Interview & Porträt

Träumen, suchen, finden

Von
Elisabeth Richter
Erschienen in der Printausgabe im
Mai 2022
Lesezeit ca.
…
Minuten
Für Benjamin Appl erfordert „Die Winterreise“ eine Auseinandersetzung mit der eigenen inneren Welt. Foto Daid Ruano
Für Benjamin Appl erfordert „Die Winterreise“ eine Auseinandersetzung mit der eigenen inneren Welt. Foto Daid Ruano

Manche Interpreten gestalten das Lied „Im Dorfe“, die Nr. 17 aus Schuberts „Winterreise“, als Tiefpunkt. „Ich bin zu Ende mit allen Träumen“ heißt es da. Doch Benjamin Appl vermeidet Ernüchterung oder Bitterkeit. Ganz ausgeglichen lässt er seinen warm timbrierten Bariton hier klingen. Er scheint das Lied eher als Aufforderung zu begreifen, sinnloses Nachharren und Hoffen auf Erfüllung vergeblicher Träume hinter sich zu lassen. Die „wachen Hunde“ sollen ihn, den Wanderer, ruhig „fortbellen“, so dichtete Wilhelm Müller: „Was will ich unter den Schläfern säumen?“ Für ihn, schreibt Benjamin Appl im Booklet zur gerade erschienenen Winterreise-Aufnahme, sei der Protagonist „ein Suchender, der anders als andere, sein Leben und sein Schicksal nicht verschlafen will, sondern es selbst in die Hand nimmt“.

„Suche“ ist vielleicht das wichtigste Stichwort, das den bald 40-jährigen Bariton aus Regensburg mit Wahlheimat London charakterisiert. Geradlinig verlief der Weg zu einem der spannendsten jüngeren deutschen Lied- und Konzert-Sänger (mit jährlichen Ausflügen in die Oper) keineswegs. Aber irgendwo hat Benjamin Appl wohl eine innere Wünschelrute, die ihm gangbare Wege aufzeigt. Fährten wurden gelegt, als er seinen beiden älteren Brüdern zu den Regensburger Domspatzen folgte. „Ich wollte dann Gesang studieren, konnte mir aber ein Leben aus dem Koffer einfach nicht vorstellen, das Herumreisen, die Unzuverlässigkeiten, die mangelnde Planbarkeit.“ Aber nach einer Banklehre und einem Betriebswirtschaftsstudium zog es ihn doch ganz zur Musik, die er nie ganz aufgegeben hatte. „Ich vermisste etwas in den Massenvorlesungen mit 500 Studenten, nämlich die Reflexion, das An-sich-Arbeiten.“ So begann Benjamin Appl parallel zu BWL auch Gesang zu studieren, erst in Augsburg, dann in München und London.

Seine Offenheit lässt ihn ungewöhnliche Ideen finden. Das spektakulärste Projekt wurde Anfang März 2022 in der BBC präsentiert. Ein Film, in dem Benjamin Appl Schuberts „Winterreise“ auf dem über 2000 Meter hohen, schneebedeckten und -verwehten Julier-Pass in den Schweizer Alpen singt. Dort hat der Theaterintendant Giovanni Netzer, Gründer und Leiter des „Origin Festival Cultural“, 2017 einen zehneckigen, schlichten, roten Holzturm als Veranstaltungsort bauen lassen. Benjamin Appl hat ihn zufällig auf Instagram entdeckt. „Ich konnte nicht glauben, dass der existiert und habe dann das ‚Origin Festival‘ besucht: Es war unglaublich, so eine intensive Atmosphäre habe ich noch nie gespürt.“ Nur 220 Personen haben in dem sonst fast leeren Rund mit bogenartigen Fenstern Platz. Es wird Tanz, Schauspiel, Musik geboten. „Ich kam dahin und dachte, das hat etwas Sektenhaft es. Es ist so fokussiert, aber wirklich gigantisch und sehr inspirierend. Als ich diesen Ort mit dem Turm sah, dachte ich, das ist ein perfekter Ort für die ,Winterreise‘!“

