Interview & Porträt

Im Schattenreich der Träume

Von
Josef Oehrlein
Erschienen in der Printausgabe im
Juli 2022
Lesezeit ca.
…
Minuten
Foto: Nikolaj Lund
Foto: Nikolaj Lund

Franz Schuberts Liedschaffen ist unerschöpflich. Jeder Versuch, abseits der in sich gefügten Zyklen eine Auswahl von Kompositionen für Singstimme und Klavierbegleitung zusammenzustellen, bringt immer wieder neue Einsichten in die Seelenlandschaften des Romantikers. Durch Nacht zum Licht, vorbei an finsteren Abgründen, hin zu leuchtenden Gipfeln und hinein in das Terrain der Träume und Sehnsüchte. Auf eine solche Entdeckungstour haben sich der junge Bariton Samuel Hasselhorn und der Pianist Joseph Middleton begeben. Aus den mehr als 600 Liedern Schuberts haben sie 15 ausgewählt, zu einem thematisch recht einheitlichen Ensemble zusammengefügt und jetzt auf CD veröffentlicht.

Sie hätten über Wochen und Monate „herumprobiert“, bis sich die endgültige Liedfolge herauskristalliert habe, beschreibt Hasselhorn im Gespräch mit dem FONO FORUM die Auswahlprozedur, „bis zur letzten Minute“ hätten sie noch Veränderungen vorgenommen. Das erste Lied „Glaube, Hoffnung, Liebe“ auf ein Gedicht von Christoph Kuffner gibt der CD den Titel und beschreibt das Programm des Konzeptalbums.

Die meisten Lieder bewegen sich in einer unwirklich träumerischen, märchenhaft irrlichternden Sphäre, in einem Zwischenreich von Kummer und Freude, Leben und Tod. An zentraler Stelle erscheint Goethes „Erlkönig“, „Der Zwerg“ oder „Auf dem Wasser zu singen“ sind ähnlich populär. Vielleicht am tiefsten in die Schubert'schen Seelenwelten führen „Totengräbers Heimweh“ und „Der blinde Knabe“: In seinem traurigen Handwerk findet der Totengräber erstaunliche Tröstung, während der blinde Knabe in der traumwandlerisch tastenden Bewegung des Klavierparts etwas Halt findet und Hoffnung schöpft. Als letzte Nummer enthält das Album eine Rarität: das Melodram „Abschied von der Erde“ zu dem gesprochenen, etwas skurrilen, von Hasselhorn nobel vorgetragenen Text des damaligen österreichischen Juristen Adolf Pratobevera von Wiesborn. Der junge Bariton kann bei den Interpretationen aus einem großen Erfahrungsschatz schöpfen, sein Repertoire ist sehr umfangreich, manche eher weniger bekannte Lieder sind ihm seit Langem bestens vertraut. „Ich habe dem Lied fast alles zu verdanken“, sagt er und verweist darauf, dass er bis vor wenigen Jahren hauptsächlich Liederabende gestaltet und in Konzerten mit geistlicher Musik, vor allem bei Kantaten und Oratorien von Bach bis Mendelssohn, mitgewirkt hat. Erst in jüngerer Zeit hat er begonnen, sich verstärkt der Oper zuzuwenden. Als wir mit ihm sprachen, hielt er sich gerade in Mailand auf, um an der Scala in „Ariadne auf Naxos“ von Richard Strauss die Harlekin-Partie zu singen.

Er wolle „mal schauen, ob mir das stimmlich taugt“, sagt Hasselhorn zu seinen Aktivitäten im Musiktheater. Festgestellt hat er schon jetzt, dass sich Liedgesang und Opernauftritt trefflich ergänzen und wechselseitig befruchten. Die stringente Textbehandlung bei der Liedinterpretation komme dem Operngesang sehr zugute, meint er, umgekehrt bewirke der „große Bogen“, mit dem in der Oper gesungen wird, dass der Liedgesang nicht zu „kleingliedrig“ gerät. Dass er auf der Bühne neben dem Singen auch noch agieren muss, stört ihn nicht, ein Liederabend könne sehr viel anstrengender als eine Opernrolle sein, vor allem wenn die pausenlose Aufführung eines Liederzyklus', zum Beispiel Schuberts „Winterreise“, dem Sänger allerhöchste Konzentration und Disziplin abverlangt.

