Interview & Porträt

„Wir sind nur Diener der Musik“

Von
Norbert Hornig
Erschienen in der Printausgabe im
März 2022
Lesezeit ca.
…
Minuten

Sie feiern Ihren 75. Geburtstag. Da ist man geneigt Bilanz zu ziehen. Wie gehen Sie mit diesem Datum um?

Ich versuche, die Dinge so zu nehmen, wie sie kommen. Ich plane meine Konzerte, meine Projekte, aber nicht mein Ende. Das heißt nicht, dass ich beschlossen habe, ewig zu leben. Ich versuche das Beste zu schöpfen aus der Zeit, die mir noch geschenkt ist. Wir wissen alle nicht, wie viel uns geschenkt ist. Vielleicht ist es auch gut so. Aber es ist klar, dass man alles meiden soll, was einem fremd ist, was oberflächlich ist, was im Laufe von 75 Jahren wenig Sinn gemacht hat. Ich will eher versuchen, zu den Werten weiter zu stehen, die mir immer wich- tig waren und so lange mir die Kraft gegeben ist, aus dieser Neugierde, aus diesem Wunsch Dinge mit anderen zu teilen, mit Kollegen, mit Partnern, mit Publikum zu schöpfen – und den Weg weiter zu gehen, ohne mir selber im Weg zu sein.

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Sie haben viele Jahre am Moskauer Konservatorium bei David Oistrach studiert, der eine Art Idealtyp des „klassischen Geigers“ war. Sie sind dann einen ganz eigenen Weg gegangen. Hatten Sie deswegen Probleme mit Oistrach?

Er hat in mir zuerst auch einen Antityp gesehen und wollte, dass ich ihm nur folge. Aber dann hat er sehr viel Respekt gezeigt für all das andere, was ich auch auf der Agenda hatte. So habe ich auch gelernt, dass ein großer Künstler auch großzügig sein kann und nicht nur alles auf seine Art umsetzen will. Letztlich hat er mir geholfen und mich ermuntert, meinen eigenen Weg zu suchen und zu gehen. Dafür kann ich ihm nur dankbar sein.

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Ihre Karriere ist in vielerlei Hinsicht einzigartig. Gibt es Dinge, auf die Sie mit besonderer Dankbarkeit, Befriedigung oder auch mit Stolz zurückblicken?

Das ist sehr schwer einzuschätzen. Ich habe etwa jahrzehntelang meine Aufnahmen nicht angehört und eigentlich gar nicht gewusst, was ich da eingespielt habe. Nur, dass ich versucht habe, das Beste zu geben. In dieser Covid-Phase habe ich begonnen, mich mit meinen eigenen Aufnahmen auseinanderzusetzen. Das entstand ganz spontan, und ich habe tatsächlich interessante Erfahrungen damit gemacht und festgestellt, dass ich doch so einige Spuren hinterlassen habe mit den rund 140 CDs, von denen ich bisher nur einen kleinen Teil angehört habe. Der Strich unter der Rechnung ist aber noch nicht gemacht. Ich könnte ein paar Dinge nennen, würde aber vieles vergessen. Die Zusammenarbeit mit wunderbaren Partnern, Dirigenten, Solisten oder Kammermusikern hat mich enorm bereichert. Bernstein oder Harnoncourt, Martha Argerich, Oleg Maisenberg oder meine Kremerata Baltica – ich weiß nicht, wo ich anfangen soll und nicht, wo ich enden soll. Musik habe ich sehr viel erforscht, teilweise erfolgreich, manchmal auch weniger. Mir war alles wichtig, was ich in mein Repertoire aufnehmen konnte.

Trotzdem gibt es leider auch Lücken. Werke, die ich sehr mag, aber nie gespielt habe, und auch nicht mehr spielen werde. Andererseits hatte ich das Glück, etwa das Brahmskonzert dreimal aufzunehmen – mit Karajan, Bernstein und Harnoncourt. Zweimal habe ich Bachs Sonaten und Partiten eingespielt. Die letzte Aufnahme bei ECM ist vielleicht etwas, was zu meinem Nachlass gehört. Aber man kann Bach auf so viele verschiedene Arten lesen. Und man kann sich sowieso nur, wie ich immer sage, den „Himalayas“ nähern, aber man kann sie kaum erobern. Es ist immer eine individuelle Lösung. Was ich immer bewundere, ist, wenn ich bei einer Aufnahme einen Künstler nach etwa 20 oder 30 Sekunden erkennen kann, genauso wie ich einen Komponisten nach kurzem Hören erkennen kann.