Benjamin Appl konnte den englischen Regisseur John Bridcut begeistern, der holte die BBC ins Boot, oder besser gesagt mit auf den schneebedeckten Pass im November 2021. Es wurde ein Szenario entworfen, Benjamin Appl schlüpft e in verschiedene Rollen. „Bin ich ein Liedsänger, der interpretiert, oder bin ich der Wanderer selbst? Das war mir selbst nicht immer klar, und ist es mir manchmal immer noch nicht. Aber das macht nichts, es ist eben eine ‚wandernde‘ Situation.“

Anfangs zieht er als ,Winterreisen‘- Wanderer noch ohne Schnee aus dem Dorf, später träumt er sich etwa im „Lindenbaum“ dahin zurück. Dann stapft er im weiten wehenden Mantel wie Caspar David Friedrichs Wanderer mit Wanderstab durch den hohen Schnee, der ihm auch mal stürmisch ins Gesicht fliegt. Manche Lieder werden aber auch als Konzert-Situation im Innern des Turms gezeigt. „Die Prämisse der BBC war, dass alle Musik live gesungen wird. Ich hatte einen Knopf im Ohr mit dem Klavierpart im Turm. Es war wahnsinnig schwer, die Stimme dann in der Postproduktion auf den Klavierklang zu bringen, auch zu zeigen, dass wirklich draußen gesungen wird. Aber drinnen gibt es natürlich eine Veränderung der Tonqualität. Das musste man manchmal anpassen. Genauso, wenn ich im Turm an verschiedenen Positionen stehe, auch da verändert sich der Klang.“

Herausgekommen ist eine Mischung aus sehr speziellem, sehr intimem „Roadmovie“ und Dokumentarfilm. Benjamin Appl und sein sensibler Klavierpartner James Baillieu schauen sich auch gemeinsam Schuberts Autograf zur „Winterreise“ an, oder Benjamin Appl spricht mit der Sängerinnen-Legende Brigitte Fassbaender über den Zyklus und kommentiert Passagen ihrer „Winterreise“-Aufnahme. Vorerst war der Film nur in der BBC zu sehen, das schweizerische Fernsehen wird ihn im kommenden Winter zeigen.

Benjamin Appl war bei diesem Projekt zur rechten Zeit am rechten Ort. Der einsame rote Turm auf dem Julier-Pass muss 2023 abgerissen werden. Länger wollten die schweizerischen Behörden das Naturschutzgebiet der Fremdnutzung nicht preisgeben, selbst wenn diese noch so spannend ist. Und Benjamin Appl weiß eines: „Solche Projekte werden nie den klassischen Liederabend ersetzen. Für mich ist der klassische Liederabend das Beständige.“ Aber Rituale sind dazu da hinterfragt zu werden. „Seit 80 Jahren hat sich in der Darbietung von Liederabenden relativ wenig verändert. Was aber ist der Zugang unserer Generation, der Generation vor und nach uns? Wie können wir versuchen, künstlerisch Grenzen auszuloten und vielleicht Menschen ansprechen, die nicht in Liederabende gehen?“

Hoffnung macht, dass Benjamin Appl auch einige Kollegen in seiner Generation hat, die sich dem Lied verschreiben, Andrè Schuen etwa, Samuel Hasselhorn oder Rafael Fingerlos. Spannend und wichtig sei es beim Lied, so Benjamin Appl, Emotionen zu vermitteln. „Ich denke zum Beispiel an etwas in meinem eigenen Leben, auch an ein Bild in einer Gemäldegalerie oder an eine Stimmung. Aber jeder individuell im Publikum empfängt das anders. Einer denkt an den Tod der Mutter, der andere an den Verlust einer Liebe. Wir müssen immer konkret Botschaften senden, ohne das kann einfach nicht gesendet und empfangen werden. Diese Texte sind zwar 200 Jahre alt, doch mit den Gefühlen können wir uns heute verbinden.“

