Interview & Porträt

Sensitiv und urmusikalisch

Von
Norbert Hornig
Erschienen in der Printausgabe im
Januar 2022
Lesezeit ca.
…
Minuten

Abwechselnd improvisatorisch, lyrisch, tänzerisch, virtuos maß er jeder Phrase, jeder Note ihr richtiges Gewicht und ihre Spannung innerhalb einer festen und klaren Gesamtstruktur zu. Wenige Geiger nur sind in der Lage, den Aufbau der Chaconne so zu realisieren“. Diese gewählten Kritikerworte waren 1971 in der Londoner „Times“ zu lesen. Sie galten der Bach-Interpretation des jungen Ulf Hoelscher, der mit einem Solorecital in der Londoner Wigmore Hall Furore gemacht hatte und mit diesem Konzert den entscheidenden Karriereschritt schaffte. Wer war dieser hochgewachsene junge Mann mit dem jugendlichen Wuschelkopf, der sein Instrument mit solch souveräner Eleganz spielte, und der auch noch aus Deutschland kam?

Ein geigerisches Ausnahmetalent, am 17. Januar 1942 in Kitzingen geboren, aufgewachsen in Pirmasens und Neustadt an der Weinstraße. Der Vater war Geiger und Musikpädagoge, die Mutter klassisch ausgebildete Sängerin. Beste Voraussetzungen also, um die offensichtliche Begabung des Jungen in die richtigen Bahnen zu lenken. Den ersten Violinunterricht erteilte ihm der Vater, es folgte Privatunterricht bei Bruno Masurat, dem damaligen Geigenprofessor der Heidelberger Musikhochschule. Mit 14 gab der junge Geiger sein erstes öffentliches Konzert mit Mozarts A-Dur-Konzert, ein Jahr später folgte auf dem Heidelberger Schloss ein Auftritt mit dem g-Moll-Violinkonzert von Max Bruch. „Ich habe das damals alles sehr locker gesehen“, sagte Hoelscher später rückblickend in einem Interview.

Doch der professionelle Ernst rückte immer näher, der Wechsel in die Klasse des renommierten Violinpädagogen Max Rostal an die Kölner Musikhochschule stellte die Weichen. Um sich den letzten geigerischen Schliff zu holen und den Horizont zu weiten, ging Hoelscher nach seiner Ausbildung in Deutschland noch für drei Jahre nach Amerika. Das war 1963. Seine Lehrer waren dort Josef Gingold an der Indiana University in Bloomington und schließlich der legendäre Violinpädagoge Ivan Galamian am Curtis Institute in Philadelphia, der auch Michael Rabin, Pinchas Zukerman, Itzhak Perlman und Kyung-Wha Chung unterrichtete. Für Hoelscher war Galamian ein „Magier des schönen Tons“. Wer durch seine Schule gegangen war, hatte als Geiger die höheren Weihen.

Aus den USA zurückgekehrt, entwickelt sich Ulf Hoelschers Karriere stürmisch, Deutschland hat wieder einen Geiger von Weltklasseformat, der bereit ist, die internationalen Podien zu erobern. Nach dem London-Debüt folgt mit der Uraufführung des 2. Violinkonzertes von Hans Werner Henze 1972 das Debüt bei den Berliner Philharmonikern. Wiedereinladungen kommen mit den Violinkonzerten von Hindemith, Brahms, Strauss und Volker David Kirchner (Uraufführung). Eine enge Freundschaft verband Hoelscher mit dem im Februar 2021 verstorbenen Solocellisten des Orchesters, Wolfgang Boettcher. Er wurde zum künstlerischen Wegbegleiter. Mit „La Muse et le Poète“ von Saint-Saëns und im Doppelkonzert für Violine und Violoncello von Aribert Reimann traten beide zusammen auch mit den Philharmonikern auf.

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Ulf Hoelscher (links) mit Itzhak Perlman und Yong Uck Kim 1963 an der Meadowmount Summer School of Music

