Vom Hardrock-Fan zum Klassik-Geiger
Künstlerisch vielseitig aufgestellt ist Sebastian Bohren, der aktuell führende Geiger der Schweiz. Seine Karriere folgt keinem gängigen Muster, über allem steht für ihn die Liebe zu seinem Instrument.

Es gibt viele davon, Wunderkind-Geschichten über hoch begabte junge Musikerinnen und Musiker, die in Kindheitstagen Dinge vollbringen, die einfach nur Staunen machen. Sebastian Bohren kann keine davon erzählen, seine Laufbahn als Geiger schien nicht so klar vorgezeichnet wie bei anderen. Musik zu Hause und überall, die Geiger als alternativloses Instrument? „Nein überhaupt nicht. Zur Zeit an der Primarschule wollte ich eigentlich elektrische Gitarre spielen, weil ich Hardrock-Fan war in jungen Jahren, mit sieben schon. Im Elternhaus spielte niemand das Instrument. Mein Vater ist Mathematiker, meine Mutter Dolmetscherin. Sie haben auch klassische Musik gehört, aber Konzertbesuche gab es bei uns nicht. Aber sie unterstützten mich in meiner Liebe zum Instrument.“
Es war seine Großmutter, die selbst Geige spielte und der das gute Gehör des Jungen auffiel. Sie gab den Anstoß, dass Sebastian Bohren Geige lernte. „Die ersten beiden Jahre war das Instrument nicht die große Liebe“, erinnert er sich. Doch dann wendete sich das Blatt. Bohren begegnete in Zürich Markus Lehmann, einem Geiger und Lehrer mit Charisma, und war begeistert von diesem Kenner der Geige. Die Liebe zur Musik und das ungetrübte Verhältnis zum Instrument wurden hier geweckt, auf diesem Fundament konnte Bohren aufbauen. „Mit zehn, elf Jahren hatte ich eine ziemlich romantische Vorstellung von einem Geiger, nämlich die großen Werke zu spielen, CDs aufzunehmen wie Menuhin oder Milstein. So wollte ich auch sein.“ Systematisch nahm sich Bohren dann das Violinkonzert-Repertoire vor und hörte nächtelang Aufnahmen aus einer Audio-Bibliothek, getrieben vom Ehrgeiz, jedes Violinkonzert kennenzulernen und dabei auch zu Unrecht vergessene Werke zu entdecken.
Eher ernüchternd verlief dann die Aufnahmeprüfung für ein Vorstudium in Zürich, die Jury war nicht wirklich überzeugt von den Leistungen des 14-Jährigen. „Das hat mich sehr verletzt damals, weil meine Liebe zur Geige wirklich ganz genuin war und ich mir nichts sehnlicher wünschte, als einmal ein guter Geiger zu werden“, erinnert sich Bohren. Doch der Ehrgeiz war geweckt, gewisse Dinge aufzuholen, nicht aufzugeben. Weitere gute Lehrer brachten den heute 34-Jährigen voran. Jens Lohmann, ein Schüler der berühmten Schweizer Geigerin Aida Stucki (sie unterrichtete auch Anne- Sophie Mutter), veränderte noch einmal die Geometrie von Bohrens Spiel. „Er hat mich geigerisch stark geformt.“ Dann folgten zwei Studienjahre bei Zakhar Bron, einer lebenden Legende unter den Violinpädagogen. „Ohne ihn hätte ich letztlich nicht das Niveau erreicht, Violinkonzerte mit großem Orchester zu spielen“, meint Bohren heute. Weitere Anregungen holte er sich unter anderem bei Ingolf Turban und in den letzten Jahren bei Dmitri Sitkovetsky als Mentor. Auch Heinrich Schiff unterstützte ihn.
Bohrens Karriere entwickelte sich langsam, aber stetig. Nach dem Studium spiele er im Schweizer Stradivari Quartett zweite Geige – auf einer Stradivari versteht sich. Allein das reizte ihn enorm, das Quartettspiel brachte zudem Konzerterfahrung auf guten Bühnen, Repertoirekenntnis und stilistische Formung.