Jedes einzelne Wort eines Liedes nimmt Benjamin Appl genau unter die Lupe. Die Gedichttexte schreibt er immer wieder ab. „Ich lerne visuell, aber auch durch Bewegung und mit innerlichem Sprechen dazu.“ Die physische Auseinandersetzung sichert den Zugriff auf den inneren Speicher. Sich so genau mit einem Lied, mit den Inhalten und Hintergründen von Musik allgemein auseinanderzusetzen, das hat Benjamin Appl besonders von Dietrich Fischer-Dieskau gelernt, mit dem er regelmäßig bis zu dessen Tod 2012 gearbeitet hat. „Ich sehe Fischer-Dieskau bis heute als den größten Liedersänger. Er hat immer versucht, noch tiefer einzutauchen. Sei es, die Umstände des Textdichters anzusehen, die geschichtliche Einordnung des Werkes zu verstehen, die harmonischen Strukturen im Stück nochmals zu untersuchen. Er hat nie einfach abgeliefert, sondern immer kreiert. Das war sehr inspirierend.“

Permanente Suche als Gegengift zur Routine war die eine Sache, die Benjamin Appl von Fischer-Dieskau gelernt hat. Die andere hat wieder mit Selbstreflexion zu tun. „Gerade wenn ich mit ihm zu Hause arbeitete und er sich unbeobachtet fühlte, war es für mich sehr besonders zu sehen, dass er oft ziemlich depressiv war. Er fragte sich immer: ‚Was ist übrig von meinem Leben? Keiner kennt mich mehr. Ich kann nicht mehr dirigieren, nicht mehr Klavierspielen, nicht mehr singen.‘ Das war eine Lehre für mich. Zu fragen, was ist wichtig im Leben, was geben wir, und was müssen wir versuchen, auch uns selbst zu geben?“

Benjamin Appl lernt gern vom Austausch mit erfahrenen Künstler-Persönlichkeiten. Aber er bleibt dabei er selbst. Er strahlt Ruhe und Sicherheit aus, und Freude. Seit gut zwei Jahren arbeitet er regelmäßig mit dem ungarischen Komponisten György Kurtág, Jahrgang 1926, etwa an dessen „Hölderlin- Gesängen“: „Phänomenal ist der Kosmos von Wissen in seinem Kopf. Wie er Synapsen herstellt beispielsweise von russischer Literatur bis zu französischen Barockmobiliaren. Er ist wirklich ein allwissender Gelehrter, ein Philosoph – und ein wahnsinnig zweifelnder, unsicherer Mensch. Sein Lieblingswort ist ‚vielleicht‘. Er sucht und sucht. Es kann sein, dass wir zwei oder drei Stunde an einem Takt arbeiten. Es ist ein unglaubliches Suchen und Finden nach Farben, nach Emotionen, nach Details in einer Art und Weise, wie ich es noch nie erlebt habe. Faszinierend.“

Manche Interpreten gestalten das Lied „Im Dorfe“, die Nr. 17 aus Schuberts „Winterreise“, als Tiefpunkt. „Ich bin zu Ende mit allen Träumen“ heißt es da. Doch Benjamin Appl vermeidet Ernüchterung oder Bitterkeit. Ganz ausgeglichen lässt er seinen warm timbrierten Bariton hier klingen. Er scheint das Lied eher als Aufforderung zu begreifen, sinnloses Nachharren und Hoffen auf Erfüllung vergeblicher Träume hinter sich zu lassen. Die „wachen Hunde“ sollen ihn, den Wanderer, ruhig „fortbellen“, so dichtete Wilhelm Müller: „Was will ich unter den Schläfern säumen?“ Für ihn, schreibt Benjamin Appl im Booklet zur gerade erschienenen Winterreise-Aufnahme, sei der Protagonist „ein Suchender, der anders als andere, sein Leben und sein Schicksal nicht verschlafen will, sondern es selbst in die Hand nimmt“.

„Suche“ ist vielleicht das wichtigste Stichwort, das den bald 40-jährigen Bariton aus Regensburg mit Wahlheimat London charakterisiert. Geradlinig verlief der Weg zu einem der spannendsten jüngeren deutschen Lied- und Konzert-Sänger (mit jährlichen Ausflügen in die Oper) keineswegs. Aber irgendwo hat Benjamin Appl wohl eine innere Wünschelrute, die ihm gangbare Wege aufzeigt. Fährten wurden gelegt, als er seinen beiden älteren Brüdern zu den Regensburger Domspatzen folgte. „Ich wollte dann Gesang studieren, konnte mir aber ein Leben aus dem Koffer einfach nicht vorstellen, das Herumreisen, die Unzuverlässigkeiten, die mangelnde Planbarkeit.“ Aber nach einer Banklehre und einem Betriebswirtschaftsstudium zog es ihn doch ganz zur Musik, die er nie ganz aufgegeben hatte. „Ich vermisste etwas in den Massenvorlesungen mit 500 Studenten, nämlich die Reflexion, das An-sich-Arbeiten.“ So begann Benjamin Appl parallel zu BWL auch Gesang zu studieren, erst in Augsburg, dann in München und London.

