Interview & Porträt

Absolut fokussiert

Von
Burkhard Schäfer
Erschienen in der Printausgabe im
August 2022
Lesezeit ca.
…
Minuten
Foto: Marco Borggreve
Foto: Marco Borggreve

Sie leben in Deutschland, kommen aber aus Lettland und haben noch die sowjetischen Besatzer und anschließend die Unabhängigkeit Ihres Landes erlebt. Was empfinden Sie angesichts der Lage in der Ukraine?

Das ist natürlich extrem beängstigend, was momentan passiert, und bringt bei mir Erinnerungen an früher zurück. Ich war damals noch ein Kind, als Lettland sich von den Sowjets befreite. Was mir aber am wichtigsten ist: Wir sind damals mit Musik durch die „Singende Revolution“ hindurchgegangen und haben buchstäblich mit unserer eigenen Stimme gekämpft. Es war die Musik, die uns zusammengebracht hat.

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Wie erleben Sie in diesem Konflikt die Rolle der Musik?

Abgesehen davon, dass dieser Krieg für viele Menschen extrem schlimm ist, tut es mir sehr weh, dass dabei auch die Kunst unterdrückt wird und dass russische Musik an verschiedenen Orten momentan gar nicht mehr gespielt werden soll. Das kann ich nicht verstehen, denn Musik sollte doch das sein, was über allem steht: womit man sich ausdrücken und was über solche Schwierigkeiten hinweghelfen kann. Politische Statements, die nun von Künstlern erwartet werden, können diejenigen in eine schwierige Situation bringen, die noch Familie in den bedrohten Gebieten haben. Es gibt verschiedene Ansätze: meiner ist, über Musik sprechen zu wollen, sie zu spielen und sie so in den Vordergrund zu stellen.

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Sind Sie im Hinblick auf das Geigenspiel noch von der „russischen Schule“ geprägt worden?

Ich hatte damals eine Lehrerin, die von ihrem Ansatz her überhaupt nicht davon geprägt war, von ein paar kleinen Einflüssen einmal abgesehen. Was ich aus dieser Richtung von ihr allerdings für mein ganzes Leben gelernt habe, ist Disziplin, die absolut fokussierte Arbeitsweise, sich einer Sache ganz intensiv zu widmen.

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Fehlt diese Disziplin in Deutschland?

Ich habe ja nun selbst zwei Kinder und sehe, dass ihnen diese Art der Fokussierung schwerer fällt, weil hier und heute alles Mögliche auf einmal geboten wird. Ein bisschen bedauere ich das, aber die Zeiten haben sich halt geändert. In Lettland geht fast jedes Kind in eine Musikschule, was dazu führt, dass viele der Kinder diesen Weg weitergehen und dann auch professionelle Musiker werden.

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Lassen Sie uns über Ihr Album „Violin Unlimited“ sprechen. Wie kam es dazu?

Die Idee entstand bereits vor fünf Jahren, und doch bekommt die Zusammenstellung der Werke nun heute unter dem Licht der Ukraine-Krise plötzlich nochmals eine andere Perspektive. Denn drei der aufgenommenen Werke wurden damals von den Nazis mit einem Aufführungsverbot belegt. Dass diese Kompositionen einmal verboten waren, kann man sich heute gar nicht mehr vorstellen.

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Die vier Violinsonaten sind zwischen 1921 und 1927 komponiert worden. Was verbindet die Werke sonst noch?

Tatsächlich fand ich das Spannende an den einzelnen Werken, wie unterschiedlich sie doch sind, obwohl sie alle innerhalb eines so engen Zeitraums komponiert wurden. Jeder Komponist hat dabei seine eigene Sprache, etwas ganz Persönliches zu sagen. Philipp Jarnach, von dem es leider nur sehr wenige Werke gibt, und Eduard Erdmann, der übrigens aus Lettland stammt, kennt man heute leider kaum noch. Schulhoff wiederum ist sehr vielseitig, und gerade diese Sonate sprüht trotz ihres tiefgründigen langsamen Satzes regelrecht vor Glück und Optimismus.

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Die Sonate von Hindemith ist doch auch eher unbeschwert, zumindest vordergründig, oder?