In seinem Terminkalender herrsche noch ein wenig das Corona-Chaos, gesteht Hasselhorn, er möchte aber Opernauftritte und Lied- wie Oratoriengesang in einem Gleichgewicht halten. „Ich bin kein Schubladensänger“, der nur auf bestimmte Rollen, Partien, Musikstile oder -epochen festgelegt ist, sagt er. Mit Mozarts Don Giovanni und dem Figaro-Grafen, dem Rossini- Barbier und dem Donizetti-Belcore, im französischen Repertoire mit Debussys Pelléas und in etlichen weiteren Rollen ist er regelmäßig auf den Opernbühnen im In- und Ausland zu erleben, sein Opernrollenrepertoire im lyrischen Baritonfach wächst kontinuierlich weiter. Mit dem Wolfram aus dem „Tannhäuser“ hat er auch bereits das Wagner-Terrain erkundet, meint aber, dass es bezüglich größerer Partien noch zu früh für seine Stimme sei.

Man kann Hasselhorn auch immer noch in Konzerten mit geistlicher Musik erleben. „Damit bin ich aufgewachsen“, sagt er. Im Kinderchor, in der Kantorei und schließlich im Norddeutschen Figuralchor in Hannover wirkte er bei der Aufführung von Bachs Kantaten und Passionen in den Chorpartien mit und hatte hin und wieder Soloauft ritte. Seitdem singt er immer wieder die Arien seines Stimmfachs in den Mendelssohn- Oratorien, den Requiem-Kompositionen von Brahms, Durufl é oder Fauré und in den großen Bach-Werken. An der Hochschule für Musik, Theater und Medien in Hannover studierte Hasselhorn bei Marina Sandel Operngesang. Ein Erasmusjahr brachte ihn an das Konservatorium in Paris. Dort hatte er bei dem amerikanischen Gesangslehrer Malcolm Walker sein Erweckungserlebnis, das ihm seine Berufung für den Liedgesang offenbarte.

Seine Liederabende gestaltet Hasselhorn zwar besonders gern mit Schubert, in seinen Programmen tauchen aber auch Werke von Wolf, Loewe, Liszt, Duparc und von zeitgenössischen Komponisten wie Aribert Reimann, Moritz Eggert, Wilhelm Killmayer oder Manfred Trojahn auf. Vor der aktuellen Schubert-CD hatte er auch eine mit Schumann-Liedern herausgebracht („Stille Liebe“). Hasselhorn verfügt über einen wunderbar ausgeglichenen sonoren Bariton mit einem eingedunkelten, dennoch kernig- prägnanten Mittelregister und einer mühelosen Höhe. Vibrato verwendet er im Lied- und Oratoriengesang klug dosiert, wie er auch dramatische Steigerungen bis hin zu Ausbrüchen geschickt einzusetzen versteht.

Es fällt auf, dass Hasselhorn zu seinen Liederabenden und zu Studioaufnahmen von Liedkompositionen nicht mit jeweils demselben vertrauten Begleiter am Klavier, sondern mit verschiedenen Pianisten antritt. Er liebt es, wie er sagt, Input von unterschiedlichen Künstlerpersönlichkeiten zu erhalten, und ist deshalb weitgehend off en in der Partnerwahl, kann sich aber vorstellen, dass er in Zukunft bei Liedprojekten bevorzugt zwei oder drei bestimmte Pianisten zuerst fragen würde. Liedbegleiter klopfen aber auch immer wieder mal bei ihm an, weil sie mit ihm ein Konzert bestreiten möchten.

Hasselhorn lässt sich von erfahrenen Liedspezialisten aus der Generation seiner Lehrer wie dem Professor Jan Philip Schulze von der Musikhochschule in Hannover ebenso gern begleiten wie von jüngeren Pianisten. Bei einer kürzlich entstandenen Videoproduktion von Schuberts „Winterreise“ für den Fernsehsender Arte spielte Daniel Heide den Klavierpart, auf dem neuen Album „Glaube, Hoffnung, Liebe“ ist es nun der 41 Jahre alte Brite Joseph Middleton. Der war ihm 2018 beim Königin- Elisabeth-Wettbewerb in Brüssel zugeteilt worden, weil man wusste, dass er sehr viel Lied im Repertoire hatte. Da stimmte von vornherein die Chemie, „es war wie ein kleines Konzert und machte einfach Spaß“, erinnert sich Hasselhorn an den Wettstreit. Entsprechend frisch, farbig und lebendig fällt auch die Klavierbegleitung auf der neuen Schubert-CD aus.

