Interview & Porträt

Die Kehrseite des Goldes

Von
Clemens Haustein
Erschienen in der Printausgabe im
September 2022
Lesezeit ca.
…
Minuten
Foto: Parlaphone Records
Foto: Parlaphone Records

Kein Musikinstrument ist in seiner Symbolik so festgelegt wie die Trompete. Sie verbreitet Glanz und Gloria mit ihrem Klang und nicht minder mit ihrem goldfunkelnden Äußeren. Sie ist seit jeher das Instrument der Fanfaren und Signale; sie kündigt die Herrscher an und erklingt zu ihrem Lob (im Falle der geistlichen Musik zum Lob des höchsten Herrschers); sie bläst zur Attacke, was sie zum Inbegriff der Instrumente macht, die beim Militär Verwendung finden. Überhaupt scheint ihr Klang ja vor Energie und Durchschlagskraft zu bersten: Der Ton der Trompete zielt in die Ferne, ihr Publikum ist so weit, wie der Himmel reicht. So eingesetzt erklingt sie dann zu Beginn von Richard Strauss’ „Zarathustra“ und im „Heldenleben“ in der Schlacht mit den Kritikern, oder – äußersten Wagmut erfordernd und zugleich illustrierend – kurz vor dem Gipfel in der „Alpensinfonie“. Man hört sie königlich in den festlichen Kantaten von Johann Sebastian Bach, heldenhaft in Richard Wagners „Ring“ und feierlich in den Sinfonien Anton Bruckners.

Und doch gibt es noch eine Kehrseite: die der gebrochenen Kraft. Wenn Glanz und Gloria verblichen sind und nur noch die Erinnerung daran existiert; wenn der Held gefallen ist und er betrauert werden muss mit dem ihm eigenen Instrument. Dann kommt eine ganz eigentümlich melancholische Seite der Trompete ins Spiel, die immer auch Nähe hat zum Sentimentalen – wie stets, wenn Heldisches mit all seiner gedanklichen Überhöhung zusammenbricht. Der Trauermarsch zu Beginn der 5. Sinfonie von Gustav Mahler gehört dazu und, deutlich milder getönt, das große Solo zu Beginn von Franz Schmidts 4. Sinfonie. Schmidt dachte diesen Beginn als Klage für seine verstorbene Tochter.

Alison Balsom, die britische Trompeterin, hat nun eine ganze CD dieser melancholischen Seite ihres Instrumentes gewidmet. Beginnend mit Aaron Coplands „Quiet City“, das dem Album auch den Titel gab. Das Stück für Trompete, Englischhorn und Streicherbegleitung gehört zu den gelungensten und erfolgreichsten Zweitverwertungen in der klassischen Musik. Copland fasste Teile seiner Bühnenmusik zum gleichnamigen Schauspiel von Irwin Shaw zusammen, die sonst wohl vergessen worden wären: eine äußerst stimmungsvolle, bildstarke Musik, die von den Einsam- und Müdigkeiten der zivilisierten Welt erzählt. Über ruhigen, wie im Abendlicht stehenden Streicherklängen erheben die beiden Soloinstrumente einen Gesang von geklärter Melancholie.

Wobei das Englischhorn an eine Naturstimme erinnert, der Klang der Trompete aber immer die Erinnerung an die Zivilisation evoziert: an Militärisches, Heldisches, das hier gerade in der Abendruhe versinkt: Nichts klingt so einsam wie die Trompete über dem Schlachtfeld eines zu Ende gehenden Tages. Für Alison Balsom gehört „Quiet City“ zu den liebsten Stücken, auch, weil der Trompetenpart so gesanglich, so nah an der menschlichen Stimme geführt sei. Eine Seite ihres Instrumentes, die Balsom immer wieder herausgestellt hat, zuletzt mit zahlreichen Einspielungen auf der Barocktrompete.

Hat sie ein bestimmtes Bild vor Augen, wenn sie an Aaron Coplands Stück denkt? Ein Gemälde von Edward Hopper vielleicht, dem Maler, der die Einsamkeit in der Zivilisation so eindrücklich ins Bild gefasst hat mit seinen städtischen Abend- und Nachtbildern? „Absolut“, sagt Balsom beim Zoom-Interview aus ihrer Londoner Wohnung, „Hopper passt gut. Oder Szenen aus dem Film ‚Lost in Translation‘. Ich muss oft an ein Fenster denken, durch das man hinausschaut auf eine Straße, wo das Leben des Tages zur Ruhe kommt und nun eine ganz eigenartige Atmosphäre der Verlassenheit entsteht.“ Balsom, 43 Jahre alt und eine der ersten weiblichen Trompetensolisten mit breiter Wahrnehmung (mittlerweile sind es einige, darunter Selina Ott, die 2018 den ARD-Wettbewerb gewann), spricht von einem bestimmten Stil des Trompetespielens, um solche Melancholie zum Ausdruck zu bringen: „Man muss sich selbst zurückzunehmen, die eigene Persönlichkeit ein Stück weit im Klang der Trompete verschwinden lassen.“ Klangliche Demut in einer Sparte, in der das Auftrumpfen naturgemäß mit dazu gehört: Die natürliche Präsenz und Durchschlagskraft des Instrumentes fordert Ähnliches auch von seinem Spieler oder seiner Spielerin ein.