Ja, an sich schon, aber Hindemith geht ganz anders an die Musik heran als Schulhoff. Seine Sonate klingt zunächst einmal einfach, aber das Wort „einfach“ muss man sofort in dicke Anführungszeichen setzen. Vor allem der abschließende Variationssatz über die Melodie „Komm lieber Mai und mache“ ist ein Meisterstück. Ich kenne keinen Komponisten, der das noch genialer hätte variieren können. Was Hindemith hier auf ganz engem Raum gelingt, ist einzigartig. Dabei klingt seine unbeschwerte Sonate trotz ihrer versteckten Fallstricke viel bodenständiger als die von Schulhoff.

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Stehen die Werke von Schulhoff und Hindemith, mit denen die CD beginnt, den Sonaten von Jarnach und Erdmann also gewissermaßen diametral gegenüber?

In gewisser Weise stimmt das, denn die Werke der beiden unbekannten Komponisten sind viel komplexer als die von Hindemith und Schulhoff. Wobei man sagen muss, dass Hindemith auf seine schelmische Art auch sehr komplex ist, aber man hört es bei ihm nicht so heraus. Jarnach und Erdmann sind moderner, wobei vor allem die Sonate von Jarnach mit sehr ernster Musik aufwartet. Die Musiksprache von Erdmann ist im Vergleich dazu vielleicht beweglicher, aber auch von großer Tiefe.

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Haben Sie Pläne für eine neue CD?

Es gibt schon zwei Projekte: Zum einen wird es ein Album mit Musik von Benjamin Britten geben, auf dem neben dem Violinkonzert sein fast gänzlich unbekanntes Doppelkonzert für Geige und Bratsche zu hören sein wird, das er als Jugendlicher komponiert hat. Das wird, so hoffe ich, eine große Überraschung (lacht). Das andere Album erscheint auch bei Orfeo. Im Zentrum dieser CD steht das Tripelkonzert von Sofia Gubaidulina. Darauf freue ich mich schon sehr, zumal ich 2017 zusammen mit der niederländischen Cellistin Harriet Krijgh und der Schweizer Bajanistin Elsbeth Moser die Uraufführung in Boston spielen durfte.

Sie leben in Deutschland, kommen aber aus Lettland und haben noch die sowjetischen Besatzer und anschließend die Unabhängigkeit Ihres Landes erlebt. Was empfinden Sie angesichts der Lage in der Ukraine?

Das ist natürlich extrem beängstigend, was momentan passiert, und bringt bei mir Erinnerungen an früher zurück. Ich war damals noch ein Kind, als Lettland sich von den Sowjets befreite. Was mir aber am wichtigsten ist: Wir sind damals mit Musik durch die „Singende Revolution“ hindurchgegangen und haben buchstäblich mit unserer eigenen Stimme gekämpft. Es war die Musik, die uns zusammengebracht hat.

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Wie erleben Sie in diesem Konflikt die Rolle der Musik?

Abgesehen davon, dass dieser Krieg für viele Menschen extrem schlimm ist, tut es mir sehr weh, dass dabei auch die Kunst unterdrückt wird und dass russische Musik an verschiedenen Orten momentan gar nicht mehr gespielt werden soll. Das kann ich nicht verstehen, denn Musik sollte doch das sein, was über allem steht: womit man sich ausdrücken und was über solche Schwierigkeiten hinweghelfen kann. Politische Statements, die nun von Künstlern erwartet werden, können diejenigen in eine schwierige Situation bringen, die noch Familie in den bedrohten Gebieten haben. Es gibt verschiedene Ansätze: meiner ist, über Musik sprechen zu wollen, sie zu spielen und sie so in den Vordergrund zu stellen.

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Sind Sie im Hinblick auf das Geigenspiel noch von der „russischen Schule“ geprägt worden?

Ich hatte damals eine Lehrerin, die von ihrem Ansatz her überhaupt nicht davon geprägt war, von ein paar kleinen Einflüssen einmal abgesehen. Was ich aus dieser Richtung von ihr allerdings für mein ganzes Leben gelernt habe, ist Disziplin, die absolut fokussierte Arbeitsweise, sich einer Sache ganz intensiv zu widmen.