Seit 2020, noch vor der Corona-Krise, konzentriert sich Bohren ganz auf eigene Projekte. Vor allem Auftritte als Solist mit Orchester, Unterrichten, und besonders auch die Tätigkeit als Organisator und Veranstalter prägen seine künstlerische Arbeit maßgeblich. So ist der heute in Zürich lebende Künstler seinem Heimatkanton Aargau durch die von ihm geleitete Konzertreihe „Stretta Concerts“ in Brugg weiterhin eng verbunden. Seit 2007 hat sich Bohren hier ein Stammpublikum aufgebaut. „Was mich daran so beseelt, ist, dass unsere Konzerte alle frei sind, Einnahmen gibt es über eine Kollekte am Ende der Veranstaltung. Mich beflügelt, dass es uns gelingt, gute Orchester nach Brugg einzuladen und Möglichkeiten zu schaffen, das über die enorme Identifikation des Publikums zu finanzieren.“ Das Geigenspiel selbst, als konzertierender Musiker auf der Bühne zu stehen, und sogar das Üben, sind für Bohren ebenso starke Motive. „Ich gebe zu, gern als Solist im Zentrum zu stehen, habe aber auch größte Freude daran, Konzerte für Menschen zu organisieren, die sich keine teuren Eintrittskarten leisten können. Als Musikmissionar auch gesellschaftlich etwas zu bewegen, was bleibt: Das ist mir schon sehr nahe. Frei nach der Devise: „Lokal handeln, global denken.“
Auch in diversen Aufnahmen hat sich Sebastian Bohren profiliert, mit Einspielungen der Konzerte von Beethoven, Mendelssohn, Karl Amadeus Hartmann und Britten, Werken von Schubert, Schumann, Respighi, Schostakowitsch, Vasks und Kantscheli sowie Solosonaten und -Partiten von Bach. 2019 erschien eine vom ukrainischen Perkussionisten Andrej Pushkarev für ihn geschriebene Bearbeitung von Prokofjews Violinsonate Nr. 1 für Violine und Orchester als Livemitschnitt mit dem Georgischen Kammerorchester Ingolstadt (Sony). Für das britische Label Avie Records entstand eine musikalisch überaus stimmige Aufnahme der Mozart-Violinkonzerte Nr. 3 und Nr. 5.
Zuletzt inspirierte das virtuose Spiel der großen Geigerin Ida Haendel in Corellis „La folia“-Variationen (Dokumentarfilm „I Am The Violin“) Bohren dazu, ein eigenes Album barocker Arrangements im Geist der „Folia“ zu kreieren. Er begab sich auf die Suche und fand Kompositionen ähnlicher Qualität von Kreisler, Vitali, Paradis und Tartini. Die eingespielten Werke sind entweder von dem allseits bekannten Folia-Thema inspiriert, oder es sind Bearbeitungen davon. „Bei diesen berühmten Werken des Barock hat es mich gereizt, sie aus dem Blickwinkel des ausgehenden 19. Jahrhunderts und auch des 20. Jahrhunderts neu zu betrachten.“ Diese faszinierende Zeitreise in die Barockepoche auf seiner Guadagnini-Violine zu unternehmen, war für Sebastian Bohren „eine Herzensangelegenheit.“
Es gibt viele davon, Wunderkind-Geschichten über hoch begabte junge Musikerinnen und Musiker, die in Kindheitstagen Dinge vollbringen, die einfach nur Staunen machen. Sebastian Bohren kann keine davon erzählen, seine Laufbahn als Geiger schien nicht so klar vorgezeichnet wie bei anderen. Musik zu Hause und überall, die Geiger als alternativloses Instrument? „Nein überhaupt nicht. Zur Zeit an der Primarschule wollte ich eigentlich elektrische Gitarre spielen, weil ich Hardrock-Fan war in jungen Jahren, mit sieben schon. Im Elternhaus spielte niemand das Instrument. Mein Vater ist Mathematiker, meine Mutter Dolmetscherin. Sie haben auch klassische Musik gehört, aber Konzertbesuche gab es bei uns nicht. Aber sie unterstützten mich in meiner Liebe zum Instrument.“
Es war seine Großmutter, die selbst Geige spielte und der das gute Gehör des Jungen auffiel. Sie gab den Anstoß, dass Sebastian Bohren Geige lernte. „Die ersten beiden Jahre war das Instrument nicht die große Liebe“, erinnert er sich. Doch dann wendete sich das Blatt. Bohren begegnete in Zürich Markus Lehmann, einem Geiger und Lehrer mit Charisma, und war begeistert von diesem Kenner der Geige. Die Liebe zur Musik und das ungetrübte Verhältnis zum Instrument wurden hier geweckt, auf diesem Fundament konnte Bohren aufbauen. „Mit zehn, elf Jahren hatte ich eine ziemlich romantische Vorstellung von einem Geiger, nämlich die großen Werke zu spielen, CDs aufzunehmen wie Menuhin oder Milstein. So wollte ich auch sein.“ Systematisch nahm sich Bohren dann das Violinkonzert-Repertoire vor und hörte nächtelang Aufnahmen aus einer Audio-Bibliothek, getrieben vom Ehrgeiz, jedes Violinkonzert kennenzulernen und dabei auch zu Unrecht vergessene Werke zu entdecken.
