„Musik ist Frieden, Musik ist Freiheit“
Als Generalmusikdirektor hat François-Xavier Roth im Kölner Konzertleben eine Aufbruchstimmung erzeugt, und auch sonst ist der sympathische Franzose sehr aktiv. Ein Gespräch über den Krieg in der Ukraine, Kölner Besonderheiten und die geplante Gesamtaufnahme der Sinfonien Anton Bruckners mit dem Gürzenich-Orchester.

Bei Ihrem letzten Konzert mit den Berliner Philharmonikern standen mit „Petruschka“ und „Le baiser de la fée“ zwei in Paris uraufgeführte Ballettmusiken des russischen Komponisten Igor Strawinsky auf dem Programm. Aus Russland kamen im Laufe der Geschichte großartige Kunstwerke in Literatur, Malerei und Musik nach Westeuropa. Heute geht von dem Land unter seinem Präsidenten Wladimir Putin eine zerstörerische Kraft aus. Wie gehen Sie persönlich mit dem Krieg in der Ukraine um?
Dieser brutale Krieg ist nicht zu akzeptieren. Wir müssen alles möglich machen, dass der Frieden sehr bald zurückkommt. Musik fördert das gegenseitige Verständnis und führt zum Kulturaustausch. Als der junge Strawinsky im Jahr 1910 für die Premiere seines Balletts „Der Feuervogel“ zum ersten Mal nach Paris kommt, ist er Russe. Er wird dort aber zum Europäer – am Ende ist er Kosmopolit und ein universeller Musiker. Diese Fragen nach Grenzen, nach einem Großrussland sind so dumm. Wir sind hier, um zusammenzuleben, nicht um gegeneinander zu kämpfen. Diese starke gegenseitige Verbindung können wir in der Musik zeigen.
Ist es für Sie richtig, einen verdienten Dirigenten wie Valery Gergiev, der sich trotz Aufforderung nicht öffentlich von Putins Angriffskrieg distanziert hat, zu isolieren, seine Auftritte abzusagen und wie in München auch seinen Vertrag zu kündigen?
Leider gibt es keine andere Möglichkeit. Valery ist zwar kein Soldat. Aber ich finde es unmöglich, dass so ein großer Künstler wie er, der wichtigste russische Künstler in der Musik überhaupt, kein Statement für den Frieden abgibt. Er trägt die Verantwortung für sein Mariinsky-Theater in Sankt Petersburg. Deshalb hat er offensichtlich nun die Entscheidung getroffen zu schweigen. Aber Musik ist Frieden, Musik ist Freiheit. Seine Entscheidung ist sehr bedauerlich, weil er ein großer Künstler ist.
Sie sind auch ein Alte-Musik-Experte und Gründer und Leiter des Originalklang- Ensembles „Les Siecles“. Wie klingt Ihr Bach mit den Berliner Philharmonikern auf modernen Instrumenten?
Das müssen andere beurteilen. Ich versuche mit dem Orchester eine möglichst hohe Transparenz zu erzielen mit dem Fokus auf Artikulation und Harmonik. Die Orchestermitglieder mögen diese Musik und sind sehr an historischer Aufführungspraxis interessiert. Wie sollen wir den Bogen benutzen? Wann spielen wir Vibrato und wann nicht? Die Berliner Philharmoniker möchten bei Johann Sebastian Bach anders klingen als bei Richard Strauss.
Im Jahr 2015 haben Sie Ihre Stelle als neuer Chefdirigent des Gürzenich- Orchesters und Generalmusikdirektor der Kölner Oper angetreten. Was haben Sie gegenüber Ihrem Vorgänger Markus Stenz verändert bei diesem traditionsreichen Orchester?
Ich denke, das Orchester hat ein anderes Gesicht. Vielleicht hat das zu tun mit unserer Zusammenarbeit. Das Orchester hat neben der besonderen Art und Weise, die Musik von Robert Schumann oder Anton Bruckner zu spielen, eine spezielle Expertise für moderne Musik.
Im Gegensatz zum SWR Sinfonieorchester Baden-Baden und Freiburg, das Sie von 2011 bis 2016 als Chefdirigent betreuten, ist das Gürzenich- Orchester erklärtermaßen ein Orchester für die Stadt. Welche Musik braucht diese Stadt?
