Interview & Porträt

Ikone der Freiheit

Von
Josef Oehrlein
Erschienen in der Printausgabe im
Februar 2022
Lesezeit ca.
…
Minuten
Marian Anderson gemeinsam mit ihrem Liedbegleiter Franz Rupp bei einem Auftritt in Thailand 1957. Foto: RCA Sony Music Entertainment
Marian Anderson gemeinsam mit ihrem Liedbegleiter Franz Rupp bei einem Auftritt in Thailand 1957. Foto: RCA Sony Music Entertainment

Schwarze Sängerinnen? Da fallen einem sogleich Grace Bumbry, Leontyne Price oder Jessye Norman ein. Doch wer erinnert sich an Marian Anderson? Dabei war sie es, die ihren drei jüngeren Kolleginnen und überhaupt vielen wegen ihrer Hautfarbe benachteiligten Künstlern den Weg zu einer gedeihlichen Karriere geebnet hat. Eine Aktivistin im heutigen Sinn war sie nicht, sie hat vielmehr vor allem durch überzeugende künstlerische Leistungen und ihre eindrucksvolle persönliche Erscheinung Farbigen in den Zeiten der Rassentrennung zu Achtung und Anerkennung verholfen.

Marian Anderson, die 1897 in einem Schwarzen-Quartier in Philadelphia geboren wurde, durchlebte alle Phasen der Rassendiskriminierung und schließlich der Befreiung ihrer Schwarzen Mitbürger. Ihre Großeltern waren als Sklaven nach Amerika gekommen. Schon als Sechsjährige machte sie im Kinderchor einer baptistischen Kirchengemeinde mit ihrer Altstimme auf sich aufmerksam. Der Besuch einer Musikschule scheiterte an ihrer Hautfarbe, doch sie fand einen Gesangslehrer und private Förderer, die sie unterwiesen, berieten und sie in ihrer Absicht bestärkten, das Singen zum Beruf zu machen.

Die erste große Chance für sie bot sich 1923, als sie bei der Grammophon- Firma Victor Talking Machine Company eine Reihe von Spirituals aufnahm, darunter als allererstes Tondokument „Deep River“. Es war der Anfang ihres langjährigen Engagements bei dem Nachfolgelabel RCA Victor. Anderson entschloss sich Ende der 1920er-Jahre, nach Europa zu gehen, zunächst nach London, um sich dort fortzubilden. Während eines Studienaufenthalts in Berlin 1930/31 widmete sie sich intensiv dem deutschen Liedgesang, der zum Dreh- und Angelpunkt in ihrem Repertoire wurde. Die Wirren der Weimarer Republik veranlassten sie, sich in Skandinavien niederzulassen, wo sie bis 1934 blieb. Im selben Jahr nahm sie der legendäre ukrainisch-amerikanische Konzertagent Sol Hurok unter seine Fittiche, was ihrer internationalen Karriere den entscheidenden Schub verlieh.

Mitte der 1930er-Jahre kehrte Anderson nach Amerika zurück, Tourneen durch ihr Heimatland wurden zu wahren Triumphzügen, trotz mancher Schwierigkeiten, geeignete Säle für ihre Konzerte zu mieten. Zu einem wichtigen Wendepunkt wurde kurioserweise ein Konzert, das gar nicht stattfand: Der Versuch, Anderson in Washingtons größtem Saalbau, der Constitution Hall, auftreten zu lassen, scheiterte am Widerstand der reaktionären, vorgeblich der Pflege „weißer“ Traditionen verpflichteten Organisation „Töchter der Amerikanischen Revolution“. Daraufhin brach eine beispiellose Protestwelle los, in deren Folge Eleanor Roosevelt, die Gattin des amerikanischen Präsidenten, aus der „Töchter“-Vereinigung austrat, sich für Anderson einsetzte und ihr zur Freundin wurde.

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Foto: RCA / Teldec

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Am Ostersonntag 1939 kam die Revanche. Bei dem Ersatzkonzert in unwirtlichem Nieselregenwetter am Lincoln Memorial, einem der emblematischsten Orte Washingtons, vor 75.000 Besuchern jeglicher Hautfarbe wurde Marian Anderson endgültig zur Leitfigur im Kampf für Freiheit und Widerstand gegen die Rassendiskriminierung. Sie trat wie selbst- verständlich im Weißen Haus auf, gab Benefizkonzerte, erhielt zahlreiche Auszeichnungen. Aufsehen erregte sie 1955 mit ihrem Auftritt als erste Schwarze Sängerin an der New Yorker Met in der Rolle der Ulrica in Giuseppe Verdis „Maskenball“. Sie machte damit den Weg für farbige Künstler an der Met frei, blieb ansonsten selbst aber dem Musiktheaterbetrieb fern. Zum Glück ist Andersons Operndebüt als Ulrica in einem Tondokument festgehalten. Die seinerzeit produzierte Schallplatte mit Ausschnitten aus dem „Maskenball“ der Met wurde jetzt in einer verdienstvollen Gesamtausgabe aller bei RCA Victor erhaltenen Aufnahmen mit Anderson als 7. von 15 Compact Discs wieder veröffentlicht. Sony hat die im Original-Layout der RCA-Victor-Schallplatten gestalteten CDs mit dem Hund Nipper, der am Schalltrichter eines Plattenspielers der „Stimme seines Herrn“ lauscht, zusammen mit einer opulenten Dokumentation im Format einer Schallplattenbox (durchwegs auf Englisch, mit einer deutschen Übersetzung des zentralen Essays) herausgebracht.