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Ein Exklusiv-Vertrag mit EMI lässt nicht lange auf sich warten. Aufsehen erregt Hoelscher gleich mit seiner Debütaufnahme. Das New Philharmonia Orchestra und Okko Kamu sind seine Partner im Violinkonzert von Tschaikowski, aufgenommen 1972 in der Londoner Kingsway Hall. Das klingt alles geigerisch sehr gekonnt, wobei vom langsamen Satz eine geradezu magische Wirkung ausgeht. Hoelscher spielt die „Canzonetta“ wie vorgeschrieben „con sordino“, mit Dämpfer. Was viele nicht tun. Hier vernimmt man Qualitäten, die alle späteren Aufnahmen Hoelschers grundsätzlich auszeichnen: höchste Sensibilität für Farbe und Dynamik in Verbindung mit einer Musikalität, die spricht und intuitiv den Wesenskern der Musik erfasst. Als Zugabe gibt es auf der Platte das „Valse Scherzo“ op. 34, das Hoelscher wirklich zum Tanzen bringt und nicht nur als Virtuosenstück brillant herunterspielt. Was in den nächsten Jahren an Aufnahmen folgt, hat es in sich. Das Solorecital von 1974 mit Werken von Bartók, Prokofiew und Paganinis haarsträubenden Variationen über „Nel cor più non mi sento“ erinnert an das Londoner Debüt. Mit seinen Einspielungen für EMI setzt Hoelscher immer wieder Repertoireakzente. Mit Werken, die damals kaum beachtet werden, heute aber, auch dank Hoelschers Engagement, im Konzertsaal heimisch geworden sind: die Violinkonzerte von Korngold, Strauss und Schumann.

Auch die Gesamtaufnahme der Werke für Violine und Orchester von Saint- Saëns setzt eine Marke. Die überbordend emotionale Darstellung des Korngold-Konzertes hat Suchtpotenzial, ebenso die schwärmerisch- romantische Interpretation des frühen Violinkonzertes von Richard Strauss in der Traumbesetzung mit der Staatskapelle Dresden unter Rudolf Kempe. Zu den Highlights in Hoelschers EMI-Diskografie gehören auch die Aufnahmen mit Michel Béroff , die Sonaten von Schumann, Strauss, Franck und Werken von Karol Szymanowski. Die Gesamtaufnahme der Kompositionen für Violine und Klavier von Schubert mit Karl Engel überzeugt auf der ganzen Linie, wie auch die Einspielungen der Trio-Formation Zacharias/Hoelscher/ Schiff und die Duos mit Wolfgang Boettcher.

Ein zweiter großer Komplex von Aufnahmen entsteht später in Zusammenarbeit mit dem Label cpo. Zehn Jahre nimmt die erste Gesamteinspielung der Violinkonzerte von Louis Spohr in Anspruch, eine diskografische Großtat. Immer wieder tritt Hoelscher bei cpo mit Raritäten hervor, etwa dem Violinkonzert von Ermanno Wolf-Ferrari, das er schlicht „eine Offenbarung“ nennt. Von Kindesbeinen an war Hoelscher ein passionierter Kammermusiker, bei cpo kann er diese Leidenschaft ausleben in Raritäten von Hans Pfitzner, Allan Pettersson oder Max Bruch. Hoelscher erarbeitet sich ein immenses Repertoire, darunter viel Neues und Unbekanntes, nur wenige Geiger können da mithalten. Othmar Schoeck, Ferruccio Busoni, Karl Klingler, Benjamin Frankel, Bülent Tarcan, Ernst-Lothar von Knorr, Franz Hummel, Milko Kelemen, Wolfgang Rihm: Die Liste der Komponisten will kein Ende nehmen. Besonders favorisiert Hoelscher die ihm gewidmete „Echo-Sonate“ (1984) von Rodion Schtschedrin. Er bringt sie in Köln zur Uraufführung und wird zur sowjetischen Erstaufführung nach Moskau eingeladen.

Zu seinen kommerziellen Einspielungen addieren sich zahllose Aufnahmen in den Archiven von Rundfunkanstalten im In- und Ausland. Bartóks Violinsonaten gehören ebenso dazu wie mitreißende Virtuosenstücke von Sarasate. Sein immenses Wissen über das Violinspiel und seine Erfahrungen als konzertierender Künstler gab Hoelscher mit pädagogischer Leidenschaft an die jüngeren Geigergenerationen weiter. Von 1981 bis 2010 war er Violinprofessor an der Musikhochschule in Karlsruhe, regelmäßig gab er auch Meisterkurse, etwa an der Internationalen Sommerakademie Universität Mozarteum Salzburg. Heute ist ihm das genießerische Quartettspiel im Freundeskreis wichtiger denn je. Haydns Streichquartette hat man sich gerade vorgenommen, die er aus der Mitte heraus an der Viola mitgestaltet. Und neben der regelmäßigen Gymnastik am Morgen steht jeden Tag ein wenig Bach auf dem Tagesplan, eine Solosonate, eine Partita. „So bleiben Leib und Seele im Gleichgewicht“, meint Ulf Hoelscher. Und dürfte damit wohl recht haben.

