Interview & Porträt

Die glorreichen Acht

Von
Christoph Vratz
Erschienen in der Printausgabe im
August 2022
Lesezeit ca.
…
Minuten
Foto: Reinhard Winkler
Foto: Reinhard Winkler

Es hat relativ lange gedauert, bis diese Einspielung mit den Beethoven-Konzerten zustande gekommen ist. Warum?

In der Tat bin ich noch nie mit einem Projekt so lange schwanger gegangen wie mit diesem. Dafür gibt es mehrere Gründe: Dieter Oehms, für dessen Label ich die Sonaten aufgenommen habe und auch die Konzerte machen wollte, ist in den Ruhestand gegangen. Also brauchte ich nun ein Label, bei dem die CD als physisches Produkt nach wie vor eine zentrale Rolle spielt. Außerdem ist so ein Vorhaben heute kaum noch zu finanzieren. Irgendwann kam aus heiterem Himmel die Anfrage eines potenziellen Sponsors: Wieso hat Korstick die Konzerte noch nicht aufgenommen? Und dann ging alles ganz schnell. Dass ich dieses Projekt nur mit Constantin Trinks als Dirigent realisieren wollte, war für mich sowieso von Anfang an klar, ich kenne und schätze ihn schon sehr lange. Dann kam Corona und entpuppte sich als Hindernis und Chance zugleich. Dem ORF-Sinfonieorchester, Trinks und mir sind mehrere Tourneen weggebrochen, und so entstanden Lücken im Terminkalender, die wir mit diesen Aufnahmen füllen konnten.

‍

Nun fällt schon auf dem Cover auf: „Klavierkonzerte 0–7“. War das von Anfang an geplant?

Und ob! Ich wollte unbedingt eine Gesamtaufnahme aller Werke für Soloklavier und Orchester aus einem Guss vorlegen, auch das von Beethoven begonnene, aber nicht vollendete sechste Konzert, das ich 2017 beim Klavier-Festival Ruhr nach einer neuen Edition erstaufgeführt hatte, schon aus philologischen Gründen. Das Jugendkonzert WoO 4 hatte ich zuvor nie gespielt wegen des Problems einer fehlenden Instrumentierung von Beethovens Hand. Die Neuorchestrierung von Ronald Brautigam wollte mir stilistisch nicht ganz passend erscheinen, daher habe ich bei Hermann Dechant in Bonn eine komplett neue Instrumentierung angeregt, bei der auch die Orchesterbesetzung vergrößert ist, während das thematische Material ausschließlich auf Beethovens Originalmotiven basiert. Also eine echte Ersteinspielung.

‍

Bei der Klavierfassung des Violinkonzerts habe ich oft das Gefühl, dass mehr in ihr steckt, als man in der Regel zu hören bekommt. Was braucht es, um die Qualität dieser Version als eigenständig aufzuwerten?

Ich hatte dieses Stück schon immer in meinem Konzertrepertoire. Es klingt nicht von allein, wie man so schön sagt, im Gegensatz beispielsweise zum fünften Konzert. Das hängt vor allem mit der hohen Lage zusammen, die auf der Geige nun mal anders klingt. Als Pianist lässt sich das nur dann überzeugend spielen, wenn man die Klangmöglichkeiten des Klaviers wirklich ausreizt. Es braucht den großen, romantischen Ton. Rein technisch gesehen muss man eine Spannung von Ton zu Ton erzeugen können, so dass es klingt, als würde man die einzelnen Töne so modellieren, wie es eine Geige von Natur aus kann. Das ist am Klavier ausgesprochen schwer. Ein weiteres Problem ist der Part der linken Hand. Erst wenn man den entsprechend aufwertet, etwa nach der Kadenz im ersten Satz, gewinnt das Stück an Bedeutung. Anders gesagt: Bei diesem Konzert hängt so ziemlich alles am Pianisten.

‍

Mögen Sie die Violinkonzert-Fassung überhaupt?

Als Jugendlicher hatte ich mit dem originalen Violinkonzert immer meine Schwierigkeiten, weil es für mich nie nach Beethoven geklungen hat. Ich habe das Konzert immer als schwerfällig und stellenweise langweilig wahrgenommen. Nach meiner Auffassung hat sich Beethoven zu sehr beraten lassen, wie er für die Geige schreiben soll. Es fällt auf, dass er die Geigenstimme bei der Komposition immer weiter verändert hat, während er anschließend für die Klavierfassung wieder vermehrt die ersten Entwürfe herangezogen hat. Sobald man die Metronom-Angaben mitberücksichtigt, gewinnt das Stück an innerer Dramatik und macht auch auf dem Klavier sehr wohl Sinn. Dann hört man keine Transkription, sondern ein vollgültiges Klavierkonzert. Ich liebe es leidenschaftlich!