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Erkennen Sie sich denn wieder, wenn Sie Ihre eigenen Aufnahmen hören?

Meistens. Aber mir ist nicht nur wichtig, dass ich mich selbst erkenne, sondern dass mich eventuell auch andere erkennen. Nicht, weil es um Narzissmus geht, sondern weil ich versuche, und das ist mir das Wichtigere, den Komponisten dienlich zu sein. Und wenn ich deren Ton treffe und erkannt werde dabei, empfinde ich das als einen gewissen Erfolg. Es gibt so viele anonyme, wunderbar geigende Künstler, wo es einem schwerfällt zu sagen, wer das ist. Man kann nur bewundern, wie brillant viele Geiger der heutigen Generation die Noten bewältigen. Aber ich lege großen Wert darauf, dass es eine Handschrift ist, und dass jemand nicht nur extravagant ist und daran erkannt wird. Letztlich geht es um die Liebe zur Sache, zum Komponisten, den Sinn einer Partitur. Ich versuche ein Interpret zu sein, ohne mich selber wichtig zu machen.

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Sie sind ein Künstler, der immer auf der Suche ist, der für viele Stilrichtungen offen ist. Für komplexe Musik etwa von Weinberg, aber auch einfach strukturierte Werke von Philip Glass oder Arvo Pärt. Welche Kriterien bestimmen die Auswahl?

Mich reizt es immer, anderen mitzuteilen, wovon ich selber begeistert bin. Es begeistert mich, neue Dinge zu finden. Unlängst brachte mich der französische Pianist Lucas Debargue auf die Spur des polnischen Komponisten Milosz Magin. Wir haben dann gemeinsam mit der Kremerata Baltica eine CD veröffentlicht. Es sind erfrischende Klänge in einer Zeit, wo alles so kompliziert geworden ist. Dieses „Concerto Rustico“ zeugt davon, dass es auch noch andere Werte gibt als „New Complexity“. Es reizt mich auch, dem Publikum die Freude des Erkennens zu schenken und es nicht nur mit sehr komplexen Kompositionsmethoden zu konfrontieren.

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Musik kann also auch einmal einfach sein und trotzdem viel aussagen …

Ich bin begeistert von Komponisten wie Arvo Pärt, Gija Kantscheli oder Victor Kissine, die keine überflüssigen Noten in die Partituren schreiben. Es ist alles, wenn man so will, dem Webern᾽schen Prinzip zugeordnet, jede Note landet an ihrem richtigen Ort. Oder wie Auguste Rodin gesagt hat: Man muss alles Überflüssige vom Stein entfernen, damit es eine Skulptur, ein Kunstwerk wird. Ich habe leider auch sehr viele überflüssige Töne gespielt, und wahrscheinlich passiert es mir ab und zu auch jetzt noch. Aber man muss durch diesen Dschungel einfach hindurch, damit man vielleicht die Einfachheit, die Verklärung, die Schönheit in ursprünglicher Form wieder entdeckt. Und da bleiben für mich die Komponisten, die mir besonders nah am Herzen liegen: Schubert oder Beethoven und natürlich Bach. Natürlich Haydn und natürlich Mozart, natürlich Schumann und so weiter. Ich sehe einfach, dass ich sehr viel getan habe und sehr viel ausgegraben habe.

Aber ich finde dann auch eine gewisse Nähe, die mir meine Kollegen vielleicht übel nehmen könnten, zwischen Schubert, Chopin und Piazzolla beispielsweise. Weil das alles Statements sind in kleiner Form, die ans Herz gehen. Und diese Musik motiviert weiter zu leben, weiter zu träumen, weiter zu fühlen. Wo es doch so viel Lärm um uns herum gibt. Und in der Musik findet man ja auch sehr viel Lärm heutzutage.