Jedoch gehört Alison Balsom zu denen, die den Charakter der Trompete (und ihrer Spielerinnen und Spieler) darin nicht erschöpft sehen wollen. Weshalb sie „Quiet City“ gleich ein weiteres Stück abendlich schimmernder Schwermut beigesellt, Charles Ives’ „Unanswered Question“, das in seiner klanglichen Machart große Ähnlichkeit hat mit Coplands Stück: Über erschöpft daliegenden Streicherklängen erhebt die Trompete ihr immer wiederholtes Fragemotiv, das keine Antwort erhält. „Ich bin kein religiöser Mensch,“ sagt Balsom, „aber wenn ich in einer Kirche bin, dann empfinde ich doch sehr stark die Spiritualität dieses Ortes. Ähnliches spüre ich bei diesem Stück: Ives’ Frage zielt auf etwas Spirituelles. Und die Antwort kommt nicht von Außen, sondern muss sich im Inneren des Hörers ergeben.“

Wo es um Schwermütiges geht, darf der größte Melancholiker auf der Trompete nicht fehlen: Miles Davis. Teile aus Joaquín Rodrigos „Concierto de Aranjuez“, wie es Gil Evans mit instrumentalem Reichtum für Miles Davis arrangierte, hat Balsom aufgenommen. Wobei sie teilweise von der C-Trompete auf eine B-Trompete wechselt mit speziellem Kupfer-Schalltrichter. Der Klang ist dadurch besonders weich und warm, Davis’ Klangcharakeristik kommt Balsom dadurch erstaunlich nahe. Aber wie steht es mit der Gefahr, einfach eine Kopie von Miles Davis zu werden in einem Arrangement, das eigens für ihn geschrieben wurde und allein in Davis’ Einspielung bekannt ist? „Ich wollte nie eine Kopie von Miles Davis sein – und kann es auch gar nicht sein, weil ich keine Jazztrompeterin bin,“ sagt Alson Balsom „ich verstehe Evans Arrangement mit all seinen auskomponierten Stimmen eigentlich als klassische Musik und habe mich dem Stück auch so genähert.“ Schon als Miles Davis das Arrangement aufnahm, wurde die Frage gestellt, wie das denn nun einzuordnen sei: War das noch Jazz oder schon Klassik? „Es ist halt Musik,“ antwortete damals ein von solchen Fragen gelangweilter Miles Davis.

Betrachtet man das Stück als Ausdruck klassischer Musik, besteht dann aber nicht die Gefahr, die Relaxtheit des jazzigen Spieles zu übersehen? „Man sollte nicht davon ausgehen, dass Jazzmusiker beim Spielen entspannt sind,“ sagt Alison Balsom, „auch wenn es sich so anhört.“ Miles Davis’ zugige, fransende Tonerzeugung also lediglich als Folge künstlerischen Kalküls – man ist fast ein bisschen enttäuscht bei dieser Vorstellung.

Die Trompeterin entzieht sich damit jedenfalls geschickt möglichen Vorwürfen, ihr Spiel könne nicht „jazzy“ genug sein. Sie spielt klassische Trompete und erkundet von dieser Seite aus den Grenzstreifen zum Jazz. Und landet dabei bei einem Stück, das paradigmatisch steht für den Zwitterbereich zwischen Klassik und Jazz: Georg Gershwins „Rhapsody In Blue“. Der Urheberschutz für das Stück endete 2020, was die Umwandlung des Klavierkonzertes zu einem Trompetenkonzert möglich machte: extrem virtuos tönt es, aber auch so, dass man viele Farben des Originals vermisst.

Alison Balsom jedenfalls, die zu den Virtuosen ihres Instrumentes zählt, hat die frische Repertoireerweiterung großen Spaß bereitet. Es wird nicht die letzte sein. Eigentlich hat die englische Musikern ja schon alle großen Werke für ihr Instrument eingespielt. Und gerade wurde die Unterzeichnung eines neuen Vertrages der Trompeterin mit Warner verkündet, der fünf Alben umfasst. Man darf also gespannt sein.