Anhand der Original-Tonträger wurden alle Aufnahmen restauriert und mit neuester Technik (24 Bit/ 96 kHz) remastert. Neben den auf vier CDs verteilten rund 70 Spirituals, einer CD mit Barockarien von Bach und Händel sowie einer CD mit Weihnachtsliedern bildet das halbe Dutzend Discs mit Liedern von Haydn, Schubert, Schumann, Brahms, Mahler oder Strauss den Schwerpunkt der Sammlung. Auf Disc Nummer 1 sind die allerersten in den 1920er-Jahren entstandenen Tonaufnahmen verewigt, darunter „Deep River“. Der Bildband enthält einen Aufsatz über Leben und Wirken Andersons sowie zahlreiche großformatige Fotos und vor allem akribische Angaben zu den Tondokumenten.

Anderson überrascht bei den Liedern mit einer korrekten, deutlichen Aussprache der deutschen Texte, die sie wohl in ihrer Berliner Zeit erworben hat. Ihr Alt verfügt nicht nur über eine voluminöse Tiefe, sondern auch über eine kraftvoll leuchtende Höhe, wobei die Registerwechsel oft klar zu bemerken sind. Das ermöglicht ihr aber bei manchen Stücken, wie den drei Aufnahmen von Schuberts „Erlkönig“ (1951, 1964 und 1966), auch ein reizvolles Stimmen-Rollenspiel. Dem Zeitgeschmack entsprechend setzt sie Vibrato bisweilen etwas überdosiert ein. Der deutsch-amerikanische Pianist Franz Rupp war von 1940 bis zuletzt ihr treuer Liedbegleiter.

Ihr Abschiedskonzert, auf CD Nummer 12 dokumentiert, gab Marian Anderson am 24. Oktober 1964 in der Washingtoner Constitution Hall, 1966 ist sie noch einmal ins Studio gegangen und hat Lieder von Schubert und Brahms aufgenommen (CD 14). Sie lebte danach zurückgezogen zusammen mit ihrem Ehemann, dem Architekten Orpheus H. „King“ Fisher, auf einer Farm in Connecticut. Am 8. April 1993 ist sie in Portland, Oregon, gestorben.

Schwarze Sängerinnen? Da fallen einem sogleich Grace Bumbry, Leontyne Price oder Jessye Norman ein. Doch wer erinnert sich an Marian Anderson? Dabei war sie es, die ihren drei jüngeren Kolleginnen und überhaupt vielen wegen ihrer Hautfarbe benachteiligten Künstlern den Weg zu einer gedeihlichen Karriere geebnet hat. Eine Aktivistin im heutigen Sinn war sie nicht, sie hat vielmehr vor allem durch überzeugende künstlerische Leistungen und ihre eindrucksvolle persönliche Erscheinung Farbigen in den Zeiten der Rassentrennung zu Achtung und Anerkennung verholfen.

Marian Anderson, die 1897 in einem Schwarzen-Quartier in Philadelphia geboren wurde, durchlebte alle Phasen der Rassendiskriminierung und schließlich der Befreiung ihrer Schwarzen Mitbürger. Ihre Großeltern waren als Sklaven nach Amerika gekommen. Schon als Sechsjährige machte sie im Kinderchor einer baptistischen Kirchengemeinde mit ihrer Altstimme auf sich aufmerksam. Der Besuch einer Musikschule scheiterte an ihrer Hautfarbe, doch sie fand einen Gesangslehrer und private Förderer, die sie unterwiesen, berieten und sie in ihrer Absicht bestärkten, das Singen zum Beruf zu machen.

Die erste große Chance für sie bot sich 1923, als sie bei der Grammophon- Firma Victor Talking Machine Company eine Reihe von Spirituals aufnahm, darunter als allererstes Tondokument „Deep River“. Es war der Anfang ihres langjährigen Engagements bei dem Nachfolgelabel RCA Victor. Anderson entschloss sich Ende der 1920er-Jahre, nach Europa zu gehen, zunächst nach London, um sich dort fortzubilden. Während eines Studienaufenthalts in Berlin 1930/31 widmete sie sich intensiv dem deutschen Liedgesang, der zum Dreh- und Angelpunkt in ihrem Repertoire wurde. Die Wirren der Weimarer Republik veranlassten sie, sich in Skandinavien niederzulassen, wo sie bis 1934 blieb. Im selben Jahr nahm sie der legendäre ukrainisch-amerikanische Konzertagent Sol Hurok unter seine Fittiche, was ihrer internationalen Karriere den entscheidenden Schub verlieh.