Eher ernüchternd verlief dann die Aufnahmeprüfung für ein Vorstudium in Zürich, die Jury war nicht wirklich überzeugt von den Leistungen des 14-Jährigen. „Das hat mich sehr verletzt damals, weil meine Liebe zur Geige wirklich ganz genuin war und ich mir nichts sehnlicher wünschte, als einmal ein guter Geiger zu werden“, erinnert sich Bohren. Doch der Ehrgeiz war geweckt, gewisse Dinge aufzuholen, nicht aufzugeben. Weitere gute Lehrer brachten den heute 34-Jährigen voran. Jens Lohmann, ein Schüler der berühmten Schweizer Geigerin Aida Stucki (sie unterrichtete auch Anne- Sophie Mutter), veränderte noch einmal die Geometrie von Bohrens Spiel. „Er hat mich geigerisch stark geformt.“ Dann folgten zwei Studienjahre bei Zakhar Bron, einer lebenden Legende unter den Violinpädagogen. „Ohne ihn hätte ich letztlich nicht das Niveau erreicht, Violinkonzerte mit großem Orchester zu spielen“, meint Bohren heute. Weitere Anregungen holte er sich unter anderem bei Ingolf Turban und in den letzten Jahren bei Dmitri Sitkovetsky als Mentor. Auch Heinrich Schiff unterstützte ihn.
Bohrens Karriere entwickelte sich langsam, aber stetig. Nach dem Studium spiele er im Schweizer Stradivari Quartett zweite Geige – auf einer Stradivari versteht sich. Allein das reizte ihn enorm, das Quartettspiel brachte zudem Konzerterfahrung auf guten Bühnen, Repertoirekenntnis und stilistische Formung.
Seit 2020, noch vor der Corona-Krise, konzentriert sich Bohren ganz auf eigene Projekte. Vor allem Auftritte als Solist mit Orchester, Unterrichten, und besonders auch die Tätigkeit als Organisator und Veranstalter prägen seine künstlerische Arbeit maßgeblich. So ist der heute in Zürich lebende Künstler seinem Heimatkanton Aargau durch die von ihm geleitete Konzertreihe „Stretta Concerts“ in Brugg weiterhin eng verbunden. Seit 2007 hat sich Bohren hier ein Stammpublikum aufgebaut. „Was mich daran so beseelt, ist, dass unsere Konzerte alle frei sind, Einnahmen gibt es über eine Kollekte am Ende der Veranstaltung. Mich beflügelt, dass es uns gelingt, gute Orchester nach Brugg einzuladen und Möglichkeiten zu schaffen, das über die enorme Identifikation des Publikums zu finanzieren.“ Das Geigenspiel selbst, als konzertierender Musiker auf der Bühne zu stehen, und sogar das Üben, sind für Bohren ebenso starke Motive. „Ich gebe zu, gern als Solist im Zentrum zu stehen, habe aber auch größte Freude daran, Konzerte für Menschen zu organisieren, die sich keine teuren Eintrittskarten leisten können. Als Musikmissionar auch gesellschaftlich etwas zu bewegen, was bleibt: Das ist mir schon sehr nahe. Frei nach der Devise: „Lokal handeln, global denken.“
Auch in diversen Aufnahmen hat sich Sebastian Bohren profiliert, mit Einspielungen der Konzerte von Beethoven, Mendelssohn, Karl Amadeus Hartmann und Britten, Werken von Schubert, Schumann, Respighi, Schostakowitsch, Vasks und Kantscheli sowie Solosonaten und -Partiten von Bach. 2019 erschien eine vom ukrainischen Perkussionisten Andrej Pushkarev für ihn geschriebene Bearbeitung von Prokofjews Violinsonate Nr. 1 für Violine und Orchester als Livemitschnitt mit dem Georgischen Kammerorchester Ingolstadt (Sony). Für das britische Label Avie Records entstand eine musikalisch überaus stimmige Aufnahme der Mozart-Violinkonzerte Nr. 3 und Nr. 5.
Zuletzt inspirierte das virtuose Spiel der großen Geigerin Ida Haendel in Corellis „La folia“-Variationen (Dokumentarfilm „I Am The Violin“) Bohren dazu, ein eigenes Album barocker Arrangements im Geist der „Folia“ zu kreieren. Er begab sich auf die Suche und fand Kompositionen ähnlicher Qualität von Kreisler, Vitali, Paradis und Tartini. Die eingespielten Werke sind entweder von dem allseits bekannten Folia-Thema inspiriert, oder es sind Bearbeitungen davon. „Bei diesen berühmten Werken des Barock hat es mich gereizt, sie aus dem Blickwinkel des ausgehenden 19. Jahrhunderts und auch des 20. Jahrhunderts neu zu betrachten.“ Diese faszinierende Zeitreise in die Barockepoche auf seiner Guadagnini-Violine zu unternehmen, war für Sebastian Bohren „eine Herzensangelegenheit.“
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