Neue Perspektiven
2018 wurde sie mit gerade einmal 25 Jahren Solo-Harfenistin des NDR Elbphilharmonie- Orchesters, jetzt hat Anaëlle Tourret ihr Debüt-Album vorgelegt. Ausschließlich Werke für Solo-Harfe aus dem 20. Jahrhundert sind darauf zu hören. Warum ihr diese Stücke so nahe stehen, verrät die Künstlerin im Interview.

Wie kamen Sie zur Harfe?
Ich komme aus einer musikalischen Familie – meine Eltern sind Musiker –, und so begann ich bereits im Alter von vier Jahren mit dem Klavierspiel. Als ich fünf war, nahm mein Vater mich mit zu einem Soloharfenkonzert. Das hat mich derart begeistert, dass ich ihn bat, sofort zur Harfe wechseln zu dürfen – was er auch erlaubte. Studiert habe ich das Instrument dann bis zum Bachelor am Conservatoire de Paris. Mit 20 nahm ich mein Masterstudium in Hamburg auf, auch bei Xavier de Maistre. 2018 fügte es sich, dass ich im NDR Elbphilharmonie- Orchester meine jetzige Stelle antreten konnte.
Wie ist es für Sie, regelmäßig in der Elphilharmonie zu spielen?
Ich empfinde diesen Saal als hervorragend. Ich sehe ihn wirklich als eine tägliche Motivation; fast wie ein Motor, eine Energie, die uns jeden Tag dabei hilft, eine neue Klangvorstellung zu entwickeln. Der Saal verführt dazu, sich immer wieder von vorne für die spannende musikalische Klangsuche einzusetzen. Das hilft mir bis heute wahnsinnig bei meiner Arbeit. Jedes Mal, wenn ich morgens den Weg zur Elbphilharmonie laufe, bin ich immer wieder völlig enthusiasmiert.
Ist die Harfe – ähnlich wie das Klavier – ein Universalinstrument?
Fast. Man denkt das sehr oft, und dies ist zum Teil auch wahr. Aber es hat eben doch seine Grenzen, zum Beispiel, was diese sehr schnellen chromatischen Stellen betrifft, die das Klavier leisten kann. Diese sind bei uns wegen der Pedale unmöglich, denn man muss mit dem Fuß einfach jeden Ton vorbereiten. Zudem wird die Harfe ja nur mit acht Fingern gespielt, ohne die beiden kleinen Finger.
Wie hat sich das Instrument geschichtlich entwickelt?
Die Harfe ist eines der ältesten Instrumente überhaupt. Schon die kleinen keltischen Instrumente, die im alten Ägypten gespielt wurden, bezeichnet man als Harfen. Eines der ersten späteren Modelle war die Renaissance- Harfe mit ihren Drei-Saiten-Reihen. Danach betraten die Instrumente aus der Zeit von Marie Antoinette die Bühne, und auch die Frau von Napoleon, Josephine Bonaparte, hat sich sehr für eine Weiterentwicklung des Instruments eingesetzt. Dann gab es noch eine Weiterentwicklung mit den sogenannten Chromatischen Harfen, deren Blütezeit allerdings zeitlich sehr begrenzt war. Anfang des 20. Jahrhunderts geschah das, was man als Revolution in der Harfenentwicklung bezeichnen kann: Da wurde das ganz moderne Modell mit der neuen Pedal- Mechanik entwickelt. Seither kann man nicht nur einen einzigen Ton pro Saite spielen, sondern drei: zum Beispiel F, Fes und Fis.
Hat Corona auch Sie ausgebremst?
Für mich als Musikerin war es am schwierigsten, plötzlich nicht mehr vor Publikum spielen zu können. Ich betrachte die Rolle der Musikerin als die einer Botschafterin, die zwischen den Komponisten und dem Publikum vermittelt. Ich glaube, wir haben die Aufgabe, die Musik weiterzutragen, und mit einem Schlag wurde dies durch die Corona-Pandemie verwehrt. Wir haben dann mit dem Orchester viele Live- Stream-Konzerte veranstaltet. Dazu machten wir verschiedene Aktionen für die Abonnenten. Wir haben sie zum Beispiel angerufen und einfach mit ihnen gesprochen. Es gab welche, die nicht so viel reden wollten, aber andere waren total begeistert von der Idee und haben sich sehr gefreut. So konnten wir uns auf diesem Wege mit unserem Abonnement-Publikum austauschen, und die Leute merkten: Wir sind noch da.
Ihr Debüt-Album ist mutig. Alle Werke stammen aus dem 20. Jahrhundert. Was bedeuten sie Ihnen?
