Vogel als Prophet
Mit Wettbewerbserfolgen in Sydney, Monte-Carlo und beim Chopin-Wettbewerb in Warschau hat sich Alexander Gadjiev ins internationale Rampenlicht gespielt. Nun veröffentlicht der Pianist ein Album mit ungewöhnlichem Programm.

Beide Eltern von Ihnen haben eine enge Beziehung zum Klavier und Sie unterrichtet. Andere scheren in so einer Situation gern aus, Sie sind bei der Stange geblieben …
Meine Eltern haben nicht nur unterrichtet, sondern auch konzertiert. Insofern war das alles völlig normal für mich. Als ich noch Kind war, hat mein Vater das Schnittke-Konzert für Klavier und Streicher einstudiert. Wie man mit so wenigen Tönen eine so reiche Atmosphäre schaffen kann, das hat mich fasziniert. Heute finde ich es total spannend zu sehen, wie ein Kind intuitiv Dinge aufnehmen, wahrnehmen, speichern und später verarbeiten kann. Als ich mich später mit Beethovens „Appassionata“ beschäftigt habe, merkte ich, wie sehr mir dabei die Erinnerungen an das Spiel meines Vaters präsent waren.
Das elterliche Erbe ist die eine Seite, aber Sie muss doch auch etwas am Klavier fasziniert haben?
Die Polyphonie. Die Möglichkeit, viele verschiedene Töne gleichzeitig anzuschlagen. Hinzu kommt die Farbigkeit, die man durch Harmonien am Klavier erzeugen kann. Daher auch meine Vorliebe für französische Musik, Debussy, Ravel, Messiaen, die Spektralisten.
Trotzdem hätten Sie sich auch einen Weg als Wissenschaftler vorstellen können?
Als Alternative, durchaus. Ich versuche bis heute, meine Neugierde für die Wissenschaft hochzuhalten, denn ich finde es wichtig, sich als Musiker nicht nur mit der Musik zu beschäftigen. Natürlich ist es schwierig, wissenschaftliche Fachliteratur zu lesen, aber man kann sich heute glücklicherweise auch so ganz gut informieren.
Sie haben zehn Jahre lang mit Ihrem Vater gearbeitet, dann am Mozarteum studiert, anschließend in Berlin. Wo lagen die Unterschiede bzw. Schwerpunkte?
Bei meinem Vater standen anfangs vor allem die physischen Grundlagen im Mittelpunkt, er hat mir einen sehr leidenschaftlichen Zugang eröffnet und geholfen, das Dramatische in der Musik zu entdecken. Bei Pavel Gililov in Salzburg ging es viel um den Klang, um die Substanz der Töne. Er hat mich ermuntert, mir selbst noch besser zuzuhören. Bei Eldar Nebolsin in Berlin habe ich diesen Weg fortgesetzt, aber mit einem stärker analytischen Ansatz. Er hat mir zum Beispiel sehr geholfen, was das Zusammenspiel mit einem Orchester betrifft, Fragen der Balance, übergeordnete Strukturen.
Wenn Sie an Ihrem eigenen Flügel üben und dann bei Konzerten – anders als ein Streicher – jedes Mal an einem anderen Instrument spielen: Wie entwickeln Sie eine Form von Vertrautheit mit den unterschiedlichen Instrumenten?
Das ist natürlich schwierig. Auch Musiker sind letztlich Gewohnheitsmenschen. Mein eigenes Instrument fühlt, was ich kann und was ich ausdrücken möchte. An neuen Orten fange ich jedes Mal wieder von vorne an, muss mich jedes Mal einfühlen in die jeweiligen Instrumente. Manchmal inspirieren mich diese fremden Flügel auch, weil sie neue Möglichkeiten bieten. Wenn ich aber bei einem Stück sehr präzise Klangvorstellungen habe, kann es auch kompliziert sein.
Welche Rolle spielt dabei der Klavierstimmer, dem Sie ja Ihre eigenen Ideale irgendwie vermitteln müssen?
Ich selbst kann kein Klavier stimmen. Ich fühle mich immer ganz anders, wenn jemand ein Klavier so intoniert, dass ich mich damit identifizieren kann. Es ist aber eine große Hürde, einem Stimmer die eigenen Klangvorstellungen sprachlich zu vermitteln. Ich drücke mich meist metaphorisch aus, obwohl es um etwas rein Technisch- Mechanisches geht. Ich versuche, meine Ideen mit Hilfe von Farben zu erklären oder indem ich über mein Gefühl zur Tastatur spreche.