Samuel Hasselhorn ist mit seinen 31 Jahren eines der vielseitigsten jungen Sangestalente. Neben dem ersten Preis seinerzeit in Brüssel bestätigt eine ganze Reihe weiterer Auszeichnungen, dass seine Karriere richtig Fahrt aufgenommen hat. Unprätentiös, einfühlsam und mit lyrischem Schmelz spürt er auf seiner neuen CD den von Schubert in Noten gefassten Seelenregungen nach. „Zwar kenn' ich nicht, was euch erfreut“, heißt es in dem Lied „Der blinde Knabe“ zu dem Text von Jakob Nikolaus Craigher de Jachelutta, „doch drückt mich keine Schuld. / Drum freu ich mich in meinem Leid / und trag' es mit Geduld.“

Franz Schuberts Liedschaffen ist unerschöpflich. Jeder Versuch, abseits der in sich gefügten Zyklen eine Auswahl von Kompositionen für Singstimme und Klavierbegleitung zusammenzustellen, bringt immer wieder neue Einsichten in die Seelenlandschaften des Romantikers. Durch Nacht zum Licht, vorbei an finsteren Abgründen, hin zu leuchtenden Gipfeln und hinein in das Terrain der Träume und Sehnsüchte. Auf eine solche Entdeckungstour haben sich der junge Bariton Samuel Hasselhorn und der Pianist Joseph Middleton begeben. Aus den mehr als 600 Liedern Schuberts haben sie 15 ausgewählt, zu einem thematisch recht einheitlichen Ensemble zusammengefügt und jetzt auf CD veröffentlicht.

Sie hätten über Wochen und Monate „herumprobiert“, bis sich die endgültige Liedfolge herauskristalliert habe, beschreibt Hasselhorn im Gespräch mit dem FONO FORUM die Auswahlprozedur, „bis zur letzten Minute“ hätten sie noch Veränderungen vorgenommen. Das erste Lied „Glaube, Hoffnung, Liebe“ auf ein Gedicht von Christoph Kuffner gibt der CD den Titel und beschreibt das Programm des Konzeptalbums.

Die meisten Lieder bewegen sich in einer unwirklich träumerischen, märchenhaft irrlichternden Sphäre, in einem Zwischenreich von Kummer und Freude, Leben und Tod. An zentraler Stelle erscheint Goethes „Erlkönig“, „Der Zwerg“ oder „Auf dem Wasser zu singen“ sind ähnlich populär. Vielleicht am tiefsten in die Schubert'schen Seelenwelten führen „Totengräbers Heimweh“ und „Der blinde Knabe“: In seinem traurigen Handwerk findet der Totengräber erstaunliche Tröstung, während der blinde Knabe in der traumwandlerisch tastenden Bewegung des Klavierparts etwas Halt findet und Hoffnung schöpft. Als letzte Nummer enthält das Album eine Rarität: das Melodram „Abschied von der Erde“ zu dem gesprochenen, etwas skurrilen, von Hasselhorn nobel vorgetragenen Text des damaligen österreichischen Juristen Adolf Pratobevera von Wiesborn. Der junge Bariton kann bei den Interpretationen aus einem großen Erfahrungsschatz schöpfen, sein Repertoire ist sehr umfangreich, manche eher weniger bekannte Lieder sind ihm seit Langem bestens vertraut. „Ich habe dem Lied fast alles zu verdanken“, sagt er und verweist darauf, dass er bis vor wenigen Jahren hauptsächlich Liederabende gestaltet und in Konzerten mit geistlicher Musik, vor allem bei Kantaten und Oratorien von Bach bis Mendelssohn, mitgewirkt hat. Erst in jüngerer Zeit hat er begonnen, sich verstärkt der Oper zuzuwenden. Als wir mit ihm sprachen, hielt er sich gerade in Mailand auf, um an der Scala in „Ariadne auf Naxos“ von Richard Strauss die Harlekin-Partie zu singen.

Er wolle „mal schauen, ob mir das stimmlich taugt“, sagt Hasselhorn zu seinen Aktivitäten im Musiktheater. Festgestellt hat er schon jetzt, dass sich Liedgesang und Opernauftritt trefflich ergänzen und wechselseitig befruchten. Die stringente Textbehandlung bei der Liedinterpretation komme dem Operngesang sehr zugute, meint er, umgekehrt bewirke der „große Bogen“, mit dem in der Oper gesungen wird, dass der Liedgesang nicht zu „kleingliedrig“ gerät. Dass er auf der Bühne neben dem Singen auch noch agieren muss, stört ihn nicht, ein Liederabend könne sehr viel anstrengender als eine Opernrolle sein, vor allem wenn die pausenlose Aufführung eines Liederzyklus', zum Beispiel Schuberts „Winterreise“, dem Sänger allerhöchste Konzentration und Disziplin abverlangt.

In seinem Terminkalender herrsche noch ein wenig das Corona-Chaos, gesteht Hasselhorn, er möchte aber Opernauftritte und Lied- wie Oratoriengesang in einem Gleichgewicht halten. „Ich bin kein Schubladensänger“, der nur auf bestimmte Rollen, Partien, Musikstile oder -epochen festgelegt ist, sagt er. Mit Mozarts Don Giovanni und dem Figaro-Grafen, dem Rossini- Barbier und dem Donizetti-Belcore, im französischen Repertoire mit Debussys Pelléas und in etlichen weiteren Rollen ist er regelmäßig auf den Opernbühnen im In- und Ausland zu erleben, sein Opernrollenrepertoire im lyrischen Baritonfach wächst kontinuierlich weiter. Mit dem Wolfram aus dem „Tannhäuser“ hat er auch bereits das Wagner-Terrain erkundet, meint aber, dass es bezüglich größerer Partien noch zu früh für seine Stimme sei.