Dann denke ich, was soll das? Jetzt, wo wir besonders eingeschränkt sind durch Covid, sollte man doch nicht das Leben noch mehr belasten mit unnötigen Dingen, unnötigen Noten und unnötigen Interpretationen. Man soll sich an den Dingen erfreuen, die zugänglich sind, die aber trotzdem einen großen Wert haben. Dann wundert man sich nicht, dass Schlichtheit in der Kunst nicht Alterserscheinungen, sondern Reifeerscheinungen sind. Diese Schlichtheit strebe ich auch heute an, wenn ich mit meinen jungen Kollegen aus der Kremerata Baltica neue Wege suche, neues Repertoire erforsche. Die Kremerata wird in diesem Jahr 25. Wir sind zu einer Familie zusammen gewachsen, zusammen feiern wir in diesem Jahr einen 100. Geburtstag. Und wir haben gemeinsam viel Wichtiges auf die Beine gestellt!

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Sie haben in den letzten Jahren etliche Werke von Mieczyslaw Weinberg ausgegraben und aufgenommen. Zu Ihrem 75. Geburtstag sind gerade die drei Solosonaten erschienen, ein Gewinn fürs Repertoire?

Weinberg ist mir ans Herz gewachsen. In ihm habe ich für mich einen großen Komponisten entdeckt. Er ist seinen ganz eigenen Weg gegangen, er ist seiner Musik treu geblieben und hat sich nicht verführen lassen in aller Munde zu sein. Diese drei Solosonaten sind rein technisch enorm schwierig, aber auch musikalisch kompliziert. Die Ansprüche an den Interpreten sind sehr groß. Aber das hat meine Begeisterung für Weinberg nicht geschmälert. Es hat mich angespornt, diesen Weg zu gehen. Mit so viel Begeisterung für Weinberg musste ich einfach alle drei Sonaten einspielen. Ich war schon länger von der dritten Sonate begeistert, danach habe ich auch die zweite und dann die erste in Konzerten gespielt und aufgenommen. Und dazu noch die Sonate für zwei Violinen, und auch noch das Klaviertrio, und das Violinkonzert. Alle Stücke gehören zu den kompliziertesten Violinwerken des 20. Jahrhunderts. Die drei Solosonaten halten jeden Maßstab aus, es ist große Musik. Sie reihen sich ein in die beste Gesellschaft von Bach bis Ysaÿe und Bartók.

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Ihre kritische Haltung zu bestimmten Erscheinungen des klassischen Musikbetriebes ist bekannt. Wie sehen Sie in diesem Zusammenhang das Phänomen Internet und Social Media?

Ich habe nur eines zu sagen: Man muss sich der Musik widmen und nicht die Musik für sich ausnutzen. Und viele Musiker, auch aus der jüngeren Generation nutzen die Musik aus, weil es ihnen Ruhm und Anerkennung bringt, oder was auch sonst. Aber im Grunde genommen verfehlen sie ihren Beruf, weil wir eigentlich Diener sind. Das hat einmal mein großes Vorbild Yehudi Menuhin gesagt, der die Worte seines Lehrers George Enescu wiederholt hat. Wir sind nur Diener der Musik, wir müssen nicht so tun, als ob wir die Musik beherrschen. Wir sollten bescheidener sein, wir sollten das tun, was der Musik und den Komponisten dienlich sein kann. Das war immer mein Ziel, und das wünsche ich auch meinen Kollegen der nächsten Generation, dass sie nicht an dem Ziel vorbeischauen, um mehr im Rampenlicht zu stehen. All diese „Ratings“, all diese „Likes“, das ist befremdend. Das hat nichts mit Musikausübung zu tun.

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Hat sich an Ihren Motiven, Musiker zu sein, im Laufe der Zeit etwas verändert, was ist geblieben?

Es ist im Innersten das Bedürfnis, meine Erfahrungen, meine Gefühle, meine Gedanken mitzuteilen. Ich empfinde meinen Beruf als etwas, was der Sache der Musik dienen soll. Der Reichtum der Musik ist es, an dem ich die Menschen beteiligt, interessiert sehen will.

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Gab es Dinge, über die Sie sich geärgert haben, Augenblicke der Desillusion?

Vielleicht, wenn man an der Musik, die ich angeboten habe, gezweifelt hat. Wenn Veranstalter Abstand genommen haben von Programmen. Wenn irgendein Klischee für mich benutzt wurde. Ich sei ein intellektueller Geiger, was ich sicher nicht bin, oder gar was Karajan gesagt hat: „der beste Geiger, den wir haben“. Das bin ich auch nicht. Ich habe auch nicht versucht, der Beste zu sein, sondern das zu sein, was ich bin. Und ich bin eben Gidon Kremer. Und so will ich auch, dass man sich an mich erinnert. An mich und meine Töne.