Um das Orchester zu verstehen, ist es wichtig, auf seine doppelte Aktivität hinzuweisen – im Konzert und in der Oper. Das Gürzenich-Orchester hat eine große Flexibilität, viel mehr als ein Rundfunkorchester. Es besitzt aber auch eine spezielle Kölner Identität. Köln ist ein Schmelztiegel aus verschiedenen Nationalitäten, Kulturen, Religionen, Communities. Dabei ist die Stadt ziemlich kompakt und nicht so groß wie Berlin oder Hamburg. Die Kultur spielt hier eine große Rolle. Es gibt neben musikalischen Institutionen wie der Philharmonie oder dem Studio für elektronische Musik auch großartige Museen mit einem besonderen Fokus auf der Avantgarde wie das Museum Ludwig. Gleichzeitig existiert in der Stadt ein besonderes Verhältnis von Ernst und Witz, von künstlerischer Ambition und Popularität. Diese Mischung findet man auch in der Musik von Bernd Alois Zimmermann. Er verwendet Zitate von Johann Sebastian Bach genauso wie moderne Clusterklänge und Volkslieder. Auch dieser musikalische Schmelztiegel ist für mich Köln.
Das frisch sanierte Opernhaus sollte eigentlich zu Ihrem Amtsantritt 2015 eröff net werden. Jetzt soll das Haus frühestens 2024 fertig werden. Ist das nicht frustrierend für Sie?
Nein, auch wenn ich vielleicht das renovierte Haus in meiner Amtszeit gar nicht mehr erlebe. Das Ausweichquartier im Staatenhaus bietet auch viele Möglichkeiten, die wir in einem normalen Opernhaus nicht hätten. Es gibt zwar viel Negatives wie die problematische Akustik, aber ich schaue einfach auf das Positive. Für Bernd Alois Zimmermanns Oper „Die Soldaten“ konnten wir eine ideale Aufstellung von Orchester, Solisten, Chor und Publikum fi nden. Für eine so alte Form wie die Oper können neue Räume gut sein – auch, um ein anderes Publikum anzusprechen.
In Freiburg haben Sie beim SWR Sinfonieorchester Baden-Baden und Freiburg die „Patch Days“ eingeführt, bei denen Laien gemeinsam mit dem Orchester musiziert haben. Ihr Bürgerorchester in Köln geht jetzt noch einen Schritt weiter. Soll das eine feste Institution werden mit regelmäßigen Projekten?
Das ist ein sehr wichtiges Projekt für mich. Wir möchten regelmäßig und langfristig mit Amateurmusikern spielen. Das macht unser Leben als Orchester anders – im besten Sinne. Auch für unser Publikum ist es sehr wichtig, noch näher ans Orchester zu rücken und selbst zu musizieren.
Im Hinblick auf Anton Bruckners 200. Geburtstag im Jahr 2024 haben Sie eine Gesamtaufnahme seiner Sinfonien mit dem Gürzenich-Orchester begonnen. Die Einspielung der Siebten ist bereits erschienen. Wie ist Ihr Zugang zu diesem Komponisten?
Für mich kommt Anton Bruckner mehr von Buxtehude, Bach und Schubert – und nicht so sehr von Richard Wagner. Mich interessiert die Modernität an seiner Musik, die durch harmonische Parameter und durch die besondere Struktur erzeugt wird. Die Organisation des Klangs im Raum finde ich spannend und die Transparenz in seiner Musik.
Beim neuen, erst 2019 gegründeten Originalklangfestival FELIX werden Sie in diesem Jahr mit Ihrem Ensemble „Les Siecles“ spielen, das sein Instrumentarium auf das Repertoire abstimmt. Warum ist Strawinsky auf Originalinstrumenten reizvoll?
Es ist viel komplizierter, die Musik von Strawinsky oder Ravel auf Originalinstrumenten zu spielen als die von Mozart oder Beethoven – aber es lohnt sich. Es gab Anfang der 1920er-Jahre in Paris zur Zeit der Balletts Russes ein Mosaik an Instrumenten, das absolut faszinierend ist. Eine Posaune oder ein Kontrafagott aus dieser Zeit hat eine ganz besondere Farbe. Und es gab nie ein Problem mit der Balance. Was wir beim Festival spielen, darf ich noch nicht verraten. Es wird jedenfalls kein normales Konzert – das kann ich schon sagen. Außerdem habe ich viele fantastische Ensembles aus Frankreich eingeladen wie des Ensemble Pygmalion, Les Arts Florissants, Les Musiciens du Louvre – wir haben eine große französische Tradition der historischen Aufführungspraxis.
Die Coronapandemie hat die Menschheit zwei Jahre lang in Atem gehalten und viele Opfer gefordert, jetzt bedroht ein Krieg mitten in Europa die Menschheit. Sie sind ein sehr optimistischer Mensch. Verlieren Sie gerade Ihren Optimismus?
Überhaupt nicht. Ich habe keine andere Wahl. Es ist nicht meine Natur, deprimiert zu sein. Ich habe nach wie vor viel Kraft und Energie, musikalische Projekte zu organisieren. Natürlich können wir damit nicht direkt Menschen retten. Aber das gemeinsame Musizieren setzt bei allen Beteiligten eine ungeheure Kraft frei. Musik ist auch eine Utopie des Friedens. Dieses Glück möchte ich in diese schwierige Situation transportieren.