‍

Wenn ich mir bei dem sechsten unvollendeten Klavierkonzert die Partitur anschaue, fällt es mir schwer, darin ausschließlich originären Beethoven zu finden. Das Werk erscheint mir leichter, lichter, weniger kompakt.

Als Interpret ist man ja in der Regel der Art Rechtsanwalt des Komponisten; das bedeutet: Man muss seinen Fall so günstig wie möglich darstellen. Beethoven hatte in seiner Krisenzeit, also um 1814/15 nach Abschluss der siebten und achten Sinfonie, den Plan, ein weiteres Klavierkonzert zu schreiben. Hätten wir von diesem Werk nur einzelne Skizzen, wäre es kaum mehr als eine Fußnote wert. Beethoven aber hat die Partitur für mehr als die gesamte Exposition vollständig ausgeschrieben. Der Entwurf ist also da – und damit können wir uns die Frage stellen: Was hat Beethoven sich unter einer Fortführung der Gattung Klavierkonzert zu diesem Zeitpunkt vorgestellt? Ich finde es zugleich spannend und legitim zu hören, was Beethoven sich zunächst überlegt und anschließend verworfen hat. Gut drei Minuten dieses Konzerts sind absolut originaler Beethoven.

In welche Richtung öffnet er die Tür mit seinem sechsten Konzert?

Man muss wissen, dass der Klavierpart bei Beethoven immer das Letzte gewesen ist, was er im Verlauf des Kompositionsprozesses ausformuliert hat. Bei den Uraufführungen der ersten Konzerte war der Klavierpart teilweise noch gar nicht zu Papier gebracht. Beethoven hat ihn improvisiert und erst später notiert. Was wir also bei diesem sechsten Konzert vorliegen haben, ist nicht mehr als ein erster Entwurf, den Beethoven sicherlich später noch genauer ausgearbeitet hätte. Aber bei Beethoven weiß man nie, was am Ende daraus geworden wäre. Aus dem vorliegenden Material lässt sich zumindest ablesen, dass er eine bestimmte Struktur im Kopf hatte. Doch ist er damit nicht weitergekommen, weil die erarbeiteten Skizzen mit dieser Formidee offenbar nicht kompatibel waren.

‍

Von den fünf gängigen Klavierkonzerten ist der Beginn des vierten bei Pianisten immer gefürchtet, weil das Klavier mit leisen Akkorden solistisch beginnt. Wie ist das unter Aufnahmebedingungen?

Ich beschäftige mich mit diesem Konzert seit rund 50 Jahren, und Sie werden kaum glauben, dass wir für diese Aufnahme gleich den ersten Take verwendet haben. Ich habe sofort gesagt: Das ist es, das nehmen wir. So ein Moment kommt nur einmal im Leben.

‍

Warum? Was ist das Besondere?

Weil ich das Gefühl hatte: Hier stimmt – von der ersten bis zur letzten Note – alles. In diesen paar Takten fließen ja alle möglichen Komponenten zusammen: der Klang des ersten Akkordes, die Verbindung zum zweiten, die exakte Länge jedes Anschlags, die genauen dynamischen Verhältnisse. Was passiert, wenn die erste lange Note kommt? Wie spielt man die kadenzmäßige kleine Tonleiter? Wie organisiert man das rhythmisch? Wie lässt man die letzte Phrase ausklingen, so dass das Orchester nahtlos einsetzen kann?

‍

Analytisch könnte man das jetzt alles einzeln betrachten und ist dennoch kaum einen Schritt weiter.

Das genau ist der Punkt. Intellektuell weiß ich, wo ich hinmöchte. Ich habe ja einen Plan, nur muss der auch emotional aufgehen, so dass Hirn, Hände und Herz eine Einheit bilden – und das war in diesem einen besonderen Moment der Fall.

‍

Wie stellt sich bei einem solchen Projekt die Zusammenarbeit mit einem Dirigenten dar? Gibt es da mögliche Konflikte?

Nicht wenn zwei Partner zusammentreffen, die das gleiche Ziel verfolgen und musikalisch ähnlich fühlen. Es gibt so vieles, was ich mir in puncto Intensität, Tempogestaltung, Schönheit der Phrasierung und Balance von einem Orchester erträumt habe, und Constantin Trinks war in jeder Hinsicht der ideale Partner. Ich rate jedem, diesen Dirigenten im Auge zu behalten, er hat das Zeug dazu, eine ähnliche Karriere hinzulegen, wie das meinem großen Mentor Günter Wand im Alter noch gelungen ist.