Man kann Hasselhorn auch immer noch in Konzerten mit geistlicher Musik erleben. „Damit bin ich aufgewachsen“, sagt er. Im Kinderchor, in der Kantorei und schließlich im Norddeutschen Figuralchor in Hannover wirkte er bei der Aufführung von Bachs Kantaten und Passionen in den Chorpartien mit und hatte hin und wieder Soloauft ritte. Seitdem singt er immer wieder die Arien seines Stimmfachs in den Mendelssohn- Oratorien, den Requiem-Kompositionen von Brahms, Durufl é oder Fauré und in den großen Bach-Werken. An der Hochschule für Musik, Theater und Medien in Hannover studierte Hasselhorn bei Marina Sandel Operngesang. Ein Erasmusjahr brachte ihn an das Konservatorium in Paris. Dort hatte er bei dem amerikanischen Gesangslehrer Malcolm Walker sein Erweckungserlebnis, das ihm seine Berufung für den Liedgesang offenbarte.

Seine Liederabende gestaltet Hasselhorn zwar besonders gern mit Schubert, in seinen Programmen tauchen aber auch Werke von Wolf, Loewe, Liszt, Duparc und von zeitgenössischen Komponisten wie Aribert Reimann, Moritz Eggert, Wilhelm Killmayer oder Manfred Trojahn auf. Vor der aktuellen Schubert-CD hatte er auch eine mit Schumann-Liedern herausgebracht („Stille Liebe“). Hasselhorn verfügt über einen wunderbar ausgeglichenen sonoren Bariton mit einem eingedunkelten, dennoch kernig- prägnanten Mittelregister und einer mühelosen Höhe. Vibrato verwendet er im Lied- und Oratoriengesang klug dosiert, wie er auch dramatische Steigerungen bis hin zu Ausbrüchen geschickt einzusetzen versteht.

Es fällt auf, dass Hasselhorn zu seinen Liederabenden und zu Studioaufnahmen von Liedkompositionen nicht mit jeweils demselben vertrauten Begleiter am Klavier, sondern mit verschiedenen Pianisten antritt. Er liebt es, wie er sagt, Input von unterschiedlichen Künstlerpersönlichkeiten zu erhalten, und ist deshalb weitgehend off en in der Partnerwahl, kann sich aber vorstellen, dass er in Zukunft bei Liedprojekten bevorzugt zwei oder drei bestimmte Pianisten zuerst fragen würde. Liedbegleiter klopfen aber auch immer wieder mal bei ihm an, weil sie mit ihm ein Konzert bestreiten möchten.

Hasselhorn lässt sich von erfahrenen Liedspezialisten aus der Generation seiner Lehrer wie dem Professor Jan Philip Schulze von der Musikhochschule in Hannover ebenso gern begleiten wie von jüngeren Pianisten. Bei einer kürzlich entstandenen Videoproduktion von Schuberts „Winterreise“ für den Fernsehsender Arte spielte Daniel Heide den Klavierpart, auf dem neuen Album „Glaube, Hoffnung, Liebe“ ist es nun der 41 Jahre alte Brite Joseph Middleton. Der war ihm 2018 beim Königin- Elisabeth-Wettbewerb in Brüssel zugeteilt worden, weil man wusste, dass er sehr viel Lied im Repertoire hatte. Da stimmte von vornherein die Chemie, „es war wie ein kleines Konzert und machte einfach Spaß“, erinnert sich Hasselhorn an den Wettstreit. Entsprechend frisch, farbig und lebendig fällt auch die Klavierbegleitung auf der neuen Schubert-CD aus.

Samuel Hasselhorn ist mit seinen 31 Jahren eines der vielseitigsten jungen Sangestalente. Neben dem ersten Preis seinerzeit in Brüssel bestätigt eine ganze Reihe weiterer Auszeichnungen, dass seine Karriere richtig Fahrt aufgenommen hat. Unprätentiös, einfühlsam und mit lyrischem Schmelz spürt er auf seiner neuen CD den von Schubert in Noten gefassten Seelenregungen nach. „Zwar kenn' ich nicht, was euch erfreut“, heißt es in dem Lied „Der blinde Knabe“ zu dem Text von Jakob Nikolaus Craigher de Jachelutta, „doch drückt mich keine Schuld. / Drum freu ich mich in meinem Leid / und trag' es mit Geduld.“