Abwechselnd improvisatorisch, lyrisch, tänzerisch, virtuos maß er jeder Phrase, jeder Note ihr richtiges Gewicht und ihre Spannung innerhalb einer festen und klaren Gesamtstruktur zu. Wenige Geiger nur sind in der Lage, den Aufbau der Chaconne so zu realisieren“. Diese gewählten Kritikerworte waren 1971 in der Londoner „Times“ zu lesen. Sie galten der Bach-Interpretation des jungen Ulf Hoelscher, der mit einem Solorecital in der Londoner Wigmore Hall Furore gemacht hatte und mit diesem Konzert den entscheidenden Karriereschritt schaffte. Wer war dieser hochgewachsene junge Mann mit dem jugendlichen Wuschelkopf, der sein Instrument mit solch souveräner Eleganz spielte, und der auch noch aus Deutschland kam?

Ein geigerisches Ausnahmetalent, am 17. Januar 1942 in Kitzingen geboren, aufgewachsen in Pirmasens und Neustadt an der Weinstraße. Der Vater war Geiger und Musikpädagoge, die Mutter klassisch ausgebildete Sängerin. Beste Voraussetzungen also, um die offensichtliche Begabung des Jungen in die richtigen Bahnen zu lenken. Den ersten Violinunterricht erteilte ihm der Vater, es folgte Privatunterricht bei Bruno Masurat, dem damaligen Geigenprofessor der Heidelberger Musikhochschule. Mit 14 gab der junge Geiger sein erstes öffentliches Konzert mit Mozarts A-Dur-Konzert, ein Jahr später folgte auf dem Heidelberger Schloss ein Auftritt mit dem g-Moll-Violinkonzert von Max Bruch. „Ich habe das damals alles sehr locker gesehen“, sagte Hoelscher später rückblickend in einem Interview.

Doch der professionelle Ernst rückte immer näher, der Wechsel in die Klasse des renommierten Violinpädagogen Max Rostal an die Kölner Musikhochschule stellte die Weichen. Um sich den letzten geigerischen Schliff zu holen und den Horizont zu weiten, ging Hoelscher nach seiner Ausbildung in Deutschland noch für drei Jahre nach Amerika. Das war 1963. Seine Lehrer waren dort Josef Gingold an der Indiana University in Bloomington und schließlich der legendäre Violinpädagoge Ivan Galamian am Curtis Institute in Philadelphia, der auch Michael Rabin, Pinchas Zukerman, Itzhak Perlman und Kyung-Wha Chung unterrichtete. Für Hoelscher war Galamian ein „Magier des schönen Tons“. Wer durch seine Schule gegangen war, hatte als Geiger die höheren Weihen.

Aus den USA zurückgekehrt, entwickelt sich Ulf Hoelschers Karriere stürmisch, Deutschland hat wieder einen Geiger von Weltklasseformat, der bereit ist, die internationalen Podien zu erobern. Nach dem London-Debüt folgt mit der Uraufführung des 2. Violinkonzertes von Hans Werner Henze 1972 das Debüt bei den Berliner Philharmonikern. Wiedereinladungen kommen mit den Violinkonzerten von Hindemith, Brahms, Strauss und Volker David Kirchner (Uraufführung). Eine enge Freundschaft verband Hoelscher mit dem im Februar 2021 verstorbenen Solocellisten des Orchesters, Wolfgang Boettcher. Er wurde zum künstlerischen Wegbegleiter. Mit „La Muse et le Poète“ von Saint-Saëns und im Doppelkonzert für Violine und Violoncello von Aribert Reimann traten beide zusammen auch mit den Philharmonikern auf.

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Ulf Hoelscher (links) mit Itzhak Perlman und Yong Uck Kim 1963 an der Meadowmount Summer School of Music