Bei Ihrem letzten Konzert mit den Berliner Philharmonikern standen mit „Petruschka“ und „Le baiser de la fée“ zwei in Paris uraufgeführte Ballettmusiken des russischen Komponisten Igor Strawinsky auf dem Programm. Aus Russland kamen im Laufe der Geschichte großartige Kunstwerke in Literatur, Malerei und Musik nach Westeuropa. Heute geht von dem Land unter seinem Präsidenten Wladimir Putin eine zerstörerische Kraft aus. Wie gehen Sie persönlich mit dem Krieg in der Ukraine um?
Dieser brutale Krieg ist nicht zu akzeptieren. Wir müssen alles möglich machen, dass der Frieden sehr bald zurückkommt. Musik fördert das gegenseitige Verständnis und führt zum Kulturaustausch. Als der junge Strawinsky im Jahr 1910 für die Premiere seines Balletts „Der Feuervogel“ zum ersten Mal nach Paris kommt, ist er Russe. Er wird dort aber zum Europäer – am Ende ist er Kosmopolit und ein universeller Musiker. Diese Fragen nach Grenzen, nach einem Großrussland sind so dumm. Wir sind hier, um zusammenzuleben, nicht um gegeneinander zu kämpfen. Diese starke gegenseitige Verbindung können wir in der Musik zeigen.
Ist es für Sie richtig, einen verdienten Dirigenten wie Valery Gergiev, der sich trotz Aufforderung nicht öffentlich von Putins Angriffskrieg distanziert hat, zu isolieren, seine Auftritte abzusagen und wie in München auch seinen Vertrag zu kündigen?
Leider gibt es keine andere Möglichkeit. Valery ist zwar kein Soldat. Aber ich finde es unmöglich, dass so ein großer Künstler wie er, der wichtigste russische Künstler in der Musik überhaupt, kein Statement für den Frieden abgibt. Er trägt die Verantwortung für sein Mariinsky-Theater in Sankt Petersburg. Deshalb hat er offensichtlich nun die Entscheidung getroffen zu schweigen. Aber Musik ist Frieden, Musik ist Freiheit. Seine Entscheidung ist sehr bedauerlich, weil er ein großer Künstler ist.
Sie sind auch ein Alte-Musik-Experte und Gründer und Leiter des Originalklang- Ensembles „Les Siecles“. Wie klingt Ihr Bach mit den Berliner Philharmonikern auf modernen Instrumenten?
Das müssen andere beurteilen. Ich versuche mit dem Orchester eine möglichst hohe Transparenz zu erzielen mit dem Fokus auf Artikulation und Harmonik. Die Orchestermitglieder mögen diese Musik und sind sehr an historischer Aufführungspraxis interessiert. Wie sollen wir den Bogen benutzen? Wann spielen wir Vibrato und wann nicht? Die Berliner Philharmoniker möchten bei Johann Sebastian Bach anders klingen als bei Richard Strauss.
Im Jahr 2015 haben Sie Ihre Stelle als neuer Chefdirigent des Gürzenich- Orchesters und Generalmusikdirektor der Kölner Oper angetreten. Was haben Sie gegenüber Ihrem Vorgänger Markus Stenz verändert bei diesem traditionsreichen Orchester?
Ich denke, das Orchester hat ein anderes Gesicht. Vielleicht hat das zu tun mit unserer Zusammenarbeit. Das Orchester hat neben der besonderen Art und Weise, die Musik von Robert Schumann oder Anton Bruckner zu spielen, eine spezielle Expertise für moderne Musik.
Im Gegensatz zum SWR Sinfonieorchester Baden-Baden und Freiburg, das Sie von 2011 bis 2016 als Chefdirigent betreuten, ist das Gürzenich- Orchester erklärtermaßen ein Orchester für die Stadt. Welche Musik braucht diese Stadt?
Um das Orchester zu verstehen, ist es wichtig, auf seine doppelte Aktivität hinzuweisen – im Konzert und in der Oper. Das Gürzenich-Orchester hat eine große Flexibilität, viel mehr als ein Rundfunkorchester. Es besitzt aber auch eine spezielle Kölner Identität. Köln ist ein Schmelztiegel aus verschiedenen Nationalitäten, Kulturen, Religionen, Communities. Dabei ist die Stadt ziemlich kompakt und nicht so groß wie Berlin oder Hamburg. Die Kultur spielt hier eine große Rolle. Es gibt neben musikalischen Institutionen wie der Philharmonie oder dem Studio für elektronische Musik auch großartige Museen mit einem besonderen Fokus auf der Avantgarde wie das Museum Ludwig. Gleichzeitig existiert in der Stadt ein besonderes Verhältnis von Ernst und Witz, von künstlerischer Ambition und Popularität. Diese Mischung findet man auch in der Musik von Bernd Alois Zimmermann. Er verwendet Zitate von Johann Sebastian Bach genauso wie moderne Clusterklänge und Volkslieder. Auch dieser musikalische Schmelztiegel ist für mich Köln.