Dieses Programm liegt mir sehr am Herzen. Zum einen spiegelt es die Zeit wider, der ich mich verbunden fühle. Zum anderen haben es die Komponisten Caplet, Hindemith, Britten und Holliger geschafft, in ihren Werken jeweils etwas Neues für die Harfe zu schaffen. Sie loteten technische Möglichkeiten aus und eröffneten neue Perspektiven für das Instrument oder das Repertoire. Hinzu kommt, dass es quasi ihre einzigen Kompositionen für Solo-Harfe sind. Diese vier Stücke nehmen in meinem Leben auch immer einen besonderen Platz ein, denn damit verbinde ich entweder einen besonderen Ort oder einen besonderen Lehrer.
Können Sie uns etwas über die einzelnen Stücke sagen?
Sehr gerne! Die „Divertissements pour harpe“ von André Caplet aus dem Jahr 1924 sind in ihrer Form extrem neu – er schreibt ein bisschen wie Ravel. Aus technischer Sicht betritt Caplet mit dem Glissando der Pedale unbekanntes Terrain. Hindemiths „Sonate für Harfe“ aus dem Jahr 1939 ist schon beinahe neoklassisch, was zum Beispiel das Schreiben von Intervallen betrifft. Man kann darin übrigens auch die Sinnsuche in dessen eigenem Leben wiederfinden. Benjamin Brittens „Suite For Harp“ von 1969 ist quasi ein „typischer Britten“ (lacht). Er greift die alten Formen auf und ersetzt lauter kleine Stückchen daraus durch Neues. Er ermöglicht mit seiner Komposition ein phänomenales Spiel. Das letzte Stück „Präludium, Arioso und Passacaglia“ von Heinz Holliger, das dieser 1988 schrieb, liegt mir besonders am Herzen, da es die Möglichkeiten der modernen Harfe bis ins allerletzte Detail hinein auslotet und dabei von großer Tiefe und Schönheit ist.
Konnten Sie sich mit Heinz Holliger über das Stück austauschen?
Zuerst einmal: Ich hätte mir die Konzeption meines Albums ohne dieses Stück überhaupt nicht vorstellen können. Tatsächlich hatte ich die besondere Ehre, an diesem Stück beim Luzern-Festival persönlich mit ihm zu arbeiten. Das war ein ganz besonderer Moment, denn seine Komposition ist einfach ein Meisterwerk für die Harfe.
Ist der CD-Titel „Perspectives“ somit Programm?
Der Titel war für mich von Anfang an selbstverständlich, denn diese vier Kompositionen haben mir für die Harfe neue Perspektiven eröffnet. Und so möchte ich auch für das Publikum neue Räume schaffen, die Harfe nicht nur romantisch, nicht nur als Saloninstrument anzusehen. Mein Album soll zeigen, dass das Instrument viel mehr kann und dass man es noch auf eine ganz andere Weise genießen kann.
Wie kamen Sie zur Harfe?
Ich komme aus einer musikalischen Familie – meine Eltern sind Musiker –, und so begann ich bereits im Alter von vier Jahren mit dem Klavierspiel. Als ich fünf war, nahm mein Vater mich mit zu einem Soloharfenkonzert. Das hat mich derart begeistert, dass ich ihn bat, sofort zur Harfe wechseln zu dürfen – was er auch erlaubte. Studiert habe ich das Instrument dann bis zum Bachelor am Conservatoire de Paris. Mit 20 nahm ich mein Masterstudium in Hamburg auf, auch bei Xavier de Maistre. 2018 fügte es sich, dass ich im NDR Elbphilharmonie- Orchester meine jetzige Stelle antreten konnte.
Wie ist es für Sie, regelmäßig in der Elphilharmonie zu spielen?
Ich empfinde diesen Saal als hervorragend. Ich sehe ihn wirklich als eine tägliche Motivation; fast wie ein Motor, eine Energie, die uns jeden Tag dabei hilft, eine neue Klangvorstellung zu entwickeln. Der Saal verführt dazu, sich immer wieder von vorne für die spannende musikalische Klangsuche einzusetzen. Das hilft mir bis heute wahnsinnig bei meiner Arbeit. Jedes Mal, wenn ich morgens den Weg zur Elbphilharmonie laufe, bin ich immer wieder völlig enthusiasmiert.
Ist die Harfe – ähnlich wie das Klavier – ein Universalinstrument?
Fast. Man denkt das sehr oft, und dies ist zum Teil auch wahr. Aber es hat eben doch seine Grenzen, zum Beispiel, was diese sehr schnellen chromatischen Stellen betrifft, die das Klavier leisten kann. Diese sind bei uns wegen der Pedale unmöglich, denn man muss mit dem Fuß einfach jeden Ton vorbereiten. Zudem wird die Harfe ja nur mit acht Fingern gespielt, ohne die beiden kleinen Finger.
Wie hat sich das Instrument geschichtlich entwickelt?