Kein Musikinstrument ist in seiner Symbolik so festgelegt wie die Trompete. Sie verbreitet Glanz und Gloria mit ihrem Klang und nicht minder mit ihrem goldfunkelnden Äußeren. Sie ist seit jeher das Instrument der Fanfaren und Signale; sie kündigt die Herrscher an und erklingt zu ihrem Lob (im Falle der geistlichen Musik zum Lob des höchsten Herrschers); sie bläst zur Attacke, was sie zum Inbegriff der Instrumente macht, die beim Militär Verwendung finden. Überhaupt scheint ihr Klang ja vor Energie und Durchschlagskraft zu bersten: Der Ton der Trompete zielt in die Ferne, ihr Publikum ist so weit, wie der Himmel reicht. So eingesetzt erklingt sie dann zu Beginn von Richard Strauss’ „Zarathustra“ und im „Heldenleben“ in der Schlacht mit den Kritikern, oder – äußersten Wagmut erfordernd und zugleich illustrierend – kurz vor dem Gipfel in der „Alpensinfonie“. Man hört sie königlich in den festlichen Kantaten von Johann Sebastian Bach, heldenhaft in Richard Wagners „Ring“ und feierlich in den Sinfonien Anton Bruckners.

Und doch gibt es noch eine Kehrseite: die der gebrochenen Kraft. Wenn Glanz und Gloria verblichen sind und nur noch die Erinnerung daran existiert; wenn der Held gefallen ist und er betrauert werden muss mit dem ihm eigenen Instrument. Dann kommt eine ganz eigentümlich melancholische Seite der Trompete ins Spiel, die immer auch Nähe hat zum Sentimentalen – wie stets, wenn Heldisches mit all seiner gedanklichen Überhöhung zusammenbricht. Der Trauermarsch zu Beginn der 5. Sinfonie von Gustav Mahler gehört dazu und, deutlich milder getönt, das große Solo zu Beginn von Franz Schmidts 4. Sinfonie. Schmidt dachte diesen Beginn als Klage für seine verstorbene Tochter.

Alison Balsom, die britische Trompeterin, hat nun eine ganze CD dieser melancholischen Seite ihres Instrumentes gewidmet. Beginnend mit Aaron Coplands „Quiet City“, das dem Album auch den Titel gab. Das Stück für Trompete, Englischhorn und Streicherbegleitung gehört zu den gelungensten und erfolgreichsten Zweitverwertungen in der klassischen Musik. Copland fasste Teile seiner Bühnenmusik zum gleichnamigen Schauspiel von Irwin Shaw zusammen, die sonst wohl vergessen worden wären: eine äußerst stimmungsvolle, bildstarke Musik, die von den Einsam- und Müdigkeiten der zivilisierten Welt erzählt. Über ruhigen, wie im Abendlicht stehenden Streicherklängen erheben die beiden Soloinstrumente einen Gesang von geklärter Melancholie.

Wobei das Englischhorn an eine Naturstimme erinnert, der Klang der Trompete aber immer die Erinnerung an die Zivilisation evoziert: an Militärisches, Heldisches, das hier gerade in der Abendruhe versinkt: Nichts klingt so einsam wie die Trompete über dem Schlachtfeld eines zu Ende gehenden Tages. Für Alison Balsom gehört „Quiet City“ zu den liebsten Stücken, auch, weil der Trompetenpart so gesanglich, so nah an der menschlichen Stimme geführt sei. Eine Seite ihres Instrumentes, die Balsom immer wieder herausgestellt hat, zuletzt mit zahlreichen Einspielungen auf der Barocktrompete.

Hat sie ein bestimmtes Bild vor Augen, wenn sie an Aaron Coplands Stück denkt? Ein Gemälde von Edward Hopper vielleicht, dem Maler, der die Einsamkeit in der Zivilisation so eindrücklich ins Bild gefasst hat mit seinen städtischen Abend- und Nachtbildern? „Absolut“, sagt Balsom beim Zoom-Interview aus ihrer Londoner Wohnung, „Hopper passt gut. Oder Szenen aus dem Film ‚Lost in Translation‘. Ich muss oft an ein Fenster denken, durch das man hinausschaut auf eine Straße, wo das Leben des Tages zur Ruhe kommt und nun eine ganz eigenartige Atmosphäre der Verlassenheit entsteht.“ Balsom, 43 Jahre alt und eine der ersten weiblichen Trompetensolisten mit breiter Wahrnehmung (mittlerweile sind es einige, darunter Selina Ott, die 2018 den ARD-Wettbewerb gewann), spricht von einem bestimmten Stil des Trompetespielens, um solche Melancholie zum Ausdruck zu bringen: „Man muss sich selbst zurückzunehmen, die eigene Persönlichkeit ein Stück weit im Klang der Trompete verschwinden lassen.“ Klangliche Demut in einer Sparte, in der das Auftrumpfen naturgemäß mit dazu gehört: Die natürliche Präsenz und Durchschlagskraft des Instrumentes fordert Ähnliches auch von seinem Spieler oder seiner Spielerin ein.