Sie feiern Ihren 75. Geburtstag. Da ist man geneigt Bilanz zu ziehen. Wie gehen Sie mit diesem Datum um?

Ich versuche, die Dinge so zu nehmen, wie sie kommen. Ich plane meine Konzerte, meine Projekte, aber nicht mein Ende. Das heißt nicht, dass ich beschlossen habe, ewig zu leben. Ich versuche das Beste zu schöpfen aus der Zeit, die mir noch geschenkt ist. Wir wissen alle nicht, wie viel uns geschenkt ist. Vielleicht ist es auch gut so. Aber es ist klar, dass man alles meiden soll, was einem fremd ist, was oberflächlich ist, was im Laufe von 75 Jahren wenig Sinn gemacht hat. Ich will eher versuchen, zu den Werten weiter zu stehen, die mir immer wich- tig waren und so lange mir die Kraft gegeben ist, aus dieser Neugierde, aus diesem Wunsch Dinge mit anderen zu teilen, mit Kollegen, mit Partnern, mit Publikum zu schöpfen – und den Weg weiter zu gehen, ohne mir selber im Weg zu sein.

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Sie haben viele Jahre am Moskauer Konservatorium bei David Oistrach studiert, der eine Art Idealtyp des „klassischen Geigers“ war. Sie sind dann einen ganz eigenen Weg gegangen. Hatten Sie deswegen Probleme mit Oistrach?

Er hat in mir zuerst auch einen Antityp gesehen und wollte, dass ich ihm nur folge. Aber dann hat er sehr viel Respekt gezeigt für all das andere, was ich auch auf der Agenda hatte. So habe ich auch gelernt, dass ein großer Künstler auch großzügig sein kann und nicht nur alles auf seine Art umsetzen will. Letztlich hat er mir geholfen und mich ermuntert, meinen eigenen Weg zu suchen und zu gehen. Dafür kann ich ihm nur dankbar sein.

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Ihre Karriere ist in vielerlei Hinsicht einzigartig. Gibt es Dinge, auf die Sie mit besonderer Dankbarkeit, Befriedigung oder auch mit Stolz zurückblicken?

Das ist sehr schwer einzuschätzen. Ich habe etwa jahrzehntelang meine Aufnahmen nicht angehört und eigentlich gar nicht gewusst, was ich da eingespielt habe. Nur, dass ich versucht habe, das Beste zu geben. In dieser Covid-Phase habe ich begonnen, mich mit meinen eigenen Aufnahmen auseinanderzusetzen. Das entstand ganz spontan, und ich habe tatsächlich interessante Erfahrungen damit gemacht und festgestellt, dass ich doch so einige Spuren hinterlassen habe mit den rund 140 CDs, von denen ich bisher nur einen kleinen Teil angehört habe. Der Strich unter der Rechnung ist aber noch nicht gemacht. Ich könnte ein paar Dinge nennen, würde aber vieles vergessen. Die Zusammenarbeit mit wunderbaren Partnern, Dirigenten, Solisten oder Kammermusikern hat mich enorm bereichert. Bernstein oder Harnoncourt, Martha Argerich, Oleg Maisenberg oder meine Kremerata Baltica – ich weiß nicht, wo ich anfangen soll und nicht, wo ich enden soll. Musik habe ich sehr viel erforscht, teilweise erfolgreich, manchmal auch weniger. Mir war alles wichtig, was ich in mein Repertoire aufnehmen konnte.

Trotzdem gibt es leider auch Lücken. Werke, die ich sehr mag, aber nie gespielt habe, und auch nicht mehr spielen werde. Andererseits hatte ich das Glück, etwa das Brahmskonzert dreimal aufzunehmen – mit Karajan, Bernstein und Harnoncourt. Zweimal habe ich Bachs Sonaten und Partiten eingespielt. Die letzte Aufnahme bei ECM ist vielleicht etwas, was zu meinem Nachlass gehört. Aber man kann Bach auf so viele verschiedene Arten lesen. Und man kann sich sowieso nur, wie ich immer sage, den „Himalayas“ nähern, aber man kann sie kaum erobern. Es ist immer eine individuelle Lösung. Was ich immer bewundere, ist, wenn ich bei einer Aufnahme einen Künstler nach etwa 20 oder 30 Sekunden erkennen kann, genauso wie ich einen Komponisten nach kurzem Hören erkennen kann.