Haben Sie eine Vorstellung von einem idealen Klang?
Ich hatte in Italien viele Jahre das Glück, regelmäßig auf einem Steinway- A-Modell aus den 1970er-Jahren üben zu können. Dieses Instrument aus dem Studio des großen Angelo Fabbrini hat mich sehr beeinflusst: der Reichtum des Klanges, die Kraft – das hat mich geprägt. Als ich dann einen eigenen Flügel von Kawai bekam und auch beim Chopin-Wettbewerb auf Kawai gespielt habe, konnte ich eine andere Form von Zärtlichkeit entdecken und eine Form von „Wasser-Klang“ entwickeln, denn ich glaube, dass die Musik von Chopin sehr viel mit Wasser zu tun hat.
Gibt es für Sie Unterschiede, wenn Sie ein Solo-Recital spielen oder Kammermusik oder mit Orchester?
Als Solist fühle ich mich ein bisschen wie der „Vogel als Prophet“, wie es bei Schumann heißt. Ich bin dann ganz allein und erzähle verschiedene Geschichten, dramatische, zarte, erhabene, traurige. Gerade bei Kammermusik ist wichtig, dass alle Musiker auf derselben Welle funken, dieselbe Energie teilen, dieselben Anschauungen. Als Pianist findet man so etwas selten.
Auf ihrem jüngsten Album haben Sie Musik von Prokofjew mit der von Alexander und Nikolai Tscherepnin kombiniert, also Vater und Sohn. Wie ist es dazu gekommen?
Ich wollte unbedingt Prokofjew aufnehmen, das war mir schnell klar. Die „Visions fugitives“ liegen mir besonders am Herzen. Dann habe ich gelesen, dass er eine sehr hohe Meinung von Nikolai Tscherepnin hatte, der Prokofjews Dirigier-Lehrer war. Daraufhin habe ich Stücke von ihm kennengelernt, und seine Märchen- bezogene Musik passt sehr gut zu Prokofjews „Visions“, wo die Erzählhaltung sehr oft und schnell wechselt. Anschließend entdeckte ich, dass Tscherepnins Sohn Alexander auch komponiert hat. So hat sich Stück für Stück die Dramaturgie für dieses Album ergeben.
Beide Eltern von Ihnen haben eine enge Beziehung zum Klavier und Sie unterrichtet. Andere scheren in so einer Situation gern aus, Sie sind bei der Stange geblieben …
Meine Eltern haben nicht nur unterrichtet, sondern auch konzertiert. Insofern war das alles völlig normal für mich. Als ich noch Kind war, hat mein Vater das Schnittke-Konzert für Klavier und Streicher einstudiert. Wie man mit so wenigen Tönen eine so reiche Atmosphäre schaffen kann, das hat mich fasziniert. Heute finde ich es total spannend zu sehen, wie ein Kind intuitiv Dinge aufnehmen, wahrnehmen, speichern und später verarbeiten kann. Als ich mich später mit Beethovens „Appassionata“ beschäftigt habe, merkte ich, wie sehr mir dabei die Erinnerungen an das Spiel meines Vaters präsent waren.
Das elterliche Erbe ist die eine Seite, aber Sie muss doch auch etwas am Klavier fasziniert haben?
Die Polyphonie. Die Möglichkeit, viele verschiedene Töne gleichzeitig anzuschlagen. Hinzu kommt die Farbigkeit, die man durch Harmonien am Klavier erzeugen kann. Daher auch meine Vorliebe für französische Musik, Debussy, Ravel, Messiaen, die Spektralisten.
Trotzdem hätten Sie sich auch einen Weg als Wissenschaftler vorstellen können?
Als Alternative, durchaus. Ich versuche bis heute, meine Neugierde für die Wissenschaft hochzuhalten, denn ich finde es wichtig, sich als Musiker nicht nur mit der Musik zu beschäftigen. Natürlich ist es schwierig, wissenschaftliche Fachliteratur zu lesen, aber man kann sich heute glücklicherweise auch so ganz gut informieren.
Sie haben zehn Jahre lang mit Ihrem Vater gearbeitet, dann am Mozarteum studiert, anschließend in Berlin. Wo lagen die Unterschiede bzw. Schwerpunkte?