Seine Offenheit lässt ihn ungewöhnliche Ideen finden. Das spektakulärste Projekt wurde Anfang März 2022 in der BBC präsentiert. Ein Film, in dem Benjamin Appl Schuberts „Winterreise“ auf dem über 2000 Meter hohen, schneebedeckten und -verwehten Julier-Pass in den Schweizer Alpen singt. Dort hat der Theaterintendant Giovanni Netzer, Gründer und Leiter des „Origin Festival Cultural“, 2017 einen zehneckigen, schlichten, roten Holzturm als Veranstaltungsort bauen lassen. Benjamin Appl hat ihn zufällig auf Instagram entdeckt. „Ich konnte nicht glauben, dass der existiert und habe dann das ‚Origin Festival‘ besucht: Es war unglaublich, so eine intensive Atmosphäre habe ich noch nie gespürt.“ Nur 220 Personen haben in dem sonst fast leeren Rund mit bogenartigen Fenstern Platz. Es wird Tanz, Schauspiel, Musik geboten. „Ich kam dahin und dachte, das hat etwas Sektenhaft es. Es ist so fokussiert, aber wirklich gigantisch und sehr inspirierend. Als ich diesen Ort mit dem Turm sah, dachte ich, das ist ein perfekter Ort für die ,Winterreise‘!“

Benjamin Appl konnte den englischen Regisseur John Bridcut begeistern, der holte die BBC ins Boot, oder besser gesagt mit auf den schneebedeckten Pass im November 2021. Es wurde ein Szenario entworfen, Benjamin Appl schlüpft e in verschiedene Rollen. „Bin ich ein Liedsänger, der interpretiert, oder bin ich der Wanderer selbst? Das war mir selbst nicht immer klar, und ist es mir manchmal immer noch nicht. Aber das macht nichts, es ist eben eine ‚wandernde‘ Situation.“

Anfangs zieht er als ,Winterreisen‘- Wanderer noch ohne Schnee aus dem Dorf, später träumt er sich etwa im „Lindenbaum“ dahin zurück. Dann stapft er im weiten wehenden Mantel wie Caspar David Friedrichs Wanderer mit Wanderstab durch den hohen Schnee, der ihm auch mal stürmisch ins Gesicht fliegt. Manche Lieder werden aber auch als Konzert-Situation im Innern des Turms gezeigt. „Die Prämisse der BBC war, dass alle Musik live gesungen wird. Ich hatte einen Knopf im Ohr mit dem Klavierpart im Turm. Es war wahnsinnig schwer, die Stimme dann in der Postproduktion auf den Klavierklang zu bringen, auch zu zeigen, dass wirklich draußen gesungen wird. Aber drinnen gibt es natürlich eine Veränderung der Tonqualität. Das musste man manchmal anpassen. Genauso, wenn ich im Turm an verschiedenen Positionen stehe, auch da verändert sich der Klang.“

Herausgekommen ist eine Mischung aus sehr speziellem, sehr intimem „Roadmovie“ und Dokumentarfilm. Benjamin Appl und sein sensibler Klavierpartner James Baillieu schauen sich auch gemeinsam Schuberts Autograf zur „Winterreise“ an, oder Benjamin Appl spricht mit der Sängerinnen-Legende Brigitte Fassbaender über den Zyklus und kommentiert Passagen ihrer „Winterreise“-Aufnahme. Vorerst war der Film nur in der BBC zu sehen, das schweizerische Fernsehen wird ihn im kommenden Winter zeigen.