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Erkennen Sie sich denn wieder, wenn Sie Ihre eigenen Aufnahmen hören?

Meistens. Aber mir ist nicht nur wichtig, dass ich mich selbst erkenne, sondern dass mich eventuell auch andere erkennen. Nicht, weil es um Narzissmus geht, sondern weil ich versuche, und das ist mir das Wichtigere, den Komponisten dienlich zu sein. Und wenn ich deren Ton treffe und erkannt werde dabei, empfinde ich das als einen gewissen Erfolg. Es gibt so viele anonyme, wunderbar geigende Künstler, wo es einem schwerfällt zu sagen, wer das ist. Man kann nur bewundern, wie brillant viele Geiger der heutigen Generation die Noten bewältigen. Aber ich lege großen Wert darauf, dass es eine Handschrift ist, und dass jemand nicht nur extravagant ist und daran erkannt wird. Letztlich geht es um die Liebe zur Sache, zum Komponisten, den Sinn einer Partitur. Ich versuche ein Interpret zu sein, ohne mich selber wichtig zu machen.

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Sie sind ein Künstler, der immer auf der Suche ist, der für viele Stilrichtungen offen ist. Für komplexe Musik etwa von Weinberg, aber auch einfach strukturierte Werke von Philip Glass oder Arvo Pärt. Welche Kriterien bestimmen die Auswahl?

Mich reizt es immer, anderen mitzuteilen, wovon ich selber begeistert bin. Es begeistert mich, neue Dinge zu finden. Unlängst brachte mich der französische Pianist Lucas Debargue auf die Spur des polnischen Komponisten Milosz Magin. Wir haben dann gemeinsam mit der Kremerata Baltica eine CD veröffentlicht. Es sind erfrischende Klänge in einer Zeit, wo alles so kompliziert geworden ist. Dieses „Concerto Rustico“ zeugt davon, dass es auch noch andere Werte gibt als „New Complexity“. Es reizt mich auch, dem Publikum die Freude des Erkennens zu schenken und es nicht nur mit sehr komplexen Kompositionsmethoden zu konfrontieren.

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Musik kann also auch einmal einfach sein und trotzdem viel aussagen …

Ich bin begeistert von Komponisten wie Arvo Pärt, Gija Kantscheli oder Victor Kissine, die keine überflüssigen Noten in die Partituren schreiben. Es ist alles, wenn man so will, dem Webern᾽schen Prinzip zugeordnet, jede Note landet an ihrem richtigen Ort. Oder wie Auguste Rodin gesagt hat: Man muss alles Überflüssige vom Stein entfernen, damit es eine Skulptur, ein Kunstwerk wird. Ich habe leider auch sehr viele überflüssige Töne gespielt, und wahrscheinlich passiert es mir ab und zu auch jetzt noch. Aber man muss durch diesen Dschungel einfach hindurch, damit man vielleicht die Einfachheit, die Verklärung, die Schönheit in ursprünglicher Form wieder entdeckt. Und da bleiben für mich die Komponisten, die mir besonders nah am Herzen liegen: Schubert oder Beethoven und natürlich Bach. Natürlich Haydn und natürlich Mozart, natürlich Schumann und so weiter. Ich sehe einfach, dass ich sehr viel getan habe und sehr viel ausgegraben habe.

Aber ich finde dann auch eine gewisse Nähe, die mir meine Kollegen vielleicht übel nehmen könnten, zwischen Schubert, Chopin und Piazzolla beispielsweise. Weil das alles Statements sind in kleiner Form, die ans Herz gehen. Und diese Musik motiviert weiter zu leben, weiter zu träumen, weiter zu fühlen. Wo es doch so viel Lärm um uns herum gibt. Und in der Musik findet man ja auch sehr viel Lärm heutzutage.

Dann denke ich, was soll das? Jetzt, wo wir besonders eingeschränkt sind durch Covid, sollte man doch nicht das Leben noch mehr belasten mit unnötigen Dingen, unnötigen Noten und unnötigen Interpretationen. Man soll sich an den Dingen erfreuen, die zugänglich sind, die aber trotzdem einen großen Wert haben. Dann wundert man sich nicht, dass Schlichtheit in der Kunst nicht Alterserscheinungen, sondern Reifeerscheinungen sind. Diese Schlichtheit strebe ich auch heute an, wenn ich mit meinen jungen Kollegen aus der Kremerata Baltica neue Wege suche, neues Repertoire erforsche. Die Kremerata wird in diesem Jahr 25. Wir sind zu einer Familie zusammen gewachsen, zusammen feiern wir in diesem Jahr einen 100. Geburtstag. Und wir haben gemeinsam viel Wichtiges auf die Beine gestellt!

