„Ich wollte klingen wie der Wind“
In unmerklichen Grenzüberschreitungen mäandert seine Trompete durch die Jazzgeschichte. Dem israelischen Musiker Avishai Cohen bescherte sein ECM-Debüt „Into The Silence“ (2016) einen Senkrechtstart. Zuvor hatte das Magazin Downbeat ihn mehrmals in Folge als „rising star“ nominiert. Im Interview anlässlich seines neuen Albums „Naked Truth“ spricht er auch über frühere Werke.

Zur Person
Avishai Cohen wurde 1978 als Kind einer sehr musikalischen Familie in Tel Aviv geboren. Mit seinen Geschwistern Anat (Klarinette) und Yoval (Sopransax) unterhält er ein Sextett, das sich The 3 Cohens nennt. Er studierte am Berklee College of Music in Boston und wurde 1997 Dritter beim Thelonious-Monk-Wettbewerb für Trompeter. Nach Jahren in New York und Goa/Indien lebt er heute wieder in Tel Aviv, „im Zentrum, wo sich alte und neue Architektur mischen“.
Das Album „Into Th e Silence“ war ein starkes, poetisches Statement. Fanden Sie es danach schwer, daran anzuknüpfen?
Ich schrieb die Musik unmittelbar nach dem Tod meines Vaters. Aber ich stellte mir keine Fragen über die Essenz des Albums – alles geschah völlig natürlich, wenn es auch schmerzhaft war. Das Schreiben und Spielen fielen mir leicht. Ich fragte mich nicht, ob das Album gefällig, hip oder modern sein sollte. Ich ließ die Musik einfach durchs Horn aus dem Körper strömen.
Wie fühlten Sie sich, als Sie den Nachfolger „Cross My Palm With Silver“ aufnahmen?
Gleich nach „Silence“ peilte ich ein Date fürs nächste Album an. Erst einen Studiotermin, dann würde die Musik schon kommen. Ich brauche eine Deadline, sonst wird die Musik vielleicht nie geschrieben. Für „Cross My Palm With Silver“ zu komponieren, erwies sich jedoch als schwierig, plötzlich ergaben sich Fragen, die sich bei „Silence“ nicht gestellt hatten. Mir wurde bewusster, was um mich herum passierte: in der Welt, in Israel, in Syrien. Den Opener „Will I Die, Miss? Will I Die?“ schrieb ich für einen syrischen Jungen, der einen Giftgasangriff überlebte. Ein anderes Stück handelt von verschärft en Waffengesetzen, von Polizisten, die auf Kinder schießen. Und wieder ist ein Boot mit Migranten gesunken. Die Essenz ergab sich aus der Reflexion über die Ereignisse, die Themenwahl war nicht zufällig.
Mit „Big Vicious“ wechselten Sie 2020 radikal die Parameter: andere Besetzung, neues Repertoire, von akustischem zu elektrischem Jazz inklusive einer Coverversion von Massive Attacks „Teardrop“ und einer verblüff enden Version der „Mondscheinsonate“.
Dieses Projekt liegt mir sehr am Herzen, die Besetzung gibt es schon länger als das Quartett. Vor neun oder zehn Jahren ging es los, als ich 2011 aus New York nach Israel zurückkam. Es war wunderbar, diese Musik gemeinsam zu entwickeln. Wir haben zwei Drummer dabei, um zu erkunden, was das bewirken kann – ein schwieriger Prozess durch alle Instanzen. Aber ich bin umgeben von fantastischen Musikern wie Ziv Ravitz, der auch dem Quartett angehört, doch hier spielt er mit Aviv Cohen als zweitem Drummer. Meine Stücke hatte ich Jahre zuvor geschrieben. Wir begannen auch, gemeinsam zu komponieren, was ich weiterverfolgen will. Jeder bringt etwas anderes ein. Ich liebe Kontraste, Dinge, die ich in der anderen Band nicht finde, andere Klänge. Eine 180-Grad-Wende gegenüber dem Quartett ist es jedoch nicht, beide Formationen durchzieht ein „paralleles Gefühl“. Ich spiele natürlich wie immer, bin, wer ich bin, alles geht Hand in Hand. Im letzten Konzert vor Covid spielten sogar alle drei Bands – Big Vicious, das Quartett und mein Duo mit dem Pianisten Yonathan Avishai – gemeinsam auf der Bühne der Israeli Opera.
Das aktuelle „Naked Truth“ knüpft direkt an die Arbeit des Quartetts mit Yonathan Avishai an. Nicht nur klingt es wie live eingespielt, es hat wieder diese unverwechselbare Aura und fängt eine Stimmung zwischen Trauer und Freude ein, die gleichsam in der Luft liegt.