Jedoch gehört Alison Balsom zu denen, die den Charakter der Trompete (und ihrer Spielerinnen und Spieler) darin nicht erschöpft sehen wollen. Weshalb sie „Quiet City“ gleich ein weiteres Stück abendlich schimmernder Schwermut beigesellt, Charles Ives’ „Unanswered Question“, das in seiner klanglichen Machart große Ähnlichkeit hat mit Coplands Stück: Über erschöpft daliegenden Streicherklängen erhebt die Trompete ihr immer wiederholtes Fragemotiv, das keine Antwort erhält. „Ich bin kein religiöser Mensch,“ sagt Balsom, „aber wenn ich in einer Kirche bin, dann empfinde ich doch sehr stark die Spiritualität dieses Ortes. Ähnliches spüre ich bei diesem Stück: Ives’ Frage zielt auf etwas Spirituelles. Und die Antwort kommt nicht von Außen, sondern muss sich im Inneren des Hörers ergeben.“

Wo es um Schwermütiges geht, darf der größte Melancholiker auf der Trompete nicht fehlen: Miles Davis. Teile aus Joaquín Rodrigos „Concierto de Aranjuez“, wie es Gil Evans mit instrumentalem Reichtum für Miles Davis arrangierte, hat Balsom aufgenommen. Wobei sie teilweise von der C-Trompete auf eine B-Trompete wechselt mit speziellem Kupfer-Schalltrichter. Der Klang ist dadurch besonders weich und warm, Davis’ Klangcharakeristik kommt Balsom dadurch erstaunlich nahe. Aber wie steht es mit der Gefahr, einfach eine Kopie von Miles Davis zu werden in einem Arrangement, das eigens für ihn geschrieben wurde und allein in Davis’ Einspielung bekannt ist? „Ich wollte nie eine Kopie von Miles Davis sein – und kann es auch gar nicht sein, weil ich keine Jazztrompeterin bin,“ sagt Alson Balsom „ich verstehe Evans Arrangement mit all seinen auskomponierten Stimmen eigentlich als klassische Musik und habe mich dem Stück auch so genähert.“ Schon als Miles Davis das Arrangement aufnahm, wurde die Frage gestellt, wie das denn nun einzuordnen sei: War das noch Jazz oder schon Klassik? „Es ist halt Musik,“ antwortete damals ein von solchen Fragen gelangweilter Miles Davis.

Betrachtet man das Stück als Ausdruck klassischer Musik, besteht dann aber nicht die Gefahr, die Relaxtheit des jazzigen Spieles zu übersehen? „Man sollte nicht davon ausgehen, dass Jazzmusiker beim Spielen entspannt sind,“ sagt Alison Balsom, „auch wenn es sich so anhört.“ Miles Davis’ zugige, fransende Tonerzeugung also lediglich als Folge künstlerischen Kalküls – man ist fast ein bisschen enttäuscht bei dieser Vorstellung.

Die Trompeterin entzieht sich damit jedenfalls geschickt möglichen Vorwürfen, ihr Spiel könne nicht „jazzy“ genug sein. Sie spielt klassische Trompete und erkundet von dieser Seite aus den Grenzstreifen zum Jazz. Und landet dabei bei einem Stück, das paradigmatisch steht für den Zwitterbereich zwischen Klassik und Jazz: Georg Gershwins „Rhapsody In Blue“. Der Urheberschutz für das Stück endete 2020, was die Umwandlung des Klavierkonzertes zu einem Trompetenkonzert möglich machte: extrem virtuos tönt es, aber auch so, dass man viele Farben des Originals vermisst.

Alison Balsom jedenfalls, die zu den Virtuosen ihres Instrumentes zählt, hat die frische Repertoireerweiterung großen Spaß bereitet. Es wird nicht die letzte sein. Eigentlich hat die englische Musikern ja schon alle großen Werke für ihr Instrument eingespielt. Und gerade wurde die Unterzeichnung eines neuen Vertrages der Trompeterin mit Warner verkündet, der fünf Alben umfasst. Man darf also gespannt sein.