Kind zur Heilung bei, wahrscheinlich war sie sogar die einzig hilfreiche Medizin.

Das mag zeitlich weit entfernt sein und ist es doch nicht, wenn der Dirigent erzählt (wobei sich die Augen plötzlich wieder weiten), dass im Alter Szenen der Kindheit plötzlich wieder näher rücken, dabei aber in einem neuen, geklärteren Licht erscheinen. Und dass er manche traumatische Szene, die er verdrängt habe, nun erst zulassen könne. Man ahnt da, wie überlebenswichtig Musik für Christoph Eschenbach bis heute ist. Und sieht man ihn im Dirigentenzimmer sitzen, nach der Probe einen rosafarbenen Pullover übergezogen aus weicher Wolle, die unbequemen Schuhe ausgezogen (wofür er sich entschuldigt), dann muss man, umgeben von der Stille dieses Raumes, an den Fisch denken, dem das Wasser abhanden gekommen ist, das ihn eben noch so lebendig umflossen hat. Gerade fand die Generalprobe statt für das Konzert am Abend mit Werken von Antonín Dvořák und Brahms – zwei Komponisten, die Eschenbach besonders nahestehen.

Brahms’ 4. Sinfonie erschien hier im geklärten Licht: weniger dramatisch als lyrisch verstanden, ganz nach innen genommen, moderat in den Tempi, dabei aber nie schwer. Das Gleiche gilt für die übrigen drei Sinfonien, die teils live, teils unter Studiobedingungen aufgenommen wurden: Es ist der Reichtum inneren Fühlens und Empfindens, den der Dirigent offenlegt. Eschenbach nimmt sich dabei Zeit für das sprechende, erzählerische Moment. Mit besonderer Sorgfalt zeichnen die Musikerinnen und Musiker des Konzerthausorchesters (das der Dirigent in höchsten Tönen lobt) Phrasierung und Agogik dieser Musik nach – ohne dass sich dabei die Dogmatik historischer Auff ührungspraxis einstellen würde. Dass die 4. Sinfonie einst von der Meininger Hofk apelle uraufgeführt wurde, Brahms’ Lieblingsorchester, das gerade einmal halb so groß war wie ein heutiges Sinfonieorchester – das interessiert Eschenbach nicht allzu sehr. Und braucht es wohl auch nicht, so durchhörbar und beweglich das Orchester unter seiner Leitung spielt.

Wobei vieles ganz intuitiv vor sich zu gehen scheint: Eschenbachs Zeichen sind sparsam, frei von unmittelbar erkennbaren Extremen und Härten. Es überwiegt die weiche, liebevolle Geste. Ganz unnachahmlich gelingt ihm dabei der Beginn der 4. Sinfonie. Eschenbach dirigiert ihn wie eine Kostbarkeit: Anrührende Zärtlichkeit spricht aus den absteigenden Terzen dieses Beginns, der zu den wenigen Stellen gehört, die der Dirigent am Ende des Durchlaufs noch einmal wiederholen lässt: Um die insgesamt nachlassende Gestik der ersten Takte noch deutlicher werden zu lassen. Das Vertrauen in das intuitive Zusammenwirken mit dem Orchester ist so groß, dass die Probe schon eine Stunde vor dem eigentlich anvisierten Schluss zu Ende ist. Alles scheint gesagt, und das ist bei Eschenbach nicht viel: Die Stille, die den Grundton des Gesprächs bildet mit dem Journalisten, wirkt auch als Basis für die Probe. Vielleicht ergibt sich daraus die besondere Wachheit der Orchestermusiker, die auf Eschenbachs minimale Zeichen reagieren – und auf vieles, was er nicht erkennbar zeigt, aber wohl auf sonst einem Weg mitteilt. Das Mysterium einer zeichenlosen Kommunikation zwischen Dirigent und Orchester: Im Berliner Konzerthaus lässt es sich derzeit gut erleben.

Was die Brahms-Sinfonien angeht, habe man besonders schnell einen gemeinsamen Draht gefunden, erzählt Eschenbach. Was ihn nicht von der Feststellung abhält, dass es für eine gelungene Brahms-Aufführung keineswegs ein deutsches Orchester brauche, dass vielmehr Ensembles jeglicher Nationalität für diesen Komponisten geeignet seien – wenn man denn richtig mit ihnen arbeite. Das schwierige Verhältnis zu Brahms, das französischen Künstlern nachgesagt wird, kann Eschenbach, einst Chefdirigent des Orchestre de Paris, nicht bestätigen. Überhaupt reichen sich in Eschenbach die beiden Länder die Hand. Der französischen Musik ist der Dirigent seit jeher besonders zugetan, Paris ist nach wie vor sein Lebensmittelpunkt. Mit dem Houston Symphony Orchestra wiederum hat er 1988 seine erste Gesamtaufnahme der Brahms-Sinfonien vorgelegt, wobei er im Rückblick sagt, dass sich seine Vorstellung von Brahms’ Musik nicht wesentlich geändert habe. Vielleicht hat er den abendlichen Glanz und die Gelassenheit, die sich bei der neuen Aufnahme auf die Sinfonien gelegt haben, selbst noch gar nicht recht wahrgenommen.

Das Engagement des damals bereits 79-Jährigen beim Konzerthausorchester wurde kritisch beäugt. Was seine besonderen Neigungen angeht, darunter die Musik von Brahms, Dvořák und Schostakowitsch, darf das Experiment allerdings als sehr glücklich gelten. Eschenbach ist als das angetreten, was man in der katholischen Kirche einen Zwischenpapst nennt: Auf drei Jahre ließ er seinen Vertrag als Chefdirigent begrenzen und hing dann doch noch eine weitere Saison bis 2023 an. Danach wird ihn Joana Mallwitz als Chefin beerben.

Bis dahin beschwört Eschenbach die verbindende Kraft der Musik, über alle Nationalismen der Zeit und alle begrifflichen Spitzfindigkeiten hinweg. Wann wäre das nötiger gewesen als heute? Und vielleicht hat mit Eschenbachs Sehnsucht nach dem Verbindenden auch seine zunehmende Neigung zur Schweigsamkeit zu tun: Das Zergliedern in Begriff e kann wehtun, das Beschreiben von Musik, die im Erklingen doch alles sagt, überflüssig erscheinen. Nur die Musik soll sprechen, und das tut sie bei Eschenbach in einer Weise, wie sie selten zu erleben ist.