Es hat relativ lange gedauert, bis diese Einspielung mit den Beethoven-Konzerten zustande gekommen ist. Warum?

In der Tat bin ich noch nie mit einem Projekt so lange schwanger gegangen wie mit diesem. Dafür gibt es mehrere Gründe: Dieter Oehms, für dessen Label ich die Sonaten aufgenommen habe und auch die Konzerte machen wollte, ist in den Ruhestand gegangen. Also brauchte ich nun ein Label, bei dem die CD als physisches Produkt nach wie vor eine zentrale Rolle spielt. Außerdem ist so ein Vorhaben heute kaum noch zu finanzieren. Irgendwann kam aus heiterem Himmel die Anfrage eines potenziellen Sponsors: Wieso hat Korstick die Konzerte noch nicht aufgenommen? Und dann ging alles ganz schnell. Dass ich dieses Projekt nur mit Constantin Trinks als Dirigent realisieren wollte, war für mich sowieso von Anfang an klar, ich kenne und schätze ihn schon sehr lange. Dann kam Corona und entpuppte sich als Hindernis und Chance zugleich. Dem ORF-Sinfonieorchester, Trinks und mir sind mehrere Tourneen weggebrochen, und so entstanden Lücken im Terminkalender, die wir mit diesen Aufnahmen füllen konnten.

‍

Nun fällt schon auf dem Cover auf: „Klavierkonzerte 0–7“. War das von Anfang an geplant?

Und ob! Ich wollte unbedingt eine Gesamtaufnahme aller Werke für Soloklavier und Orchester aus einem Guss vorlegen, auch das von Beethoven begonnene, aber nicht vollendete sechste Konzert, das ich 2017 beim Klavier-Festival Ruhr nach einer neuen Edition erstaufgeführt hatte, schon aus philologischen Gründen. Das Jugendkonzert WoO 4 hatte ich zuvor nie gespielt wegen des Problems einer fehlenden Instrumentierung von Beethovens Hand. Die Neuorchestrierung von Ronald Brautigam wollte mir stilistisch nicht ganz passend erscheinen, daher habe ich bei Hermann Dechant in Bonn eine komplett neue Instrumentierung angeregt, bei der auch die Orchesterbesetzung vergrößert ist, während das thematische Material ausschließlich auf Beethovens Originalmotiven basiert. Also eine echte Ersteinspielung.

‍

Bei der Klavierfassung des Violinkonzerts habe ich oft das Gefühl, dass mehr in ihr steckt, als man in der Regel zu hören bekommt. Was braucht es, um die Qualität dieser Version als eigenständig aufzuwerten?

Ich hatte dieses Stück schon immer in meinem Konzertrepertoire. Es klingt nicht von allein, wie man so schön sagt, im Gegensatz beispielsweise zum fünften Konzert. Das hängt vor allem mit der hohen Lage zusammen, die auf der Geige nun mal anders klingt. Als Pianist lässt sich das nur dann überzeugend spielen, wenn man die Klangmöglichkeiten des Klaviers wirklich ausreizt. Es braucht den großen, romantischen Ton. Rein technisch gesehen muss man eine Spannung von Ton zu Ton erzeugen können, so dass es klingt, als würde man die einzelnen Töne so modellieren, wie es eine Geige von Natur aus kann. Das ist am Klavier ausgesprochen schwer. Ein weiteres Problem ist der Part der linken Hand. Erst wenn man den entsprechend aufwertet, etwa nach der Kadenz im ersten Satz, gewinnt das Stück an Bedeutung. Anders gesagt: Bei diesem Konzert hängt so ziemlich alles am Pianisten.

‍

Mögen Sie die Violinkonzert-Fassung überhaupt?

Als Jugendlicher hatte ich mit dem originalen Violinkonzert immer meine Schwierigkeiten, weil es für mich nie nach Beethoven geklungen hat. Ich habe das Konzert immer als schwerfällig und stellenweise langweilig wahrgenommen. Nach meiner Auffassung hat sich Beethoven zu sehr beraten lassen, wie er für die Geige schreiben soll. Es fällt auf, dass er die Geigenstimme bei der Komposition immer weiter verändert hat, während er anschließend für die Klavierfassung wieder vermehrt die ersten Entwürfe herangezogen hat. Sobald man die Metronom-Angaben mitberücksichtigt, gewinnt das Stück an innerer Dramatik und macht auch auf dem Klavier sehr wohl Sinn. Dann hört man keine Transkription, sondern ein vollgültiges Klavierkonzert. Ich liebe es leidenschaftlich!