Bei meinem Vater standen anfangs vor allem die physischen Grundlagen im Mittelpunkt, er hat mir einen sehr leidenschaftlichen Zugang eröffnet und geholfen, das Dramatische in der Musik zu entdecken. Bei Pavel Gililov in Salzburg ging es viel um den Klang, um die Substanz der Töne. Er hat mich ermuntert, mir selbst noch besser zuzuhören. Bei Eldar Nebolsin in Berlin habe ich diesen Weg fortgesetzt, aber mit einem stärker analytischen Ansatz. Er hat mir zum Beispiel sehr geholfen, was das Zusammenspiel mit einem Orchester betrifft, Fragen der Balance, übergeordnete Strukturen.
Wenn Sie an Ihrem eigenen Flügel üben und dann bei Konzerten – anders als ein Streicher – jedes Mal an einem anderen Instrument spielen: Wie entwickeln Sie eine Form von Vertrautheit mit den unterschiedlichen Instrumenten?
Das ist natürlich schwierig. Auch Musiker sind letztlich Gewohnheitsmenschen. Mein eigenes Instrument fühlt, was ich kann und was ich ausdrücken möchte. An neuen Orten fange ich jedes Mal wieder von vorne an, muss mich jedes Mal einfühlen in die jeweiligen Instrumente. Manchmal inspirieren mich diese fremden Flügel auch, weil sie neue Möglichkeiten bieten. Wenn ich aber bei einem Stück sehr präzise Klangvorstellungen habe, kann es auch kompliziert sein.
Welche Rolle spielt dabei der Klavierstimmer, dem Sie ja Ihre eigenen Ideale irgendwie vermitteln müssen?
Ich selbst kann kein Klavier stimmen. Ich fühle mich immer ganz anders, wenn jemand ein Klavier so intoniert, dass ich mich damit identifizieren kann. Es ist aber eine große Hürde, einem Stimmer die eigenen Klangvorstellungen sprachlich zu vermitteln. Ich drücke mich meist metaphorisch aus, obwohl es um etwas rein Technisch- Mechanisches geht. Ich versuche, meine Ideen mit Hilfe von Farben zu erklären oder indem ich über mein Gefühl zur Tastatur spreche.
Haben Sie eine Vorstellung von einem idealen Klang?
Ich hatte in Italien viele Jahre das Glück, regelmäßig auf einem Steinway- A-Modell aus den 1970er-Jahren üben zu können. Dieses Instrument aus dem Studio des großen Angelo Fabbrini hat mich sehr beeinflusst: der Reichtum des Klanges, die Kraft – das hat mich geprägt. Als ich dann einen eigenen Flügel von Kawai bekam und auch beim Chopin-Wettbewerb auf Kawai gespielt habe, konnte ich eine andere Form von Zärtlichkeit entdecken und eine Form von „Wasser-Klang“ entwickeln, denn ich glaube, dass die Musik von Chopin sehr viel mit Wasser zu tun hat.
Gibt es für Sie Unterschiede, wenn Sie ein Solo-Recital spielen oder Kammermusik oder mit Orchester?
Als Solist fühle ich mich ein bisschen wie der „Vogel als Prophet“, wie es bei Schumann heißt. Ich bin dann ganz allein und erzähle verschiedene Geschichten, dramatische, zarte, erhabene, traurige. Gerade bei Kammermusik ist wichtig, dass alle Musiker auf derselben Welle funken, dieselbe Energie teilen, dieselben Anschauungen. Als Pianist findet man so etwas selten.
Auf ihrem jüngsten Album haben Sie Musik von Prokofjew mit der von Alexander und Nikolai Tscherepnin kombiniert, also Vater und Sohn. Wie ist es dazu gekommen?
Ich wollte unbedingt Prokofjew aufnehmen, das war mir schnell klar. Die „Visions fugitives“ liegen mir besonders am Herzen. Dann habe ich gelesen, dass er eine sehr hohe Meinung von Nikolai Tscherepnin hatte, der Prokofjews Dirigier-Lehrer war. Daraufhin habe ich Stücke von ihm kennengelernt, und seine Märchen- bezogene Musik passt sehr gut zu Prokofjews „Visions“, wo die Erzählhaltung sehr oft und schnell wechselt. Anschließend entdeckte ich, dass Tscherepnins Sohn Alexander auch komponiert hat. So hat sich Stück für Stück die Dramaturgie für dieses Album ergeben.
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