Benjamin Appl war bei diesem Projekt zur rechten Zeit am rechten Ort. Der einsame rote Turm auf dem Julier-Pass muss 2023 abgerissen werden. Länger wollten die schweizerischen Behörden das Naturschutzgebiet der Fremdnutzung nicht preisgeben, selbst wenn diese noch so spannend ist. Und Benjamin Appl weiß eines: „Solche Projekte werden nie den klassischen Liederabend ersetzen. Für mich ist der klassische Liederabend das Beständige.“ Aber Rituale sind dazu da hinterfragt zu werden. „Seit 80 Jahren hat sich in der Darbietung von Liederabenden relativ wenig verändert. Was aber ist der Zugang unserer Generation, der Generation vor und nach uns? Wie können wir versuchen, künstlerisch Grenzen auszuloten und vielleicht Menschen ansprechen, die nicht in Liederabende gehen?“

Hoffnung macht, dass Benjamin Appl auch einige Kollegen in seiner Generation hat, die sich dem Lied verschreiben, Andrè Schuen etwa, Samuel Hasselhorn oder Rafael Fingerlos. Spannend und wichtig sei es beim Lied, so Benjamin Appl, Emotionen zu vermitteln. „Ich denke zum Beispiel an etwas in meinem eigenen Leben, auch an ein Bild in einer Gemäldegalerie oder an eine Stimmung. Aber jeder individuell im Publikum empfängt das anders. Einer denkt an den Tod der Mutter, der andere an den Verlust einer Liebe. Wir müssen immer konkret Botschaften senden, ohne das kann einfach nicht gesendet und empfangen werden. Diese Texte sind zwar 200 Jahre alt, doch mit den Gefühlen können wir uns heute verbinden.“

Jedes einzelne Wort eines Liedes nimmt Benjamin Appl genau unter die Lupe. Die Gedichttexte schreibt er immer wieder ab. „Ich lerne visuell, aber auch durch Bewegung und mit innerlichem Sprechen dazu.“ Die physische Auseinandersetzung sichert den Zugriff auf den inneren Speicher. Sich so genau mit einem Lied, mit den Inhalten und Hintergründen von Musik allgemein auseinanderzusetzen, das hat Benjamin Appl besonders von Dietrich Fischer-Dieskau gelernt, mit dem er regelmäßig bis zu dessen Tod 2012 gearbeitet hat. „Ich sehe Fischer-Dieskau bis heute als den größten Liedersänger. Er hat immer versucht, noch tiefer einzutauchen. Sei es, die Umstände des Textdichters anzusehen, die geschichtliche Einordnung des Werkes zu verstehen, die harmonischen Strukturen im Stück nochmals zu untersuchen. Er hat nie einfach abgeliefert, sondern immer kreiert. Das war sehr inspirierend.“

Permanente Suche als Gegengift zur Routine war die eine Sache, die Benjamin Appl von Fischer-Dieskau gelernt hat. Die andere hat wieder mit Selbstreflexion zu tun. „Gerade wenn ich mit ihm zu Hause arbeitete und er sich unbeobachtet fühlte, war es für mich sehr besonders zu sehen, dass er oft ziemlich depressiv war. Er fragte sich immer: ‚Was ist übrig von meinem Leben? Keiner kennt mich mehr. Ich kann nicht mehr dirigieren, nicht mehr Klavierspielen, nicht mehr singen.‘ Das war eine Lehre für mich. Zu fragen, was ist wichtig im Leben, was geben wir, und was müssen wir versuchen, auch uns selbst zu geben?“

Benjamin Appl lernt gern vom Austausch mit erfahrenen Künstler-Persönlichkeiten. Aber er bleibt dabei er selbst. Er strahlt Ruhe und Sicherheit aus, und Freude. Seit gut zwei Jahren arbeitet er regelmäßig mit dem ungarischen Komponisten György Kurtág, Jahrgang 1926, etwa an dessen „Hölderlin- Gesängen“: „Phänomenal ist der Kosmos von Wissen in seinem Kopf. Wie er Synapsen herstellt beispielsweise von russischer Literatur bis zu französischen Barockmobiliaren. Er ist wirklich ein allwissender Gelehrter, ein Philosoph – und ein wahnsinnig zweifelnder, unsicherer Mensch. Sein Lieblingswort ist ‚vielleicht‘. Er sucht und sucht. Es kann sein, dass wir zwei oder drei Stunde an einem Takt arbeiten. Es ist ein unglaubliches Suchen und Finden nach Farben, nach Emotionen, nach Details in einer Art und Weise, wie ich es noch nie erlebt habe. Faszinierend.“