Zwei Jahre dachte ich über diese Aufnahme nach, während sich die uns vertraute Welt radikal veränderte. Erstmals in meinem Leben ein geregelter Tagesablauf daheim, dasselbe Bett, Kissen, Kaffee, dieselbe Frau. Ich wollte mich auf das Jetzt fokussieren und wie es mein Leben bereicherte: Was ist Musik, was kann sie sein, was soll ich spielen, wie ist mein Bezug zum Instrument. Die Trompete – du bläst in ein Metallrohr, aber ist es dein Leben, Teil dessen, wer du bist? Oder ist es bloß eine Reflexion? Wie fühle ich mich in einer Aufnahme, wie soll ich spielen, wonach verlangt die Musik, was will sie von mir? All das kreiste mir im Kopf herum. Was kann eine Komposition sein? Braucht sie eine ausgeschriebene Melodie? Manches sind keine richtigen Melodien, sondern eher wie Lebewesen, die sich über die Klangflächen der Rhythmusgruppe bewegen. Ich wollte klingen wie der Wind.
Wie konzipieren Sie ein Album?
Ich liebe es, Schallplatten zu machen. Manche machen keine Alben mehr, setzen nur noch Tracks hintereinander. Ich plane ein Album wie eine Sinfonie: Man kreiert ein großes Bild, das entsteht, wenn man die Teile komprimiert und die Abfolge festlegt. Jedes Album ist ein Statement. Ein Jahr oder mehr verbringt man mit dieser Musik, schläft mit ihr ein, wacht mit ihr auf. Man schichtet nicht einfach etwas übereinander, sondern schreibt ein, zwei Monate, sogar ein Jahr an einem Song. Improvisierte Musik kann man lange vorab planen, aber in den ein, zwei Tagen der Aufnahme dringt alles hervor, und plötzlich macht es boom! Da ist es. Dann bist du frei, ein neuer Raum öffnet sich – für neue Musik.
Wann hatten Sie das Gefühl, Ihren Sound gefunden zu haben?
Anfangs strebte ich den Sound meiner Meister an: Clark Terry, Freddie Hubbard, Don Cherry, Dizzy Gillespie … Mit dieser Mischung schafft man etwas Eigenes. Der Sound veränderte sich, als ich viel Saxofonisten hörte und Coltrane transkribierte, mit 18, 19 war dies meine Hauptbeschäftigung. Ich wollte Coltrane in meine Finger kriegen, rauf und runter „Crescent“ und „A Love Supreme“ hören. Das brachte mich auf einen anderen Pfad.
Zur Person
Avishai Cohen wurde 1978 als Kind einer sehr musikalischen Familie in Tel Aviv geboren. Mit seinen Geschwistern Anat (Klarinette) und Yoval (Sopransax) unterhält er ein Sextett, das sich The 3 Cohens nennt. Er studierte am Berklee College of Music in Boston und wurde 1997 Dritter beim Thelonious-Monk-Wettbewerb für Trompeter. Nach Jahren in New York und Goa/Indien lebt er heute wieder in Tel Aviv, „im Zentrum, wo sich alte und neue Architektur mischen“.
Das Album „Into Th e Silence“ war ein starkes, poetisches Statement. Fanden Sie es danach schwer, daran anzuknüpfen?
Ich schrieb die Musik unmittelbar nach dem Tod meines Vaters. Aber ich stellte mir keine Fragen über die Essenz des Albums – alles geschah völlig natürlich, wenn es auch schmerzhaft war. Das Schreiben und Spielen fielen mir leicht. Ich fragte mich nicht, ob das Album gefällig, hip oder modern sein sollte. Ich ließ die Musik einfach durchs Horn aus dem Körper strömen.
Wie fühlten Sie sich, als Sie den Nachfolger „Cross My Palm With Silver“ aufnahmen?
Gleich nach „Silence“ peilte ich ein Date fürs nächste Album an. Erst einen Studiotermin, dann würde die Musik schon kommen. Ich brauche eine Deadline, sonst wird die Musik vielleicht nie geschrieben. Für „Cross My Palm With Silver“ zu komponieren, erwies sich jedoch als schwierig, plötzlich ergaben sich Fragen, die sich bei „Silence“ nicht gestellt hatten. Mir wurde bewusster, was um mich herum passierte: in der Welt, in Israel, in Syrien. Den Opener „Will I Die, Miss? Will I Die?“ schrieb ich für einen syrischen Jungen, der einen Giftgasangriff überlebte. Ein anderes Stück handelt von verschärft en Waffengesetzen, von Polizisten, die auf Kinder schießen. Und wieder ist ein Boot mit Migranten gesunken. Die Essenz ergab sich aus der Reflexion über die Ereignisse, die Themenwahl war nicht zufällig.