‍

Wenn ich mir bei dem sechsten unvollendeten Klavierkonzert die Partitur anschaue, fällt es mir schwer, darin ausschließlich originären Beethoven zu finden. Das Werk erscheint mir leichter, lichter, weniger kompakt.

Als Interpret ist man ja in der Regel der Art Rechtsanwalt des Komponisten; das bedeutet: Man muss seinen Fall so günstig wie möglich darstellen. Beethoven hatte in seiner Krisenzeit, also um 1814/15 nach Abschluss der siebten und achten Sinfonie, den Plan, ein weiteres Klavierkonzert zu schreiben. Hätten wir von diesem Werk nur einzelne Skizzen, wäre es kaum mehr als eine Fußnote wert. Beethoven aber hat die Partitur für mehr als die gesamte Exposition vollständig ausgeschrieben. Der Entwurf ist also da – und damit können wir uns die Frage stellen: Was hat Beethoven sich unter einer Fortführung der Gattung Klavierkonzert zu diesem Zeitpunkt vorgestellt? Ich finde es zugleich spannend und legitim zu hören, was Beethoven sich zunächst überlegt und anschließend verworfen hat. Gut drei Minuten dieses Konzerts sind absolut originaler Beethoven.

In welche Richtung öffnet er die Tür mit seinem sechsten Konzert?

Man muss wissen, dass der Klavierpart bei Beethoven immer das Letzte gewesen ist, was er im Verlauf des Kompositionsprozesses ausformuliert hat. Bei den Uraufführungen der ersten Konzerte war der Klavierpart teilweise noch gar nicht zu Papier gebracht. Beethoven hat ihn improvisiert und erst später notiert. Was wir also bei diesem sechsten Konzert vorliegen haben, ist nicht mehr als ein erster Entwurf, den Beethoven sicherlich später noch genauer ausgearbeitet hätte. Aber bei Beethoven weiß man nie, was am Ende daraus geworden wäre. Aus dem vorliegenden Material lässt sich zumindest ablesen, dass er eine bestimmte Struktur im Kopf hatte. Doch ist er damit nicht weitergekommen, weil die erarbeiteten Skizzen mit dieser Formidee offenbar nicht kompatibel waren.

‍

Von den fünf gängigen Klavierkonzerten ist der Beginn des vierten bei Pianisten immer gefürchtet, weil das Klavier mit leisen Akkorden solistisch beginnt. Wie ist das unter Aufnahmebedingungen?

Ich beschäftige mich mit diesem Konzert seit rund 50 Jahren, und Sie werden kaum glauben, dass wir für diese Aufnahme gleich den ersten Take verwendet haben. Ich habe sofort gesagt: Das ist es, das nehmen wir. So ein Moment kommt nur einmal im Leben.

‍

Warum? Was ist das Besondere?

Weil ich das Gefühl hatte: Hier stimmt – von der ersten bis zur letzten Note – alles. In diesen paar Takten fließen ja alle möglichen Komponenten zusammen: der Klang des ersten Akkordes, die Verbindung zum zweiten, die exakte Länge jedes Anschlags, die genauen dynamischen Verhältnisse. Was passiert, wenn die erste lange Note kommt? Wie spielt man die kadenzmäßige kleine Tonleiter? Wie organisiert man das rhythmisch? Wie lässt man die letzte Phrase ausklingen, so dass das Orchester nahtlos einsetzen kann?

‍

Analytisch könnte man das jetzt alles einzeln betrachten und ist dennoch kaum einen Schritt weiter.

Das genau ist der Punkt. Intellektuell weiß ich, wo ich hinmöchte. Ich habe ja einen Plan, nur muss der auch emotional aufgehen, so dass Hirn, Hände und Herz eine Einheit bilden – und das war in diesem einen besonderen Moment der Fall.

‍

Wie stellt sich bei einem solchen Projekt die Zusammenarbeit mit einem Dirigenten dar? Gibt es da mögliche Konflikte?

Nicht wenn zwei Partner zusammentreffen, die das gleiche Ziel verfolgen und musikalisch ähnlich fühlen. Es gibt so vieles, was ich mir in puncto Intensität, Tempogestaltung, Schönheit der Phrasierung und Balance von einem Orchester erträumt habe, und Constantin Trinks war in jeder Hinsicht der ideale Partner. Ich rate jedem, diesen Dirigenten im Auge zu behalten, er hat das Zeug dazu, eine ähnliche Karriere hinzulegen, wie das meinem großen Mentor Günter Wand im Alter noch gelungen ist.