Die Harfe ist eines der ältesten Instrumente überhaupt. Schon die kleinen keltischen Instrumente, die im alten Ägypten gespielt wurden, bezeichnet man als Harfen. Eines der ersten späteren Modelle war die Renaissance- Harfe mit ihren Drei-Saiten-Reihen. Danach betraten die Instrumente aus der Zeit von Marie Antoinette die Bühne, und auch die Frau von Napoleon, Josephine Bonaparte, hat sich sehr für eine Weiterentwicklung des Instruments eingesetzt. Dann gab es noch eine Weiterentwicklung mit den sogenannten Chromatischen Harfen, deren Blütezeit allerdings zeitlich sehr begrenzt war. Anfang des 20. Jahrhunderts geschah das, was man als Revolution in der Harfenentwicklung bezeichnen kann: Da wurde das ganz moderne Modell mit der neuen Pedal- Mechanik entwickelt. Seither kann man nicht nur einen einzigen Ton pro Saite spielen, sondern drei: zum Beispiel F, Fes und Fis.
Hat Corona auch Sie ausgebremst?
Für mich als Musikerin war es am schwierigsten, plötzlich nicht mehr vor Publikum spielen zu können. Ich betrachte die Rolle der Musikerin als die einer Botschafterin, die zwischen den Komponisten und dem Publikum vermittelt. Ich glaube, wir haben die Aufgabe, die Musik weiterzutragen, und mit einem Schlag wurde dies durch die Corona-Pandemie verwehrt. Wir haben dann mit dem Orchester viele Live- Stream-Konzerte veranstaltet. Dazu machten wir verschiedene Aktionen für die Abonnenten. Wir haben sie zum Beispiel angerufen und einfach mit ihnen gesprochen. Es gab welche, die nicht so viel reden wollten, aber andere waren total begeistert von der Idee und haben sich sehr gefreut. So konnten wir uns auf diesem Wege mit unserem Abonnement-Publikum austauschen, und die Leute merkten: Wir sind noch da.
Ihr Debüt-Album ist mutig. Alle Werke stammen aus dem 20. Jahrhundert. Was bedeuten sie Ihnen?
Dieses Programm liegt mir sehr am Herzen. Zum einen spiegelt es die Zeit wider, der ich mich verbunden fühle. Zum anderen haben es die Komponisten Caplet, Hindemith, Britten und Holliger geschafft, in ihren Werken jeweils etwas Neues für die Harfe zu schaffen. Sie loteten technische Möglichkeiten aus und eröffneten neue Perspektiven für das Instrument oder das Repertoire. Hinzu kommt, dass es quasi ihre einzigen Kompositionen für Solo-Harfe sind. Diese vier Stücke nehmen in meinem Leben auch immer einen besonderen Platz ein, denn damit verbinde ich entweder einen besonderen Ort oder einen besonderen Lehrer.
Können Sie uns etwas über die einzelnen Stücke sagen?
Sehr gerne! Die „Divertissements pour harpe“ von André Caplet aus dem Jahr 1924 sind in ihrer Form extrem neu – er schreibt ein bisschen wie Ravel. Aus technischer Sicht betritt Caplet mit dem Glissando der Pedale unbekanntes Terrain. Hindemiths „Sonate für Harfe“ aus dem Jahr 1939 ist schon beinahe neoklassisch, was zum Beispiel das Schreiben von Intervallen betrifft. Man kann darin übrigens auch die Sinnsuche in dessen eigenem Leben wiederfinden. Benjamin Brittens „Suite For Harp“ von 1969 ist quasi ein „typischer Britten“ (lacht). Er greift die alten Formen auf und ersetzt lauter kleine Stückchen daraus durch Neues. Er ermöglicht mit seiner Komposition ein phänomenales Spiel. Das letzte Stück „Präludium, Arioso und Passacaglia“ von Heinz Holliger, das dieser 1988 schrieb, liegt mir besonders am Herzen, da es die Möglichkeiten der modernen Harfe bis ins allerletzte Detail hinein auslotet und dabei von großer Tiefe und Schönheit ist.
Konnten Sie sich mit Heinz Holliger über das Stück austauschen?
Zuerst einmal: Ich hätte mir die Konzeption meines Albums ohne dieses Stück überhaupt nicht vorstellen können. Tatsächlich hatte ich die besondere Ehre, an diesem Stück beim Luzern-Festival persönlich mit ihm zu arbeiten. Das war ein ganz besonderer Moment, denn seine Komposition ist einfach ein Meisterwerk für die Harfe.
Ist der CD-Titel „Perspectives“ somit Programm?
Der Titel war für mich von Anfang an selbstverständlich, denn diese vier Kompositionen haben mir für die Harfe neue Perspektiven eröffnet. Und so möchte ich auch für das Publikum neue Räume schaffen, die Harfe nicht nur romantisch, nicht nur als Saloninstrument anzusehen. Mein Album soll zeigen, dass das Instrument viel mehr kann und dass man es noch auf eine ganz andere Weise genießen kann.
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