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Fehlt diese Disziplin in Deutschland?

Ich habe ja nun selbst zwei Kinder und sehe, dass ihnen diese Art der Fokussierung schwerer fällt, weil hier und heute alles Mögliche auf einmal geboten wird. Ein bisschen bedauere ich das, aber die Zeiten haben sich halt geändert. In Lettland geht fast jedes Kind in eine Musikschule, was dazu führt, dass viele der Kinder diesen Weg weitergehen und dann auch professionelle Musiker werden.

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Lassen Sie uns über Ihr Album „Violin Unlimited“ sprechen. Wie kam es dazu?

Die Idee entstand bereits vor fünf Jahren, und doch bekommt die Zusammenstellung der Werke nun heute unter dem Licht der Ukraine-Krise plötzlich nochmals eine andere Perspektive. Denn drei der aufgenommenen Werke wurden damals von den Nazis mit einem Aufführungsverbot belegt. Dass diese Kompositionen einmal verboten waren, kann man sich heute gar nicht mehr vorstellen.

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Die vier Violinsonaten sind zwischen 1921 und 1927 komponiert worden. Was verbindet die Werke sonst noch?

Tatsächlich fand ich das Spannende an den einzelnen Werken, wie unterschiedlich sie doch sind, obwohl sie alle innerhalb eines so engen Zeitraums komponiert wurden. Jeder Komponist hat dabei seine eigene Sprache, etwas ganz Persönliches zu sagen. Philipp Jarnach, von dem es leider nur sehr wenige Werke gibt, und Eduard Erdmann, der übrigens aus Lettland stammt, kennt man heute leider kaum noch. Schulhoff wiederum ist sehr vielseitig, und gerade diese Sonate sprüht trotz ihres tiefgründigen langsamen Satzes regelrecht vor Glück und Optimismus.

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Die Sonate von Hindemith ist doch auch eher unbeschwert, zumindest vordergründig, oder?

Ja, an sich schon, aber Hindemith geht ganz anders an die Musik heran als Schulhoff. Seine Sonate klingt zunächst einmal einfach, aber das Wort „einfach“ muss man sofort in dicke Anführungszeichen setzen. Vor allem der abschließende Variationssatz über die Melodie „Komm lieber Mai und mache“ ist ein Meisterstück. Ich kenne keinen Komponisten, der das noch genialer hätte variieren können. Was Hindemith hier auf ganz engem Raum gelingt, ist einzigartig. Dabei klingt seine unbeschwerte Sonate trotz ihrer versteckten Fallstricke viel bodenständiger als die von Schulhoff.

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Stehen die Werke von Schulhoff und Hindemith, mit denen die CD beginnt, den Sonaten von Jarnach und Erdmann also gewissermaßen diametral gegenüber?

In gewisser Weise stimmt das, denn die Werke der beiden unbekannten Komponisten sind viel komplexer als die von Hindemith und Schulhoff. Wobei man sagen muss, dass Hindemith auf seine schelmische Art auch sehr komplex ist, aber man hört es bei ihm nicht so heraus. Jarnach und Erdmann sind moderner, wobei vor allem die Sonate von Jarnach mit sehr ernster Musik aufwartet. Die Musiksprache von Erdmann ist im Vergleich dazu vielleicht beweglicher, aber auch von großer Tiefe.

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Haben Sie Pläne für eine neue CD?

Es gibt schon zwei Projekte: Zum einen wird es ein Album mit Musik von Benjamin Britten geben, auf dem neben dem Violinkonzert sein fast gänzlich unbekanntes Doppelkonzert für Geige und Bratsche zu hören sein wird, das er als Jugendlicher komponiert hat. Das wird, so hoffe ich, eine große Überraschung (lacht). Das andere Album erscheint auch bei Orfeo. Im Zentrum dieser CD steht das Tripelkonzert von Sofia Gubaidulina. Darauf freue ich mich schon sehr, zumal ich 2017 zusammen mit der niederländischen Cellistin Harriet Krijgh und der Schweizer Bajanistin Elsbeth Moser die Uraufführung in Boston spielen durfte.