Mitte der 1930er-Jahre kehrte Anderson nach Amerika zurück, Tourneen durch ihr Heimatland wurden zu wahren Triumphzügen, trotz mancher Schwierigkeiten, geeignete Säle für ihre Konzerte zu mieten. Zu einem wichtigen Wendepunkt wurde kurioserweise ein Konzert, das gar nicht stattfand: Der Versuch, Anderson in Washingtons größtem Saalbau, der Constitution Hall, auftreten zu lassen, scheiterte am Widerstand der reaktionären, vorgeblich der Pflege „weißer“ Traditionen verpflichteten Organisation „Töchter der Amerikanischen Revolution“. Daraufhin brach eine beispiellose Protestwelle los, in deren Folge Eleanor Roosevelt, die Gattin des amerikanischen Präsidenten, aus der „Töchter“-Vereinigung austrat, sich für Anderson einsetzte und ihr zur Freundin wurde.

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Foto: RCA / Teldec

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Am Ostersonntag 1939 kam die Revanche. Bei dem Ersatzkonzert in unwirtlichem Nieselregenwetter am Lincoln Memorial, einem der emblematischsten Orte Washingtons, vor 75.000 Besuchern jeglicher Hautfarbe wurde Marian Anderson endgültig zur Leitfigur im Kampf für Freiheit und Widerstand gegen die Rassendiskriminierung. Sie trat wie selbst- verständlich im Weißen Haus auf, gab Benefizkonzerte, erhielt zahlreiche Auszeichnungen. Aufsehen erregte sie 1955 mit ihrem Auftritt als erste Schwarze Sängerin an der New Yorker Met in der Rolle der Ulrica in Giuseppe Verdis „Maskenball“. Sie machte damit den Weg für farbige Künstler an der Met frei, blieb ansonsten selbst aber dem Musiktheaterbetrieb fern. Zum Glück ist Andersons Operndebüt als Ulrica in einem Tondokument festgehalten. Die seinerzeit produzierte Schallplatte mit Ausschnitten aus dem „Maskenball“ der Met wurde jetzt in einer verdienstvollen Gesamtausgabe aller bei RCA Victor erhaltenen Aufnahmen mit Anderson als 7. von 15 Compact Discs wieder veröffentlicht. Sony hat die im Original-Layout der RCA-Victor-Schallplatten gestalteten CDs mit dem Hund Nipper, der am Schalltrichter eines Plattenspielers der „Stimme seines Herrn“ lauscht, zusammen mit einer opulenten Dokumentation im Format einer Schallplattenbox (durchwegs auf Englisch, mit einer deutschen Übersetzung des zentralen Essays) herausgebracht.

Anhand der Original-Tonträger wurden alle Aufnahmen restauriert und mit neuester Technik (24 Bit/ 96 kHz) remastert. Neben den auf vier CDs verteilten rund 70 Spirituals, einer CD mit Barockarien von Bach und Händel sowie einer CD mit Weihnachtsliedern bildet das halbe Dutzend Discs mit Liedern von Haydn, Schubert, Schumann, Brahms, Mahler oder Strauss den Schwerpunkt der Sammlung. Auf Disc Nummer 1 sind die allerersten in den 1920er-Jahren entstandenen Tonaufnahmen verewigt, darunter „Deep River“. Der Bildband enthält einen Aufsatz über Leben und Wirken Andersons sowie zahlreiche großformatige Fotos und vor allem akribische Angaben zu den Tondokumenten.

Anderson überrascht bei den Liedern mit einer korrekten, deutlichen Aussprache der deutschen Texte, die sie wohl in ihrer Berliner Zeit erworben hat. Ihr Alt verfügt nicht nur über eine voluminöse Tiefe, sondern auch über eine kraftvoll leuchtende Höhe, wobei die Registerwechsel oft klar zu bemerken sind. Das ermöglicht ihr aber bei manchen Stücken, wie den drei Aufnahmen von Schuberts „Erlkönig“ (1951, 1964 und 1966), auch ein reizvolles Stimmen-Rollenspiel. Dem Zeitgeschmack entsprechend setzt sie Vibrato bisweilen etwas überdosiert ein. Der deutsch-amerikanische Pianist Franz Rupp war von 1940 bis zuletzt ihr treuer Liedbegleiter.

Ihr Abschiedskonzert, auf CD Nummer 12 dokumentiert, gab Marian Anderson am 24. Oktober 1964 in der Washingtoner Constitution Hall, 1966 ist sie noch einmal ins Studio gegangen und hat Lieder von Schubert und Brahms aufgenommen (CD 14). Sie lebte danach zurückgezogen zusammen mit ihrem Ehemann, dem Architekten Orpheus H. „King“ Fisher, auf einer Farm in Connecticut. Am 8. April 1993 ist sie in Portland, Oregon, gestorben.