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Sie haben in den letzten Jahren etliche Werke von Mieczyslaw Weinberg ausgegraben und aufgenommen. Zu Ihrem 75. Geburtstag sind gerade die drei Solosonaten erschienen, ein Gewinn fürs Repertoire?

Weinberg ist mir ans Herz gewachsen. In ihm habe ich für mich einen großen Komponisten entdeckt. Er ist seinen ganz eigenen Weg gegangen, er ist seiner Musik treu geblieben und hat sich nicht verführen lassen in aller Munde zu sein. Diese drei Solosonaten sind rein technisch enorm schwierig, aber auch musikalisch kompliziert. Die Ansprüche an den Interpreten sind sehr groß. Aber das hat meine Begeisterung für Weinberg nicht geschmälert. Es hat mich angespornt, diesen Weg zu gehen. Mit so viel Begeisterung für Weinberg musste ich einfach alle drei Sonaten einspielen. Ich war schon länger von der dritten Sonate begeistert, danach habe ich auch die zweite und dann die erste in Konzerten gespielt und aufgenommen. Und dazu noch die Sonate für zwei Violinen, und auch noch das Klaviertrio, und das Violinkonzert. Alle Stücke gehören zu den kompliziertesten Violinwerken des 20. Jahrhunderts. Die drei Solosonaten halten jeden Maßstab aus, es ist große Musik. Sie reihen sich ein in die beste Gesellschaft von Bach bis Ysaÿe und Bartók.

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Ihre kritische Haltung zu bestimmten Erscheinungen des klassischen Musikbetriebes ist bekannt. Wie sehen Sie in diesem Zusammenhang das Phänomen Internet und Social Media?

Ich habe nur eines zu sagen: Man muss sich der Musik widmen und nicht die Musik für sich ausnutzen. Und viele Musiker, auch aus der jüngeren Generation nutzen die Musik aus, weil es ihnen Ruhm und Anerkennung bringt, oder was auch sonst. Aber im Grunde genommen verfehlen sie ihren Beruf, weil wir eigentlich Diener sind. Das hat einmal mein großes Vorbild Yehudi Menuhin gesagt, der die Worte seines Lehrers George Enescu wiederholt hat. Wir sind nur Diener der Musik, wir müssen nicht so tun, als ob wir die Musik beherrschen. Wir sollten bescheidener sein, wir sollten das tun, was der Musik und den Komponisten dienlich sein kann. Das war immer mein Ziel, und das wünsche ich auch meinen Kollegen der nächsten Generation, dass sie nicht an dem Ziel vorbeischauen, um mehr im Rampenlicht zu stehen. All diese „Ratings“, all diese „Likes“, das ist befremdend. Das hat nichts mit Musikausübung zu tun.

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Hat sich an Ihren Motiven, Musiker zu sein, im Laufe der Zeit etwas verändert, was ist geblieben?

Es ist im Innersten das Bedürfnis, meine Erfahrungen, meine Gefühle, meine Gedanken mitzuteilen. Ich empfinde meinen Beruf als etwas, was der Sache der Musik dienen soll. Der Reichtum der Musik ist es, an dem ich die Menschen beteiligt, interessiert sehen will.

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Gab es Dinge, über die Sie sich geärgert haben, Augenblicke der Desillusion?

Vielleicht, wenn man an der Musik, die ich angeboten habe, gezweifelt hat. Wenn Veranstalter Abstand genommen haben von Programmen. Wenn irgendein Klischee für mich benutzt wurde. Ich sei ein intellektueller Geiger, was ich sicher nicht bin, oder gar was Karajan gesagt hat: „der beste Geiger, den wir haben“. Das bin ich auch nicht. Ich habe auch nicht versucht, der Beste zu sein, sondern das zu sein, was ich bin. Und ich bin eben Gidon Kremer. Und so will ich auch, dass man sich an mich erinnert. An mich und meine Töne.