Mit „Big Vicious“ wechselten Sie 2020 radikal die Parameter: andere Besetzung, neues Repertoire, von akustischem zu elektrischem Jazz inklusive einer Coverversion von Massive Attacks „Teardrop“ und einer verblüff enden Version der „Mondscheinsonate“.
Dieses Projekt liegt mir sehr am Herzen, die Besetzung gibt es schon länger als das Quartett. Vor neun oder zehn Jahren ging es los, als ich 2011 aus New York nach Israel zurückkam. Es war wunderbar, diese Musik gemeinsam zu entwickeln. Wir haben zwei Drummer dabei, um zu erkunden, was das bewirken kann – ein schwieriger Prozess durch alle Instanzen. Aber ich bin umgeben von fantastischen Musikern wie Ziv Ravitz, der auch dem Quartett angehört, doch hier spielt er mit Aviv Cohen als zweitem Drummer. Meine Stücke hatte ich Jahre zuvor geschrieben. Wir begannen auch, gemeinsam zu komponieren, was ich weiterverfolgen will. Jeder bringt etwas anderes ein. Ich liebe Kontraste, Dinge, die ich in der anderen Band nicht finde, andere Klänge. Eine 180-Grad-Wende gegenüber dem Quartett ist es jedoch nicht, beide Formationen durchzieht ein „paralleles Gefühl“. Ich spiele natürlich wie immer, bin, wer ich bin, alles geht Hand in Hand. Im letzten Konzert vor Covid spielten sogar alle drei Bands – Big Vicious, das Quartett und mein Duo mit dem Pianisten Yonathan Avishai – gemeinsam auf der Bühne der Israeli Opera.
Das aktuelle „Naked Truth“ knüpft direkt an die Arbeit des Quartetts mit Yonathan Avishai an. Nicht nur klingt es wie live eingespielt, es hat wieder diese unverwechselbare Aura und fängt eine Stimmung zwischen Trauer und Freude ein, die gleichsam in der Luft liegt.
Zwei Jahre dachte ich über diese Aufnahme nach, während sich die uns vertraute Welt radikal veränderte. Erstmals in meinem Leben ein geregelter Tagesablauf daheim, dasselbe Bett, Kissen, Kaffee, dieselbe Frau. Ich wollte mich auf das Jetzt fokussieren und wie es mein Leben bereicherte: Was ist Musik, was kann sie sein, was soll ich spielen, wie ist mein Bezug zum Instrument. Die Trompete – du bläst in ein Metallrohr, aber ist es dein Leben, Teil dessen, wer du bist? Oder ist es bloß eine Reflexion? Wie fühle ich mich in einer Aufnahme, wie soll ich spielen, wonach verlangt die Musik, was will sie von mir? All das kreiste mir im Kopf herum. Was kann eine Komposition sein? Braucht sie eine ausgeschriebene Melodie? Manches sind keine richtigen Melodien, sondern eher wie Lebewesen, die sich über die Klangflächen der Rhythmusgruppe bewegen. Ich wollte klingen wie der Wind.
Wie konzipieren Sie ein Album?
Ich liebe es, Schallplatten zu machen. Manche machen keine Alben mehr, setzen nur noch Tracks hintereinander. Ich plane ein Album wie eine Sinfonie: Man kreiert ein großes Bild, das entsteht, wenn man die Teile komprimiert und die Abfolge festlegt. Jedes Album ist ein Statement. Ein Jahr oder mehr verbringt man mit dieser Musik, schläft mit ihr ein, wacht mit ihr auf. Man schichtet nicht einfach etwas übereinander, sondern schreibt ein, zwei Monate, sogar ein Jahr an einem Song. Improvisierte Musik kann man lange vorab planen, aber in den ein, zwei Tagen der Aufnahme dringt alles hervor, und plötzlich macht es boom! Da ist es. Dann bist du frei, ein neuer Raum öffnet sich – für neue Musik.
Wann hatten Sie das Gefühl, Ihren Sound gefunden zu haben?
Anfangs strebte ich den Sound meiner Meister an: Clark Terry, Freddie Hubbard, Don Cherry, Dizzy Gillespie … Mit dieser Mischung schafft man etwas Eigenes. Der Sound veränderte sich, als ich viel Saxofonisten hörte und Coltrane transkribierte, mit 18, 19 war dies meine Hauptbeschäftigung. Ich wollte Coltrane in meine Finger kriegen, rauf und runter „Crescent“ und „A Love Supreme“ hören. Das brachte mich auf einen anderen Pfad.
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