Das frisch sanierte Opernhaus sollte eigentlich zu Ihrem Amtsantritt 2015 eröff net werden. Jetzt soll das Haus frühestens 2024 fertig werden. Ist das nicht frustrierend für Sie?
Nein, auch wenn ich vielleicht das renovierte Haus in meiner Amtszeit gar nicht mehr erlebe. Das Ausweichquartier im Staatenhaus bietet auch viele Möglichkeiten, die wir in einem normalen Opernhaus nicht hätten. Es gibt zwar viel Negatives wie die problematische Akustik, aber ich schaue einfach auf das Positive. Für Bernd Alois Zimmermanns Oper „Die Soldaten“ konnten wir eine ideale Aufstellung von Orchester, Solisten, Chor und Publikum fi nden. Für eine so alte Form wie die Oper können neue Räume gut sein – auch, um ein anderes Publikum anzusprechen.
In Freiburg haben Sie beim SWR Sinfonieorchester Baden-Baden und Freiburg die „Patch Days“ eingeführt, bei denen Laien gemeinsam mit dem Orchester musiziert haben. Ihr Bürgerorchester in Köln geht jetzt noch einen Schritt weiter. Soll das eine feste Institution werden mit regelmäßigen Projekten?
Das ist ein sehr wichtiges Projekt für mich. Wir möchten regelmäßig und langfristig mit Amateurmusikern spielen. Das macht unser Leben als Orchester anders – im besten Sinne. Auch für unser Publikum ist es sehr wichtig, noch näher ans Orchester zu rücken und selbst zu musizieren.
Im Hinblick auf Anton Bruckners 200. Geburtstag im Jahr 2024 haben Sie eine Gesamtaufnahme seiner Sinfonien mit dem Gürzenich-Orchester begonnen. Die Einspielung der Siebten ist bereits erschienen. Wie ist Ihr Zugang zu diesem Komponisten?
Für mich kommt Anton Bruckner mehr von Buxtehude, Bach und Schubert – und nicht so sehr von Richard Wagner. Mich interessiert die Modernität an seiner Musik, die durch harmonische Parameter und durch die besondere Struktur erzeugt wird. Die Organisation des Klangs im Raum finde ich spannend und die Transparenz in seiner Musik.
Beim neuen, erst 2019 gegründeten Originalklangfestival FELIX werden Sie in diesem Jahr mit Ihrem Ensemble „Les Siecles“ spielen, das sein Instrumentarium auf das Repertoire abstimmt. Warum ist Strawinsky auf Originalinstrumenten reizvoll?
Es ist viel komplizierter, die Musik von Strawinsky oder Ravel auf Originalinstrumenten zu spielen als die von Mozart oder Beethoven – aber es lohnt sich. Es gab Anfang der 1920er-Jahre in Paris zur Zeit der Balletts Russes ein Mosaik an Instrumenten, das absolut faszinierend ist. Eine Posaune oder ein Kontrafagott aus dieser Zeit hat eine ganz besondere Farbe. Und es gab nie ein Problem mit der Balance. Was wir beim Festival spielen, darf ich noch nicht verraten. Es wird jedenfalls kein normales Konzert – das kann ich schon sagen. Außerdem habe ich viele fantastische Ensembles aus Frankreich eingeladen wie des Ensemble Pygmalion, Les Arts Florissants, Les Musiciens du Louvre – wir haben eine große französische Tradition der historischen Aufführungspraxis.
Die Coronapandemie hat die Menschheit zwei Jahre lang in Atem gehalten und viele Opfer gefordert, jetzt bedroht ein Krieg mitten in Europa die Menschheit. Sie sind ein sehr optimistischer Mensch. Verlieren Sie gerade Ihren Optimismus?
Überhaupt nicht. Ich habe keine andere Wahl. Es ist nicht meine Natur, deprimiert zu sein. Ich habe nach wie vor viel Kraft und Energie, musikalische Projekte zu organisieren. Natürlich können wir damit nicht direkt Menschen retten. Aber das gemeinsame Musizieren setzt bei allen Beteiligten eine ungeheure Kraft frei. Musik ist auch eine Utopie des Friedens. Dieses Glück möchte ich in diese schwierige Situation transportieren.
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