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Ein Exklusiv-Vertrag mit EMI lässt nicht lange auf sich warten. Aufsehen erregt Hoelscher gleich mit seiner Debütaufnahme. Das New Philharmonia Orchestra und Okko Kamu sind seine Partner im Violinkonzert von Tschaikowski, aufgenommen 1972 in der Londoner Kingsway Hall. Das klingt alles geigerisch sehr gekonnt, wobei vom langsamen Satz eine geradezu magische Wirkung ausgeht. Hoelscher spielt die „Canzonetta“ wie vorgeschrieben „con sordino“, mit Dämpfer. Was viele nicht tun. Hier vernimmt man Qualitäten, die alle späteren Aufnahmen Hoelschers grundsätzlich auszeichnen: höchste Sensibilität für Farbe und Dynamik in Verbindung mit einer Musikalität, die spricht und intuitiv den Wesenskern der Musik erfasst. Als Zugabe gibt es auf der Platte das „Valse Scherzo“ op. 34, das Hoelscher wirklich zum Tanzen bringt und nicht nur als Virtuosenstück brillant herunterspielt. Was in den nächsten Jahren an Aufnahmen folgt, hat es in sich. Das Solorecital von 1974 mit Werken von Bartók, Prokofiew und Paganinis haarsträubenden Variationen über „Nel cor più non mi sento“ erinnert an das Londoner Debüt. Mit seinen Einspielungen für EMI setzt Hoelscher immer wieder Repertoireakzente. Mit Werken, die damals kaum beachtet werden, heute aber, auch dank Hoelschers Engagement, im Konzertsaal heimisch geworden sind: die Violinkonzerte von Korngold, Strauss und Schumann.

Auch die Gesamtaufnahme der Werke für Violine und Orchester von Saint- Saëns setzt eine Marke. Die überbordend emotionale Darstellung des Korngold-Konzertes hat Suchtpotenzial, ebenso die schwärmerisch- romantische Interpretation des frühen Violinkonzertes von Richard Strauss in der Traumbesetzung mit der Staatskapelle Dresden unter Rudolf Kempe. Zu den Highlights in Hoelschers EMI-Diskografie gehören auch die Aufnahmen mit Michel Béroff , die Sonaten von Schumann, Strauss, Franck und Werken von Karol Szymanowski. Die Gesamtaufnahme der Kompositionen für Violine und Klavier von Schubert mit Karl Engel überzeugt auf der ganzen Linie, wie auch die Einspielungen der Trio-Formation Zacharias/Hoelscher/ Schiff und die Duos mit Wolfgang Boettcher.

Ein zweiter großer Komplex von Aufnahmen entsteht später in Zusammenarbeit mit dem Label cpo. Zehn Jahre nimmt die erste Gesamteinspielung der Violinkonzerte von Louis Spohr in Anspruch, eine diskografische Großtat. Immer wieder tritt Hoelscher bei cpo mit Raritäten hervor, etwa dem Violinkonzert von Ermanno Wolf-Ferrari, das er schlicht „eine Offenbarung“ nennt. Von Kindesbeinen an war Hoelscher ein passionierter Kammermusiker, bei cpo kann er diese Leidenschaft ausleben in Raritäten von Hans Pfitzner, Allan Pettersson oder Max Bruch. Hoelscher erarbeitet sich ein immenses Repertoire, darunter viel Neues und Unbekanntes, nur wenige Geiger können da mithalten. Othmar Schoeck, Ferruccio Busoni, Karl Klingler, Benjamin Frankel, Bülent Tarcan, Ernst-Lothar von Knorr, Franz Hummel, Milko Kelemen, Wolfgang Rihm: Die Liste der Komponisten will kein Ende nehmen. Besonders favorisiert Hoelscher die ihm gewidmete „Echo-Sonate“ (1984) von Rodion Schtschedrin. Er bringt sie in Köln zur Uraufführung und wird zur sowjetischen Erstaufführung nach Moskau eingeladen.

Zu seinen kommerziellen Einspielungen addieren sich zahllose Aufnahmen in den Archiven von Rundfunkanstalten im In- und Ausland. Bartóks Violinsonaten gehören ebenso dazu wie mitreißende Virtuosenstücke von Sarasate. Sein immenses Wissen über das Violinspiel und seine Erfahrungen als konzertierender Künstler gab Hoelscher mit pädagogischer Leidenschaft an die jüngeren Geigergenerationen weiter. Von 1981 bis 2010 war er Violinprofessor an der Musikhochschule in Karlsruhe, regelmäßig gab er auch Meisterkurse, etwa an der Internationalen Sommerakademie Universität Mozarteum Salzburg. Heute ist ihm das genießerische Quartettspiel im Freundeskreis wichtiger denn je. Haydns Streichquartette hat man sich gerade vorgenommen, die er aus der Mitte heraus an der Viola mitgestaltet. Und neben der regelmäßigen Gymnastik am Morgen steht jeden Tag ein wenig Bach auf dem Tagesplan, eine Solosonate, eine Partita. „So bleiben Leib und Seele im Gleichgewicht“, meint Ulf Hoelscher. Und dürfte damit wohl recht haben.